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Donaustadt – eine Stadt im Werden

19.02.2014

Lange Zeit waren „Rehe und Ruhe“ die wesentlichsten Beweggründe, um im 22. Wiener Gemeindebezirk zu leben. Dieses Versprechen einer Idylle wird heute durch ein Versprechen von Stadt abgelöst. Namen wie „Donaustadt“ oder „Seestadt“ suggerieren einen Eindruck von Urbanität, die in dieser Form kaum eintritt. Von welcher Stadt ist hier nun die Rede, in einem Raum, der sich vor allem durch starkes Wachstum auszeichnet? Bedeutet mehr Wachstum gleichzeitig mehr Stadt?

von René Ziegler

Wer mit der U2 durch den 22. Bezirk fährt, kann das Stadt-Werden mit bestem Panoramablick beobachten. Überall drehen sich Kräne, heben Gebäude aus dem Boden, die den Maßstab des Vorhandenen überragen und Stück für Stück versuchen, aus all dem Stadt zu machen, was einst Peripherie war. Vor unseren Augen wächst eine Stadt heran, die allerdings recht wenig mit dem zu tun hat, was wir vom anderen Ende der U-Bahn-Linie kennen: Hier in der Donaustadt stehen Einfamilienhäuser neben Großsiedlungen, Gärtnereien neben U-Bahn-Stationen, Gewerbeparks neben Badeteichen. Es kommt unweigerlich zum Aufeinanderprallen unterschiedlicher Systeme und Typologien sowie zur Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Geschwindigkeiten.


DER MASSSTAB DES WACHSTUMS

Die Donaustadt ist der wachstumsstärkste Bezirk Wiens. Seit 1951 hat sich die Einwohnerzahl von 53.000 auf rund 160.000 mehr als verdreifacht. Heute findet mehr als ein Viertel des gesamtstädtischen Bevölkerungswachstums in diesem Bezirk statt. Aber: Wo liegt der Maßstab dieses Wachstums, und mit welchem Anspruch wird hier Stadt gebaut?

Bloß Wohnsiedlungen auf verfügbaren Flächen zu errichten wird den Vorstellungen von städtischen Qualitäten wohl kaum gerecht werden. Damit die Donaustadt Stadt wird, braucht es auch den Mut zu Stadt, den Mut zu Vielfältigkeit und den Mut zu Dichte, um – sehr wohl unter Bezugnahme auf bestehende, kleinteilige Strukturen – eine urbane Entwicklung zu ermöglichen. Stadtteile müssen dabei in ihrer Gesamtheit verstanden werden; gleichzeitig muss man die Fragen stellen, welchen Charakter die künftige Stadt haben soll und welche Lebendigkeit hier herrschen wird.  Wachstum und das Versprechen von Stadt werden häufig als Bedrohung und als Konflikt zwischen Bebauung und Freiraum wahrgenommen. Die Angst vor Veränderung ist gerade in solch nichteindeutigen, in Transformation begriffenen Räumen erlebbar. Diesen Ängsten muss man mit ernst gemeintem Dialog und nachvollziehbaren Entscheidungsprozessen begegnen. Nur so werden Wachstum und Veränderung, wird Stadt auch tragbar.

DIE ANERKENNUNG DES ­TRANSDANUBISCHEN
Vieles, was in der Kernstadt keinen Platz hatte oder dort nicht erwünscht war, was ihrer Versorgung diente oder aus ihr entsorgt werden sollte, kam auf die „andere Seite“ der Donau: Kriegsversehrte, Invaliden und Waisen wurden hier untergebracht, man errichtete Lager- und Logistikflächen, Autobahnkreuze und Verschiebebahnhöfe, Gewerbeparks und Shoppingcenter, Schotterabbau- und Gemüseanbaugebiete, einen Flughafen, eine Mülldeponie, eine Raffinerie. Aus diesem Umgang mit dem Raum – vor allem in den vergangenen Jahrzehnten – resultieren die heutigen Verhältnisse zwischen Bebautem und Nichtbebautem, zwischen Dichte und Weite, Gestaltung und Gstätten, hohen Geschwindigkeiten und Stillstand, zwischen planerischer Absicht und Pragmatismus.

