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fasch&fuchs: Architektur ist keine Duftnote

07.11.2003

Hemma Fasch und Jakob Fuchs arbeiten seit über acht Jahren zusammen. Nach unzähligen mehr oder weniger erfolgreichen Wettbewerbsteilnahmen werden jetzt die ersten größeren Projekte umgesetzt. Sie haben in Graz und Wien studiert und waren beide Assistenten bei Helmut Richter an der TU Wien. FORUM sprach mit ihnen über ihre Entscheidung, Architektur zu studieren, die unermüdliche Wettbewerbstätigkeit, ihre Kritik am Wettbewerbswesen, das Teamarbeiten mit universitärem Charakter und Ausgleichsbeschäftigungen vor der Leinwand und im Erdbereich.

noncon:form im Gespräch mit fasch&fuchs

Fasch&Fuchs: „In der Startphase eines Projekts ist es das wichtigste, alles zu hinterfragen und nicht nur mit einer kritischen, sondern mit einer erklärenden Haltung mit allem umzugehen.“

Wie seid ihr zur Architektur gekommen?
Per Zufall. Ich habe meine Freundin gefragt, was sie studiert. Sie hat am nächsten Tag Architektur inskribiert, und ich bin mitgegangen. Erst nach drei Jahren war ich von der Richtigkeit der Wahl überzeugt. Letztendlich hat man an der TU Graz auch einen großen Freibereich gehabt, weil die Professoren eher zurückhaltend waren und zusätzlich haben die Zeichensäle alle geprägt.

Und du Jakob?
Ich kann mich erinnern, dass ich im Gymnasium Wörgl in der vierten Klasse sitzen geblieben bin, wodurch meine Eltern nervös geworden sind und mich zu einem Berufseignungstest geschickt haben, und das Ergebnis war: Technisch begabt! So kam die HTL Hochbau, und danach war für mich klar, dass ich die „angenehmere Art“ des Lebens will – also nicht sofort in das Arbeitsleben einsteigen, sondern studieren, hauptsächlich um Zeit zu gewinnen. Da Bauingenieurwesen damals für mich nicht in Frage kam, habe ich Architektur inskribiert. Somit bin ich durch eine Kette von Zufällen irgendwie da reingeschlittert.

Ihr seid ja als Wettbewerbsmeister bekannt. Wie ist das entstanden, und an wie vielen Wettbewerben habt ihr bis dato teilgenommen?
Wir haben getrennt während der Studienzeit schon Wettbewerbe gemacht, weil das für uns interessanter war, als uns nur mit theoretischen Aufgabenstellungen herumzuschlagen. Wir haben an etwa 70 Wettbewerben teilgenommen. Zuerst hat es uns ja noch Spaß gemacht, aber da wir immer bei den Ankäufen gelandet sind, ist bald eine Frustrationsphase eingetreten.

Habt ihr euch nach eurer Assistententätigkeit bei Helmut Richter ausschließlich über Wettbewerbe finanziert?
Ja, Wahnsinn. Wir möchten an das gar nicht mehr zurückdenken, denn das war extrem belastend. Teilweise haben wir nicht mehr gewusst, wie es finanziell weitergehen soll. Ein Wettbewerb geht im besten Fall mit wenig Minus und im schlechtesten mit einem irren Minus aus. Rechnen tut sich das finanziell nie.

Wie wählt ihr die Wettbewerbe aus?
Je mehr Erfahrung, desto genauer weiß man, bei welchen Wettbewerben es Sinn macht, mitzumachen. Wir schauen uns die Aufgabe und dann die Jury an, und an dieser scheitert es eigentlich öfter. Wenn wir von der Jury keine gute Meinung haben, dann machen wir nicht mit.

