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Die Natur als neuer Player

04.11.2019

Flughafenschafe und Indoor-Gärten: Städte haben das Potenzial, für alle etwas zu bieten – aber nur dann, wenn sie auch von ­allen gestaltet werden. Viele urbanistische Analysen, von Jane Jacobs über Henri Lefebvre und Denise Sott Brown haben sich als ­zutreffend erwiesen, unter anderem, was Integration von Grünräumen und Durchmischung urbaner Gesellschaften betrifft. Im Idealfall entstehen im Zusammenleben in der Stadt offene Systeme, die es möglich machen, zu wachsen und in der Komplexität Sinn zu finden. Wie kann Stadt in Zeiten sozialer Spaltungen und Klimakrisen ein gemeinschaftliches Gut bleiben oder werden?

von Susanne Karr

Nachhaltigkeit ist das zentrale Gebot der Stunde. Die Forderung, Planen für die Zukunft an einem Maßstab zu orientieren, der ökologisches Überleben als primäre Grundlage versteht, ist zwar durch und durch nachvollziehbar und logisch. Dennoch werden viele Erkenntnisse häufig zugunsten ökonomischer Argumente ignoriert. Ohne Planet und lebbare Atmosphäre, ohne erträgliche Temperaturen und angenehme Umweltkonditionen lässt sich allerdings auch kein Markt bedienen, kein Gewinn lukrieren und schon gar keine lebenswerte Gesellschaft aufrechterhalten bzw. schaffen. Die wachsenden Proteste der Jugendbewegung Fridays for Future haben den üblicherweise rasch einsetzenden Verdrängungsmechanismus bezüglich realer Klimabedrohungen unmöglich gemacht. Parallel bilden sich fortlaufend sympathisierende Organisationen, etwa Scientists for Future, Teachers for Future, Parents for Future, um nur einige zu ­nennen. 

Mehr Grün als Grau
Was seit Langem bekannt ist und für viele avancierte Architekten auch längst handlungsrelevant, wird nun als gesellschaftliche Forderung immer klarer und allgemeiner. In architektonischen Zusammenhängen bedeutet dies: Städte und Gebäude müssen stärker auf Umweltverträglichkeit hin konzipiert werden. Stadtplanung als übergreifendes Konzept wird mehr eingefordert, ein Denken in größeren Zusammenhängen, das über momentane Bauvorhaben hinausgeht und sich für das Wohlergehen aller Betroffenen interessiert. Das bedeutet keinen Verlust an Ästhetik oder Komfort. Es bedeutet vielmehr, die bekannten Kriterien für urbanes Zusammenleben zu favorisieren. Ästhetik, Leistbarkeit, Mobilität, Vielfalt und Kommunikation gehören zu diesen Kriterien. Zukunftsfähige Städte werden sich Wünschen und Bedürfnissen von Menschen und ihrer Umgebung anpassen, nicht umgekehrt. Das klingt simpel, ist es aber nicht. Stadtplanung wird realistischer, wenn sie anerkennt, was für ein angenehmes Leben relevant ist. Zum Beispiel mehr Grün statt Grau. Mehr Begegnungsflächen statt Straßen. Mehr Lebensräume für verschiedene Arten statt Monotonie aus Beton und Asphalt. Mehr Individualität statt Mainstream.

Attraktives Stadtleben
Um herauszufinden, was gelungene urbane Lebensweisen ermöglicht, ist die Einbeziehung vielfältiger Vorstellungen notwendig. Kein aufgesetzter Top-Down-Masterplan kann eine urbane und gesellschaftliche Entwicklung abbilden. Praktische Methoden für demokratische Veränderungen – Stadtlabore, Interviews, partizipative Prozesse, Bürgerinitiativen usw. sind bunt wie Stadtbewohner. Solche Prozesse sind immer zeit- und energieintensiv, schaffen aber gleichzeitig genau jene Momente, die Basis für die Attraktivität von Stadtleben sind: eben jene Kommunikation, jenes zufällige Aufeinandertreffen unterschiedlicher Player und Vorstellungen. Konkrete Elemente beschreiben eine Vorstellung vom guten urbanen Leben. Dazu gehören Treffpunkte und Erholungsräume, öffentlicher Verkehr, Bildung und Versorgung. Der wohltuende Einfluss von stressfreien Zonen wie Parks und Stadtgärten wird immer wieder betont. Gerade in Anbetracht wachsender Städte muss der Individualverkehr minimiert werden. Dass in Österreich im letzten Jahr ein Drittel der neu zugelassenen Fahrzeuge aus der Kategorie SUV stammt, passt nicht zu einer Ausrichtung an solchen Erkenntnissen und auch nicht zu vereinbarten Klimazielen.
Gleichzeitig gibt es eine Zunahme an Radwegen und Shared Mobility, urbanen Gemeinschaftsgärten und Dachbegrünungen. Mobile Fassaden-Grünmodule wie beim Projekt „50 Grüne Häuser“ waren diesen Sommer in Wien stark nachgefragt. Dabei kamen eigens entwickelte Grünfassaden-Module in Baukastensystem zum Einsatz. Vergleichbare Initiativen gibt es in vielen Städten. Ebenso erwecken Indoor-Gärten Interesse. Hydroponic-Farms und „infarm“-Module ermöglichen Pflanzenanbau in Innenräumen. Auch auf der Vienna Design Week wurden Pflanzenbehälter all inclusive vorgestellt. Erde, Samen und Belichtung werden mitgeliefert, nur Wasser muss ab und zu nachgefüllt werden. Das minimalistische Design aus Holz eignet sich für Wohnräume und lässt sich als Kombination aus Beet und Leuchtkörper in Organic Design verstehen.

