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feld72: Konflikte = neue Perspektive

13.10.2008

feld72, das fünfköpfige multinationale Team, vermittelt Architektur auch anders: neben klassischen gebäudeentwürfen werden theoretische und experimentelle Projekte entwickelt, die performativ umgesetzt werden. Der Mensch wird zum Akteur und angeregt, vorgefertigte Klischees zu hinterfragen, sich eine eigene Meinung zu bilden und somit Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Ein Prozess, der neue Möglichkeiten entstehen und zusätzliche Qualitäten erforschen lässt. Für diese Art der Sensibilisierung, der Vermittlung der Architektur, nimmt feld72 in der österreichischen Architekturlandschaft eine Einzelposition ein.

Brigitte Amort im Gespräch mit Anne Catherine Fleith, Michael Obrist, Mario Paintner und Peter Zode

feld72: „Wir Architekten tragen dieselbe Verantwortung wie der Nutzer. Das sind Sensibilisierungsprozesse, in denen es darum geht, diese Verantwortung spürbar zu machen, egal, ob es sich um öffentlichen oder privaten Raum handelt.“

feld72 wurde bei der vergangenen Architektur Biennale in São Paulo als Vertreter Österreichs ausgewählt, was hat euch diese Teilnahme konkret gebracht?
Peter Zoderer (P.Z.): Es bringt sehr viel, obwohl man es nicht genau nachvollziehen kann. Es geht nicht darum, konkrete Aufträge zu erhalten, sondern um die Chance, einfach breiter wahrgenommen zu werden. In der Folge kommen spannende Anfragen verschiedenster Orte, die sonst wohl nicht kommen würden.
Michael Obrist (M.O.): Eine Biennale ist eine Diskursplattform, und man wird Teil einer inhaltlichen Diskussion, wodurch man einfacher Verknüpfungen zu anderen Büros und Institutionen herstellen kann.

Ihr seid auch bei der noch bis 23. November laufenden Architektur Biennale in Venedig präsent, in welchem Kontext?
M. O.:
Wir sind vom Hauptkurator Aaron Betsky eingeladen worden, im Padiglione Italia auszustellen. Neben den fünf „Masters of the Experiment“: Coop Himmelb(l)au, Ghery and Partners, Zaha Hadid Architects, Herzog & de Meuron und Morphosis werden hier etwa 40 experimentell arbeitende junge Teams vorgestellt. Wir sind neben Coop Himmelb(l)au die einzigen Österreicher.
Mario Paintner (M.P.): Unser Auftritt in Venedig ist natürlich ein ganz anderer als jener in São Paulo, wo wir eine große Fläche selbstständig bespielt haben. Es geht hier um das Phänomen des Experiments, es soll untersucht werden, wie man hinter der klassischen Architektur- und Objektplanung agiert und sich mit dem Raum beschäftigt.

Wo seht ihr das Experiment in eurer Arbeit?
M. O.:
Das kann auch sozialer Natur sein. Oft stellen wir den Akteuren im Rahmen neuer Projekte Werkzeuge zur Verfügung in der Hoffnung, dass diese Verwendung finden. Und man weiß nicht, wie sich das Projekt entwickeln wird. Für uns ist es sehr natürlich und relativ normal, so zu arbeiten. Nur die Außenstehenden bezeichnen unsere Arbeit als „anders“.

Sind diese partizipatorischen Projekte Theorien, die konkret umgesetzt werden?
M. P.:
Es gibt bei unseren Projekten sehr oft einen Verhandlungsraum, das heißt, wir versuchen, etwas zu initiieren, wissen aber noch nicht, worauf es hinausläuft. Wir stellen eine Frage und überlassen die Antwort den Beteiligten.
P. Z.: Wobei die Fragestellung für uns schon sehr präzise und fassbar sein muss. Wir entwickeln spezifische Rahmenbedingungen, die allerdings sehr schwer steuerbar sind.

Ihr gebt den Impuls für einen Prozess, der Möglichkeiten offen lässt?
M. O.:
In einem bestimmten Rahmen entstehen Spielräume. Es geht aber auch um den Glauben an eine gewisse Revolution der Dinge durch ganz kleine Werkzeuge.

