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Friedrich Kurrent: Man hört nie auf, Architekt zu sein

23.02.2017
„Bauen, Planen und Entwerfen sind die zentralen Tätigkeiten des Architekten. Für mich ist – zur Schärfung  der visuellen Wahrnehmung – auch Zeichnen von fundamentaler Bedeutung. Darüber hinaus sich mit Worten ­auszudrücken hat etwas für sich. Der stumme Architekt, der nur zeichnet und baut, ist aber trotzdem eine mögliche Figur“, schreibt Friedrich Kurrent in seinem Buch „Texte zur Architektur“, das 2006 erschienen ist. Kurrent, Jahrgang 1931, ist jedenfalls kein stummer Architekt. Als einer der Gründungsväter der Österreichischen Gesellschaft für Architektur hat er auch mit Niederlagen umzugehen gelernt, von seiner Lust, sich mit durchaus kritischen Worten und zeichnend auszudrücken, die ihn bis heute auszeichnet, zeugt dieses Gespräch.

Christine Müller im Gespräch mit Friedrich Kurrent

Die ÖGfA feiert ihren 50. Geburtstag. Sie widmen sich aktiv nach wie vor der kritischen Reflexion von Architektur. Sind Sie mit dem bisher Erreichten zufrieden?
Ich bin vor allem überrascht, dass die ÖGfA noch existiert. Das ist schon einmal sehr positiv. Auch dass sie sich nie korrumpiert hat. Sie ist auch heute offen für alle Architekturinteressierten, denn es geht um Architektur.
 
Die Nachkriegszeit erscheint rückblickend als dynamisch positiv konnotierter Neubeginn. Den historischen Bestand sah man aber durchaus auch als Hindernis für Neues.
Das kann ich so nicht sagen. Mir zumindest war der Erhalt des historischen Bestands architektonischer Qualität immer schon ein Anliegen. Und das gehörte ja auch von Anfang an zu den Aufgaben, die wir uns in der ÖGfA stellten. An dieser Stelle muss ich aber eine wichtige Einschränkung über die Nachkriegszeit machen. Ich bin 1949 von Salzburg nach Wien gekommen, um Architektur zu studieren. Was wir damals vor allem kritisierten, war das Versäumnis, wichtige Architekten, die emigriert waren, nach Österreich zurückzuholen. Etwa Richard Neutra oder Josef Frank. Das ist auch auf anderen Gebieten nicht geschehen. Das darf man nicht vergessen.
 
Haben Sie das schon damals als Unrecht empfunden?
Ja, nur hat man manches gar nicht gewusst, etwa dass ­Haerdtl in der Nazizeit in den Ostländern gebaut hat, habe ich jetzt erst durch die Az-W-Ausstellung „Die Perle des Reiches“ erfahren. Als wir studierten, bis 1952, hat uns niemand etwas gesagt. Wir haben alles nach und nach selbst entdeckt. Durch unseren Lehrer und die Bibliothek haben wir dann das meiste erfahren. Ludwig Münz, den man als einen der wenigen aus London zurückgeholt hatte, unterrichtete uns in Kunstgeschichte und hat hier und da etwas eingeflochten in seine Vorlesung. Denn wohin ist nach dem Krieg geschaut worden? Vor allem nach Schweden und in die Schweiz, zwei nicht in den Krieg verstrickte Länder. Daran meinte man anschließen zu wollen.
 
Amerika war damals kein Thema?
Doch, auch. Frank Lloyd Wright, der sehr bekannt war. Wir registrierten vor allem Walter Gropius mit seiner Bürogründung „The Architects Collaborative“, das war für uns als Arbeitsgruppe 4 wichtig. Ihm kommt bei der Teamarbeit in der Architektur eine Vorreiterrolle zu.
 
Ihr Büro hat als eines der ersten als Gruppe gearbeitet.
Es war das Erste. Wenig später haben sich Achleitner und Gsteu zusammengetan, Puchhammer und Wawrik, Schweighofer und Falkner. In Bezug auf die Teamarbeit waren wir Pioniere.
 
Wieso wollten Sie Architektur studieren?
Nun, ich habe schon als Bub viel und gern gezeichnet. Mein Vater war als Maschinenschlosser und Seilbahntechniker aus Kärnten nach Hintersee geholt worden, für den Bau von drei Seilbahnen. Das Bauliche war daher für mich wesentlich, vor allem das Bauen mit Holz. Mit Holzbauer, Puchhammer, Gsteu, Achleitner habe ich dieselbe Klasse in der Gewerbeschule in Salzburg besucht. Also Bauen und Zeichnen interessiert mich. Schade, dass Architekten immer weniger zeichnen. Zeichnen entspricht doch den Notizen eines Dichters.
 
