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Gemeindezentrum Großweikersdorf: Mut zur Lücke

03.06.2020

Wie man ein Zeichen setzt In der niederösterreichischen Marktgemeinde Großweikersdorf platzte das Rathaus im Ortszentrum aus allen Nähten. Nach Prüfung einer möglichen Erweiterung des historischen Baus und Überlegungen, sich in der Peripherie nahe der gut frequentierten Gewerbezone anzusiedeln, war relativ rasch klar: Ein Neubau sollte ein Zeichen setzen, musste also zwangsläufig das Herz des Ortskerns bleiben. Und es sieht ganz so aus, als würde das Projekt von smartvoll Architekten, das langsam Gestalt annimmt, diese Vorgabe auch perfekt erfüllen.

von Christine Müller

Der zu klein dimensionierte Grund des nicht barrierefreien Altbaus am Hauptplatz erlaubte weder Erweiterung noch Aufstockung. Der Schritt, ein neues Projekt anzudenken, war also unausweichlich. 

Die Standortfrage

Bürgermeister Alois Zetsch bedauerte, dass mehr und mehr Betriebe den Hauptplatz verlassen haben, mit dem Verbleib im Zentrum der Gemeinde wollte man daher eine Vorbildfunktion erfüllen, in der Hoffnung, den Ortskern wieder mit Leben zu füllen. Trotz Mehrkosten stimmten alle im Gemeinderat vertretenen Parteien für den zentralen Standort. „Wir haben Architekturbüros eingeladen, Gestaltungsvorschläge für einen attraktiven und zweckmäßigen Bau auszuarbeiten. Der nun ausgeführte Entwurf hat uns letztlich am besten gefallen, auch wenn er nicht so ganz dem entsprach, was wir uns für die Schließung dieser Baulücke erwartet hatten“, sagt Zetsch.

Denn die konventionelle Vorgehensweise, die Zeile wieder zu schließen, hatte das zur Entwurfabgabe eingeladene Büro smartvoll Architekten rasch ausgeschlossen. Christian ­Kircher und Philipp Buxbaum entschieden sich, ­einen langestreckten Baukörper mit dem Giebel quer zum Hauptplatz zu stellen, seitlich davon schmale Gässchen zu öffnen und eine direkte Verbindung zur dahinter liegenden Winzergasse zu schaffen. Eine Öffnung als Einladung an alle Bürger, den neu entstehenden Raum gemeinsam in Besitz zu nehmen. Gab es in der Bevölkerung auch anfänglich Skeptiker, so hat die partizipative, informative und transparente Haltung der Gemeindevertreter und der Architekten mit offener Kommunikation gegengesteuert und viele Zweifel frühzeitig ausgeräumt. Heute ist die Begeisterung der Einwohner für das ungewohnt neue Raumgefühl groß. 

Die einstige Fleischerei war als eines der letzten Geschäfte an den Ortsrand abgewandert, und der Bau stand seit Längerem leer. Die Gemeinde hatte die ausdrückliche Intention, in der Ortsmitte zu bauen und mit der ungewöhnlichen Öffnung und Transparenz nicht nur baulich, sondern auch politisch ein Zeichen zu setzen.

Neue Offenheit

Eigentlich entsteht hier viel mehr als ein Gemeindezentrum, denn wie uns Philipp Buxbaum verrät, „die Gemeinde wünscht ein ‚Gemeinschaftszen­trum‘, das weit über die Funktionen eines reinen Verwaltungsbaus hinausgehen soll. Die Bürger will man zur Partizipation anregen, zur aktiven Nutzung des Neubaus und schafft so den hierfür notwendigen Freiraum“. Die Idee, den Bau um 90 Grad zu drehen, eröffnete rasch eine Reihe von Vorteilen. „Die bestehende Zeile wieder zu schließen, hätte eine abweisende Mauer geschaffen. Die Gemeinde sah den Neubau aber als eine Art Inkubator der Dorfkernerneuerung, das hat uns bestärkt. Die offene Portallösung, die zum Eintreten auffordert, war die Schlussfolgerung ebenso wie die Öffnung des gesamten Grundstücks für die Öffentlichkeit“, so Buxbaum.

Genau diese Geste widerspiegelt sich auch in dem für die Bauaufgabe doch recht ungewöhnlichen und ambitionierten Raumprogramm. „In Österreich sind öffentliche Gebäuden ja meist nur zu einem geringen Teil auch tatsächlich öffentlich nutzbar und zugänglich. In Großweikersdorf liegt dieser Anteil hingegen etwa bei 50 Prozent“, freut sich Christian Kircher. Was also landläufig eigentlich undenkbar scheint, wurde hier umgesetzt. Die Gemeinde lädt förmlich ein, bis in das Herz der politischen Entscheidungsfindung zu blicken. Denn auch der Gemeinderatssaal hat weder Trennwände noch Türen. Wenn abends Sitzungen stattfinden – so meinten unisono alle 30 Mandatare –, sei soundso niemand sonst anwesend. Und weil Gemeinderatssitzungen nur einmal im Monat abgehalten werden, steht der weitläufige offene Bereich auch der Bevölkerung zur Verfügung, für Hochzeiten, Ausstellungen, Vernissagen, Veranstaltungen – die perfekte Doppel- bzw. Mehrfachnutzung. 

