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Die Kostenillusion

10.02.2017

von Walter M. Chramosta

Von der Tugend gepflegter Unschärfe - In Architekturwettbewerben werden inkomplette Vorentwürfe vorgelegt, was allein deren anonymer Verfertigung geschuldet ist. Zum Zeitpunkt der Abgabe der Wettbewerbsarbeiten ist die Kostenschätzung nach ÖN B 1801-1 noch nicht möglich. Wer trotzdem deren Trennschärfe insinuiert, entpuppt sich als Gegner des Architekturwettbewerbs. Eine Besinnung.

Transparenz ist eine berechtigte politische Forderung in der Demokratie, die aber rasch zur populistischen Farce verkommt, wenn dabei das Vertrauen außer Acht gelassen wird. Gesteigerte Standards der Verfahrenstransparenz üben eine suggestive Anziehungskraft auf Entscheidungsträger aus. Es entsteht dort die Erwartung, mit noch mehr Quantifizierungen, Kommissionen, Publikationen, Vorgaben etc. könnte noch mehr Qualität sichergestellt werden. Mutwillig verschärfte Sicherungsinstrumente stören aber die nicht nur die politische Handlungsfähigkeit. Ein Übermaß an Transparenz erzeugt kein Vertrauen, sondern bewirkt Misstrauen. So konstruierte Verfahren geraten in eine „Misstrauensfalle“. 

Dem Architekturwettbewerb beginnt die „Misstrauensfalle“ dort zu drohen, wo bereits Vorurteile gegen ihn bestehen. So kommen Phantasien zu „Verbesserungen“ auf: Kostendeckel, quantifizierte Beurteilung, Totalunternehmer etc. Solche Vorschläge kommen nie aus der Sphäre der Teilnehmer, weil diese am besten um die damit verbundenen Risiken wissen. „Misstrauensfallen“ werden im Wirkungsbereich des Auslobers ersonnen und entstehen erfahrungsgemäß vor der Auslobung, weil sich Akteure in ihren Interessen verletzt sehen. Die „vorlaufenden Misstrauensfallen“ kündigen sich im Auslobungstext mehr oder weniger deutlich an – ein guter Grund, bei nicht kammerkooperierten Verfahren den allgemeinen und den besonderen Teil doch genau zu lesen! 

Das sehr seltene, aber umso aufschlussreichere Exempel einer „nachlaufenden Misstrauensfalle“ bietet – nach bisherigem Kenntnisstand – der 2016 in Kooperation mit der ZT-Kammer durchgeführte, EU-weit offene, zweistufige Realisierungswettbewerb über den „Neubau ­Management ­Center Innsbruck“, ausgelobt von Land Tirol und Stadt Innsbruck. Die Auslobungsunterlagen stellten sich als an bewährten Vorbildern orientiert und solid ausgearbeitet dar (entbehrlich und glücklicherweise wirkungslos: die „gleich gewichteten Kriterien“ der Beurteilung). Das Fachpreisgericht war außergewöhnlich stark international besetzt. Das polyglotte Teilnehmerfeld versprach hohe Erkenntnisgewinne.

Besonders bemerkenswert ist im nun erkennbaren „Misstrauens“-Kontext der „beabsichtigte Kostenrahmen von 59 Mio. Euro netto Bauwerkskosten (Summe der Kostenbereiche 2–4 gemäß ÖN B 1801-1) auf Preisbasis 01.2015“. Der Auslober erklärte, „das Bauvorhaben nur innerhalb dieses Kostenrahmens realisieren zu können“. Als Grundlage für die ausloberseitig zu erstellenden, vorläufigen Kostenschätzungen hatte jeder Teilnehmer seine „Bruttogrundflächen- und Baumassenberechnungen“, in der 2. Stufe auch den digitalen „Flächennachweis im Raum- und Funktionsprogramm“ zu erbringen.

88 Wettbewerbsarbeiten wurden in der ersten, neun in der zweiten Wettbewerbsstufe beurteilt. Fünf Projekte wurden im Oktober 2016 an der Spitze rangiert: zwei Preise für realisierungswürdige Arbeiten (kein dritter Preis) und drei Anerkennungspreise. Die Entscheidung für den Gewinner fiel wie auch für die anderen vier Ränge einstimmig. Im Protokoll der ersten wie der zweiten Stufe wurde dem Gewinner ein gutes Zeugnis ausgestellt: architektonische Korrekturen werden angeregt, aber Kostenfragen nicht angesprochen. Im Protokoll der ersten Stufe findet sich unter den „allgemeinen Empfehlungen“ an die verbliebenen Teilnehmer der Satz: „Auf die Notwendigkeit der Einhaltung des Kostenrahmens sowie die Optimierung der Flächen und Baumassen in Hinblick auf die Zielwerte wird hingewiesen.“ So weit, so normal.

