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Dietmar Steiner: Architektur ist kein Dessert

24.03.2017

Von seiner Ausbildung her ist Dietmar Steiner eigentlich Architekt, den Beruf an sich hat er aber nie ausgeübt. Ihm war die Vermittlung von Architektur von Anfang an ein viel größeres Bedürfnis als entwerferische Selbstdarstellung. Die Direktion des 1993 von ihm gegründeten Architekturzentrums Wien verließ er im Dezember vergangenen Jahres. Auch wenn der Titel seiner letzten Ausstellung „Am Ende: Architektur“ auf den ersten Blick düstere Gedanken zuzulassen scheint, ist es für ihn mit der Architektur längst nicht vorbei. Mit FORUM sprach Dietmar Steiner daher über gestern, heute und über die Zukunft.

Christine Müller im Gespräch mit Dietmar Steiner

Was sagen Sie als Befürworter des Isay-Weinfeld-Entwurfs zum aktuellen Diskussions­stand in Sachen WEV / Hotel Intercontinental? 
Zuerst einmal sprechen wir hier von einem der am sorgfältigsten und transparentesten vorbereiteten Großprojekten Wiens. Für mich ist dieser Entwurf die beste Lösung. Seine städtebauliche Figur mit Turm, Scheibe und Sockel denkt an dieser Stelle nicht nur das Vorhandene weiter, sondern reagiert auf verschiedene Sichtachsen. Es geht hier um eine eminente öffentliche Investition, die Wohnungsanteile am Gesamtprojekt liegen bei zehn Prozent. Und zur Rolle der Stadt: Seit dem Ende der 70er-Jahre ist der Neoliberalismus weltweit in der Stadtplanung angekommen, Private übernehmen mehr und mehr öffentliche Aufgaben. Das kann man jetzt beklagen und nicht wollen, aber dann entsteht eben nichts, weil die öffentliche Hand diese Investitionen nicht mehr tätigen kann oder darf. An diesen Rahmenbedingungen ist nichts mehr zu ändern, und unter diesen ist das optimalste Ergebnis entstanden. 

Braucht Wien den Weltkulturerbestatus, der nun hiermit zu wanken scheint?
Nun, das bleibt abzuwarten. Die Unesco besteht aus unerfindlichen Gründen auf einer Turmhöhe von 42 oder 43 Metern – warum nicht 66 oder 39 wie das Intercont? Es ist stadttypologisch und -morphologisch nicht nachvollziehbar, woher diese Zahl kommt. Es kann nicht sein, dass Projektverantwortliche und Stadt Wien sich in Bewegung gesetzt haben, die Unesco aber auf ihrer Position beharrt – das ist kein zukunftsfähiger Umgang mit dem Weltkulturerbe. Ich war von der ersten Stunde an dagegen. Wir brauchen keine übergeordnete Instanz, die über Wiener Probleme entscheidet.

Viele fürchten, dies könne nun auch der Startschuss für weitere Hochhausbauten in Ringnähe und nahe der Innenstadt sein.
Das halte ich für Alarmismus. Was wollen denn die Gegner? Dass man die öffentlichen Nutzungen streicht? Dann ist der Eislaufverein am Ende, dessen technische Anlagen müssen erneuert werden – aber mit welchem Geld? Man kann nun sagen, das muss die öffentliche Hand machen, diese wird sich aber dann entscheiden müssen, ob sie 30 Millionen Euro für das neue Wien-Museum ausgibt oder für einen privaten Eislaufverein. 

Ohne private Investoren sind Bauvorhaben aus dem Kompetenzbereich der öffentlichen Hand also nicht mehr umsetzbar?
Es geht doch um die Benutzbarkeit für die Öffentlichkeit und nicht um den Besitz.

Schnitt. Zurück an den Anfang. Wann haben Sie Ihr Interesse an Architektur zum ersten Mal entdeckt?
In der Mittelschule mit unserem Lehrer Peter Schmid, der uns im Hochbauunterricht an der HTL die Details der Meisterarchitekten zeichnen ließ. Damals begann mich das Kulturphänomen Architektur zu interessieren. Ich habe dann später zwar Architektur an der Akademie der bildenden Künste studiert, auch keine schlechten Projekte gemacht und den Meisterschulpreis bekommen, aber mir hat wohl immer dieses Selbstver­wirklichungsgen gefehlt, das Architekten haben müssen. 

Also keine Ambitionen, selbst etwas zu entwerfen, das auch gebaut wird.
Mich hat einfach das Schreiben mehr interessiert, und in den letzten Jahrzehnten dieses Vermitteln zwischen Bauherren und Architekten. Es war mir wichtiger, kleine Verfahren zu betreuen und dabei den Übersetzer zu spielen. Und ich bin letztlich auch ein bisschen stolz darauf, wie viel gut gelungene Architekturprojekte mit mir im Hintergrund entstanden sind. 

