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Die Spuren der Moderne in Ahmedabad

20.07.2018

Mit dem diesjährigen Pritzkerpreisträger Balkrishna Vithaldas Doshi ist Ahmedabad in den Fokus architektonischer Aufmerksamkeit gerückt. Mit ihrer historischen Altstadt, zahlreichen Hindu-Tempeln, Stufenbrunnen und Moscheen birgt die größtenteils herabgekommene heutige 6-Millionenstadt bemerkenswerte architektonische Juwele aus der Moderne bis zur Gegenwart, an deren Entstehung B. V. Doshi unter Einfluss von Le Corbusier maßgebend beteiligt war.

Ahmedabad ist die größte Stadt des westindischen Bundesstaates ­Gujarat und entwickelte sich aufgrund des für den Baumwollanbau gut geeigneten Bodens „Black Cotton Soil“ zu einem Zentrum der Textilindustrie. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden zahlreiche Textilfabriken, darunter die 1880 durch die Familie Sarabhai gegründeten Calico Mills. Die Familie hatte entscheidenden Einfluss auf das Entstehen der wichtigsten Architekturprojekte der Moderne in Ahmedabad und war ebenso einer der wichtigsten langfristigen Unterstützer Mahatma Gandhis. Die lokale Textilindustrie profitierte wiederum von der Unabhängigkeitsbewegung und Gandhis Aufruf, den Import britischer Textilien zugunsten indischer Produkte zu boykottieren und konnte auf diese Weise eigenständige Technologien entwickeln, was in weiterer Folge auch den Bau etlicher Forschungseinrichtungen bewirkte. 

Le Corbusiers Handschrift

Anfang der 1050er Jahre wurde Le Corbusier, der in indischen Kreisen bereits durch seine Projekte für Chandigarh bekannt war, von den Ahmedabader Textilindustriellenfamilien eingeladen, einige Gebäude für Ahmedabad zu entwerfen. Das erste davon, die 1954 fertiggestellte „Villa Shodan“, ist mit seinen markanten, rasterhaft orthogonalen Formen in Sichtbeton, der in Nischen zurückversetzten Fensterebene und direkt in das Mezzaningeschoß führenden Rampe unverkennbar, wenn es auf den ersten Blick auch nicht wie ein Privathaus anmutet. Auch in dem im Folgejahr entstandenen und wohl bekanntesten Gebäude Le Corbusiers in Ahmedabad, der „Millowner’s Association“, führt eine imposante Rampe direkt in das erste Obergeschoß der mit tiefen Sichtbetonscheiben als Sonnenschutz gerasterten Westfassade. Der weitgehend offene Innenraum wird von Säulen, einigen freistehenden Betonwänden und einer skulpturartigen Stiege definiert, Luft zieht durch die scheibenlosen Fenster, und gemeinsam mit dem reduzierten Material- und Farbkonzept strahlt das Gebäude ein Gefühl von räumlicher Freiheit und Offenheit aus.

Ebenso 1954 fertiggestellt wurde die mit Ziegelgewölben angereicherte und im Gegensatz zur Villa Shodan wohnlicher ausformulierte „Villa Sarabhai“, die noch heute von Familienmitgliedern der Sarabhais bewohnt wird und auf dem Areal des ebenso im Familienbesitz stehenden Calico Textilmuseums steht. Die Kombination von Sichtbeton und Ziegeln als konstruktive Gestaltung fand nun ihren Einzug in das Architekturvokabular Ahmedabads, nicht zuletzt durch Le Corbusiers Sanskar Kendra Museum (1957), dessen Außenwände als sichtbare Betonrahmenkonstruktion mit Ziegel­ausfachungen gefertigt ist. Der Baukörper ist auf Sichtbetonstützen aufgestelzt, darüber „schwebt“ der niedere und dennoch monumentale Quader quasi als Vierkanthof um seinen quadratischen Innenhof. Leider befindet sich das Gebäude derzeit in einem äußerst schlechten Zustand und ist nicht in Betrieb.

Doshis Weiterentwicklung

Balkrishna V. Doshi arbeitete in den 1950er Jahren vier Jahre mit Le Corbusier in seinem Pariser Atelier an den Projekten für den Masterplan und Capitol Complex in Chandigarh und nach seiner Rückkehr nach Indien als Corbusiers Bauleiter in Chandigarh sowie Ahmedabad. Doshi bezeichnet Le Corbusier als seinen „Guru“, den er zutiefst respektierte und von dem er den hohen Stellenwert einer architektonischen Reaktion auf örtliche Vorgaben wie Klima, Tradition, Stadtstruktur und Landschaft gelernt hatte. „Corbusier war mein Guru und deshalb beschloss ich, ihn nicht kopieren zu können“, sagte Doshi, dessen Bestreben es war, die Prinzipien der Moderne nun im indischen Kontext umzusetzen. 