Nutzungsvielfalt aufnehmen

Das Objekt setzt sich insgesamt aus drei Abschnitten zusammen: Das Gemeindezentrum mit direktem Zugang vom Hauptplatz, das sich gleich im ersten Modul befindet. Hier sind die Büros des Bürgermeisters und der Verwaltung angesiedelt, öffentliche Wartezonen und der große Sitzungssaal im ersten Stock. Das zweite Modul beherbergt das eigenständig begehbare Vereinshaus, das von Bürgern, Gruppen und Vereinen angemietet werden kann. Das dritte und letzte Modul nimmt Arztpraxen mit fünf Ordinationsräumen auf. Der Zugang erfolgt jeweils über die schmalen den Bau flankierenden Gassen. „Wir wollten, dass sich in ortstypischen kleinen, engen Gassen in der Maßstäblichkeit des Ortes, auch das öffentliche Leben abspielen kann“, so Buxbaum. 

Freundschaftliche Geste

Den langgestreckten Baukörper nur zu drehen und zum Hauptplatz hin bewusst zu öffnen, hätte eine 100 Meter lange, spannungslose Halle, eine Riesenkubatur inmitten einer kleinmaßstäblichen umliegenden Struktur bedeutet. Die drei Funktionsbereiche – Gemeindehaus, Vereinshaus, Ärztezentrum – wurden also baulichen Abschnitten zugeordnet und zueinander so versetzt, als handle es sich um aneinandergereihte einzelne Häuser, die zu einem großen Ganzen verschmelzen.

Es hieß  eine Maßstäblichkeit schaffen, die sich in sich am Bestand orientiert. Durch Rücksprünge, Verengungen und Verbreiterungen entsteht qualitätsvoller Aufenthaltsraum. Höchste Flexibilität, ein Anliegen der Architekten, bestimmt das Gemeindezentrum in Form und Nutzung. Die Traufenhöhen der Nachbargebäude flossen in die neue Giebelhöhe ein. Auch die nach außen sichtbare Eingeschoßigkeit wurzelt in der Bezugnahme auf die Bestandstruktur. Außer dem höher situierten Sitzungssaal, sind alle öffentlichen Bereiche, inklusive des Büros des Bürgermeisters, ebenerdig erreichbar, eine weitere Geste, um eine aktive Nähe des Bürgermeisters zu den Bewohnern widerzuspiegeln. 

Transparenz und Eigenständigkeit

Transparenz ist wohl überhaupt eines der wichtigsten Merkmale dieses barrierefreien Gemeindezentrums. Schon vom Platz aus zieht es den Blick durch die raumhohe Verglasung der Eingangsfront über die Wartezone bis in den Sitzungssaal. Ein architektonisches Zeichen für höchste Offenheit, symbolisiert nicht zuletzt durch die Sichtbarmachung von Strukturen und Räumen.

Graue Ziegel als Pflasterung des Vorplatzes leiten schwellenlos nach innen, Eingangsbereich, Treppe und Sitzungssaal zeigen sich ebenfalls mit  grauem keramischem Belag. Die Fassade als vorgehängte, hinterlüftete und ökologische mit Dachziegeln gedeckte Hülle wechselt sich mit den Dachflächenfensterbändern ab und geht in Anlehnung an die umliegende Bebauung in das großflächige Satteldach über. Für ein späteres unkompliziertes Anbauen wurde auch der Eingang in das hintere Modul auf die Seite verlegt, überall wurde auf eine barrierefreie Erschließung geachtet. Für die angestrebte Materialität und den einheitlichen Charakter wurde eigens von Wienerberger ein grauer Dachziegel entwickelt. Damit die gesamte Gebäudehülle zwar zur Einheit mit den begehbaren Flächen verschmilzt, eine allzu monolitische Kubatur jedoch vermieden wird, bestimmen die Oberfläche dezente, unterschiedliche Grauschattierungen.

Von der Rückseite kann zugefahren werden, fünf Parkplätze und eine E-Ladestation stehen dem Ärztezentrum zur Verfügung. Auf der Freifläche sollen Bäume, Sitzflächen und ein kleines Klettergerüst für Kinder die Wartezeit verkürzen helfen. Solange im Ort noch Wirte mit Veranstaltungssälen existieren, hat die Gemeinde von der Errichtung eines Veranstaltungssaales Abstand genommen. Das Anliegen aller am Bau Beteiligten war es, Raum für alle entstehen zu lassen, der zur Auseinandersetzung und Identifikation einlädt. Auch ökologische Aspekte waren ausschlaggebend, so wird nun etwa über sieben Erdsonden mittels Tiefenbohrungen geheizt. Fußbodenkühlung sorgt im Sommer für angenehmes Raumklima.