Könnte man in dieser Vermittlerrolle den Motor zum Begriff der Baukultur sehen? 
Ja durchaus. Aber Baukultur ist eine politische Frage. Viele verstehen darunter die Prozesskultur, im Allgemeinen die harmonische Gestaltung von Orten und Städten. Es gibt Baukultur in Europa nur dort, wo es auch politische Verantwortung dafür gibt. Die kann nicht delegiert werden. Es gibt sie im Großen beim Bürgermeister von Barcelona und im Kleinen bei einem Bürgermeister im Bregenzerwald. Der Zusammenhang ist evident und funktioniert, wenn sich die nichtsachkundige Politik entsprechend beraten lässt.

Sie haben an der Akademie studiert, waren später an der Angewandten Assistent von Friedrich Achleitner. Hat sich das Studium seit damals stark verändert?
Natürlich, dramatisch. Wir haben das akademische Studium der Architektur, wie es ursprünglich gedacht war, in ganz Europa weitgehend vernichtet. Wir hatten in den 70er-Jahren ein Eldorado: Es gab keine verpflichtenden Lehrveranstaltungen und kein vernünftiges Lehrangebot, außer vereinzelte Vorlesungen. Das heißt, ich konnte mir im Selbststudium all das beibringen, was ich über Architektur weiß. Diese anarchische Situation ohne Prüfungsdruck war damals sehr komfortabel. Heute sind die Architekturfakultäten bessere Mittelschulen, und Architektur ist ein Massenstudium. Viel Basiswissen und Allgemeinbildung sind verlorengegangen. 

Und woran maß man den Studienerfolg?
Man musste acht Projekte ausarbeiten. Ich habe es mit vier geschafft, indem ich immer auch die Vorarbeit als eigenes Projekt entwickelt habe. Der jeweilige Meister musste diese genehmigen. An der Bildenden habe ich bei Ernst Plischke begonnen, ihm folgte Gustav Peichl. Plischke sah im Architekten nicht den Allgemeinmediziner, sondern den Primar, der auch forscht. Er vertrat also einen ganz elitären Architekturbegriff. Peichl hingegen sagte: „Ich werde euch lehren, euch zu verkaufen.“ Das war für uns wie die Erbsünde, die über uns kam. Aber es war schließlich doch sehr hilfreich. Zu vielen Projektpräsentationen lud er unterschiedliche Personen ein, Helmut Zilk etwa, Politiker, Wirtschaftsfachleute etc., und wir mussten denen dann unser Projekt präsentieren. Das war eine sehr gute Idee. Peichl und Achleitner verdanke ich auch meine publizistische Entwicklung, sie hatten mein Interesse bemerkt. 

Sich und seine Projekte verkaufen zu können ist ja eine wichtige Voraussetzung zum Erfolg.
Natürlich. Aber auch die Art der Öffentlichkeitsarbeit der Architekten hat sich über die Zeit verändert: Anfangs riefen mich Architekten an und sagten: „Wir haben da ein neues Projekt, willst du dir das ansehen, und was hältst du ­davon?“ Dann gab es jene, die meinten: „Ich habe gerade mein erstes Haus gebaut. Wie werde ich damit berühmt?“ Und heute haben wir PR-Agenturen. Das ist die Entwicklung der Zeit, und kein Architekt will mehr eine kritische Stellungnahme. Die Architekturkritik ist am Ende, weil uns die Kriterien verlorengegangen sind. Das habe ich schon etwa Anfang der 1990er-Jahre angemerkt.

Was sollte Architekturkritik denn leisten ­können?
Sie hat sich mit der Sache zu befassen, mit dem Hintergrund und den Umständen eines Projekts, dazu bedarf es einer seriösen Recherche. Auch die Entstehungsgeschichte, die Interessen, die ein Projekt verfolgt, sind wichtig, und welche Konzepte dahinterstehen, welche Überlegungen. Insofern habe ich mich nie als Architekturkritiker, sondern immer als Architekturpublizist gesehen. Ich wollte eine Geschichte erzählen. Dinge, die Komplexität, Schwierigkeiten, den architektonischen Willen, die das Konzept dahinter ausdrücken, fand ich spannend, und wenn es dann auch noch Leser dafür gab, war das okay.

Sie waren in den 1990er-Jahren Chefredakteur bei „Domus“. Wie sehen Sie das heutige redaktionelle Konzept, bei dem Architekten selbst über ihre eigenen Projekte schreiben?
Nun, seit den 90ern hat es interessantere oder uninteressantere „Domus“-Direktionen gegeben. Alle Architekturmedien leiden heute unter der herrschenden Print- und Anzeigenkrise, es gibt kaum mehr redaktionelle Besatzung. Die 90er-Jahre waren die Hochblüte des Magazinjournalismus. Wir hatten unlimitierte Budgets für Fotografen und Autoren – architekturjournalistisch ein Eldorado. Wenn die Redaktion beschloss, eine Ostasiennummer zu machen, dann waren drei Wochen Kuala Lumpur, Hongkong, Tokio – alles bezahlt – selbstverständlich. Diese paradiesischen Zustände sind mit heutigen redaktionellen Möglichkeiten nicht zu vergleichen. Schon in den 90er-Jahren hatten große Architekturbüros dann eigene PR-Abteilungen, die teilweise größer waren als jede Redaktion von bekannten Architekturmagazinen. Es gab einen kompletten Strukturwandel in der Architekturpublizistik. Seither finanzieren sich Architekturbüros Publikationen über ihre Bauten selbst. 