1956 gründete Doshi sein Atelier „Studio Vastu-­Shilpa“ im Zuge eines seiner ersten eigenständigen Projekte, dem „L.D. Institute of ­Indology“. Corbusiers Einfluss ist an der charakteristischen Formenkomposition des brutalistischen Sichtbetonbaus noch eindeutig ablesbar. Darauf folgend entstanden in unmittelbarer Nachbarschaft am Campus des „Center for Environmental Planning and Technology“ (CEPT) die Bauten für die „School of Architecture“, für deren Gründung ­Doshi ebenfalls verantwortlich zeichnet. Die Gebäude sind aus tragenden Ziegelwänden mit Sichtbetonscheiben, Deckenträgern sowie auffälligen Stiegenhäusern aus Sichtbeton konstruiert, abgesenkte Höfe erlauben doppeltgeschoßige Räume auf der Südseite. Ineinander übergehende Innen- und Außenräume im Erdgeschoß mit kaum wahrnehmbaren Türen schaffen wertvolle Plätze im Freien für die Studenten. Die Kombination der Materialien, die orthogonale Fassadengliederung mit ihren rückspringenden Fenster­ebenen, die balkonartige, fast quadratische Nischen ergeben, weisen auch hier noch einen starken Einfluss ­Corbusiers auf.

Doshis Kompositionen

Anfang der 1960er Jahre arbeitete Doshi am Indian Institute of Management von Louis Kahn mit. Der weitläufige, heute bereits zweiteilige Campus besteht aus mehreren, von zahlreichen Höfen durchwachsenen Ziegelgebäuden. Konstruktiv dominieren tragende Ziegelwände mit dem Einsatz von Sichtbetonträgern, Unter- und Überzügen. Charakteristisch sind die dem Klima entsprechenden glaslosen Fensterflächen und offenen Laubengänge.

1971 entwarf Doshi die ­Tagore Memorial Hall für einen Standort in unmittelbarer Nähe des ­Sanskar Kendra Museums. Das Erscheinungsbild wird vorwiegend von seiner gemeinsam mit dem Statiker Mahendra Rej entwickelten Kon­struktion geprägt. Gefaltete Sichtbetonscheiben und Träger verleihen den beiden Längsfassaden und dem Foyer der Veranstaltungshalle kathedralartigen Charakter.

Die für Doshis Arbeiten bezeichnende Verflechtung von Innen- und Außenräumen in Anbetracht des jeweiligen Ortes, das Zusammenspiel von Raum, Licht, Natur und Wasser manifestieren sich am deutlichsten in dem 1980 fertiggestellten Bürogebäudekomplex „Sangath“ für sein eigenes, seit 1962 zur „Vastu-­Shilpa Foundation for Environmental Design“ erweitertes Atelier. Mehrere mit doppelschaligen Tonnengewölben überdachte Gebäude gruppieren sich um Gartenbereiche mit Wasserkaskaden. Die Gebäude sind größtenteils als Keller ausgebildet, um die natürliche Erdkühlung bei Temperaturen bis zu 45 °C im Sommer auszunutzen, Ventilationsfenster in den oberen Bereichen der Tonnengewölbe führen heiße Luft ab, die hohen Arbeitsbereiche sind durch indirektes Licht ohne direkte Sonneneinstrahlung belichtet. Zusätzlich reflektieren die mit weiß glänzenden Fliesenbruchstücken verkleideten Tonnendächer das Sonnenlicht.

An einem Standort neben dem CEPT Campus entwarf B. V. ­Doshi 1992–95 gemeinsam mit dem Künstler M. F. Husain die Kunstgalerie Amdavad ni Gufa, die aus einer Folge von unterirdischen organisch geformten und ineinander übergehenden Gewölben besteht. Baumartige Stützen tragen eine dünnwandige Schalenstruktur aus Ferrozement, die die unterirdischen Räumlichkeiten mit mehreren Kuppeln überdeckt. Rüsselartige Fortsätze dienen als Belichtungsschächte, die Außenhaut ist wie die Tonnengewölbe von Sangath mit Fliesenbruchstücken verkleidet. Insgesamt wirkt die Struktur wie ein schlafender Drache und steht in starkem Kontrast zu Doshis vorangegangenen Bauten und Corbusiers Einfluss.

Auf den Spuren der Moderne und der Weiterentwicklung ihrer architektonischen Prinzipien lohnt eine Reise nach Ahmedabad, wenn auch die „Architekturjuwele“ im Großstadtdschungel der indischen Millionenstadt und all ihren Nebenerscheinungen darin fast ein wenig untergehen.

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