Planen für alle Sinne
Auch im Neubau kann der eigene grüne Außenraum realisiert werden. So haben Chris und Fei Precht, ein österreichisch-chinesisches Architek­tenteam, eine Modulbauweise entwickelt, in der, unabhängig von der gewünschten Gesamtgröße, Balkone mit Beeten immer mitgeplant sind. Chris Precht ist der Ansicht, dass bei der Vereinigung von Architektur und Pflanzenthematik mehr als ein begrüntes Haus entsteht. Zur Struktur kommt eine Atmosphäre, die mit der Präsenz von lebendigen, wachsenden Pflanzen alle Sinne anspricht und Veränderung vorführt. Je nach Jahreszeit verwandelt sich der Anblick. Die Architektin Fei Precht betont die Beziehung, die Menschen zu ihrer Umgebung, insbesondere durch das eigene Anpflanzen von Gemüse, Obst und Kräutern, entwickeln. Man bezeugt so Prozesse, die ansonsten weit entfernt ablaufen und von denen man meist keine Ahnung hat. Außerdem wird durch Dach- oder Balkongärten ein Stück Baufläche renaturiert, man gibt der Natur ein Stück zurück, das man sich zum Zwecke der Besiedlung angeeignet hatte. Precht steht für einen Architektur-Stil, der glamouröses Renommiergehabe mit Starbesetzung als Relikt und Ausdruck eines überwundenen Mindset betrachtet. Kollaboration löst die „Ära des Ego“ ab, denn nur in Zusammenarbeit werden sich die Herausforderungen meistern lassen. Zentral sind richtungsweisende Fragen für die Zukunft: Möglichkeiten, ökologisch nachhaltige Wohnmöglichkeiten für eine wachsende Anzahl von Menschen zu schaffen. Zudem soll sie identitätsstiftend wirken, zeitliche und räumliche Verankerung bieten. 

Die Natur als Player
Ähnlich beschreibt auch die niederländisch-deutsche Stadtexpertin Helga Fassbinder die Effekte von Stadtbegrünung. Sie ist Vorsitzende der Stiftung Biotope City mit Sitz in Amsterdam. Im Gegensatz zu den klassischen Baumaterialien Stein, Stahl, Beton und Glas ist Grün kein statisches Element. Sie sieht die bisher meist eher strikt regulierte Natur in der Stadt als neuen Player, der neue Formen der Interaktion auf der städtischen Bühne mit sich bringen wird. Die Atmosphäre ändert sich ja bereits bei einer einzigen grünen Hausfassade –wie wird das erst sein, wenn es viele davon gibt? Mehr Spezies besiedeln den Stadtraum, viele Vögel und Insekten, auch Schmetterlinge sind darunter. „Grün impliziert immer auch Fauna“, schreibt Fassbinder. Menschen sind nicht mehr selbstverständlich die dominante, einzige Bezugsgröße. Nicht alle Pläne sind auf den alleinigen Nutzen von Menschen ausgerichtet. Ein Weltbild mit größerer Perspektive entsteht, das die vielfachen Abhängigkeiten besser miteinander zu verbinden sucht. Helga Fassbinder fasst zusammen: „Die Stadt als Natur ist eine Schule für die Zivilgesellschaft.“ In Wien ist sie stark in das Projekt Biotope City am Wienerberg eingebunden, das sie gemeinsam mit dem Wiener Architekten Harry Glück initiiert hat. Auf dem ehemaligen Areal der Coca-Cola-Werke sollen 950 geförderte und frei finanzierte Wohnungen unterschiedlicher Größen entstehen, und der Grünraum spielt in der Gesamtplanung eine wesentliche Rolle. Ein konsequent durchdachtes Modell für die Renaturierung der Stadt soll hier erprobt werden. Urbane Gärten in Innenhöfen und auf Dachterrassen, Kletterpflanzen wie Glyzinien und integrierte Pflanztröge werden vom Büro der Landschaftsarchitekten Maria Auböck und János Kárász geplant. Grünflächen, nachhaltiges Wassermanagement und soziale Nachhaltigkeit sind Eckpfeiler des Projekts, das 2021 fertiggestellt sein soll.

