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Dimitrij Zadorin: Selbstfindung ohne Sprache

20.12.2012

Das Gebiet des südlichen Weißrusslands gilt als die Wiege des slawischen Volkes – wenn man daraus jedoch auf eine Reichhaltigkeit an Tradition und Kultur schließen möchte, wird man leider enttäuscht: Weißrussland wurde wie kein anderes Land in der Region von der Geschichte gebeutelt, zerstört und – nicht zuletzt – sowjetisiert.

Manuela Hötzl im Gespräche mit Dimitrij Zadorin

Dimitrij Zadorin: "Ich muss zugeben, dass ich zum großen Teil pessimistisch bin. Ich bin überzeugt, dass die nächsten Jahre ein Desaster werden. Um die Reformen wird es zunehmend ruhiger, alles ist konserviert und nicht in Bewegung. Es gibt keine Investitionen aus dem Ausland – und ich sehe im Moment keinen Ansatz, die Geschichtsschreibung in eine neue Richtung zu wenden. Es ist alles sehr unsicher – ein altbekannter Zustand für das Land."

Im Gegensatz zu seinen nördlichen baltischen Nachbarn, die ihre kulturelle Identität auch über die Sowjetzeit retten konnten, wurde Belarus schon sehr früh von Russland okkupiert und schließlich zu einem idealen sowjetischen Planungsfeld, dem das in jeder Hinsicht geschwächte Volk nichts entgegensetzen konnte. Auch der in Minsk geborene Architekt Dimitrij Zadorin täuscht keine Euphorie über die moderne Architektur seines Landes vor. FORUM traf Zadorin anlässlich des 19. Wiener Architektur Kongresses, der im Rahmen der Ausstellung „Sowjetmoderne 1955–1991. Unbekannte Geschichten“ im Architekturzentrum Wien stattfand, zu einem Gespräch über eine verlorene – oder nie gefundene – Kultur Weißrusslands und das schwere Erbe der UdSSR.

Im Zuge des Kongresses und in der Ausstellung „Sowjetmoderne“ hat man viele herausragende Beispiele der Moderne in den ehemaligen sowjetischen Staaten entdecken können. Sie äußerten sich in Ihrem Beitrag eher zynisch über die Qualität der modernen Bauten in Weißrussland. Warum?
Gerade in der Ausstellung sieht man sehr genau, was ich meine, wenn ich von einem leeren Eklektizismus in Weißrussland spreche – in vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion wurden aus unterschiedlichsten Gründen herausragende Bauten geschaffen. Estland, das nördlich an Weißrussland grenzt, ist so ein Beispiel. Dort kann man sich auf eine traditionell reiche Kultur – mit einer gewissen Kontinuität – berufen. Weißrussland kann in dieser Hinsicht jedoch schlicht und einfach nichts bieten, dort wurde nichts gebaut, was nun erhaltenswert wäre. Oder einer besonderen Betrachtung bedarf.

Vielleicht ist gerade diese Ausnahmesituation beachtenswert. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass solch eine starke Repräsentation sowjetischer Architektur und Stadtplanung, wie sie in Minsk zu finden ist, kaum zu einem nationalen Stolz beiträgt – in seiner ganzheitlichen Monumentalität hat das Arrangement dennoch etwas Exotisches.
Weißrussland wurde ja auch als die sowjetischste aller Sowjetrepubliken bezeichnet. Das sagt schon sehr viel aus und hat wenig mit einer selbstbewussten nationalen Identität zu tun. Das andere Problem ist eher, dass sich die Situation nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 und vor allem mit Aljaksandr Lukaschenka, der seit 1994 regiert, nicht verbessert hat. Drei große Projekte wurden im vergangenen Jahrzehnt in Minsk realisiert, zwei davon sind bereits in den Achtzigerjahren geplant und erst im letzten Jahrzehnt fertiggestellt worden. Diese beiden Bauten, die Bibliothek und der Palast der Republik, zeugen – auf sehr monumentale Weise – von einer zeitgenössischen Sowjetarchitektur oder von deren Weiterführung. Der Palast der Republik sieht aus wie ein Sarkophag, und die Bibliothek wurde angeblich von den Bürgern selbst bezahlt. Es kursierten SMS, in denen sich Lukaschenka für die Finanzierung oder Spende bedankte. Natürlich wusste niemand von solchen Spendengeldern. Aber abgesehen davon wurden beide Bauten von ihm unterstützt und realisiert, obwohl sie einer längst vergangenen Zeit angehören – im Grunde schon seit dem Zeitpunkt ihrer Planung. Wenn man sich diese Kultur jetzt ansieht, kann ich das kaum glauben.

Was sind die Ambitionen von Lukaschenka?
Er will aus Minsk eine attraktive Stadt für den Tourismus machen. Viel zu sehen gibt es ja nicht. Aber ich höre von vielen Weißrussen im Land und auch in Moskau das Argument: Die Straßen sind so sauber. – Als ob das ein Kriterium für Kultur wäre, aber es gilt als gutes Zeichen. Zumindest an der Ober­fläche.

