Direkt zum Inhalt
© Walter M. Chramosta© Violetta Wakolbinger © Violetta Wakolbinger © Violetta Wakolbinger © Violetta Wakolbinger © Violetta Wakolbinger © Violetta Wakolbinger

Ein letztlich luzider Tag in Linz

03.07.2019

Politische Programme bedürfen zu ihrer Umsetzung der Reflexion in den herrschenden Verhältnissen; deshalb finden Parteitage statt. Fundamentale Regelwerke, die teilweise die Form von Glaubenssätzen haben, brauchen regelmäßige Situationen der Auslegung; deshalb gibt es Synoden. Der Wettbewerbsstandard Architektur (WSA 2010) ist ein politisches Programm und ein fundamentales Regelwerk. Ein Bericht über die Premiere eines kommunikativen Formats.

von Walter M. Chramosta

Die Bundeskammer der ZiviltechnikerInnen hat in den späten Nullerjahren, bestärkt zuerst durch das Werden, dann durch die Wirkung des Bundesvergabegesetzes 2006, zwei Aktionen gesetzt, die sich im Rückblick als wesentliche Weichenstellungen für das Wettbewerbswesen in Österreich erweisen: 2006 die Eröffnung des Internetportals www.architekturwettbewerb.at und 2010 die Herausgabe des WSA. Beide gelten nun als unentbehrliche Werkzeuge der heimischen Architekturproduktion, die Vergleiche mit ähnlichen Instrumenten in der Schweiz und Deutschland aushalten. 

Hierzulande ist das distante Vertrauen in gedruckte Normen stark ausgeprägt, nicht zuletzt, weil so eine eigene Textunkenntnis leichter erträglich ist und „Regeldeutungen“ elastischer gelingen. Interpassivität, der delegierte Genuss, ist das bezeichnende Verhalten gegenüber einem komplexen Regelwerk: Man ist froh, dass es zeitgemäße Regeln als Rahmen für das Handeln in einem Verfahren gibt, verlässt sich aber in konkreten Fällen lieber doch auf den eigenen Erfahrungsschatz. Eine solche Distanz zum technischen Regelwerk wie zum politischen Grundsatz ist aber gerade für die Akteure im kammerkooperierten Architekturwettbewerb nicht zielführend. 

Wettbewerbswerkzeuge verstehen

Wettbewerbswerkzeuge müssen beherrscht, gewartet und manchmal auch durch bessere ersetzt werden; sie müssen jedenfalls vom Funktionsprinzip her verstanden werden. Das setzt einen offenen Erfahrungsaustausch im engen Kreis der Mitbenutzer des Werkzeugs voraus. Der Wunsch nach periodischen WSA-Gesprächen war in der Fachwelt ab 2010 präsent; dass solche nach der Veröffentlichung des WSA nicht regelmäßig stattgefunden haben, lag nicht allein am Charme der Interpassivität. Die Ursachen sind Kammergeschichte und für diesen Bericht nicht relevant. Bemerkenswert ist: Das Vernetzungstreffen in Linz bedeutet eine standespolitische Premiere und den Beginn einer Serie jährlicher Konferenzen.

Die Bundeskammer der ZiviltechnikerInnen lud am 17. 5. 2019 in Kooperation mit der Kammer der ArchitektInnen und IngenieurInnen für Oberösterreich und Salzburg zum Symposion „Der Architekturwettbewerb – das bewährte Instrument zur (Vorbereitung der) Vergabe von (Entwurfs- und) Planungsleistungen“ in das „Ars Electronica Center Linz“. (Die in Klammern gesetzten Beifügungen klären den im Titel verkürzten Zusammenhang zwischen den vom Vergaberecht definierten Auslobungs- und Vergabeverfahren). Geladen waren am Vormittag alle in- und ausländischen Fach- und SachpreisrichterInnen, die zuletzt in Österreich tätig waren; am Nachmittag war die Veranstaltung öffentlich.

