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gerner°gerner plus: Das Plus gegen Magengeschwür

11.06.2007

Seit ziemlich genau zehn Jahren sind Andreas und Gerda Maria Gerner als gerner°gerner plus im Architekturbusiness sehr erfolgreich unterwegs. Im Interview sprechen sie über die Vereinbarkeit von Studium, Job und Kindern, über ihre Liebe zum Landleben und ihren guten Draht zu „Promis“ und nach Kärnten, die Wichtigkeit der Präsenz vor Ort und ihre gelebte Kompromisslosigkeit, wenn es um Architektur geht.

Roland Gruber im Gespräch mit Gerda und Andreas Gerner

gerner°gerner plus: „Der Spaß muss immer dabei sein. Wir haben uns vorgenommen, aufzuhören, sobald Architektur nur mehr Beruf, Kampf und Geldverdienen ist.“

gerner°gerner plus, warum das Plus? Habt ihr mehrere Partner?
AG (Andreas Gerner):
Nein, überhaupt nicht. Das Plus steht für alles, was rund um uns notwendig ist. Also angefangen von den Mitarbeitern, bis hin zur Baupolizei, vom Statiker bis zu den Bauherren. Unsere Kinder gehören genauso dazu. Alles, was uns umgibt und was unser Leben ausmacht. Das Zentrum ist der Bauherr, und rundherum baut sich dieses Team auf.

Ihr seid klassische Landkinder aus dem Burgenland und dem Salzburger Land, die zum Studieren in die Stadt gekommen sind. Warum ausgerechnet Architektur?
GG (Gerda Gerner):
Auf meinen Reisen hat mich die Architektur zu faszinieren begonnen, obwohl ich kaufmännisch ausgebildet war. Konkret waren es New York und dessen Skyscraper.
AG: Bei mir war es viel früher. Es war ein Fernsehbericht, in dem sich ein „Urwiener“ über die Bank von Günter Domenig in der Favoritenstraße maßlos geärgert hat. Und diese Polarisierung von Architektur in der Gesellschaft war für mich so motivierend, dass mir sofort klar war: Das muss mein Beruf werden. Da war ich zwölf Jahre alt. Ich war zielstrebig und habe von Beginn an Architektur studiert.

Ihr habt euch beim Studieren kennen gelernt, recht bald Kinder bekommen und arbeitet seither zusammen. Wie habt ihr euch privat und beruflich organisiert?
GG:
Andreas hat in mindestens zehn Büros gearbeitet, bevor wir selbstständig wurden. In dieser Phase habe ich die Kinder großgezogen, und er hat das Geld verdient. Ich kann mich an niemanden sonst erinnern, der während unserer Studienzeit bereits Kinder hatte, die meisten haben erst sehr spät Nachwuchs bekommen. Und es war damals sehr schwierig, einen Kinderbetreuungsplatz oder eine Tagesmutter zu finden.
AG: Als wir privat schon sehr zusammengewachsen und die Kinder größer waren, haben wir uns dann selbstständig gemacht. Es ist immer ein Risiko, wenn man diesen Schritt ohne finanziellen Hintergrund und mit Kindern macht.

Um die Brücke zur Architektur zu schlagen – und etwas überspitzt formuliert: In der Stadt baut ihr ausschließlich Wohnbauten, und am Land gibt es ein buntes Spektrum an Projekten. Woran liegt das?
AG:
Das stimmt. Größere Wohnbauten und Einfamilienhäuser konzentrieren sich auf Wien und die Projekte am Land auf das Burgenland. Das hat damit zu tun, dass es dort nach wie vor eine gute Förderung für Firmen und Gewerbebetriebe gibt. Aber wir schätzen es enorm, wenn wir Wien verlassen können. Der Aktionsradius wird größer, mittlerweile sind auch Projekte in Kärnten sowie ein Privatmuseum in der Schweiz in Arbeit.

Das heißt, es treibt euch wieder dorthin, wo ihr hergekommen seid?
GG:
Ja und Nein. Wir haben in meinem Heimatort Raiding im Burgenland in „Echoweite“ zum neuen Liszt-Zentrum ein kleines Häuschen gekauft, wo wir teilweise Zeit verbringen.
AG: Mich zieht es seit fünf Jahren mehr nach Kärnten. Das heißt aber nicht, dass wir ein getrenntes Leben führen! Diese Verbindung zu Kärnten hat über das Geschäftliche begonnen, konkret mit der Firma Stahlbau Buttazoni, mit der wir seit Jahren Projekte realisieren. Mittlerweile ist daraus eine Familienfreundschaft geworden, und wir haben in Himmelberg bei Feldkirchen einen Bürostandort von gerner°gerner plus gegründet.