Zurückhaltung und Demut

Gebaut wurde in Hybridbauweise, ein Kern aus Ortbeton liefert die nötige Speichermasse. Dachstuhl, Teile der Wände und Tragstruktur sind in Holz ausgeführt. Die Materialwahl – Fichtenholz, grauer Klinker und Ziegel – und dezente Farbigkeit aller Oberflächen schaffen einen fast industriellen Charakter. Auf den alten Grenzmauern der Nachbarbauten ist lediglich eine zarte rankende Bepflanzung angedacht. Der neue Keller schließt an den alten Erdkeller unter dem Vorplatz an, erschlossen durch einen Lift.

Die Büros der Gemeinde sind ebenerdig untergebracht, auch Bürgerservice, Bauamt, Buchhaltung und Amtsleitung. Hier wurde ebenso wie in den Ordinationsräumen Parkett als Bodenbelag eingesetzt. Als idealer Wartebereich eignet sich die zum Teil als Sitzstufen ausgebildete Treppe, die zum Sitzungssaal führt, sie ist auch für Vorträge, Projektionen oder Filmvorführungen nutzbar. Durch die Verschiebungen und das Versetzen der einzelnen Raum­elemente und den bewussten Einsatz von nur einem Giebel, der sich durch das gesamte Objekt zieht, entstehen am offenen Dachstuhl spannende Überschneidungen. Möglichst viel Tageslichteintrag zu erreichen, bestimmte die Positionierung der Dachflächenfenster, wodurch auch Ausblicke auf den nahen Kirchturm oder die Wolkenstimmungen den Bezug zum Außenraum herstellen.

Entstanden ist ein Bauwerk, dessen Erscheinungsbild, in Entsprechung bauherrnseitig gewünschter Transparenz und Offenheit, eine Brücke schlägt zwischen funktioneller Nutzung und symbolträchtiger Bürgernähe. Formal haben smartvoll Architekten die Aufgabe jedenfalls schon mal gut gelöst, bleibt zu hoffen, dass das Herz von Groß­weikersdorf nun auch wieder zu schlagen beginnt. 

PROJEKTDATEN

Neubau Gemeindezentrum Großweikersdorf / Niederösterreich

Bauherr Gemeinde Großweikersdorf
Architektur smartvoll Architekten
Ausführungsplanung Arch. DI Olivia Stein
KONSULENTEN  
Statik/Bauphysik Buschina & Partner ZT GmbH, 1190 Wien 
Gebäudetechnik tk11 Gebäudetechnik, 2020 Hollabrunn 
Elektroplanung EPG-Elektroplanungsgesellschaft mbH, 1120 Wien
Landschaftsplanung EGKK Landschaftsarchitektur M.Enzinger | C.Kolar GBR, 1060 Wien 
GEWERKE  
Baumeister Steiner Bau GmbH,  3452 Heiligenreich 
Fliesenleger Kramer & Fidler, 3712 Maissau 
Estrich Estrich Schneider-Schlossaerk GmbH, 3462 Bierbaum am Kleebühel
Trockenbau W2 Trockenbau GmbH, 1130 Wien
Maler Malerei Sitar KG, 3712 Maissau 
Zimmermann Lieb Bau Weiz GmbH & Co KG, 8160 Weiz 
Dachdecker/Spengler Seyfried-Jecho KG, 2020 Hollabrunn
Metallbau Schinnerl Verwaltungs GmbH, 3430 Tulln
Elektroinstallation Elektro Mörth GmbH, 2033 Kammersdorf
Sanitärinstallation Seifried Sanitär- und Haustechnik GmbH, 2020 Holla­brunn 
Aufzug Otis GmbH, 1140 Wien
Planungsbeginn 10/2017
Baubeginn 04/2019
Geplante Fertigstellung 09/2020
Grundstücksgröße 2.311 m2
Bebaute Fläche 910,22 m(39,4 % der Grundstücksfläche)
Nutzfläche gesamt 1.240 m2
Flächen Gemeinde 920 m2
Vereinshaus 125 m2
Ärztezentrum/Ordinationen 195 m2

 

ARCHITEKTEN

smartvoll Architekten

Philipp Buxbaum und Christian Kircher gründen ihr Büro 2013 in Wien. Im Entwurfsprozess wollen smartvoll zeigen, dass es nicht um Ästhetik oder Inhalt geht, sondern dass beides möglich ist, dass sich scheinbar gegensätzliche Ansätze befruchten können. 

Projekte (Auswahl):
2017: Panzerhalle | Salzburg: Loft, Markthalle, Beauty & Style, Restaurant „Wer ist Strattmann?“; 2018: Haus B., Einfamilienhaus, Klosterneuburg; 2019: Wellness Pavillon Zuffer, Hinterbrühl; 2020: Kundenzentrum Wiener Stadtwerke, Wien; Unito Adaptive Reuse, Berg­heim bei Salzburg; Juwelier Köck am Graben, Wien

Preise (Auswahl):
2016: World Interior News Award, IIDA Global Ex­cellence Award
2017: IF Design Award, IF Gold Award, Best of Year Award | Interior Design Magazine, Archilovers Best Project Award
2018: Azure Award, BIG See Award

www.smartvoll.com

 

Autor/in:
Christine Müller
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