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Die poetische Verfremdung von Baumaterial

28.02.2011

In der Bawag Contemporary am Wiener Franz-Josefs-Kai ist zurzeit ein Raumgemälde der österreichisch-tschechischen Künstlerin Luisa Kasalicky zu sehen.

Mit Hubertusmäntel bespannte Türen an der Wand, Messingrohren als mikadoartigem Raumtrenner oder Regenrinneneckstücken als Andeutung eines Bilderrahmens – Kasalicky spielt mit alltäglichen Gegenständen und banalen Materialien der hiesigen Baukultur und verfremdet subtil deren Funktion.

Skulpturale Malerei ist fast schon ein alter Hut. Die Herangehensweise der 1974 in Prag geborenen und in Wien – sie hat in der Klasse Damisch an der Akademie der bildenden Kunst studiert – lebenden Künstlerin Luisa Kasalicky ist dennoch erfrischend neu. In ihrer am Wiener Franz-Josefs-Kai präsentierten Installation mit dem Titel „en suite“ wird der Blick des Betrachters durch das Werk auf das Werk, oder sagt man besser: in das Werk bewusst gelenkt – er wird ununterbrochen unterbrochen. Es ist ein Spiel mit den Bedeutungen und mit Zeit und Raum und vor allem mit Materialien und deren Funktion.

Kasalickys feinsinniger Schalk entfaltet sich in der näheren Betrachtung ihrer Arbeit. An die Wand montierte Türen, die wie Tafelbilder und somit auch religiös anmuten, sind bei genauerer Betrachtung auf einer Seite mit Hubertusmäntel bespannt. Nähert man sich dem aus der Entfernung martialisch wirkenden Sternenhimmel, der genauso gut aus durchbohrten Metallplatten bestehen könnte, entpuppt er sich als Dachpappe, in die Löcher gestanzt wurden. So verliert er in der nahen Betrachtung massiv an Gewicht. Das große Gemälde, aus Untergrundplatten und Spachtelmasse gefertigt, wird von drei Regenrinneneckstücken begrenzt – die sich erst bei der Annäherung als solche entpuppen. Messingrohre, in einem Durchgang mikadoartig eingespreizt, entfalten ebenso ihre ästhetische Wirkung in der Bewegung des Betrachters. Alles ist, was es ist, und durch die Verortung des Rezipienten verfremdet es sich.

Schon von jeher haben die Künstlerin Materialien interessiert, die einen Alltagsbezug mit kulturellem Hintergrund haben, Dinge, die man nicht auf Anhieb mit bildnerischer Kunst assoziiert: Dämmmaterial, Leder(imitat), Ziegel, Spachtelmasse, Türstöcke, Fensterkreuze oder Metallgegenstände wie Gitter oder Kanaldeckeln. Kasalicky entwickelt bzw. entdeckt ihre Themen auf Streifzügen durch die Stadt, greift Dekorelemente in Geschäften oder überladene Verkaufsregale in Eisenwarenhandlungen, wie die Installation „Requisitendepot fe“ verdeutlicht, auf, setzt sie neu zusammen und erzeugt so die poetische Entfremdung des Materials. Elemente, die zum Beispiel im Laufe der Zeit an Hausfassaden hinzugekommen sind wie Geschäftsportale oder Lüftungsgitter, bilden in ihrem Zusammenspiel mit dem Da-Seienden die Ausgangsbasis für ihre Arbeiten.

Ausgehend von ihren – ebenfalls in der Ausstellung präsentierten – Zeichnungen, in denen sie atmosphärische Räume schafft, entstehen bei Kasalicky Fragmente, die danach in ihre räumlichen Arbeiten einfließen: mystische Elemente, die sie aus Filmen wie „The Fall of the House of Usher“ oder auch aus ruralen Brauchtumsgegenständen bezieht, genauso wie die konstruktivistische Architektur, die ihre Kindheitstage in der ehemaligen Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik prägte, oder unbeachtete, kulturhistorisch aufgeladene Details einer Stadtarchitektur. Der vermeintliche Sternenhimmel etwa ist demnach dem Lochmuster eines Kanaldeckels nachempfunden. Das ist die Verfremdung der Materialien, die subtile poetische Infragestellung von Form und Funktion, die uns staunen macht – bis 24. April 2011 in der Bawag Contemporary.

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