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Gefährdete Nachkriegsmoderne

28.05.2018

VERBORGENE SCHÄTZE: NIEDERÖSTERREICH

Bauten der 1950er bis 70er Jahre werden oftmals auf schlechte Dämmwerte und minderwertiges Baumaterial reduziert oder von vielen als ungefällige Architektur empfunden. Es ist höchst an der Zeit, das baukulturelle Erbe der Nachkriegsära in ein neues Licht zu rücken, um ihren Wert für die Gegenwart und Zukunft erkennen zu können. 

von Maria Welzig

Die Veranstaltung „Zur Zukunft der Nachkriegsmoderne“ von ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich führte in eines der Hauptwerke jener Zeit, die jüngst viel publizierte WIFI-Zentrale in St. Pölten von Karl Schwanzer. Auf eine Führung durch den Baukomplex mit dem Hausherrn folgten ein Vortrag von Nott Caviezel, Professor für Denkmalpflege und Bauen im Bestand an der TU Wien, und eine Diskussionsveranstaltung mit dem Vortragenden, den Architekten Karl Langer, Johanna Rainer und Andreas Vass sowie dem Leiter der Abteilung für Inventarisation und Denkmalforschung am BDA, Paul Mahringer. Die Verfasserin moderierte.

Plädoyer für die Nachkriegsmoderne
Schon die Besucherzahl zeigte, dass das Inte­resse an der Thematik mittlerweile groß ist. Die KfZ-Werkstätte der WIFI-Zentrale, in originalem Zustand mit Sichtziegelwänden und Sheddächern, wurde zum stimmungsvollen Veranstaltungssaal umfunktioniert, zeigte im Kleinen, wie offen für Umnutzungen Strukturen jener Zeit sein können. Weder hinsichtlich Denkmalschutz noch in der allgemeinen Wertschätzung ist es um die niederösterreichische Nachkriegsmoderne gut bestellt. Die Veranstaltung war daher auch als Plädoyer für die Bausubstanz jener Zeit gedacht, die von Aufbruch und den Prinzipien des Wohlfahrtsstaates geprägt war. Architektur hatte den Anspruch, das Zusammenleben und die Lebensqualität des Einzelnen zu verbessern. Im Dienst dieses Anspruchs kamen neue städtebauliche Ansätze, Typologien und Bauweisen zur Anwendung. Aufenthaltsqualität, soziale und städtebauliche Qualität bilden wesentliche Kriterien.

Ein beträchtlicher Anteil des niederösterreichischen Baubestands jener Zeit sind gemeinnützige Bauten: von Schulen über Bäder und Stadthallen bis zu Reformkirchen. Nur eine verschwindend geringe Anzahl dieser Bauten ist geschützt. Paul Mahringer vom BDA meinte selbst: „Ja, da sind wir in Verzug.“ Da das Denkmalamt für den Schutz der (Nachkriegs-)Moderne offenbar nicht über ausreichende Kapazitäten verfügt, leisten private Aktionsgruppen und Vereine mittlerweile die Grundlagenarbeit: Docomomo Aus­tria, Bauten in Not, Initiative Denkmalschutz und nicht zuletzt das Architekturnetzwerk ORTE.

Lehrbeispiele des Bauens
Der Veranstaltungsort selbst war das beste Zeugnis für die Qualität der Architektur jener Zeit: Trotz der unterschiedlichsten funktionalen Anforderungen und der enormen Größe des Gebäudekomplexes gelang Karl Schwanzer ein Lehrbeispiel des Bauens für die Bedürfnisse der einzelnen Nutzer und für ein humanes Maß. Um zehn Höfe herum bilden sich überschaubare Einheiten, die jeweils unmittelbaren Zugang zu einem begrünten Außenraum haben. Im Obergeschoß stehen Terrassen mit Pflanztrögen als Pausenräume zur Verfügung. Klarheit in der Orientierung, fließende Übergänge von Innen und Außen, Lichtfülle, handwerkliche Qualität sind hier zu einem Höhepunkt gebracht. Höchste Flexibilität war die Voraussetzung für die Anlage – die Konstruktion aus monolithisch gegossenen Betonteilen ermöglichte bis zu 20 Meter stützenfreie Räume. Die vertikale Ergänzung zur horizontal gelagerten Sichtbeton-Skulptur des Lehr- und Werkstättengebäudes bildete der Internatsturm. Er war ein Orientierungspunkt der Stadt, und seine bauplastischen Qualitäten ließen ihn sogar posthum zur Ikone werden. Am Ende des 20. Jahrhunderts hatte die Wirtschaftskammer den Abriss des fraglos denkmalwürdigen Turmes erwirkt. 

