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Renderings: Expressiv, WienRenderings: Expressiv, WienPlan: Dietrich | Untertrifaller ­ArchitektenFotos: Lukas VejnikFotos: Lukas VejnikFotos: Lukas VejnikFotos: Lukas VejnikFotos: Lukas VejnikFotos: Lukas VejnikFotos: Lukas VejnikFotos: Lukas Vejnik

Firmensitz legero united: Kreise im Kukuruzfeld

06.11.2019

Starker Auftritt – geringer Fußabdruck: Feldkirchen bei Graz. Damit verbinden viele Österreichs drittgrößten Flughafen und vor allem Anfang und Ende jährlicher Urlaubsfreuden. In Sichtweite der Start- und Landebahn wächst der neue Hauptsitz der Firma legero united.

von Lukas Vejnik

Wenn ein Schuhhersteller, der die Leichtigkeit im Namen trägt, ins Immobiliengeschäft eintritt, die neue Firmenzen­trale zehn Kilometer außerhalb der Grazer Innenstadt landen lässt und gleichzeitig den Standort in Zentrumsnähe einem anderen Zweck zuführt, dann kann das erklärte Ziel eigentlich nur in einem starken Auftritt bei möglichst geringem Fußabdruck liegen. Dazu stützt sich die Firma legero united auf ein Campus-Konzept, das zunächst 350 Mitarbeitern ab Jänner 2020 Platz bieten wird. Vorerst zumindest. Denn ein Mitwachsen der Gebäudestruktur mit dem Betrieb wurde von Beginn an mitgedacht. Im Wettbewerb setzte sich der Entwurf von ­Dietrich | Untertrifaller Architekten durch, der die Erweiterbarkeit mehrdimensional denkt und dabei nicht mit Krümmungen geizt. Der Grundriss verflüssigt sich rund um das ringförmige Zentrum in einer Zellstruktur mit Einbuchtungen und Ausstülpungen sowie reichlich Soft Edge dazwischen. Außen das hauseigene Outlet, innen Kantine und Werkstatt. Doch auch das ist nur ein Übergangszustand im Willen zum ständigen Werden. Weitere Satelliten könnten folgen. Mit der Radikalität des nackten Ringes – wie sie der 2017 fertiggestellte Apple Park von Norman Foster zelebriert – bricht der legero united campus. Zwischen Outlet und Headquarter schiebt sich ein zartes Flugdach aus Sichtbeton. Das Herz der Anlage bildet eine Miniaturlandschaft von Kieran Fraser, die bereits Monate vor der Eröffnung ihre erste Blüte erlebt. Der Baumbestand wurde dazu eigens aus den Niederlanden angeliefert. Ins Sockelgeschoß ist ein innen liegender Wandelgang mit Blick ins Atrium eingeschrieben. Im bedächtig entschleunigten Schritt kann die Umrundung desselben durchaus mehrere Minuten dauern. Ein objektivierter Moment der Besinnung? Der Klostergang, wie die Architekten die säulenbestandene Erschließung getauft haben, wird aktuell mit großer Wahrscheinlichkeit rasch zum Smart-
phone-Peripatos. Während sich das Innere verspielt verschnörkelt gibt und zum Verweilen einlädt, breiten sich die Außenanlagen in geometrischer Strenge um den Campus aus; weichgezeichnet von Grasbüscheln, die aus dem Rasensteinpflaster der Parkplätze sprießen. 

Zwischen Rollfeld, Schienen und ­Asphaltband

Tangiert wird der Komplex von der Südautobahn, der Start- und Landepiste des Flughafens Graz sowie der zukünftigen Bahnstrecke nach Kärnten. Ist der Koralmtunnel erst einmal fertiggestellt, hält die Südbahn direkt vor der Haustür. Viel Potenzial also in puncto Erreichbarkeit und so gesehen ein idealer Dreh- und Angelpunkt für ein Unternehmen, das in naher Zukunft auf regionale und internationale Sichtbarkeit setzt. Die spezifische Klangmischung der Umgebung soll durch die geschlossene Form abgedämpft werden, was auch gelingt, wenn es um das Rauschen der Autobahn geht. Zündet am benachbarten Flughafen ein Triebwerk zum Abflug, dann bleibt ein dumpfes Dröhnen, ein leichtes Vibrieren. Erinnerungen werden wach, dass man sich an einem lebendigen, den Mobilitätszeitgeist widerspiegelnden, Verkehrsknotenpunkt befindet.

