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Ein imposanter Auftritt

12.12.2011

Der solitäre Baukörper des Musiktheaters ist in seinem Inneren sehr klar und rationell organisiert: Das große ­Auditorium befindet sich im Zentrum, die öffentlichen Bereiche wie das Foyer und das Restaurant liegen im Westen zum Park hin; die Werkstätten und Depots sind zur Eisenbahn hin orientiert, während der Künstlertrakt und die verschiedenen Proberäume auf der Nordseite zur Stadt hin liegen. Die Gestaltung und Organisation der Innenräume des Musiktheaters wurde von der Architektur Consult Wien mit ihrem Partnerbüro Archinauten auf der Basis der Entwurfsgedanken von Terry Pawsons weitergeführt und umgesetzt.

BESONDERHEIT

Laut DI Markus Klausecker, Projektleiter bei der Architektur Consult Wien, wird das neue Musiktheater in Linz hauptsächlich aus zwei Gründen ein prägendes Bauwerk: Zum Ersten ist es seine städtebauliche Lage am Kreuzungspunkt zwischen der Landstraße und der Bahnhofstraße, direkt am Volksgarten. Die Randlage und die Grundstücksgröße ermöglichten es, alle ein Theater bedienende Funktionen in ein einziges Gebäude zu verpacken. So entsteht ein kompaktes Bauwerk, das dazu bestimmt ist, das Stadtviertel ähnlich wie das Kunsthaus in Graz städtebaulich und gesellschaftlich aufzuwerten. Zum Zweiten ist es seine innere Struktur, die auf eine kürzestmögliche Wegführung zwischen den Theaterräumlichkeiten ausgelegt ist. Es musste auf eine logische Anordnung der Baukörper Rücksicht genommen werden. Die spezifischen Raumkonfigurationen führten zu architektonischen Zwängen, die teilweise schwer umsetzbar waren.

 

THEATERLAYOUT

Der Besucher betritt das Gebäude über einen erhöhten Platz, eine Art Podium, das die Straßenbahn bedeckt und die direkte, verkehrsfreie Verbindung zum Volksgarten herstellt. Vom Eingangsfoyer gelangt der Gast über eine monumentale, klassische Treppe in das darüberliegende, etwa sieben Meter hohe Hauptfoyer, das gleichzeitig als Pausenraum fungiert. Der theatralische Charakter der Treppe wird durch den darüberliegenden Lichthof und das einfallende Tageslicht verstärkt. Für die Gestaltung der Innenräume wie zum Beispiel für die Lamellen, die Leitsysteme, die Wandverkleidungen, die Beschilderungen, die Typografien oder die Lichtschienen wurde das Motiv der vertikalen Lisenen der Fassade wieder aufgenommen.

Die Foyers, das Restaurant und das Café sollen in der Zukunft ganztägig geöffnet sein, sodass sich das Gebäude zu einem neuen öffentlichen Lebensraum der Stadt entwickeln kann. Für Terry Pawson ist das Foyer mit seiner großzügigen Glasfassade nach draußen ein Raum, der zwischen den Baumkronen des Parks und dem Zuschauerraum liegt.

Die vertikalen Holzlamellen zum Auditorium hin sieht er quasi als zweite Fassade. Im Bereich der Innenraumgestaltung versuchte die Architektur Consult zusammen mit ihrem Partnerbüro Archinauten, die ursprünglichen Entwurfsgedanken von Terry Pawson weitestgehend beizubehalten. In diesem Sinn überwiegt im Eingangsbereich und im Treppenbereich der Naturstein, ein geschliffener Untersberger Marmor, der für die Böden und Wände zum Einsatz kam. Die Atmosphäre im Hauptfoyer verändert sich durch die Verwendung von gedämpfter und geölter Eiche für den Boden und von gedämpfter Akazie für die Decken- und Wandverkleidungen. Das zur Verfügung stehende Grundstück und die Neuorganisation der Straßen verschaffte die einzigartige Möglichkeit, alle Werkstätten und Lager im Aufführungsgebäude selbst zu organisieren. Dieser im Osten des Komplexes gelegene Bauteil nimmt die größte Fläche ein. Hier befinden sich die Montagehalle, alle Werkstätten wie Schlosserei und Tischlerei, der Malersaal, das Materiallager, ein Prospektlager und das große Kulissenlager. Als logische Konsequenz wurden hier die Anlieferung und der Bühneneingang organisiert. In diesen Bereichen findet man auch die größten Deckenspannweiten von bis zu zwölf Meter. Über der Bühne, zwischen dem Bühnenturm und den Büros, ist der ebenfalls schalltechnisch entkoppelte, mehrgeschoßige Kostümfundus untergebracht.