Ist es bei den klassischen Bauaufgaben für euch in diesem Fall wichtig, die Akteure bzw. zukünftigen Benutzer in die Planungsphase mit einzubeziehen?
P. Z.:
Eigentlich schon, es geht ja um den Menschen. Der Dialog steht im Zentrum. Für einen Austausch braucht es ein Gegenüber, erst dann entsteht ein Prozess. Dieser geschieht nicht in einer Art Simulation, sondern im Austausch mit anderen.
M. P.: Bei Interessenskonflikten passiert es sehr oft, dass man versucht, das eine gegen das andere durchzusetzen. Was wir versuchen, ist, in einer solchen widersprüchlichen Konfliktsituation das richtige Potenzial zu finden.

Wie geschieht das in der Praxis?
P. Z.:
Das ist ganz unterschiedlich. Das aktive Miteinbeziehen, denke ich, macht jeder Architekt. Es gibt Projekte, bei denen wir erst das nötige Werkzeug erfinden müssen. So zum Beispiel bei einem Wohnbauprojekt in Südtirol mit bis zu 140 Beteiligten. Der Bauherr, eine Genossenschaft, handhabt das immer so. Das ist zwar keine klassische Partizipation, aber die Mieter stehen bereits fest, und mit ihnen gemeinsam wird ab dem Vorprojekt geplant. Konflikte gibt es aber immer, was es ja auch spannend macht. Die Ebene des planenden Architekten als Entscheidungsträger muss erst mal in die Köpfe der Benutzer. Wenn man auch menschlich so weit ist, dass man wirklich auf einer Ebene kommunizieren kann, dann öffnet sich ein Kanal, und dann geht wirklich extrem viel. Solange man nur als Gestalter gesehen wird, ist es schwierig, einen Zugang zu finden. Bei solchen Projekten geht es auch immer darum, die Verantwortung zu vermitteln. Wir Architekten tragen dieselbe Verantwortung wie der Nutzer. Das sind Sensibilisierungsprozesse, in denen es darum geht, diese Verantwortung spürbar zu machen, egal, ob es sich um öffentlichen oder privaten Raum handelt.
Anne Catherine Fleith (A.C.F.): Unser Wunsch ist, dass die Leute selbst anfangen, die Sachen zu hinterfragen und vielleicht anders zu sehen, dass sie auch wieder anfangen zu schauen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Die zweite ist, sich zu überlegen, welches Werkzeug man den Beteiligten in die Hand gibt, um diese Kommunikation in Gang zu setzen. Das ist das Schwierigste, aber auch Spannendste in der Partizipation. Oft stößt man an eine Wand, weil man das falsche Wort benutzt hat, aber manchmal funktioniert es, und dann kommt man umso weiter.

Eure Sticker in São Paulo enthielten kritische, aber nicht moralisierende Botschaften, was war euer ziel?
M. O.:
Moralisieren war nie unser Anspruch. Bei den Stickern ging es darum, ein Medium zu schaffen, das relativ einfach anzuwenden ist. Es ging darum zu zeigen, in welche Richtung es gehen könnte, und dadurch einen Prozess in Gang zu setzen. Bei der Formulierung der Slogans war es uns wichtig, dass diese ein bestimmtes Spektrum abdecken, das der Akteur aber auch verlassen kann. Wir wollten nicht die Menschen als Träger eigener Botschaften missbrauchen. Sondern wir waren davon überzeugt, dass der Fundus so reichhaltig sein würde, dass wir das nie selber hätten denken können. M. P.: Man muss die Menschen für eine Auseinandersetzung gewinnen und ihnen nicht schon wieder vorschreiben, was richtig oder falsch ist. Im Grunde geht es bei Projekten dieser Art darum, eine Frage zu verorten und die Wahrnehmung einfach nur ein bisschen zu verschieben, um Möglichkeiten zu erkennen. Das ist auch das Prinzip, nach dem wir intern Projekte angehen, dieses „Was wäre wenn“ wirklich konsequent zu denken und diesen Schritt weiterzugehen.
A. C. F.: Wir stellen bewusst eine spezifische Palette zur Verfügung. Jeder Mensch interpretiert es dann sowieso anders, und erst die Überlappung eines Statements zum Raum ergibt eine zusätzliche Ebene, die sich nach jedem Schritt verstärkt. Das birgt auch für uns Überraschungen. Wenn man durch einen Raum geht, in dem auf einmal ein Sticker klebt, ist man überrascht und versucht, diese Sache zu hinterfragen, zu verstehen.