Was macht die Geschichte, die Kultur des Landes und deren Architektur so „nichtspezifisch“?
Weißrussland war vollständig in das sowjetische System integriert – oder vielmehr davon bestimmt und durchzogen. Vielleicht muss ich ein wenig weiter ausholen, um das ganze Ausmaß der Geschichte verständlich zu machen. Schon 1793, mit der ersten und zweiten Teilung Polens, gelangte Belarus unter russische Herrschaft. Und in dieser Periode begann das Nationale sich schon über das Russische zu definieren. Erst viel später und nur kurz, zirka ein Jahr lang, kam es zu einer kurzen Phase der Unabhängigkeit, nach 1918, der Oktoberrevolution und dem Einmarsch der Deutschen. Aber schon im folgenden Jahr wurde Weißrussland wieder hart umkämpft und teilweise an Polen angegliedert – und das war erst der Anfang.

Russland und die Sowjetunion bestimmten die nationale Identität über Jahrhunderte – ursprünglich war aber Weißrussland katholisch. Barg das keine Konflikte? Es scheint, als ob das Land sich wenig auflehnte und keine Ambitionen auf Unabhängigkeit hatte.
Das stimmt. 1793 als die Russen kamen, gab es auch nur eine orthodoxe Kirche in Minsk – übrigens eines der wenigen Denkmäler, die man noch besichtigen kann: diese Kirche und den Boulevard der Sowjets. Damals wurde aber die Union der gegenseitigen Akzeptanz gegründet – und nicht zu vergessen: Der Anteil der jüdischen Bevölkerung war auch sehr groß. Das Land war somit immer ein wenig gespalten, real und in seinen Interessen.

Es scheint ein langsamer Prozess einer verlorenen Kultur zu sein.
Der Prozess der Auslöschung der weißrussischen Kultur begann erst richtig in den Dreißigerjahren – in wenigen Abschnitten, aber stetig.

Wirklich schlimm traf es Weißrussland dann im Zweiten Weltkrieg ...
... und nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht nur, dass fast alle Städte zerstört waren, fast ein Viertel der Bevölkerung und die gesamte jüdische Gemeinde waren ausgelöscht worden. Nach 1940 hat Stalin eine weitere Million Weißrussen ausgesiedelt und durch Russen, Ukrainer und Kasachen ersetzt. Von da an begann auch die russische Sprache, überhandzunehmen. Nach 1960 war es fast unmöglich, in einer Schule noch Weißrussisch zu sprechen. Ich besuchte damals noch eine der wenigen.

Die eigene Sprache ging auch in der Architektur verloren?
Sagen wir so – in Bezug auf die Frage davor. Weißrussisch war die Sprache der Intelligenzija, der Kunst, der Literatur usw. – Architektur hat andere Produktionsbedingungen, mehr Personen sind involviert, der Prozess ist ein längerer. Somit traf der Verlust der Sprache die Kunstszene viel direkter. Natürlich gibt es sie immer noch – aber wenn keiner mehr die Sprache versteht, wird sie marginalisiert. Das letzte Mal war sie im Zweiten Weltkrieg von Bedeutung, wo alle Schriftsteller über die Partisanen schrieben. Nur kurz und nur für wenige konnten die Deutschen als Befreier auftreten – und spielten den Russen in die Hände.

Und die Architektur?
Erst 1958 schlossen die ersten Studenten ihr Architekturstudium in Minsk ab. Deswegen wurde der Wiederaufbau von russischen Architekten geleitet, die aus Moskauer und Leningrader (heute: St. Petersburger) Universitäten kamen. Erst ab den Siebzigern wurden leitende Positionen mit weißrussischen Absolventen besetzt. Mit wenigen Ausnahmen, wie im Theater in Grodno der Moskauer Planungsgruppe Giproteatr unter der Leitung von Gennadi Matschulskis, realisierten nur noch Weißrussen die Projekte. Zu diesem Zeitpunkt war die Architektur längst als Profession etabliert und von der Kunstform „befreit“. Das Nationale hatte keine Bedeutung mehr. Russisch stand für weißrussisch, sowjetisch für global. Wir haben bis heute keine nationale Identifikation, um etwas Neues aus dem nationalen zu generieren. Das lag vielleicht auch an mangelndem Ehrgeiz.

Ein paar Beispiele wird es aber doch geben.
Die gibt es natürlich auch. Freunde von mir bereisen das ganzen Land, um die wertvollen Gebäude zu suchen. Es gab auch interessante Architekten wie Rostivlav Schilai, der viel in Brest baute. Städtebaulich gab es zwei wichtige Positionen – eine ist die „Stalinist Avenue“, die ein großartiges Beispiel sowjetischer Architektur darstellt und selbst mit Moskau mithalten kann. Die andere ist die „New modernist Avenue“ – dieser Komplex, dessen eine Seite sich dem Fluss zuwendet, wird jetzt verbaut. Was die ganze Idee zerstört.