Die Garderoben und Proberäume liegen entlang einer „inneren Straße", die durch eine Reihe von Lichthöfen unterteilt werden. Die gebäudehohen Lichthöfe besitzen größtenteils Sichtbetonwände und dienen der vertikalen Erschließung. Sie bilden gleichzeitig den direkten Zugang zu den Künstlergarderoben und wurden farblich nuanciert. Auf derselben Seite, also in unmittelbarer Nähe zur Hauptbühne, befinden sich der kleine und große Opernprobesaal im EG, der große Orchesterprobesaal und die Stimmzimmer des Bruckner Orchesters im ersten Untergeschoß sowie der Chor- und Ballettprobesaal im zweiten Obergeschoß. Eine der größten und technisch aufwändigsten Herausforderungen war die schalltechnische Entkoppelung einzelner Gebäudeteile: So ist das Haupthaus mit seinen Spielstätten baulich und damit akustisch vollkommen vom restlichen Gebäude getrennt. Auch andere Bauteile wurden in ähnlicher Art und Weise akustisch hochwertig entkoppelt. Durch die völlige bautechnische Trennung und die Anbringung von Schallschutzrolltoren sind die einzelnen Bühnen so voneinander und von den Montageflächen getrennt, dass sogar während einer Aufführung auf den Nebenbühnen geprobt bzw. die Arbeit in den Werkstätten fortgesetzt werden kann. So entstanden aus akustischen Gründen Bauwerke im Bauwerk, was auch unmittelbare Konsequenzen für die Statik hatte. Das Gebäude ruht auf einer bis zu einem Meter dicken Bodenplatte, die in drei Teilen gegossen wurde. Zur Schwingungsdämpfung und Körperschallentkopplung lagern die Säle und Bühnen auf Sylodynlagern, die die Stützen im Bereich der Tiefgarage unterbrechen.

 

AUDITORIUM

Der Hauptzugang zum Großen Saal erfolgt vom Hauptfoyer, das auf der Ebene des ersten Ranges liegt. Von dort gelangt man über Aufgänge innerhalb des Saales ins Parterre. In den Foyers stehen außerdem Aufzüge und Stiegen zur Verfügung, die die verschiedenen Ebenen des Saales verbinden. Eine Besonderheit des Auditoriums ist die interne vertikale Erschließung des Saales: Links und rechts hinter den Seitenrängen liegen Aufgänge, die vom Bereich der Sitzplätze durch einen Art „Vorhang" aus bronzefarbenen Metalllisenen getrennt sind, also vom Saal aus sichtbar und frei zugänglich sind. Diese Aufgänge verbinden den Hauptzugang zum Saal im ersten Rang mit dem Parterre. Die Besucher können somit innerhalb des Saales zwischen den Ebenen wechseln, ohne zurück in das Foyer gehen zu müssen. Diese vertikalen Erschließungen dienen auch der Ausbalancierung der Raumakustik.

Die Brüstungen und Teile der Deckenuntersichten der Ränge sind mit einer Flüssigmetallbeschichtung überzogen, während die Wände mit gedämpfter, dunkler Akazie verkleidet sind. Den Boden bedeckt ein Holzparkett. Die abgehängte, schwarz lackierte Decke des Auditoriums suggeriert einen Sternenhimmel, in dessen Zentrum ein ovaler Beleuchterring als Luster fungiert. Die Hauptbühne ist eine Transportdrehbühne mit 32 Meter Durchmesser und einer Höhe von vier Meter. In diese Stahlfachwerkkontsruktion ist wiederum eine drehbare Scheibe von 15 Meter Durchmesser eingebaut. So entsteht auf der einen Seite eine Spieldrehbühne und auf der anderen Seite eine Hubpodienlandschaft mit drei Podien von jeweils 15 mal vier Meter, deren Bühnenbodenklappen die Versenkung von Personen ermöglicht. Diese aufwändige Konstruktion zielt auf die gleichzeitige Nutzung mehrere Bühnenbilder, die jeweils in den Segmenten der Transportdrehbühne situiert sind, ab. Neben der Hauptbühne sind dem Bühnenbereich noch eine Probe-, Seiten- und Hinterbühne zugeordnet.