Und Sie sind dann zum Studium nach Wien gefahren?
Nach einem Gespräch meines Vaters mit dem Schuldirektor durfte ich nach Wien fahren, um Architektur zu studieren. Mit Puchhammer und Wawrik hatte ich an der Technischen Hochschule in Wien inskribiert, bin aber 1949 rasch an den persönlicheren Schillerplatz gewechselt zu Clemens Holzmeister und habe 1952 dort mein Diplom gemacht.
 
Wie ging man damals mit dem historischen Baubestand um?
Beim Wiederaufbau hatte die Gemeinde Wien an der großen Zeit der 20er- und 30er-Jahre der Wiener Gemeindebauten kein Interesse. Damals stand noch viel. Auch der Heinrichshof gegenüber der Oper, einer der repräsentativsten Wohnbauten am Ring, war zwar ausgebombt, ihn hätte man aber ohne Weiteres wieder aufbauen können. Man hat ihn abgerissen und 1958 den Neubau von Appel und Lippert errichtet.
 
Waren Sie schon als junger Architekt so kritisch und haben alles offen ausgesprochen?
Kritisch dem Falschen gegenüber, das muss man einfach aussprechen. Erst heute hatte ich ein Telefonat mit Hans Puchhammer wegen des Hochhausprojekts beim Eislaufverein. Wir Stadt-Wien-Preisträger hatten schon eine Petition gegen die Hochhäuser an der Landstraße unterschrieben und diese verhindert. Jetzt gibt es diese Situation beim Eislaufverein.
 
Es scheint das Weltkulturerbe in Gefahr.
Damals gab es die Frage, ob man Wien dieses Prädikat überhaupt verleihen kann, nun muss es möglicherweise aberkannt werden.
 
Verträgt Wien nahe des historischen Stadtkerns keine hohen Bauten?
Keine turmhohen Bauten an der falschen Stelle.
 
Wo wäre die richtige Stelle für hohe Bauten in Wien?
Die braucht man eigentlich überhaupt nicht. Jetzt droht auch ein Hochhaus vor dem Harry-Seidler-Turm.
 
Das sind Investorenbauten, die die Stadt Wien genehmigt.
Es kann nicht sein, dass Investoren alles auf dem Silbertablett serviert wird wie beim Eislaufverein.
 
Zurzeit läuft der Wettbewerb zur Erweiterung des Wien Museums am Karlsplatz.
Ja, die erste Stufe ist entschieden. Ich habe mitgemacht, mit dem Bleistift handgezeichnet, leicht zu erkennen also, denn ich bin wohl der Einzige, der mit der Hand gezeichnet hat. Leider bin ich ausgeschieden. Die zweite Stufe läuft bereits.
 
Bei diesem Wettbewerb gab es ja etwa 300 Einreichungen.
Dass die Jurierung einer so großen Anzahl eingereichter Projekte an nur zwei Tagen stattfand, ist meine Hauptkritik. Man hätte auf mindestens drei Tage erweitern müssen. Ich hab fest damit gerechnet, wenigstens in die zweite Stufe aufzurücken. Bin ich aber nun nicht. Das muss man dennoch so akzeptieren.
 
Die Arbeitsgruppe 4 hatte 1953 am Wettbewerb zum Neubau des Historischen Museums der Stadt Wien teilgenommen.
Wir waren vor Oswald Haerdtl gelandet, der damals als einziger prominenter Preisträger und Drittplatzierter aber den Auftrag erhielt.
 
Warum haben Sie sich noch einmal diese Mühe gemacht?
Weil mich das Thema interessiert. Ich hätte den Haerdtl-Bau möglichst freigestellt.
 
Wie stehen Sie zu Wettbewerbsverfahren an sich?
Es ist nicht immer das Allerbeste, aber Besseres gibt es zurzeit nicht.
 
Hätten Sie rückblickend lieber nicht Architektur studiert?
Nein. Das ist ein schöner Beruf.
 
Was würden Sie noch gern umgesetzt wissen?
Da es mit dem Karlsplatz nun für mich vorbei ist, möchte ich mein Projekt der Synagoge neben dem Parlament umsetzen. Ich habe den Entwurf verkleinert und akustisch verbessert, außerdem noch eine Bibliothek berücksichtigt. Ich hoffe, hier ist das letzte Wort noch nicht gefallen, dafür engagiere ich mich.
 