In den Begrüßungen durch die Repräsentanten der Veranstalter, Rudolf Wernly, Katharina Fröch (für den verhinderten Daniel Fügenschuh) und Heinz Plöderl, wurden die Konturen des Themas gezeichnet: das (fach-)öffentliche Gespräch über den Architekturwettbewerb ist notwendig, weil nur durch den Gleichklang der Haltungen und Handlungen der Akteure im Spannungsfeld vieler Interessen die Verfahren inhaltlich gelingen können; Architekturwettbewerbe involvieren nicht nur Architekten, sondern auch die mit der Architektur verbundenen Ingenieurdisziplinen. Architekturwettbewerbe sind ein Element der Baukultur mit einer 150-jährigen, ungebrochenen Tradition, die entwicklungsfähig ist. Hervorgehoben wurde, dass die Veranstaltung auch den Auftakt zu einer Novelle des WSA darstellt, die kommendes Jahr veröffentlicht werden soll.

„Ein chaordischer Tag“

Der Vormittag verlief unter der Moderation von Ursula Hillbrand „chaordisch“ (ein Wortspiel aus Chaos und Ordnung), als strukturierte Sammlung des mitgebrachten individuellen Wettbewerbswissens und dessen Rückführung in das Forum. Als Einstimmung kam es zu „Familienaufstellungen“ unter verschiedenen Aspekten: Woher kommen wir? (die Mehrzahl der Tagungsbesucher kam aus dem Osten und der Mitte Österreichs) oder: Wohin gehen wir in der qualitätssichernden Wirkung? (die Mehrheit fand sich zwischen befriedigender und genügender Mitte). Als nächste Kommunikationsform wurden „wertschätzende Befragungen in Trios mit Rollentausch“ geführt, etwa zur Frage: Welche Verfahrensaspekte, welche Qualitäten waren ausschlaggebend in einem erfolgreichen Wettbewerb? oder: Was braucht es, um überall solche Situationen zu erzeugen?

Der Ertrag waren zwei reiche Listen: die eine nennt Verfahrensqualitäten, die sich bewährt haben, die andere Maßnahmen, die im Wettbewerbswesen verallgemeinerbar sind. Die Schlüsselsätze zu den bewährten Verfahrensqualitäten lauten: „Jeder erfolgreiche Architekturwettbewerb hat eine sorgfältig und klar formulierte Vision. Nur eine bewusste Bestellqualität des Auslobers sichert Architektur. Verfahrens­offene und visionäre Auslober sind besonders erfolgreich. Es ist sinnvoll, Dorfentwicklung und Wettbewerbswesen zusammen zu denken. Ohne politischen Willen entsteht keine Architektur. Die genau, aber knapp beschriebene Aufgabe schafft ein lohnendes Wettbewerbsziel, und dieses lockt die richtigen Teilnehmer an.“

Bewährte Verfahrensqualitäten

Und weiter: „Bestellqualität besteht auch darin, die Ausloberwünsche in den Beurteilungskriterien auszudrücken. Eine fachliche Moderation der Preisgerichtsdebatte führt inhaltlich weiter, nicht eine juristische. Der Preisgerichtsvorsitz zeigt Führungsqualität, vor allem beim adäquaten Zeitmanagement. Die Phase 0/Projektentwicklung ist ernst zu nehmen. Das gut gemischt zusammengesetzte Preisgericht ist maßgebend für den Verfahrenserfolg. Der Bauherr identifiziert sich ganz mit den Auslobungsunterlagen. Wenn notwendig: die Zweistufigkeit nutzen, aber mit niederschwelliger erster Stufe! Berufsvertretung und Politik müssen in Kontakt sein.“

Weiters: „Viel Sorgfalt auf die Verfahrensvorbereitung und die Auslobungsunterlage verwenden. Die konstituierende Sitzung des Preisgerichts muss vor der Bekanntmachung stattfinden! Die Verfahrenswahl muss immer angemessen sein (auch wenn ausnahmsweise kein Wettbewerb angebracht ist). Die Finanzierung des Vorhabens ist gesichert. Ohne öffentliche Rückendeckung durch Preisgericht, Politik, Auslober für das Wettbewerbsergebnis keine Realisierung. Nur fähige Preisrichter werden nominiert. Preisrichter lassen sich in Rhetorik und Mediation fortbilden.“

Was braucht es überall?

