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Ein imposanter Auftritt

08.11.2011

Das neue Musiktheater in Linz ist in vielerlei Hinsicht ein einzigartiges Gebäude in Österreich. Von außen besticht es in erster Linie durch seine große Kubatur und sein scheinbar simples Design. Die streng gegliederte Fassade verbirgt eine Vielzahl von eng miteinander verbundenen Funktionen und komplexen technischen Lösungen, die der Theaterbesucher im Regelfall nie zu Gesicht bekommen wird. In Erinnerung wird ein visuelles und akustisches Erlebnis bleiben.

STÄDTEBAU

Der Neubau wird großen Einfluss auf den Charakter dieses Linzer Stadtviertels nehmen. Das gelingt zum einen durch die Verlegung der stark befahrenen vierspurigen Bahnhofstraße, einer sehr wichtigen innerstädtischen Ost-West-Achse. Damit wird das Gebäude als Einzelbauwerk den geplanten Standort an der Ecke des Volksgartens einnehmen. Zum anderen wird der Bau zusammen mit dem Park einen kulturellen Brennpunkt am Südende der Landstraße, die nach Norden zum Hauptplatz und zur Donau weiterführt, bilden (Diagramm 002). Im Verband mit dem neuen Wissensturm, dem Hauptbahnhof, dem Terminal Tower, dem Landesdienstleistungszentrum, dem Power Tower der Energie AG, dem ORF-Landesstudio und dem Design Center am Europaplatz wird dieser neue Kulturbau einen markanten Abschluss der innerstädtischen Nord-Süd-Achse bilden. Die Verlegung der Straße zwischen dem Musiktheater und der Eisenbahnlinie und die Organisation des Haupteingangs auf der Parkseite erlauben eine Verkehrsberuhigung vor dem Eingang, wodurch auch die Bedeutung des Volksgartens als öffentlicher Ort gesteigert werden wird und mehr öffentliche Veranstaltungen im Park organisiert werden können (Diagramme 003 + 004).

Die Außenabmessungen des Gebäudes betragen im Norden entlang der Blumauerstraße ca. 150 Meter, im Osten entlang der Südtirolerstraße ca. 25 Meter und im Westen zum Volksgarten ca. 65 Meter. Im Süden entlang der verlängerten Bahnhofstraße beträgt die abgewickelte Länge ca. 215 Meter. Die maximale Höhe des Gebäudes variiert abhängig vom Straßenverlauf zwischen 15 bis 24 Meter. Der mittig situierte Bühnenturm ragt nochmals ca. neun Meter über den „Sockelbereich" hinaus. Der Komplex ist als fünfgeschoßiger Baukörper mit zwei Untergeschoßen ausgebildet, wobei der Bühnenturm noch weitere drei Ebenen umfasst. In den Untergeschoßen ist neben der Tiefgarage für knapp 300 Kfz-Stellplätze ein Großteil der haustechnischen Anlagen (für Heizung, Lüftung, Klima, Sanitär, Elektrotechnik, Mess- und Regeltechnik usw.) im Ausmaß von ca. 4.000 Quadratmeter untergebracht.

 

VOLKSGARTEN

Der Volksgarten ist im Zuge der städtebaulichen Entwicklung von Linz als einziger großer, innerstädtischer Erholungsbereich mit typischem Parkcharakter übriggeblieben. Er wird nach einem Konzept des Landschaftsplaners Otmar Stöckl, der im September 2010 als Sieger eines Ideenwettbewerbs hervorgegangen ist, umgestaltet werden. Neues Zentrum des Volksgartens wird der Vorplatz des Musiktheaters. Er bindet das Opernhaus an den historischen und stark belebten Volksgarten an.

 

Der Volksgarten wird nach drei Schwerpunkten umgestaltet:

• Neuorganistation der diagonalen Verbindung mit einem zentralen Platz und einer Verschwenkung der Wegachse Richtung.

Osten zum Musiktheatervorplatz. Diese Wegführung erlaubt die Gestaltung einer ausgedehnten Liegewiese im südlichen Teil des Parks und gewährleistet ein Heranrücken des Volksgartens an das Musiktheater.

• Der Verbesserung und dem Ausbau der Kinderspielbereiche im westlichen Teil des Parkes, nicht nur für Kleinkinder, sondern auch für Jugendliche.

• Der Platzgestaltung vor dem Musiktheater mit Wasserspielen und Lichtinszenierungen. Zu diesem Platz wird in Zukunft ein „Besucherboulevard" entlang der Landstrasse führen. Dieser neue Weg soll eine breite Fußgängerfläche und Holzterrassen als Abgrenzung zur Straße hin besitzen.