Euer Büro belegt ein ganzes Stockwerk eines Industriebaues und wirkt sehr groß. Wo ist der Clou dabei? Entweder es ist sehr günstig …
Einerseits wirkt es nur so groß auf Grund des Wandspiegels, aber zugegeben, es ist auch günstig. Mittlerweile sind wir ja zwischen zwölf und 15 Leute. Wieso haben wir eigentlich so viele Leute? Weil wir so langsam arbeiten [beide lachen, Anm.] … oder zu intensiv?

Wie ist eure Bürostruktur? Seid ihr Teamarbeiter? Wie sieht eure interne Arbeitsaufteilung aus?
Unser Büroaufbau bedeutet einen Bruch mit unseren Lehrern. Günther Domenig, Josef Lackner, Ernst Hiesmayr oder Helmut Richter sind alle starke Einzelpersönlichkeiten und bestimmen auch die Architektur selbst. Bei uns im Büro ist die Mitbestimmung von jedem Einzelnen nicht nur viel größer, sondern wir entscheiden gemeinsam im Team. Das hat einen angenehmen, universitären Charakter, weil man ausführlich über Inhalte und Zielsetzungen diskutiert. Und der Großteil der Mitarbeiter begleitet uns schon relativ lange. Das ist etwas sehr angenehmes. Es ist schön, dass sich der Grundstock immer gehalten hat. Zwischen uns beiden war die Arbeitsaufteilung am Anfang ausgewogen, jetzt fängt es an, sich in spezielle Kompetenzbereiche aufzusplitten.

Kannst du uns deine Kompetenzbereiche skizzieren, Hemma?
Die möchte ich nicht beschreiben, denn dann lande ich bei der Sekretärin [lacht, Anm.].
Das stimmt nicht! Nur weil du die Bereiche wie Honorare und Verträge sehr professionell abdeckst, muss man dich nicht als Sekretärin bezeichnen. Durch die Zunahme der Aufträge kommen wir auch mehr in die Abwicklung, was Hemma große Freude bereitet. Ich bin nach wie vor mehr bei den Wettbewerben daheim.

Ihr seid bei der IG Architektur in der Wettbewerbsgruppe und somit an der Kritik bzw. Neugestaltung des Wettbewerbswesens aktiv beteiligt. Woran kränkelt das System?
Das ist ein Kampf gegen Windmühlen. Manche öffentlichen Auftraggeber verstehen langsam worum es geht, dass sie auch einen Nutzen aus Wettbewerben ziehen. Aber manche glauben noch immer, dass sie so kleine Landgüter verteilen können, wo man dann ackern darf.

Aber worin liegt eurer Meinung nach das Kernproblem?
Einerseits daran, dass es zu wenige Wettbewerbe gibt und andererseits an der inhaltlichen Haltung der öffentlichen Hand. Es kommt bei Wettbewerben mit einer guten Jury unter Umständen etwas heraus, was der Auslober überhaupt nicht bedacht hat, und davor hat er Angst, anstatt dies als Chance zu sehen.

Es ist im Endeffekt die Angst vor neuen Dingen, die man nicht zulassen möchte.
Ja, weil eine Architektin bei vielen Auftraggebern der öffentlichen Hand keinen Status mehr hat. Sie wird wirklich nur noch als technische Zeichnerin gesehen, darauf wird man zurückgeführt. Natürlich nicht bei allen, es hängt von den handelnden Personen ab. Beim Kindermuseum hatten wir extremes Glück. Heinz Reiter, man muss seinen Namen nennen, vom Hochbauamt Graz hat maßgeblich zum Gelingen dieses Projekts beigetragen. Oder auch bei der Pädagogischen Akademie in Salzburg hatten wir die Möglichkeit, dem Bauherrn zu erklären, wie Schule anders funktionieren kann. In beiden Fällen sind die Auftraggeber mitgegangen, weil sie die intellektuellen Fähigkeiten dazu haben.