Eine interessante Entwicklung. Wie kann man sich das vorstellen?
AG:
Wir haben einen Büroraum mit Infrastruktur am Firmenareal der Buttazonis, Mitarbeiter gibt es derzeit noch keine. Ich bin ein paar Tage dort – eine Woche pro Monat –, so dass Projekte konsequent bearbeitet werden können, andere werden dabei akquiriert.

Ist Präsenz vor Ort also eine Grundbedingung?
AG:
Für Direktaufträge ist das ganz logisch. Wenn ich in Kärnten bin, bin ich es nun einmal ganz. So wie früher im Burgenland, und dann haben sich die Aufträge einfach ergeben.

Du meinst, man muss einfach auch die Mentalität der Menschen kennen lernen, die Sprache der Leute verstehen, damit man ins Gespräch und zu Aufträgen kommt.
AG:
Wenn ich nach Kärnten komme, habe ich immer eine gute Schwingung. Und wenn ich selber offen bin, dann erreiche ich die Leute auch anders. Ich finde die Kärntner unglaublich nett und komme perfekt mit ihnen zusammen. Du lachst, weil du ein Kärntner bist, aber ich finde, es gibt nirgends so freundliche Leute wie dort. Ich habe mir einmal das Bein gebrochen, und es hat nur hilfsbereite Leute gegeben, das ging bis hin zum Krankenhauspersonal. Ich komme aus Salzburg, dort gibt es das nicht, in Wien ist es sowieso nicht üblich. Ich fühle mich dort sehr wohl und glaube auch, dass dort, neben Wien, eine zweite Zentrale entstehen wird.

Ich stelle mir das jetzt so vor: Du sitzt da unten, arbeitest intensiv und entspannst dich nebenbei ausgiebig beim Golfspielen und am See, so wie das üblich ist, wenn man im Süden lebt.
AG:
Golfspielen ist wunderbar und unheimlich inspirierend. Für mich ist das oft die einzige Möglichkeit, um mich ein paar Stunden mit unseren Söhnen zu unterhalten.

Ich bin kein Golfer, aber es heißt, wenn man erfolgreich sein möchte, muss man Golfspielen; Dort lernt man die richtigen Leute kennen. Habt ihr konkrete Aufträge über Golfbeziehungen bekommen?
AG:
Golfspielen gehen wir nicht, weil wir Aufträge bekommen wollen oder um Leute kennen zu lernen. Unsere Auftragsakquisition hat mit Golf überhaupt nichts zu tun. Wir generieren Projekte hauptsächlich über positive Stimmungen bei unseren Projekten und der daraus resultierenden Mundpropaganda.

Bekannte Personen wie Hillinger, Dichand und Co. gehen bei euch ein und aus. Habt ihr einen speziellen Draht zu solchen Menschen? Oder warum kommen sie zu euch?
GG:
Sie kommen über Empfehlungen. Und alle gelten als schwierig, wir werden ständig gewarnt.
AG: Ich finde es spannend, wenn einem ein schwieriger Ruf vorauseilt. Aber wir nehmen diese Warnungen sehr ernst und führen am Projektbeginn ein ganz sachliches Gespräch.
GG: Dieses Ehrlichsein funktioniert sehr gut.

Seid ihr wirklich immer so radikal direkt?
AG:
Bis jetzt hat es gut funktioniert, und wir sind auch mit allen prominenteren Kunden nach wie vor befreundet. Generell versuchen wir, auch mit diesen die Projekte im Team zu entwickeln. Wir sind jetzt in einem Alter, in dem wir alle kein Magengeschwür mehr bekommen wollen. Deswegen kommen wir schnell auf den Punkt und sprechen alles Unangenehme auch sofort an. Mit dieser Flucht nach vorne fahren wir hervorragend.