Der neue Orchestergraben im Auditorium bietet bis zu 100 Musikern Platz. Der Orchestergraben besitzt eine verfahrbare Podienlandschaft mit vier separat bedienbaren Hubpodien, dem Festland sowie zwei gegenüberliegenden Nischen, die zusammen eine maximale Nutzfläche von rund 164 m² besitzen. Vom Orchestergraben gibt es zwei Zugänge zum Instrumentendepot im ersten Untergeschoß.

 

BLACK BOX – DIE STUDIOBÜHNE

Die trapezförmige Studiobühne, die zweite Aufführungsstätte, ist im ersten Untergeschoß unter dem Eingangsfoyer gelegen. Vom Eingang gelangt man über eine breite Treppe ins Foyer der Studiobühne, von der man ebenso Zugang zum großen Orchesterproberaum hat. Die Studiobühne, eine Black Box, ist für experimentelle Aufführungen mit verschiedensten Bühnenkonstellationen und Sitzplatzanordnungen geplant. Die Studio­bühne kann zusätzlicher Theaterraum für Musiktheater, Jugend- und Kindertheater sein, aber auch als Clubbing-Lounge, Fest- oder Tanzsaal dienen. Sie ist mit ihrem Foyer durch eine zweischalige mobile Trennwand verbunden. Die mobile Wand macht es möglich, Foyer und Saal schrankenlos ineinander übergehen zu lassen, teilweise abzutrennen oder optisch-akustisch vollständig vom Foyer zu trennen. Die Studiobühne ist unabhängig von den anderen Bühnen bespielbar und profitiert ebenfalls von eigenen Zugängen zu den Werkstätten und Lagern.

 

GROSSER ORCHESTERPROBESAAL

Bei der Planung und Umsetzung der dritten Aufführungsstätte, dem Brucknersaal, einem großen Orchesterproberaum im ersten Untergeschoß, wurde die Direktion des Bruckner Orchesters Linz von Beginn an eingebunden. Dementsprechend sind die Wege zwischen dem großen Orchestersaal, dem kleinen Probensaal, den Stimmzimmern, dem Instrumentendepot (ca. 430 m²), dem Zugang zum Orchestergraben und den Garderoben und sanitären Räumlichkeiten des Bruckner Orchesters so kurz wie möglich gehalten. Der nordwestseitig gelegene Saal ist neun Meter hoch und besitzt eine hochschalldämmende Vorsatzschale, die ihn vor akustischen Beeinträchtigungen aus dem Umfeld schützt. Strukturelemente an Wänden und Decke sorgen für eine gleichmäßige Schallstreuung und Klangverteilung. Durch seine raumakustische Beschaffenheit erlaubt er auch die Aufführung von Orchester- und Kammerkonzerten. Zusätzlich ermöglicht das integrierte Tonstudio CD-Aufnahmen des Bruckner Orchesters.

 

RESTAURANT

Das lichtdurchflutete Restaurant mit einer Fläche von etwa 200 m² befindet sich im vierten Obergeschoß, etwa 15 Meter über dem Boden, und öffnet sich mit einer großzügigen Fensterfront zum Volksgarten hin. Mit circa 120 Sitzplätzen im Inneren und weiteren 80 Plätzen auf der Terrasse hat man hier einen Panoramablick über die Baumkronen des Parks. Das Restaurant ist über einen äußeren Zugang direkt vom Vorplatz des Theaters, aus der Tiefgarage sowie aus dem Kassenfoyer und den übrigen Foyers (Lift) aus zu erreichen. Zusätzlich zum Restaurant gibt es im Eingangsfoyer ein Café mit ca. 180 m² für 100 Gäste im Innenbereich und 60 bis 80 Gäste auf der Terrasse. Nicht zuletzt sind im Erdgeschoß und im zweiten und dritten Obergeschoß des Opernhauses Pausen-Buffets für kleine Imbisse vorgesehen.

Das Musiktheater mit seiner technischen Komplexität zeigt, dass gerade eine scheinbar simple und sehr reduzierte Architektursprache in der Umsetzung eine sehr große Konzentration bei der Detaillierung verlangt. Gerade durch die Reduziertheit werden Fehler im Entwurf und in der Ausführung im Bereich der Anschlüsse, der Gebäudekanten, der Übergänge etc. sofort sichtbar. Der Erfolg dieses neuen Gebäudes hängt längerfristig nicht allein von seiner Funktionalität und Architektur ab, sondern von seiner Akzeptanz seitens der Linzer Bevölkerung. Die Architektur bietet letztlich auch hier nur die Hülle für die Theater- und Musikprogrammgestaltungen und ein neues Haus für die Künstler.

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