Hochhausgemüse
In wachsenden Städten lassen sich manche Ideale, die aus Charakteristika beliebter Wohnviertel entwickelt sind, wie etwa geringe Gebäudehöhen, nicht immer umsetzen. Verdichtung zugunsten weniger Flächenversiegelung bedeutet auch, dass Vertikalität in den Städten stärker zum Thema wird. Und zwar nicht nur bezüglich Wohnen, sondern auch was die Grünflächen anbelangt. 
Die Nutzung von Fassaden zum Gemüse- und Obstanbau liegt international im Trend. Klimatische Verbesserungen sind in diesem Ansatz ein wertvoller Nebeneffekt. Das Bestreben richtet sich auch auf Ernährungssicherheit, wie etwa bei den Urban Food Hubs in den USA. Definiert wird Ernährungssicherheit als „... Zugang aller Menschen zu genügend nahrhaften Lebensmitteln für ein aktives, gesundes Leben zu jeder Zeit“. Stadtgemüse kann dazu einen wesentlichen Beitrag leisten, von den anderen positiven Effekten abgesehen. In Wien gibt es einige solcher Projekte, seit Jahren werden etwa Pilze gezüchtet, im Augarten gibt es eine City Farm, den Karlsgarten und die Wienterrassen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Der Architekt Daniel Podmirseg hat das Vertical Farm Institute und einen Urban Food Hub ins Leben gerufen, der städtische Leerstände gärtnerisch nutzt. Das Konzept Vertical Farms ist Ergebnis intelligenter Kombinationen. Ähnliche Trends und Förderprogramme gibt es in vielen Städten. Urban Farms erzeugen bereits 15 Prozent der weltweit verwendeten Lebensmittel, zum Beispiel in Mumbai, Brisbane, Paris, Tokio, Berlin, Mexico City, San Francisco, Nairobi oder Montreal – der Flughafen O’Hare in Chicago hat sogar 26 aeroponische Türme, in denen Salat, Kräuter und Tomaten gezogen werden, außerdem leben auf dem Gelände Schafe als natürliche Rasenmäher. Häufig gibt es Kooperationen von Urban Farms mit Trendlokalen. Im neuen Restaurant Beba im Berliner Museum Gropiusbau werden im vertikalen Garten Blattgemüse aus aller Welt angebaut, die erst wenige Minuten vor dem Verzehr geerntet werden. Das Restaurant ist gut gebucht.

Eco-Engeneering
Urbane Zukunft entfaltet sich aus einer Kombination vieler Wissensgebiete und Erfahrungen. Wenn mehr Naturbewusstsein eingefordert wird, handelt es sich keineswegs um rückwärtsgewandte Romantik. Die Menschen werden nach wie vor keine edlen Wilden sein, die von pazifistischen Lagerfeuerszenerien träumen. Aber auch die gegenteilige Vision von total überwachten technoiden Superstrukturen wird sich nicht realisieren lassen. Der clevere Einsatz von Hightech schließt lebenswerte Atmosphäre nicht aus. Avancierte Stadtprojekte wie SongDo in Südkorea planen bei hoch verdichteter Bauweise viel Grünraum und E-Mobilität ein. Der Architekt Vincent Callebaut, Spezialist für die Integration von Pflanzen in Architektur und Stadt, erregte zuletzt mit seinem Vorschlag für eine Gründach-Restaurierung von Notre Dame Aufmerksamkeit. Die gotische Kirche soll ein Positiv-Energie-Gebäude werden, Vorreiterin in Sachen Eco-Engeneering. Der Ansatz war erwartungsgemäß einigen zu innovativ. Callebaut beschreibt seinen Ansatz von Architektur für die Verwandlung in eine lebenswertere Umgebung wie folgt: „Bei der Metamorphose geht es nicht darum, von vorne anzufangen, sondern das Beste aus jeder Zeit in unsere Zukunft zu integrieren.“ Architektur und Stadtplanung stehen vor den Herausforderungen, solche Metamorphosen positiv, nachhaltig und ästhetisch zu gestalten. 

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