Der Turm und sein Abriss weisen auf zwei bezeichnende Probleme im Umgang mit der Nachkriegsmoderne hin: die offensichtliche Einflussnahme eines mächtigen Eigentümers via Politik auf das weisungsgebundene Bundesdenkmalamt; die angebliche Unsanierbarkeit von Sichtbeton als Argument, das gerne herangezogen wird, um einen Abriss zu erwirken. Die unansehnlichen Rostungen und Aufbrüche sind jedoch sanierbar und bilden kein grundsätzliches statisches Pro­blem (Karl Langer). So selbstverständlich, wie wir unsere Autos warten, so sollten wir das auch mit unseren Bauten tun (Johanna Rainer). Allein dadurch lassen sich viele gröbere Schäden verhindern. Und: Es müssen nicht immer Totalsanierungen sein. Auch kleine Reparaturen reichen oft, auch in Bezug auf das Energieverhalten – dann messen, schauen, was funktioniert. „Wir sind im 21. Jahrhundert eine Reparaturgesellschaft“, zitierte Caviezel den Kunsthistoriker Wilfried Lipp. Aufschlussreich war eine Erzählung des WIFI-Institutsleiters: Der Eigentümer ließ errechnen, wie es um die Energiebilanz des Gebäudes bei vollständig dichtenden Fenstern bestellt wäre. Das überraschende Ergebnis: Die Bilanz wäre schlechter als im derzeitigen Zustand mit undichten Fenstern (denn man müsste im ersteren Fall kühlen). Die Bilanz: „So schlecht sind diese Bauten energetisch gar nicht.“ 

Forderung nach Denkmalschutz
Denkmalschutz für die wichtigen Bauten der 1950er bis 1970er Jahre ( für das Lehr- und Werkstättengebäude erfolgte er 2014) würde nicht nur deren Erhalt sichern, sondern den allgemeinen Respekt für die Bausubstanz jener Zeit erhöhen. Denn entscheidend für die Zukunft der Nachkriegsmoderne, so der Tenor, ist die Wertschätzung der Eigentümer und Nutzer. Umso wichtiger wäre es, jene vor den Vorhang zu holen, die aus Überzeugung, ja Dankbarkeit für „ihren“ Bau, für die entsprechende Pflege und den Erhalt sorgen, meinte Irene Ott-Reinisch aus dem Pu­blikum. Als Beispiel nannte sie die Schule, die sie selbst besucht und deren Architektur sie nachhaltig geprägt hatte, Josef Lackners paradigmatische Planung für die Ursulinen in Innsbruck.

Symbole der Aufbruchszeit
Neben dem leichtfertigen Abriss und den enorm gestiegenen Bau- und Sicherheitsauflagen ist es letztlich das (Sanierungs-)Angebot der Baumarkt-Industrie, welches das größte Problem für die Zukunft der Nachkriegsmoderne darstellt ­(Veronika Vogelauer aus dem Publikum). Über die am Baumarkt-Angebot geschulte Ästhetik mokierte sich schon Roland Rainer: „Die Leute wollen, dass es ‚neich‘ ausschaut.“ Der neben Schwanzer bedeutendste österreichische Architekt der Nachkriegsmoderne plante für die Stadtgemeinde Ternitz, die in den 1950er und 1960er Jahren baulich in ihre Zukunft investierte, Hauptschule, Stadthalle, Siedlung und Parkbad. Der Sprungturm im Bad aus Sichtbeton ist ein Symbol jener Aufbruchszeit. Die Sicherheitsauflagen ließen jüngst aus den ursprünglich filigranen Geländern „Schutzwände“ werden. Immerhin, der Turm blieb bestehen. Der Turnsaal-Bau der Ternitzer Hauptschule ist mittlerweile für die heutigen Anforderungen zu klein geworden. Mit seiner hohen Raumqualität, der sichtbaren Holzkonstruktion und der erstaunlich guten Akustik würde sich der Saal jedoch auch für andere Funktionen eignen und  könnte ein Beispiel für eine gelungene Umnutzung sein. Der Beschluss für seinen Abriss in diesem Sommer ist jedoch gefallen.

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