Das heißt, das Plus steht eigentlich gegen das Magengeschwür?
GG:
Ja, so kann man es auch sagen. Wir wollen nicht leiden!
AG: Und daher machen wir auch keine Bauleitung mehr, es ist nicht unsere Kompetenz. Wir haben dafür einen begnadeten Bauleiter engagiert, der es schafft, für eine Baustelle kein einziges Protokoll anzufertigen. Als das Weingut Hillinger fertig war, habe ich ihm gesagt: „Sag, Pepi, hätten wir nicht einmal einen Aktenvermerk bekommen sollen?“ Dort, wo es noch Handschlagqualität gibt, macht das Bauen echt Freude.
GG: Deshalb haben wir wunderschöne Wochenenden. Wenn es regnet, werden wir nicht angerufen, um als Trouble-Shooter einzuspringen. Die Lebensqualität hat sich damit enorm verbessert.

Was war der ausschlaggebende Grund, die Bauleitung nicht mehr zu machen?
AG:
Es lag in meinem Tätigkeitsbereich, und ich habe gemerkt, dass ich dabei zu schnell alt werde, weil es nicht meine Leidenschaft ist. Wir haben uns entschlossen, lieber weniger Geld zu verdienen, aber dafür nur mehr das zu machen, was wir können.
GG: Und der Spaß muss immer dabei sein. Wir haben uns vorgenommen, aufzuhören, sobald Architektur nur mehr Beruf, Kampf und Geldverdienen ist.

Es eilt euch der Ruf voraus, dass ihr keine Kompromisse bei der Umsetzung eurer Konzepte eingeht. Wie schafft ihr das?
AG:
Das stimmt, und wir haben auch noch kein Projekt verloren. Wir tüfteln oft sehr lange an Interpretationen der Bauordnung, bis es allen Beteiligten passt. Wenn wir von einer Sache überzeugt sind, sind wir bereit, dafür sehr viel Zeit zu investieren. Diese Überzeugungsarbeit kann oft Monate dauern.

Argumentieren statt Umplanen?
AG:
Genau. Sterben darf ein Projekt erst am Schluss, wenn keinem mehr Argumente einfallen. Beim Weingut Hillinger war es so, dass die Landesregierung am Anfang komplett gegen das Projekt war. Es wurde schließlich zu 100 Prozent so umgesetzt, wie wir es konzipiert hatten. Bei der Eröffnung hat der Landesrat allen Fernsehstationen gesagt: „Der Architekt hat genau das umgesetzt, was ich ihm gesagt habe.“ Herrlich, wenn ein Politiker plötzlich vor dir steht und die ganze Verantwortung übernimmt. Ja, die soll er haben, dafür ist er Politiker. Es war umfassende Überzeugungsarbeit, die wir hier geleistet haben.

Gibt es noch ein Beispiel, das diese Kommunikationsfähigkeit untermauert?
AG:
Beim Gemeindezentrum Oberalm in Salzburg, für das wir den EU-weiten Wettbewerb gewonnen haben, gab es nach der Jurysitzung eine Wirtshausrauferei. Von dort aus wurden wir angerufen: „Ihr habt den Wettbewerb gewonnen, aber es ist unwahrscheinlich, dass es gebaut wird!“ Als ich dann zur Gemeinderatssitzung fuhr, empfingen mich 25 Personen in sehr giftiger Stimmung. Ich habe sofort gemerkt, dass ich ihnen den Druck wegnehmen muss und ihnen vermittelt, dass wir nicht unbedingt bauen müssen. Es ist ein schönes Projekt, aber es kann niemand gezwungen werden. Daraufhin kam die Antwort: „So schlimm ist es auch wieder nicht, jetzt reden wir einmal darüber.“ Sie haben mir die Chance gegeben, das Projekt nachvollziehbar zu erklären. Und das Gemeindezentrum steht heute genau so dort, wie wir es im Wettbewerb entworfen haben.

Wie hoch ist eure Drop-out-Rate?
GG:
Wir haben so gut wie keine Ausfälle. Alle von uns entwickelten Projekte, egal ob große oder kleine, wurden auch realisiert. Als kleines Projekt kann die Gestaltung der Zeitungsständer für die Wiener Gratiszeitung „Heute“ gesehen werden. Eva Dichand benötigte innerhalb von 48 Stunden einen Prototyp. Der hat dann auch alle Tests, z. B. in puncto Vandalismus, bestanden. Innerhalb von sechs Wochen konnten 500 Stück aufgestellt werden. Mittlerweile stehen 800 solcher Zeitungsständer im öffentlichen Raum in Wien, St. Pölten, Linz und Graz.

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