Eine strategische Überlegung der Architekturproduktion auf dem Weg zum Erfolg. 
Ich habe schon vor vielen Jahrzehnten vorausgesagt, dass wir amerikanische Verhältnisse bekommen würden. Schon damals unterschieden sich amerikanische Architekturbüros von den in Europa ursprünglich künstlerischen Ateliers. Diese Unternehmensorganisation ist nun schleichend auch bei uns in Europa angekommen. Die Stararchitekturbüros sind mit wenigen Ausnahmen Businessbüros geworden. Bei Norman Foster mit 1.500 Mitarbeitern kann ich nicht mehr von einem Architekturatelier sprechen, das ist eine Firma. Darum interessieren mich nur noch kleine Büros mit kleinen Bauaufgaben. Etwa die Bottom-up-Bewegung, weil dort sinnvolle und somit schöne Projekte umgesetzt werden. 

Also weg vom Image des Künstlerarchitekten zum Architekten als Dienstleister?
Nicht ganz. Man muss bedenken, dass Bauherren über die unendlichen Möglichkeiten von Architektur normalerweise nicht Bescheid wissen. Es sollte immer einen dialogischen Prozess geben mit gegenseitigem Respekt, der heute unter der vermehrten Präsenz von Juristen leider zunehmend abhandenkommt. Architektur ist also nicht nur Dienstleistung, sondern eine Möglichkeitsform, Konzepte zu entwickeln und ihre Materialisation zu verantworten. 

Dennoch wird die Leistung des Architekten immer mehr auf Entwurf und Vorentwurf beschränkt.
Diese Zersplitterung des Berufs ist eine dramatische Entwicklung. Die Zahl der Beteiligten, die nicht länger unter der Regie des Architekten arbeiten, sondern unter Controllern und Claimmanagern, ist nicht mehr zu durchschauen. Juristen steuern heute den gesamten Bauprozess. Mittlerweile gibt es angeblich schon Kurse für Anticlaimmanagement – es wird also immer ­absurder. 

Und das Thema „BIM“?
Das ist eine ganz große Herausforderung. Ich halte es nur für bedenklich, wenn alle an einem Projekt Beteiligten auf einer Internetplattform ­zusammenarbeiten – wem nützt das? Du kannst als Architekt in der Entwicklung eines Werks nichts mehr infrage stellen und bist in einem System gefangen. Die Einflussmöglichkeit des Architekten ist stark reduziert, der Respekt ihm gegenüber geschwunden. Kleine, intime Aufgaben, bei denen wirklich ein gutes Architekten-Auftraggeber-Verhältnis existiert, sind daher interessant. Großprojekte sind große Dienstleistungsmaschinen, davon ist architektonisch nichts mehr zu erwarten.

Viele Büros sind heute ständig auf der Suche nach Aufträgen, manche von ihnen betreiben sogar Preisdumping, um überhaupt arbeiten zu können.
Es gibt nun mal ein Überangebot, wir haben in Europa und Südamerika Massen an Architekturabsolventen produziert, die natürlich im klassischen Feld nicht mehr unterkommen können. In der Bottom-up-Bewegung sehe ich dagegen eine neue Chance, hier können sich neue Arbeitsfelder für viele eröffnen. 

Die Thematik der jüngsten Architekturbiennale trifft dies ja genau.
Die Architekturbiennale – und ich habe seit 1980 jede gesehen – war schon immer Seismograf der gesellschaftspolitischen Position der Architektur und ist seit 2010 mit Sejima an dieser Entwicklungslinie festzumachen. Es geht nicht darum, sein Ego zu zelebrieren, sondern darum, wie man als Architekt in politische, gesellschaftliche, gestalterische Prozesse eingreifen kann. Ich bin überzeugt, dass dies die Aufgabe von Architekten ist. Alles andere kann auch von Designern erledigt werden. Anna Heringers Leitsatz lautet: „Architektur ist Lebensmittel – nicht das Dessert.“ Es geht um die Grundbedürfnisse, um die muss man sich kümmern und sich Gedanken machen. Das ist nach wie die Aufgabe von Architekten. Für mich ist die Architektur also nicht am Ende, nur die Herausforderungen und Strukturen haben sich geändert, und man muss sehen, wo man sich einbringen kann.

Sie schreiben in Ihrem jüngsten Buch „Steiner’s Diary“, dass Sie nur noch die Vergangenheit interessiert?
Ja, an der Architektur interessiert mich nur noch die Vergangenheit. Die drei Kuratorinnen haben in meinem Archiv Dinge gefunden, von denen ich nie dachte, sie zu besitzen. Nun interessiert mich, was ich da sonst noch finden könnte.

Architektur bleibt also weiterhin im Fokus?
Ich wüsste noch keine Alternative. Ich habe nichts anderes gelernt. Aber ich brauche jetzt erst einmal eine Pause. 

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