Die zweite Liste nennt verallgemeinerbare Maßnahmen: „Preisgerichte sind überregional zu besetzen, um ihre Unabhängigkeit zu stärken. Das Wettbewerbswesen ist mit Gestaltungsbeiräten zu koordinieren. Die Kammerkooperation ist immer anzustreben. Die Versuche, auch Private von Wettbewerben zu überzeugen, dürfen nicht nachlassen. Die Länderkammern müssen einheitlich vorgehen und mehr miteinander kommunizieren! Die Wettbewerbskultur muss in der Politik besser verankert werden. In jedem Bundesland ist ein ‚baukulturelles Gewissen‘ zu eta­blieren, das bei Bedarfszuweisungen Vorgaben zur Qualitätssicherung macht (Wettbewerbspflicht). Es muss immer ausreichend Zeit für die Wettbewerbsvorbereitung bleiben. Standardisierte Gemeinde-Verträge für geistige Dienstleistungen sind anzustreben.“

Weiters: „Die Sprache im und über den Wettbewerb muss laienverständlich sein. Gute, d. h. unvoreingenommene Rechtsberatung ist öffentlichen Auslobern regional anzubieten (gegen laufende TU-/ GU-Kampagnen!). Die Politik muss für den Wettbewerb begeistert werden! Die Solidarität der Architekten ist zu stärken. Die Bekenntnisse der Politik zur Baukultur sind endlich alltagspolitisch auf die Probe zu stellen. Die Beamten der Kommunen sind besser für den Architekturwettbewerb auszubilden! Eine jährlich vorgelegte, bundesweite Statistik hat die Architekturwettbewerbe mit anderen Verfahren in Bezug zu setzen. Mehr Bildung und ganzheitliches Denken helfen ganz allgemein dem Architekturwettbewerb. Die Beurteilungskriterien (v. a. im Hinblick auf Realisierbarkeit) sind stets ernst zu nehmen. Architekten, Auslober, Stakeholder usw. müssen im Architekturwettbewerb als Team mit gemeinsamen Zielen agieren. Das Credo bleibt weiterhin: mehr offene Wettbewerbe!“

Grenzen der Standespolitik

Die Trio-Interviews waren ein erster Höhepunkt des Tages. Die beiden Listen von Maßnahmen zeigen, dass die Preisrichter und die Wettbewerbsausschüsse/Kammern gemeinsame Problemsichten haben und auch die besten Lösungen kongruent gesehen werden. Als wesentliches Defizit wird die unvollständige Koordination raumrelevanter Aufgaben des Bundes, der Länder und Kommunen unter der Prämisse Baukultur gesehen. Dabei zeigen sich die Grenzen der Standespolitik allzu deutlich. Den Ausweg weisen wohl am ehesten Allianzen mit anderen Interessensvertretungen, direkt auf die Verfahrenswahl zielende Beratungsangebote an die Kommunen und eine noch akzentuiertere, breite Öffentlichkeitsarbeit für den Architekturwettbewerb.

Den Vormittag beschlossen sieben Dialogworkshops, in denen die angesprochenen Vorzüge des Architekturwettbewerbs nochmals vertieft wurden: Gemeinwohlorientierung (empfohlene Maßnahme: interdisziplinäre Teilnehmerkreise), Architektensolidarität (Offensive für Solidaritätserklärung), Spannung Fach-/Sachpreisrichter (frühe Konstituierung), Wettbewerbsberatung im Bundesland (regionale Konsulenten), das Prinzip beste Vergabe (Querschnittsmaterie für alle), das Schreiben und Sprechen im Wettbewerb (präzise Beurteilungskriterien, ein-/zweiskalige Rangsysteme anwenden, langsames und „einfaches“ Schreiben), das Dilemma „verlorener“ Wettbewerbe (da so häufig: Schaden minimieren; aufwandsenge, faire Aufgaben).