Es ist deutlich, dass sich das transdanubische Wien nicht nach denselben Vorstellungen weiterentwickeln kann wie ihr cisdanubisches Gegenüber. Maßstäbe und Bilder von dem, was Stadt ausmacht, können nicht von der einen auf die andere Seite des Flusses projiziert werden. Die „Logik“ der Kernstadt zu übertragen würde hier zu Widersprüchen führen. Es muss vielmehr darum gehen, das Eigenständige dieses Stadtteils zu erkennen und anzuerkennen und das Unbestimmte, Unformatierte und Deutungsoffene dieser Räume als deren Stärken zu verstehen. Der gebaute wie der nichtgebaute Raum zeichnen zugleich die Figur der Donaustadt, was diese Nichteindeutigkeit zu ihrem prägenden Bild macht. Verabschieden wir uns von etablierten Mustern einer Stadt und begreifen wir diese vielschichtigen Räume als Realität!

TRANSFORMATION ALS PRINZIP
Welche Karrieren diese Räume durchlaufen werden, ist dabei noch ungewiss. In jedem Fall ist eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Vorstellung von Stadt erforderlich. Es braucht die Kultivierung des Urbanen, und es braucht Zeit, um diese Stadt werden zu lassen. Qualitäten von Stadt können weder über Nacht gebaut noch an einem vermeintlichen Endzustand ausgerichtet werden – der Veränderungsprozess selbst rückt in den Vordergrund. Dies bedeutet konsequenterweise auch, dass Entwicklungsmöglichkeiten offengehalten werden müssen, um auf sich ändernde Rahmenbedingungen und Anforderungen reagieren zu können. Stadt muss damit ständig veränderbar, torsofähig und lernfähig bleiben; das Prinzip der Transformation wird zu ihrer treibenden Kraft.

EIN GERÜST ALS ­ORIENTIERUNGSHILFE
Um diesem Transformationsprozess einen Orientierungsrahmen zu geben, eine Grundlage für weiterführende Planungsschritte zu bilden und ein Bindeglied zwischen den gesamtstädtischen Absichten des Stadtentwicklungsplans und den Flächenwidmungs- und Bebauungsplänen zu schaffen, wird am Fachbereich Örtliche Raumplanung der TU Wien ein Entwicklungskonzept erarbeitet. Bereits im Stadtentwicklungsplan 05 der Stadt Wien wurde der zentrale Raum der Donau­stadt entlang der verlängerten U2-Linie zum „Zielgebiet U2 Donaustadt / Flugfeld Aspern“ erklärt. Innerhalb dieses räumlichen Schwerpunkts sollten Themenfelder querschnittsorientiert und der städtische Raum nicht nur grundstücksbezogen behandelt werden.

Die formulierten Entwicklungsstrategien bauen ein stabiles Gerüst auf, das unterschiedliche Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, auch bezogen auf das Zusammenspiel öffentlicher und privater Interessen, bündelt und ein koordinierendes und vernetzendes Handeln sowie einen ganzheitlicher Umgang mit dem Raum aufzeigt. Mit der notwendigen Offenheit gegenüber künftigen Anforderungen werden maßgebliche Entwicklungsprinzipien formuliert. Freiräume, alltagstaugliche Wegenetze und besondere Orte spannen ein räumliches Gefüge auf, das gerade in diesem dynamischen Gebiet Orientierung und Anhaltspunkte bieten soll. Basierend auf einer gemeinsamen Raumvision soll dieser Strategieplan ein gemeinsames Verständnis für diese Stadt-Werdung der Donaustadt erzeugen und daraus Vertrauen in neue Entwicklungen schaffen.

Der Strategieplan „Wo willst du hin, meine Donaustadt?“ erscheint im März. Weitere Informationen zum Planungsprozess unter www.zielgebiete.at/donaustadt-aspern

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