Eine Architektur, die Schritt hält

Imposant, ohne mächtig sein zu wollen, so bringt Much Untertrifaller in der Projektbeschreibung die Intention des Entwurfs auf den Punkt. Nähert man sich der fast fertiggestellten Anlage auf dem Landweg, wirkt der Komplex keineswegs übertrieben. Wie es sich aus der Luft verhält, darüber werden wohl die Urlaubsheimkehrer ihren am Boden gebliebenen Nachbarn, Freunden und Verwandten berichten. Die schimmernden Schuppen der Aluminiumfassade und ein umlaufender Betonkranz als Zäsur zwischen Erd- und leicht vorspringendem Obergeschoß prägen wesentlich die Außenerscheinung. Der nahtlose Betonkragen kommt teilweise ohne Isokorb aus, was in Planung und Ausführung zu komplexen Verläufen der Dämmung führt, jedoch kein Hindernis für eine ausgezeichnete Energieeffizienz-Bewertung der Gesamtanlage darstellt, so Projektleiterin Ulrike Bale-Gabriel. Der Imposanzfaktor könnte sich aber auch vom Boden aus noch erhöhen, nämlich, wenn das Gebäude beginnt mit dem Unternehmen mitzuwachsen und dem Büro-Ring bei Bedarf eine zusätzliche Ebene aufgesetzt wird. Die Stiegenhäuser sind dementsprechend überdimensioniert und mit einem leicht abnehmbaren, vorgestanzten Deckel versehen. Die Dachhaut ist laut Ulrike Bale-Gabriel ebenso leicht wieder abrollbar ausgeführt. Mit dem antizipierten Weiterbauen wird eine Idee aus den späten 1960ern mit einer gehörigen Prise Wirklichkeitssinn angereichert und neu aufgelegt. Die größte Herausforderung bestünde wohl darin, dass der Ausbau bei laufendem Betrieb vonstatten gehen müsste.

Unverstellte Sicht

Innen, besonders im Obergeschoß, dominiert Holz und trägt zu einer wohnlichen Atmosphäre bei. Eingehängte Stahlträger reduzieren den Deckenaufbau auf ein Minimum. Die gewonnene Leere wird der Raumhöhe gutgeschrieben. Eine in Schwarz gehaltene stählerne Wendel­treppe als Abkürzung zwischen den Ebenen, wartet noch, gut verpackt, auf ihren Bodenbelag aus Eichenholz. Um die freie Sicht nicht zu beeinträchtigen, um den Bogen erlebbar zu machen, stellten die Architekten so wenig wie möglich in den gekrümmten Raum. Das Auge soll ungestört entlang der gezackten Fensterlinie wandern können. Das Meer aus Ährenspitzen, das sich im Sommer zwischen Flughafen und Campus schiebt, wirkt dabei, vom ersten Stock aus gesehen, wie die natürliche Fortführung der Bodenfläche. Ein atmosphärischer Mehrwert, der zumindest solange erhalten bleibt, bis auch das Nachbargrundstück umgewidmet und bebaut ist. Die Fensterflächen sind weitestgehend fix verglast. Mit zwei kleinen Ausnahmen: Im Büro der Leitung gibt es Schiebefenster. Bei der, zur grünen Mitte hin orientierten, Fassade ist jedes Element mit einem zusätzlichen Seitenflügel ausgestattet, der – trotz mechanischer Lüftung – zur Kopfdurchlüftung geöffnet werden kann. Allerdings nicht mehr als zwölf Zentimeter, ansonsten hätten außen Absturzsicherungen angebracht werden müssen. Ein ausgeklügeltes Detail, das im Namen der Ästhetik mit der Bauordnung ringt. Der Kniff liegt neben der Arretierung darin, dass der öffenbare Teil, statt mit einem Glaseinsatz, innen mit Holz und außen mit eloxiertem Aluminium­blech versehen ist. Das gibt der Fassade ein rohes, durchgängiges Erscheinungsbild schimmernder Schuppen über dem gläsernen Sockel, der vereinzelt Durchblicke in den Garten gewährt. Die Verbin dung von kultivierter Landschaft, Architektur und Natur aus der Retorte macht den legero united campus zu einer runden Sache mit Luft nach oben. Ein zusätzliches Geschoß würde diesem empfindlichen Gleichgewicht wohl weniger schaden als ein weiteres gesichtsloses Outlet in der Nachbarschaft. 
 


PROJEKTDATEN
Firmensitz legero united, Feldkirchen bei Graz

Bauherr  legero united campus GmbH  
Architekturbüro  Dietrich | Untertrifaller ­Architekten ZT GmbH
Projektleitung Ulrike Bale-Gabriel, Fabio Verber
Statik Beton Wendl, Graz
Statik Holz Merz Kley Partner, Dornbirn
Haustechnik team gmi, Wien
Baumeister Kulmer, Pischelsdorf
Zimmerer Liebbau, Weiz
Schlosser Wilhelmer, Kolbnitz
Elektro Klauss, Seiersberg
Bauphysik Spektrum, Dornbirn
Brandschutz Norbert Rabl, Graz
Landschaft Kieran Fraser, Wien
Visualisierung Express, Wien
Wettbewerb 01-04/2016
Planungsbeginn 04/2016
Baubeginn 07/2018
Fertigstellung Dezember 2019

 

ARCHITEKTEN

Dietrich | Untertrifaller ­Architekten

Dietrich | Untertrifaller Architekten wurde 1994 von Helmut Dietrich und Much Untertrifaller gegründet und ist ein typischer Vertreter der berühmten Vorarl­berger Schule. Es wird heute von Helmut Dietrich, Much Untertrifaller, Dominik Philipp und Patrick Stremler geleitet und beschäftigt ein internationales Team von 100 Architekten, die in Österreich (Bregenz und Wien), der Schweiz (St. Gallen), Frankreich (Paris) und Deutschland (München) arbeiten. Die internationalen Projekte werden oft mit lokalen Büros und regionalen Partnern entwickelt. 

www.dietrich.untertrifaller.com 

 

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