Und die zeitgenössische Architekturdiskussion?
Gerade kürzlich erschien ein Artikel in einer Tageszeitung, bei dem es um ein neues zwanziggeschoßiges Gebäude im ältesten Gebiet von Minsk ging, das alle anderen Bauten über­ragt. Interessant ist dabei nicht nur, dass dies das erste Gebäude ist, das öffentlich diskutiert wird, interessant ist auch, dass es erstmals Referenzen zum Architekten Langbart herstellt, auf den sich fast alle weißrussischen Architekten beziehen. Er wurde in Belastok geboren und hat in Leningrad studiert.

Was hat er gebaut? Sind seine Gebäude noch erhalten?
Er baute vier große Memorials, unter anderem auch das „House of Governments“ und die Oper – alle wurden zwischen dem Ende der Zwanziger- und der Dreißigerjahre realisiert. Sie waren noch nicht so pompös und zeichnen sich, würde ich sagen, durch einen vereinfachten Klassizismus aus. Es existieren noch alle, sie sind gut erhalten, und niemand stellt die Bedeutung dieser Gebäude infrage. Gleichzeitig wurde eines der wichtigsten Gebäude der Fünfzigerjahre, aus der konstruktivistischen Ära, vergangenes Jahr zerstört. Und alle Architekten haben den Kopf geschüttelt.

Wie sieht dann die zeitgenössische Architektur aus, worauf nimmt sie Bezug?
Mein Chef in Moskau hat mich einmal gefragt, wie es sein kann, dass die Architekturstudenten aus Weißrussland so seltsame Architektur entwerfen, die anders aussieht als alles andere. Und er hat recht. Man könnte meinen, dass das gut wäre – aber es ist nur schrecklich. Letztes Jahr fand eine Architekturbiennale in Minsk statt, mit allen osteuropäischen Ländern, von Lettland über Slowenien, die Ukraine bis nach Tadschikistan. Und dort konnte man genau die Parallelen erkennen – die meisten Ländern orientieren sich nach Westen und produzieren westliche Architektur. Weißrussland ist Kasachstan wesentlich näher – und die bauen ebenfalls in einer seltsamen Stilmischung.

Welcher Identität kann sich Weißrussland zuwenden? Wie geht es dem Land?
Ich muss zugeben, dass ich zum großen Teil pessimistisch bin. Ich bin überzeugt, dass die nächsten Jahre ein Desaster werden: Um die Reformen wird es zunehmend ruhiger, alles ist konserviert und nicht in Bewegung. Es gibt keine Investitionen aus dem Ausland – und ich sehe im Moment keinen Ansatz, die Geschichtsschreibung in eine neue Richtung zu wenden. Es ist alles sehr unsicher – ein altbekannter Zustand für das Land.

Gar nichts Positives?
Doch, für Weißrussland spricht die zwar langsame, aber stete Bewegung Richtung Europa. Der Unterscheid zwischen reich und arm ist sehr gering – was eine wichtige Bedingung für ein Mitglied der EU darstellt. Ich weiß nicht, wer das gesagt hat, aber es gibt die folgende Aussage eines Politikers: „Belarus arbeitet an einer eigenen nationalen Identität, aber diese Identität ist eine soziale.“ Vielleicht ist das der einzige Weg für eine kulturelle Neudefinition.

Warum haben Sie sich dem Studium der Prototypen zugewendet. Wie kam es dazu?
Prototypische Planung war ein Merkmal der sowjetischen Architektur. Beim Massenwohnbau und dem Bau von Fabriken, aber später auch bei individuellen öffentlichen Gebäuden. Fast durch einen Zufall entdeckte ich in der Bibliothek einen Katalog mit 2.000 Elementen, der bereits 1972 erstellt worden ist und so ziemlich jede Variante von Designelementen festlegte. Sechs ungeheuer dicke Bücher fand ich in der Bibliothek – unter anderen zum Thema Innen- und Außenfassade, Böden, Standard-Elemente wie Lifte usw. Das war wirklich 1972 und sollte jedem Architekten eine außergewöhnliche Planungsfreiheit gewährleisten. Aber die Realität sah bald anders aus, da die lokalen Ressourcen natürlich auf alles reagieren konnten. Das war der Beginn der Recherche. Die Fabriken gibt es zum Großteil immer noch – und in Moskau habe ich an einem Art Relaunch bestimmter Platten gearbeitet.

Warum sind dann nach Ihrem Studium in Delft, Niederlande, nach Moskau gegangen?
Moskau war eine gute Wahl, sowohl für meine professionellen als auch heimatlichen Gefühle. Auch wenn Russland doch noch eine ganz andere Kultur ist – so bietet es doch viele Möglichkeiten für mich.

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