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Peter Märkli: Es braucht Sinnlichkeit und eine Gestalt

16.08.2017

Subtile Kontexte Peter Märkli hat einmal sein preisgekröntes Museum „Congiunta“ in Giornico als „architektonischen ­Versuch zur Kunst“ bezeichnet. Der vielseitig interessierte Architekt plädiert für eine notwendige Transdiziplinarität der Bereiche Malerei, Skulptur und Architektur. FORUM hat Bruno Märkli anlässlich seiner Teilnahme am Architekturkongress „Am Ende Architektur“ im Architektur­zentrum Wien getroffen. 

Susanne Karr im Gespräch mit Peter Märkli

Ein Anlass für die Gründung der unabhängigen Architekturschule March (Moscow School of Architecture), an der Sie als Vortragender und Kritiker tätig sind, war das Überhandnehmen eines außer Rand und Band geratenen Architekturtreibens in der Stadt bei gleichzeitigem Fehlen fundierter Architekturkritik. Wie würden Sie die Entwicklungen im Städtebau in Moskau zum Beispiel mit anderen europäischen Städten vergleichen?
Peter Märkli: Die aktuellen Prozesse im Moskauer Städtebau werden von kapitalistischen Kräften gesteuert, die kein Pardon kennen. Wie die ganze Stadt das aufnehmen wird, wenn das so weitergeht, weiß ich nicht – da kann man skeptisch sein. Aber im Moment ist Moskau eine große Stadt, die in unseren Augen sehr rau ist, aber total funktioniert. Robert Mall, der mit der Metropolitan University London Pate der March ist, gefällt die Stadt sehr – auch meiner Frau.

Und Ihnen nicht?
Doch, aber um genau darüber sprechen zu können, müsste ich sie besser kennen. Ich sehe nur, dass die internationale Architektur in Moskau auf gleiche Weise wie in Neapel – wie die schrecklichen Glashäuser am Hafen – einfach nicht funktioniert. Ein Kritikpunkt von Eugene Asse (einer der Gründer der March) ist ja auch, dass präsowjetische und sowjetische Architektur durch diese pompösen Kolosse verdrängt wird. 

In Bezug auf Architekturgeschichte – welche Baudenkmäler müssten erhalten werden?
Zuerst einmal die lebenswerten Strukturen, die mehr als nur ein Bauwerk sind, denn sie sind die großen Investitionen in Städten. Solche Strukturen kann man allenfalls im Kontext weiterbauen oder reparieren. Das muss man im Detail prüfen. Das einzelne Haus kann ersetzt werden.
In Moskau selbst hänge ich an gewissen Dingen, die jetzt infrage gestellt werden, etwa am Radioturm von Schuchow, einer wunderbare Stahlkonstruktion, und am Wohnhaus von Ginsburg, das ich auch von innen kenne. Solche Gebäude zu entfernen ist eigentlich nicht erlaubt. Auch wir büßen unsere Sünden in unserem Beruf. Es sind langfristige, leider nicht unmittelbare Folgen, die wir produzieren. Sonst würden Architektur und Städtebau anders aussehen.

Wie würden sie denn aussehen?
Zivilisierter. Viele neue Bebauungsstrukturen wären nicht möglich, wenn sie nicht den Halt der alten hätten. Ihre Effekte sind unglaublich pro­blematisch, irreparabel, das sieht man europaweit. In der Schweiz etwa wurden durch Bautätigkeiten alle Hänge zerstört. Früher gab es wunderbare Bauernhäuser, Wirtschaftsbauten und Bürgerhäuser, die der größte Kulturschatz der Schweiz sind. Die Bauernhäuser sind regional sehr verschieden. Es war logisch, dass talseitig die Fassade hoch war und hangseitig niedrig. Heute aber baut man die Topografie komplett zu. Die ganze Gestalt der Landschaft geht so kaputt.

Ist das eine Folge des Prinzips „Wir bauen das so, weil wir es können“?
Nein, wir könnten das andere auch. Unsere Baugesetze sind ja nicht unveränderbar. Sie gelten heute für alle gleich – in den Gebirgs- und Alpenregionen bis hin zu Flachlandregionen – und beziehen die Gestalt der Landschaft nicht mit ein. 

