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Fiona Raby: Das Undenkbare denken

15.04.2013

Seit dem Wintersemester 2012 leitet die britische Architektin und Designerin Fiona Raby den Lehrstuhl für Industrial Design an der Wiener Universität für angewandte Kunst. Zuvor als Architektin tätig, gründete sie gemeinsam mit Anthony Dunne das Studio Dunne & Raby in London. Am dortigen Royal College of Arts richtete sie die Abteilung für Design Interactions ein. In ihrer Arbeit konzentriert sie sich auf experimentelle und interaktive Inputs und Reflexionen aktueller Technologien ebenso wie auf deren soziale wie politische Zusammenhänge. Forum traf Fiona Raby zum Gespräch im nahe der Angewandten gelegenen Café Prückel.

Susanne Karr im Gespräch mit Fiona Raby

Fiona Raby: "Es geht darum, jene Elemente zu finden, aus denen etwas ­entsteht, das zuvor noch niemand erdacht hat. […] Wir suchen ununterbrochen nach dem Unerwarteten. Manchmal übersieht man eine ganze Weile genau dasjenige Element, das verändert werden muss, eben weil man es ­andauernd vor Augen hat."

Sie haben am Royal College of Arts (RCA) Architektur studiert, später in Tokio bei Kei’chi Irie Architects gearbeitet. Außerdem schlossen Sie ein Masterstudium im Fach Computer Related Design ab. Inzwischen sind Sie als Lehrende und Praktizierende im Bereich Design aktiv – wieso sind Sie von der Architektur abgekommen?
Ich liebe Architektur nach wie vor, habe sie auch 13 Jahre lang am RCA unterrichtet. In unserem Studio Dunne & Raby sind wir aber auch von ausgefallenen Technologien fasziniert, von den Randbereichen wissenschaftlichen Denkens. Die Naturwissenschaften und die neuen Entwicklungen der Evolutionstheorien begeistern mich ebenso wie spezielle Bereiche der bildenden Kunst oder Modefotografie, meine Interessen sind sehr weitläufig. Ich habe mich nie bewusst von der Architektur abgewandt, ich bin eher im Zuge diverser Projekte immer mehr in den Designbereich hineingerutscht.

Sie setzen Produkte und Dienstleistungen als Medium ein, um Designer, Industrie und Öffentlichkeit zur Diskussion anzuregen. Auch in der Lehre legen Sie großen Wert auf Debatten, auf die Entwicklung von Fiktionen. Wie schaffen Sie das?
Das ist eine wirkliche Herausforderung. Am Royal College of Arts habe ich ein Postgraduatekurs für Grafikdesigner, Architekten, 3-D-Designer und bildende Künstler geleitet. Hier in Wien arbeite ich nun mit ganz jungen Studenten, die gerade ihren Schulabschluss hinter sich haben und beginnen, etwas über Design zu lernen. Das ist ziemlich aufregend. Es geht hier also zunächst einmal um Materialität schlechthin, aber auch sehr stark um Technologien. Wir befassen uns daher nicht mit Möbeln, speziellen Keramiken oder Handwerkskunst, auch wenn ich diese dreidimensionalen Objekte schätze. Tatsächlich ist es doch in der zeitgenössischen Kultur so, dass die Tätigkeit als Designer heute auch Wissen über Software und Networking miteinschließt. Das Ergebnis kann also letztlich etwas völlig anderes als ein herkömmliches Objekt sein, etwa ein Medienprodukt oder sogar eine Performance. Unsere Betrachtung soll einen Perspektivenwechsel ermöglichen, wir gehen von der Perspektive eines Objekts, von dessen narrativem Inhalt aus.

Wie gelangt man von den so beobachteten Tendenzen aber dann letztlich zu neuen Entwürfen?
Wir befassen uns mit dem Entwurf und Design neuer Produkte und dabei mit der Suche hierbei notwendiger Technologien, um diese für den Gebrauch im täglichen Leben umsetzen zu können. Die Studenten betreiben viel Forschungsarbeit. Wir beobachten, was in den Labors passiert und diskutieren viel darüber. Auf der Ebene der Technologien tut sich einiges, es werden Roboter und Gerätschaften zur Verwendung im Weltall entwickelt, überraschende, wie Science Fiction anmutende Forschungen sind im Gange.

Das sind wichtige Grundlagen für unsere Arbeit. Die Vortragsreihe „Real Fiction“, die im April an der Angewandten fortgesetzt wird, soll diese Bereiche fokussieren; die Spannungsfelder zwischen Fiktion und Realität, in die das Design auf der Suche nach möglichen Alternativen verstrickt ist, zwischen den wirklichen Bedürfnissen und Sehnsüchten, Hoffnungen, Ängsten und Träumen.