Ein Ziel der ÖGfA ist es, der Baukultur zum Durchbruch zu verhelfen. Was bedeutet für Sie Baukultur?
Es ist mehr als Architektur, es ist deren Umsetzung und dabei auch der Umgang aller Beteiligten miteinander. Der Abbruch der Rauchfangkehrerkirche war damals für uns Anlassfall, für deren Erhalt hat sich niemand interessiert.
 
Hier hat auch das Bundesdenkmalamt eine wichtige Rolle.
Oft erlaubt nur der Denkmalschutz das Weiterbestehen eines wichtigen Bauwerks, das ist eine Tatsache. Wie etwa den Erhalt der mit Spalt gebauten Zentralsparkasse in Floridsdorf, sie steht inzwischen unter Denkmalschutz und wurde renoviert. Nicht zuletzt auch, weil die Nutzung erhalten blieb.
 
Ist die Funktion eine Grundvoraussetzung des Denkmalschutzes?
Nein, das ist unabhängig. Aber gute Bauwerke sind oft auch in ihrer Grundstruktur relativ einfach, sodass auch andere Zwecke möglich sind. Der Satz „Form folgt Funktion“ stimmt nicht mehr. Es kann auch heißen „Funktion folgt Form”. Die besten Bauten haben immer eine einfache, flexible Grundstruktur.
 
Gute Architektur definiert sich also auch über die Flexibi­lität möglicher Funktionen?
Ja.
 
Aber wie verhält es sich dann etwa damit, dass so viele Bauten der Nachkriegsmoderne ungenutzt leer stehen oder abgerissen werden? Jetzt gibt es auch das Beispiel des Grottenbads, eines privaten Schwimmbads von Josef Lackner für Paul Flora. Da heißt es auch unter anderem in einer Studie von Rainer Köberl, wenn die Funktion nicht mehr gegeben ist, sei auch der Erhalt nicht sinnvoll.
In diesem Fall ist das nicht trennbar. Es ist ein Juwel der österreichischen Architektur des 20. Jahrhunderts. Der Besitzer hat den Abrissantrag zurückgezogen. Hier kann nur über den Denkmalschutz der Bau gerettet werden. Man muss dann eben sehen, wer dort schwimmen geht.
 
Welche Erwartungen setzt man als Architekt in seine Tätigkeit, oder besser: Was wünschen Sie sich als Architekt?
Dass es nicht aufhört, bis man tot ist. So ist es. Mein Freund Luigi Blau, gerade siebzig geworden, sagt etwa, für ihn sei das Thema abgeschlossen. Aber das kann es doch für einen Architekten gar nicht geben, das ist nie abgeschlossen. Man hört nie auf, Architekt zu sein.
 
Sie schreiben etwa: „Alles, was existiert, ist nicht nur Vergangenheit, sondern auch Gegenwart.“
Dass auch vergangene Bauten, wenn sie existieren, heutig sind. Etwa der Stephansdom ist nicht nur Vergangenheit.
 
Heißt das angesichts von Nachhaltigkeit, Ökologie, Recycling und zu Ende gehenden Ressourcen, auch den Bestand so gut und so lange wie möglich zu nutzen?
Ich habe mich eingeschaltet, damit das Wittgensteinhaus oder das Semperdepot nicht abgerissen werden, dass die Bebauung am Spittelberg erhalten bleibt. Denn diese Vergangenheit ist auch Gegenwart. Dieser Satz ist mir wichtig!
 
Wie definieren Sie gute Architektur?
Bauten, die einfach sind und zugleich komplex.
 
Komplex und wandelbar in der Nutzung.
Zum Beispiel; das sind meist einfache Bauten, die drei genannten Bauten etwa, die wollte man eliminieren, und sie existieren noch immer.
 
Was definiert den guten Architekten?
Dass er sinnvolle Planungen vorlegt und gute Gebäude baut und dass er gesellschaftspolitisch denken kann und nicht parteipolitisch denken muss, das ist ein großer Unterschied.
 
Ist der Architekt als Künstler zu sehen? Was meinen Sie?
Ich denke, er muss von allem eine Ahnung haben, Berater eines Bauherrn sein. Das sollte alles umfassen, von der Planung bis zur Bauführung, Bauleitung und Abrechnung. Das ganze Spektrum. Es geht um Baukultur, nicht um das Künstlertum.
 
Sie haben ab 1973 ein Vierteljahrhundert an der TU München unterrichtet. Haben Sie einen Rat für die junge Architektengeneration?
Ja, wieder handzuzeichnen, mit dem Bleistift, weil das direkt mit dem Kopf verbunden ist. 
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