Manche haben sie aber nicht …
Ja, und wenn so jemand dann in die Situation kommt und einen Wettbewerb ausloben muss, dann strickt er sich irgendetwas zurecht, was Architektur ist – z. B. das Schlimmste, das wir neulich bei einer Jury gehört haben: „… es ist eine ,Duftnote’, die der Architekt setzen darf …“

Geht ihr gerne in die Jury? Wie wir Hemma kennen, liegt es dir sicher, in einer Gruppe zu überzeugen.
Da habe ich schon Geschicktere erlebt – Hut ab vor manchen. Ich gehe aber gerne in Jurys, weil ich das Gefühl habe, dass es möglich ist, in der Architekturlandschaft etwas mitzubestimmen. Man ist in der Lage inhaltlich oder städtebaulich Einfluss zu nehmen, wenn ein gutes Ergebnis rauskommt, was ja nicht immer zwangsläufig der Fall ist.

Was ist das inhaltliche Fundament, auf das ihr bei euren Arbeiten aufbaut?
In der Startphase eines Projekts ist das Wichtigste, alles zu hinterfragen und nicht nur mit einer kritischen, sondern mit einer erklärenden Haltung mit allem umzugehen. Nach der Klärung ist das Fundament für die Architektur da, und das Projekt ergibt sich eigentlich von selbst.

Müssen eure Projekte von Beginn an umsetzbar sein?
Was uns mitunter zornig macht, sind modische theoretische Ansätze, wo man auf die Schnelle aufspringt und der Wind meist aus Holland weht. Wie gesagt, wir versuchen uns ganz intensiv in die Aufgabenstellung einzufühlen und alle Parameter so lange zu analysieren, bis zum Schluss ein Bauwerk rauskommt, das umsetzbar sein muss. Völlig Utopisches machen wir nicht. Aber natürlich versuchen wir, über Grenzen hinauszugehen, wo wir denken, dass es noch durchführbar ist.

Und wie wichtig sind euch die städtebaulichen Kriterien bei den einzelnen Maßnahmen?
Das Thema Städtebau wird immer wieder missbräuchlich verwendet, weil es letztendlich jede Bauaufgabe ist. Man kann ja nicht so tun, als ob da nichts passieren würde. Das Centre Pompidou hat ein ganzes Stadtviertel verändert, und es wird ein Wartehäuschen von einer Straßenbahnstation auch etwas verändern. Jedes Ding hat einen Einfluss, wenn es nicht als Einzelobjekt betrachtet wird.

Und von der Materialität her?
Alles, was mit Ziegel und Stein zu tun hat, halten wir eher im Hintergrund. Dass, man Stein über Stein oder Ziegel über Ziegel schlichtet ist nicht mehr zeitgemäß.

Dafür, dass ihr zufällig Architektur studiert habt, seid ihr unglaublich engagiert. Gibt es so etwas wie Ausgleichsaktivitäten?
Wir haben gesagt, dass von vier Wochen Arbeiten eine Woche Urlaub sein soll. Das haben wir aber erst einmal eingehalten. Jetzt wollen wir alle paar Monate eine Woche lang nachdenken. Aber es ist nicht mehr so extrem wie früher, wo man wirklich jedes Wochenende gearbeitet hat. Hemma betreibt mit großer Leidenschaft einen Garten.

Was hast du heuer geerntet?
Sehr viel Basilikum und andere Kräuter, aber das ist egal. Meine Gartenleidenschaft hat damit zu tun, dass ich mich irgendwie erden muss. Das Herumwühlen in der Erde ist sehr angenehm entspannend und wichtig für mich. Manchmal verliere ich mich ein Wochenende lang in einem Arch+. Das ist für mich auch erden, wo ich aus dem Getriebe rauskomme.

Sie macht den Garten, und du Jakob?
Ich kann alles oder nichts machen. Vom  Kaffeehaussitzen über sportliche Aktivitäten bis zum tagelangen Lesen oder ins Kino Gehen. Während der Viennale ist von mir im Büro nichts zu bekommen, da sitz ich in fremden Welten.

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