Und wie erkennt man, dass man eine Idee mit dem Potenzial zu neuen Produkten und Projekten vor sich hat, die tatsächliche Alternativen bieten?
Das erfordert harte Arbeit. Und natürlich braucht man viel Material, um damit arbeiten, um sich damit auseinandersetzen zu können. Im Rahmen unseres Projekts „Alive“ stellen wir uns Fragen wie: Hat Leben unbedingt mit Materialität zu tun oder eher mit einem gewissen Verhalten? Welche Teile einer Maschine kann man als lebendig bezeichnen, und was bedeutet lebendig überhaupt? Könnte man etwa eine Schachtel als lebendig bezeichnen, wenn sie menschliche Töne von sich gibt? In welchem Verhältnis zueinander stehen menschliche, mechanische und dynamische Anteile?

Welch ein Objekt oder Gerät wäre denn das?
Zwei Studentinnen haben sich etwa mit Schönheit beschäftigt und überlegt, wie eine Maschine Gesichter analysieren könnte. Sie begannen damit, sich eine Lippenstiftmaschine zu überlegen, mit deren Hilfe man Lippenstift „richtig“, also exakt gleichmäßig auftragen kann. Als Nächstes entwickelten sie ein Gerät, in das man den Kopf hineinsteckt und ein Gesicht so nachzeichnen kann, wie es einem äußerlich aufgesetzten Schönheitsideal entsprechen sollte, und das somit vermeintliche „Makel“ ausbessert. Hierbei greifen mechanische und biologische Faktoren ineinander.

Die biologischen Anteile lägen dann etwa in den sensorischen Möglichkeiten eines solchen Geräts?
Ja, ebenso die ästhetischen. Was würde geschehen, wenn es einen 3-D-Scanner gäbe, der auf eine andersartige Art und Weise zu scannen vermag und eine neue Sprache entwickelt, der also nicht mehr rein mechanisch arbeitet. Zu beantworten, was Schönheit ist und wer sie definiert, war natürlich Teil dieses Prozesses, ebenso wie die Frage danach, wie viel wir überhaupt von Maschinen entscheiden lassen sollten. All diese Fragen ergaben sich im Laufe dieser Projektentwicklung im Rahmen des Programmierens und dem 3-D-Druck.

War es von Anfang an Ziel, eine solche Maschine zu entwickeln? Oder ging es darum auszuprobieren, was sich aus der Kombination mechanischer und biologischer Kategorien machen lässt?
Es ging einerseits um den Versuch, zu verstehen, wie eine solche Technologie funktioniert, andererseits wie sehr man einer Maschine vertrauen darf. Was ist das für eine Maschine, die uns scannt, die uns sagt, ob wir schön sind oder nicht? Warum sollte eine Maschine solche Macht über uns haben? Die Studentinnen sind sich dessen bewusst und haben überhaupt einen aufregenden, experimentellen Zugang zu Technologien. Die männlichen Studierenden gehen an diese Forschung manchmal fast zu intellektuell heran.

Wie findet man zu seinem eigenen wiedererkennbaren De­signprozess? Wie kann man inmitten der großen Konkurrenz sichtbar werden?
Zuallererst muss man diesen ganzen überwältigenden Wust an Informationen loswerden, all diese Geschichten darüber, „Was passiert gerade wo?“, „Wer hat was gemacht?“ usw., die einen ja ständig auf Trab halten.

Sie regen eine Auseinandersetzung mit den technologischen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen an. Wie wirkt sich diese auf die konkrete Arbeit und vorbereitende Forschung aus?
Forschung setzt sich aus kleinen Schritten zusammen, man sieht sich in wissenschaftlichen und technologischen Zusammenhängen um, dann erforscht man Materialien, untersucht soziale Infrastruktur, Software und kommt schließlich noch zur Verhaltensforschung – all diese Dinge zusammen gehören zum Gestaltungs- und Schöpfungsprozess. Es geht darum, jene Elemente zu finden, aus denen etwas entsteht, das zuvor noch niemand erdacht hat. Man muss über seine Vorstellungskraft hinausgehen. Manchmal hilft es hier auch, sich zu überlegen, was man am wenigsten erwarten würde oder auf keinen Fall erreichen möchte. Denn wir beschäftigen uns auch mit möglichen negativen Ergebnissen. Erst dann gelangt man zu Lösungen und erkennt, was möglicherweise auszutauschen ist. Wir suchen ununterbrochen nach dem Unerwarteten. Manchmal übersieht man eine ganze Weile genau jenes Element, das verändert werden muss, eben weil man es andauernd vor Augen hat.