 

Der freie, befestigte Platz vor dem Musiktheater wird einerseits dem Kaffeehausbetrieb zur Verfügung stehen. Er bietet andererseits die Möglichkeit für eine Vielzahl von Open-Air-Veranstaltungen des Landestheaters Linz wie zum Beispiel der Übertragung von Opernvorstellungen der Hauptbühne live auf den Vorplatz. Hierfür werden am südlichen, raumbildenden Abschluss des Platzes hochauflösende HD-LED-Paneele montiert. Der teilbare und mobile Screen kann auch für Video-Kunst-Installationen genutzt werden. Die vor dem Musiktheater situierten Lüftungsauslässe der unterirdischen Trafostation werden im Rahmen von „Kunst am Bau" verkleidet. Das Kunstwerk soll als Klangskulptur den Weg zum Musiktheater weisen. Die Gestaltung des Vorplatzes wird von der Musiktheater Linz GmbH finanziert, während die Stadt Linz mit ca. 1,2 Millionen Euro den Volksgartenumbau mitfinanziert. Die Planungsphase für die Umgestaltung des Volksgartens soll Ende 2011 abgeschlossen, damit im kommenden Jahr mit den Umbauarbeiten begonnen werden kann. Ziel ist es, die Arbeiten im Herbst 2012 abzuschließen.

 

FASSADE

Von außen erscheint das Musiktheater als monolithischer Baukörper. Terry Pawson hat für die Fassade ein lebendiges und klares Wechselspiel aus gebrochenem Naturstein und helleren, vertikalen Betonlisenen bedacht, die den theatralischen Effekt eines Vorhangs erzeugen und das Gebäude auf drei Seiten einhüllen. Auf der vierten Seite, der Westfassade, ist dieser Vorhang aufgezogen. Hier öffnet sich das Gebäude mit einer großen Glasfront zum Volksgarten hin. Laut dem Entwurfgedanken von Terry Pawson vereinheitlicht der starke vertikale Rhythmus die Fassade und lässt die Vorstellung einer klassischen Säulenflucht erkennen, wodurch ein Bezug sowohl zum traditionellen Glanz der Wiener Theater wie dem Burgtheater und der Staatsoper als auch zum Modernismus der rationalistischen Architektur etwa von Terragni und Moretti entsteht.

Die von Terry Pawson vorgearbeiteten Pläne und Entwürfe wurden nach der Einreichung von der Architektur Consult Wien als ausführende Planer ausgearbeitet und komplementiert. So zeichnet die Architektur Consult unter anderem für die gesamte Detailierung und Ausarbeitung der Steinfassade sowie der Augartenfassade verantwortlich. Der gebrochene Naturstein, ein römischer Travertin, stammt aus einem Steinbruch bei Tivoli im Umkreis von Rom. Die Steinquader werden gespalten und mit ihrer rauen Bruchseite nach außen platziert. Sie sind mittels eines Schienen- bzw. Ankersystems zwischen den vertikalen Betonlisenen aus hellen, schalreinen Fertigteilen mit einem hohen Weißzementanteil fixiert. Mit ihren Einschlüssen und natürlichen Oberflächen sorgt die Natursteinfassade für ein lebendiges, helles und gleichsam massives Erscheinungsbild, spannende Licht- und Schattenspiele sowie ausgeprägte Tiefenwirkungen. Die vertikalen, hellen Lisenen bilden einen Raster von durchschnittlich 145 bis 150 Zentimeter, den „Längsfalten" des Vorhangs. Auf der Nordseite reduziert sich der Abstand bis auf 75 Zentimeter. Insgesamt umhüllen 698 Lisenen das Gebäude. Der Raster ermöglicht den Einsatz von Fensterflächen, Ausfachungen und Metallverkleidungen dort, wo sie notwendig und sinnvoll sind, ohne dass dadurch die Erscheinung eines einheitlichen Solitärs verlorengeht. Die Südostseite, zur Eisenbahn hin, wirkt in sich geschlossen, während die Nordseite durch die zahlreichen Öffnungen, Zugänge und die drei Lichthöfe lebhaft strukturiert erscheint.

Die Versetzung der Betonfertigteile ist eine bautechnische Herausforderung, da sie ein hohes Maß an Genauigkeit verlangt und eine maximale Abweichung von zwei Millimeter erlaubt. Die unterschiedlichen Straßenniveaus und die daraus resultierenden unterschiedlichen Fassadenhöhen führten dazu, dass jede Lisene auf Maß gefertigt werden musste. Über dieser soliden, vorhangartigen Fassade des Grundbaukörpers liegen die Volumen der obersten Geschoße. Hier sind die Fassaden mit strukturierten, vorgefertigten Betonplatten verkleidet, die die gleiche weiße Oberfläche besitzen wie die Lisenen. Zu den in diesem Bereich organisierten Räumlichkeiten gehören neben dem Restaurant und dem Bühnenturm das vierte Obergeschoß mit den Büros und weiteren Werkstätten.

Im Zentrum des Bürogeschoßes befindet sich ein begehbarer Patio. Das Dach besitzt eine extensive Begrünung. Zusätzlich wurde die zur Verfügung stehende große Dachfläche zur Installation einer Solar- sowie einer Fotovoltaikanlage genutzt. Die vorgesehene Außenbeleuchtung des Gebäudes, im Speziellen des Bühnenturms, basiert auf einem ruhigen Konzept, das eine dem formalen Konzept des Gebäudes entsprechende Ausleuchtung und Kennzeichnung als Landmark gewährleisten, aber auf keinen Fall in Konkurrenz mit der Ars Electronica treten soll.

 

 

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