Bayern hat andere Architekten

Nach dem Mittagstisch erörterte Planungsstadtrat Markus Hein die Städtebaupolitik der Stadt Linz. Dann stellte Felix Ehrnhöfer, der Generalsekretär der Bundeskammer, die Ergebnisse der jüngst abgeschlossenen Umfrage unter den Fach- und Sachpreisrichtern vor, womit erstmals ein umfassender empirischer Befund über den Architekturwettbewerb besteht; etwa zur hohen, aber noch zu verbessernden Akzeptanz des WSA. Vier Impulsreferenten berichteten dann über ihre Sicht der Wettbewerbssituation. Walter Landherr (München) strich die Unterschiede der Mitgliedsstruktur der Bayerischen Architektenkammer heraus: unter den 24.000 Mitgliedern sind auch beamtete und angestellte Architekten, was einen Vorteil gegenüber den öffentlichen Auslobern darstellt. Wettbewerbe werden von der Kammer nach Prüfung registriert; die Mitwirkung bei nicht regis­trierten Wettbewerben ist sanktioniert.

Oliver Voitl (BYAK München) stellte die deutsche Rechtslage mit „Vergabeverordnung“ und „Richtlinie für Planungswettbewerbe“ vor. Eine von Österreich abweichende Praxis ergibt sich sowohl beim Wettbewerbszugang als auch beim Übergang zum Vergabeverfahren: Die „Schnittstellen“ sind „breiter“ gestaltet, ergeben mehr Chancen (Losverfahren) und Risken (Verhandlung mit mehreren Gewinnern). Christine ­Horner (Wien) plädierte für kleine Verfahren mit klügeren Referenzhürden, schlanke Verträge und die Bereitschaft zum temporären, pädagogischen Perspektivwechsel bei allen Wettbewerbsakteuren. Letztlich konnte Hans Peter Achatzi ­(Berlin) luzid darstellen, wie er bei großen Auslobern angstfrei die „Lust auf offene Wettbewerbe“ weckt: mit präzisen Aufgaben, ggf. mit zweistufiger, aufwandsenger Durchführung, mit einer extra geführten Eignungsreihung. 

Achatzi postulierte, ausgehend von seinen empirischen Wettbewerbsforschungen in Deutschland: der offene Architekturwettbewerb soll zum Regelverfahren für alle öffentlichen Bauvorhaben werden. Seine Forderung ließ die Argumentationswolke der Preisrichtertagung, die bis dahin eher auf Gipfelhöhe des Pöstlingbergs zu vermuten war, hoch in den außergewöhnlich klaren, blauen Linzer Himmel steigen. Das gebaute Linz mag einen nicht nur froh stimmen. Aber mit einem Mal beflügelte die fundierte, einfach radikale Rede von der Lust auf offene Wettbewerbe die Debatte schneller als das zuvor geschnürte Bündel bester Praktiken. Fortsetzung folgt!

Werbung

Weiterführende Themen

Lange galten Österreichs „Ortskaiser“ als Mitverursacher der Zersiedlung und Verhüttelung des Landes. Mittlerweile aber haben viele Bürgermeister die Notwendigkeit einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung erkannt, können mit ­kommunalpolitischen Maßnahmen aber nur bedingt zu einem Wandel beitragen.
Coverstory
27.02.2019

Die wesentlichen Weichenstellungen für die Siedlungs- und Verkehrsentwicklung erfolgen weniger durch die Planungspolitik als durch Gesetze, Förderungen, Steuern und Abgaben, die auf den ersten ...

Meinung
07.02.2019

von Walter M. Chramosta

Feiern stärkt die Bürogemeinschaft und prägt das Image – LOVE im „Wilden Mann“ in Graz.
Coverstory
05.11.2018

Wenn Architekten in die Rolle der Bauherren schlüpfen und Räume nicht nur zum Arbeiten, sondern auch zum kulturellen Austausch, zum Kochen, gemeinsamen Essen, zum Chillen, zum Präsentieren und zum ...

„Nichtwirkung auf den Stadtkern“, gesehen von Nordwesten, Kreuzung Schubertring und Rosenbursenstraße, gesehen Richtung Marxergasse, Universität für angewandte Kunst und des stadträumlichen Hochpunkts Justizzentrum Wien-Mitte (Ortner + Ortner Baukunst, 2003), 1010 Wien
Coverstory
27.09.2018

Steigen die Zimmertemperaturen dauernd über 25º Celsius, dann ist bei Kokosfett der Wechsel des Aggregatzustands von fest auf flüssig zu beobachten, der es wie das Wasser dafür prädestiniert, ...

Meinung
28.08.2018

von Walter M. Chramosta

Werbung