Also ohne Bezug zur Umgebung.
Ja. Höhe versteht man in der Schweiz meistens negativ, da spricht man schnell von einem „Ghetto“. Die bürgerliche Vorstellung einer „heilen Welt“ wird vor allem durch ein zweigeschoßiges Haus repräsentiert. Alles andere ist eher fremd. Wir haben ein Abstimmungssystem, das manche Abstimmungsdiktatur nennen. Demokratie bedeutet aber, relevante Minderheiten miteinzubeziehen. Wir können uns verabschieden von Vorstellungen von einheitlichen Städten wie Paris. Wir brauchen die heterogene Stadt: Quartiere, die in dieser Weise, und Quartiere, die in jener Weise gebaut sind, Hochhausquartiere, Einfamilienhausquartiere usw. Gewisse bestehende Quartiere müssen geschützt werden, die Frei- und Grünräume sowieso und die Straßenzüge. Dann werden wir sehen, in welchen Quartieren sich das Leben mehr einnistet, welche lebensfähiger sind. Das kann man nicht ideologisch festlegen, es ist aber auch nicht Privatsache. Städtebau ist eine gesellschaftspolitische Fragestellung.

Was halten Sie von Entwicklungen, Mega-Citys voranzutreiben, indem man 50-stöckige Häuser entwirft, die außen begrünt werden, um Lebensqualität zu erzeugen?
Diese Begrünung halte ich für einen Flop. Ich will ein normales Haus. Wenn schon, dann brauchen wir Außenräume, die wie Gärten sind. Das Begrünen allein ist einfach so ein modischer Schwachsinn, wie es ihn oft gibt.

Die Frage, die damit im Zusammenhang steht, ist jene nach dem „human scale-effect“. Wo findet sich der, wenn das Gebäude 200 Meter hoch ist?
Dieser ist nicht abhängig von der Größe eines Bauwerks, sondern vom kontextuellen Bezug, der das Gebäude herzustellen vermag oder eben nicht. Niedrige Häuser und ein hohes Haus, das funktioniert gut, wenn außen ein Kontext hergestellt wird. Die Maßstäblichkeit niedrigerer horizontaler Häuser füge ich in den neuen hohen Baukörper ein. Das Sockelgeschoß mit dem Eingang des hohen Hauses muss dem Straßenraum angepasst werden. Der Sockel darf nie höher sein als die Hauptbaukörper der umgebenden Häuser. Bezüglich der Höhe wäre ich sehr großzügig, ich habe da keine Wertigkeiten.

Es gibt aber viele Menschen, die Höhenangst haben.
Die müssen ja nicht dort hinziehen, wir haben ja von unterschiedlichen Quartieren gesprochen. Andere haben einen Adrenalinschub.

Die ganze Zeit, die sie dort wohnen?
Würden Sie wegen der Leute, die Höhenangst haben, als Stadtbaumeisterin sagen, es gibt kein einziges Haus über fünf Meter? Und wo beginnt die Höhenangst?

Nein, es geht eher um Wohntürme – wie etwa Highrises mit Sozialwohnungen in Singapur mit knapp 150 Metern Höhe.
In England kenne ich mich besser aus, in London wurden als Teil eines Sozialprogramms auch hohe Häuser gebaut. Für viele Menschen aus allen möglichen Schichten ist ein herkömmliches Gebäude zugänglicher. Die Idealsituation wäre, wenn alle Leute frei wählen könnten, welche Lebenssituation ihnen entspricht. Das Leben in einem Hochhaus geht eher mit einem neueren Lebensgefühl einher. Nach dem Weltkrieg, dem fürchterlichen Zusammenstoß mit uns selbst, ist langsam ein neuer Wohlstand gewachsen, die Industriegesellschaft mit einigen akzeptablen und langlebigen Produkten. Doch in der jetzigen Konsumgesellschaft geht es nicht mehr um langfristige Qualität, sondern um kurzlebige Produkte, die immer wieder neu gekauft werden müssen.

Nur die Nebenerscheinungen werden diskutiert, anstatt die Konsumgesellschaft als solche infrage zu stellen – weder in der Politik noch an der ETH in Zürich. Dafür heißt es: Die Architekten müssen nachhaltige Häuser bauen. Wie lösen Sie das? Mit der Konsumgesellschaft, in der alles kaputtgehen muss, in der man am Sonntag zum Skilaufen fährt und zwei Autos braucht: Da muss der Architekt dann das gute Gewissen bauen. Dicke Isolation an den Fenstern, im Innenraum erstickt man fast. Man sagt nicht, man kann einen Pullover anziehen, nein, drinnen wird geheizt, sodass man auch im Winter im Bikini vor der Glasscheibe stehen kann. Das ist dann die Moral. Da­raus ergeben sich die wirklichen Fragen. Wie beim Geld. Über das Kapital, das weltweit ohne Grenzen fließt, muss gesprochen werden. Aber in der Schweiz stimmen wir über Papierkörbe ab.