Wie kann sich ein junges Büro selbst initiierte, performative Projekte leisten?
M. O.:
Jeder, der einen Wettbewerb macht, leistet sich unentgeltlichen Arbeitsaufwand.
M. P.: Zu Beginn erfordert das einen sehr langen Atem, bis die Relevanz dieser Projekte erkannt wird, und diese Art, planungsrelevante und städtebauliche Fragen anzugehen, durchdringt. Wir merken, dass das langsam geschieht, wie etwa bei einer Wettbewerbseinladung aus Köln, wo unsere Vorgehensweise vom Gegenüber immer stärker als Möglichkeit wahrgenommen wird.
P. Z.: Es stellt sich die Frage, ob ein Wettbewerb das richtige Medium ist, solche Prozesse zu initiieren. Rein ökonomisch ist das selten möglich, sodass man zu 99 Prozent die architektonische Aufgabe nur auf klassische Art erfüllen kann.

Werdet ihr auch dann noch performative und interaktive Projekte starten, wenn die „großen, klassischen“ Bauaufträge kommen?
M. O.:
Die klassischen Architekturprojekte sind für uns extrem wichtig. Wir wollen nicht zuerst das eine machen und sobald der Zug da ist, rausspringen. Als wir den Wettbewerb für Adidas gewonnen hatten, stellte sich uns die Frage, wie man sich strukturieren kann, um beides zu verbinden.
P. Z.: Die großen Aufträge müssten genau das ermöglichen. Es liegt in unserer Hand, Architektur auch anders, also nicht nur auf klassische Art, zu vermitteln. Es gibt prominente Beispiele, wo hochbezahlte Studios genau das machen. Es ist also naheliegend, dass Potenzial vorhanden ist. Man könnte auch mit den vorhandenen finanziellen Ressourcen anders umgehen.
M.O.: Auch der Grundgedanke ist komisch, das gesamte Honorarsystem nicht auf Gedanken beruhen zu lassen, sondern auf einem materiellen Endprodukt. Man wird danach bezahlt, was das Ding kostet, aber nicht dafür, wenn es anders ist. Will man jemanden davon überzeugen, dass ein Projekt kleiner sein sollte, ist man sowieso bescheuert. Denken wird nicht honoriert. Ließen sich etwa im Zuge eines Projektes die Kosten auf ein Zehntel reduzieren, würde das bedeuten, dass man zwar lange nachgedacht hat und dafür 90 Prozent weniger erhält. Das ist total absurd.

Was ist euer „mission statement“?
P. Z.:
Das Hinterfragen „eingefahrener Situationen“ und Schaffen von Möglichkeiten, um mehr Potenzial aus einem Raum oder einer Gegebenheit herauszuholen, haben alle Projekte gemeinsam. Bei unserem Projekt Winecenter Kaltern war uns das Image, das Icon „Architektur“, nie wichtig. Dieser Missbrauch von Architektur ist eigentlich nur reine Vermarktung.

Architektur als Marketing?
M. P.:
Diese Worthülse „Icon“ hat immer auch eine Wirkung nach innen und nach außen, insofern würde ich es vielleicht durch den Begriff Identität ersetzen. Ein großer Anteil der gebauten Umwelt kann das schon leisten. Das kann durchaus auch die Zielsetzung eines Projektes sein.
A. C. F.: Wir leben einfach in so einer Label- und Fashion-dominierten Welt, und eben da wird es genauso spannend, diese Tools bewusst zu nutzen. Man benutzt diese Art von Kommunikation auf eine etwas subversivere Weise, um vielleicht, so hoffe ich, trotzdem etwas anderes zu erreichen.

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