Aber es kam anders, als man denkt. Der im März 2017 mündlich beauftragte GP-Vorentwurf wurde im Juni 2017 samt einer Schätzung über 56 Mio. Euro netto Bauwerkskosten präsentiert, aber vom Auftraggeber zurückgewiesen. Stattdessen gestand dieser nur einen reduzierten Kostenrahmen von 51 Mio. Euro netto Bauwerkskosten (± 10 %) zu. Nach flächenneutraler Volumenverkleinerung wurde im März 2018 gemäß abgeschlossenem GP-Vertrag der Vorentwurf fortgesetzt. Daraufhin konnten vom Gewinner im Juli 2018 immerhin 51,3 Mio. Euro netto Bauwerkskosten (± 10 %!) dargestellt werden, worauf der Auftraggeber ohne weitere Verhandlungen mitteilte, dass er keine weiteren GP-Leistungen abrufe. Stattdessen kommunizierte der Bauherr offiziell und das Projekt des Gewinners öffentlich vergleichend valorisierte Bruttozahlen von Gesamtkosten (ohne den Sachverhalt den Bürgern zu erklären) und kündigte eine durch Gutachten abgesicherte, alternativlose Neuausschreibung des Projektes MCI an.

Der Äpfel-Birnen-Vergleich zwischen Bauwerks- und Gesamtkosten bildet das „Auge“ der evidenten „Misstrauensspirale“. Es zeigt sich zudem der bizarre Umstand, dass nach dem Stand des Wissens auf Basis Vorentwurf (1:200) eine Kostenschätzung über Kennwerte (NGF, BGF, oder BRI) um ± 25–30 % schwanken muss – aber der Bauherr rechnet auf ± 10 % und verlangt das auch von seinem Auftraggeber. Erst auf Basis eines abgeschlossenen Entwurfs wäre mit einer gewerkeweise gegliederten Kostenberechnung endlich ± 10 % zu erreichen. Diese stufenweise Reduktion der Kostenunschärfe, die evidenzbasiert ist, also nicht politisch festgesetzt werden kann, zerstört die Kostenillusion, die den Architekturwettbewerb mitträgt und dessen Akteure verbindet.

Es herrscht die seit Langem hochgehaltene Tugend gepflegter Unschärfe im Architekturwettbewerb, nach der eine sehr erhebliche, verfahrens­immanente Schwankungsbreite von etwa einem Drittel (einer vorläufigen Kostenschätzung) nach oben und unten besteht, aber den regulären Ablauf, nach guter Vorbereitung, nicht stört, da sie technisch bedingt ist. Sie wird zuerst durch den Vorentwurfsvergleich im Wettbewerb entschärft und dann durch eine sorgfältige weitere Planung und Kostenverfolgung verlässlich beherrschbar. Indem diese Zusammenhänge offiziell unerörtert bleiben, wird die Kostentransparenz zur Ablenkung. Die Politiker sind theatralisch in eine selbstgestellte „Misstrauensfalle“ gegangen. Die Kostenwahrheit und die angemessenen Mittel zu ihrer Herstellung bleiben außen vor. Aber die Lesbarkeit des Verfahrens für den Bürger ist in der Demokratie das eigentlich Wichtige. Sie bedeutet wesentlich mehr, als die simple, in diesem Fall vorerst nur scheinbar gegebene Transparenz!

Welche Empfehlungen sind zur Abschätzung der Kosten vor einem Wettbewerb zu geben? 

  1. Die Projektvorbereitung muss insbesondere hinsichtlich der Schätzung der Baukosten in einen einstimmigen Realisierungsbeschluss des Bauherrn münden.
     
  2. Der Bauherr, die Nutzer und alle anderen wesentliche Projektakteure müssen sich bei der Dimensionierung des Projekts im Klaren sein, dass dessen Machbarkeit vor der Auslobung eines Realisierungswettbewerbs sicherzustellen ist.
     
  3. Mit dem Beginn jedes Realisierungswettbewerbs beginnt die Realisierung.

 

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