Gibt es Produkte, deren Entwicklung man primär vorantreiben sollte?
Wir sollten uns zuerst einmal fragen, welche Untersuchungen wir anstellen können, die kulturell funktionieren? Wie real ist das, was wir tun, und inwiefern geht es um Wissen und Lernen und darum, unsere Vorstellung den Dingen gegenüber zu öffnen. Mit der Imagination kommen traditionellerweise immer dieselben Fragen ins Spiel: „Ist das nützlich?“, „Was kann man damit anfangen?“ oder „Ist es ökonomisch machbar?“ Es kann aber ganz einfach nur eine Idee entstehen. Aber: Ist das genug? In der Architektur ist das durchaus üblich, oft fließen dort viele unglaubliche Ideen in Projekte ein, die letztlich niemals gebaut werden. Sobald man es gestattet, seine Vorstellungskraft einzusetzen, entstehen viele Dinge, an die wir normalerweise gar nicht denken würden. Ich versuche diesen moralischen Raum zu eröffnen, in dem Designer arbeiten können, in dem man Design mit Vorstellungskraft verknüpft und man nicht dafür bestraft wird. Denn um mit den anstehenden Problemen unserer heutigen Gesellschaft umgehen zu können, müssen wir mehr Alternativen entwickeln, als wir momentan zur Verfügung haben. Es geht also in gewisser Hinsicht darum, das Undenkbare zu denken und dies als Ausgangsmaterial zu verwenden.

Wie wird diese Art von Forschung betrieben und verbreitet?
Durch extrem viele Diskussionen und anhand von Prototypen. Meine Herangehensweise ist sehr interaktiv, und genau das vermittle ich auch meinen Studenten.

Während des gesamten Prozesses ist es also möglich, in die Gestaltung einzugreifen. Das bedeutet, man geht eher von der Vorstellung aus, dass Designer kein fertiges Objekt gestalten, sondern vielmehr im Zuge des Prozesses mit- und weiterentwickeln.
Bei „Alive“, unserem Projekt, treffen digitale und biologische Daten aufeinander sowie Technologien, die momentan sehr stark konvergieren. Wir haben gerade diese unfassbare digitale Revolution hinter uns, in der Computer unsere Welt mitgeformt haben, nun sind wir Zeugen der genetischen Manipulation des Lebens, wir werden Teil einer Art „Real Fiction“. Bio-Engineering steht im Zentrum der nächsten technologischen Revolution. Man muss sich fragen, wie viel unserer Natur wir Veränderungen unterwerfen, wie viel davon sozial akzeptabel ist. Was ist davon Teil unserer Kultur? Hierzu gehören auch die Sprache, die wir verwenden, und das Weshalb.

Wie würden Sie die Aufgabe von Design heute beschreiben?
Es ist wichtig, unterschiedliche gesellschaftsrelevante Aspekte zugleich zu bedenken. Nicht jede Entwicklung ist ein Fortschritt. Wir versuchen das Umfeld miteinzubeziehen, in dem Design stattfindet. Wir sind hier in der ganz realen Welt, nicht etwa in einem abgehobenen Atelier. Industrial Design ist heute in ein komplexes System eingebunden, es geht nicht nur um Technologie, sondern auch um Ästhetik. Ich lege viel Wert auf die grundlegenden Möglichkeiten, die der traditionelle Designbegriff beinhaltet, aber es ist wichtig, aktuelle Bezüge in einem größeren Zusammenhang zu entwerfen.

Das Londoner Design-Museum zeigt ab 1. Mai Ihr gemeinsam mit Ihrem Partner Anthony Dunne entwickeltes Design-Fiction-Projekt „United Micro Kingdom“. Was wird dort zu sehen sein?
In der Ausstellung zeigen wir eine mögliche Zukunftsperspektive, die sich mit unserer tatsächlichen Gegenwart und möglichen Alternativen befasst. Wir versuchen zu verstehen, wie unsere Wertvorstellungen und ökonomische, politische und soziale Strukturen ein Transportsystem beeinflussen. Im „Micro Kingdom“ gibt es vier Zonen, die selbstständig experimentieren können. Von unterschiedlichen Prioritäten geleitet, nützen diese unterschiedliche Transportmittel. Der Zusammenhang von alltäglichen Entscheidungen und ihren Auswirkungen auf die gesamte Entwicklung wird hier thematisiert.

Kann Design, das sich in soziale und kulturelle Kontexte einmischt, tatsächlich Veränderungen anregen?
Es geht darum, lernfähig zu sein. In unserem Buch „Speculative Everything; Design, Fiction and Social Dreaming“ (MIT Press), das im Herbst dieses Jahres erscheinen wird, beschäftigen wir uns mit genau diesen Fragen. Wir müssen schnell, beweglich und anpassungsfähig sein, und wir sind Teil der Prozesse. Design und Veränderung hängen eng zusammen. Designer, die sich nicht verändern können, die die Dinge nur beobachten, ansehen und unverändert so belassen wollen, sollten doch besser einen anderen Beruf ausüben.

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