Bei diesen unwichtigen Entscheidungen dürfen alle mitreden.
Die wirklichen Fragen werden nicht besprochen. Doch wie wirken sich die Dinge, die wir in der Gegenwart beobachten, in der Zukunft aus? Die Zeitmeinung ist mir relativ egal. Ich möchte keine modischen Häuser bauen, sondern zeitlose. Wenn man sich alle Mühe gibt, dass das eigene Schaffen etwas von dem mitnimmt, was uns die Alten mitgegeben haben, und wir das weiterführen, dann gibt es automatisch diese politischen Fragen. Das ist aber alles unbequem.

Sie kritisieren also vor allem auch die Lehre in dieser Hinsicht sehr stark?
Ja, all dies wird nicht problematisiert. Jeder hat nur eine „Meinung“. Es ist letztlich nichts einfacher, als ein nachhaltiges Haus zu bauen. Man hat vier Zahlen, und schon ist man praktisch im Paradies. Weil die Rechnung stimmt. Aber alle Komponenten des Menschseins, vom Raumklima bis zum psychologischen, emotionalen Wert, werden in der Nachhaltigkeit nicht mitgerechnet. Und für viele halb begabte Architekten ist das natürlich totales Futter, die sind sofort dabei mit ihren nachhaltigen Häusern. Sie müssen keine Architektur machen, sondern nur irgendeine Hülle bauen. Viele dieser Gebäude zähle ich nicht mehr als Architektur, wie ich unseren Beruf verstehe.

Was sehen Sie als wichtige Charakteristika und Merkmale der Architektur?
Dass sie eine innere Raumstruktur versuchen nach außen abzubilden und umgekehrt, und dass sie die Menschen in ihrer Seele erreichen. Es braucht eine Sinnlichkeit und eine Gestalt. Man muss Elemente zueinanderfügen, schöne Öffnungen machen, sodass Sie als Mensch nobilitiert werden, wenn Sie dieses Haus anschauen, daran vorbeigehen. Wenn Sie einfach ein kleines Glasmodell bauen und es 200 Meter hoch vergrößern, und Sie sehen von unten bis oben Glas, dann ist das ein Riesenmissverständnis. Reine Glashüllen entsprechen mehr einer Verpackung einer inneren Raumsituation als einer Gestalt, die das Innere nach außen repräsentiert. Doch diese Verpackung scheint ideal als Antwort auf bauphysikalische Fragen wie: Wie können wir innen und außen, wegen der Wärme- oder Kältebrücke, zueinander in Beziehung setzen? Denn kein Bauteil geht bei ihnen überhaupt von innen nach außen. 

Welche Materialien eignen sich für sinnlich wahrnehmbare Architektur?
Die Frage würde ich gerne ganz einfach beantworten: Der Verantwortliche ist der Verfasser. Es gibt kein gutes oder schlechtes Material, nur was daraus gemacht wird, kann beurteilt werden. Das Material selbst ist unschuldig, zuerst einmal.

Wobei ja gerade in der repräsentativen Architektur viel mit Glas und Stahl gearbeitet wird, und das soll ja etwas heißen.
Ja, das hat Mies van der Rohe auch gemacht. Doch er hat dem Gebäude eine Gestalt gegeben. Man kann ihn aber nicht weiter radikalisieren.

Sein Stil ist ausformuliert?
Ja. So viel, wie er gemacht hat, braucht’s. Dann ist es eine Gestalt. Das darf man nicht verlassen. Für mich waren immer Architektur, Bildhauerei und Malerei gleichberechtigt wichtig. Die Avantgarde im frühen 20. Jahrhundert war nicht die Architektur, sondern die Malerei. Das Auge hat ganz neue Bildräume entwickelt, bei Cézanne oder im Kubismus. Mein Entwurf profitiert vom Wissen der Malerei, von Reliefs usw.

Sie erwähnen in einem Talk auch Pissarro.
Ja, denn da geht es um eine Bildentwicklung, die nicht mit Achsen arbeitet. Ihre Bezüge funktionieren wunderbar. Wir müssen uns an der Malerei orientieren und entwickeln, und dann können wir uns in bestehendem Kontext, auf Restflächen oder eben in nichtpräzisen Ordnungen erinnern, welche Räume – Stadträume – entstehen können. Das wäre das Kapital, das anzuschauen. Das würde uns ein Stück weiterbringen.

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