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Gernot Hertl: Die Pragmatik des Mister Top 93

25.06.2007

Laut einer Marktanalyse gehört Gernot Hertl zu den 100 bekanntesten Architekten der Welt. Wie man da hinkommt und wie man sich dort oben fühlt, erzählt der 35-jährige Jungspund aus Steyr – mit dem wohl charmantesten Understatement des ganzen Landes. 

Wojciech Czaja im Gespräch mit Gernot Hertl

Gernot Hertl: „Ich halte Erfahrenheit auch nicht für ein wesentliches Kriterium in der Architektur. Logik, Sinnlichkeit und Hausverstand sind weitaus wichtiger.“

Laut einem internationalen Ranking der deutschen Internetplattform Baunetz kursiert das Büro Hertl.Architekten unter den Top 100 weltweit auf Platz 93. Was macht Sie so top?
Früher wusste ich gar nicht, dass es überhaupt so detaillierte Architektenrankings gibt. Für mich waren Rankings immer eine Sache, bei der die paar großen, internationalen Kapazunder und Koryphäen mitspielen. So wie Herzog & de Meuron, Zaha Hadid, David Chipperfield und Konsorten. Und deswegen habe ich keine Ahnung, wie es dazu kommt, dass ich nun auf Platz 93 die Stellung halte. Ich glaube, dass es wohl mit der Häufigkeit der Publikationen zusammenhängt. Und in letzter Zeit ist sehr viel über uns geschrieben worden. Ich habe mich auch schon gefragt, ob mich dieses Ranking mit Stolz erfüllt. Doch im Grunde darf man von diesen Auflistungen nicht allzu viel halten. Zumindest hat niemand bei uns angerufen, um sich über die Anzahl unserer Mitarbeiter oder über die jährlich verbaute Bausumme unseres Büros zu erkundigen. Wäre dies der Fall gewesen, wären wir gewiss nicht unter den Top 100. Denn im Grunde sind wir ein sehr kleines Büro, das ebenso kleinen, wie auch feinen Aufgaben nachgeht.

An welcher Stelle sehen Sie sich in einem Ranking, wenn es nicht um die Häufigkeit der Publikationen, sondern tatsächlich um die architektonische Qualität ginge?
Sie sind gemein. Das ist keine faire Frage! Ich würde gerne Kategorien definieren. In der Kategorie der kleinen Bauaufgaben, die mehr vom Herzblut als vom Budget genährt werden, würde ich mich wohl ziemlich weit vorne sehen. Ohne Kategorien greife ich auf die sichere Seite des Understatements zurück und sage: Ich bin irgendwo in der goldenen Mitte. Wir bemühen uns sehr, in jeder Minute der Arbeit über Qualität und Qualitätsmaßstäbe nachzudenken. Das wird in unserem Alltag ganz groß geschrieben.

Können Sie mit der Bezeichnung „Jungarchitekt“ leben?
Ich bin ziemlich neu am Markt, ich bin geradezu jung und frisch. Wir haben das Büro 2000 eröffnet. Das ist in Wahrheit keine sehr lange Zeit, die da verstrichen ist. Jungarchitekt ist aber noch in ganz anderer Hinsicht treffend. Die Idee, Architekt zu werden, kam nämlich erst sehr spät. Ich habe die HTL besucht und wollte eigentlich immer etwas mit Elektronik machen. Danach war ich beim Bundesheer. Diese Zeit war so stumpfsinnig, dass ich mir dann dachte: So, Gernot, jetzt musst du intellektuell sein und etwas studieren. Ich habe dann überlegt, was ich immer schon machen wollte. Und da ist mir eingefallen, dass ich als Kind immer schon Straßen und Plätze gezeichnet hatte. Und so wurde ich Jungarchitekt. 

Doch der Begriff Jungarchitekt beinhaltet auch Unerfahrenheit.
Ja, das tut es definitiv. Und bis zu einem gewissen Grad kann ich damit gut leben, auch wenn mich jetzt viele junge Kollegen am liebsten erschlagen würden. Ich halte Erfahrenheit auch nicht für ein wesentliches Kriterium in der Architektur. Logik, Sinnlichkeit und Hausverstand sind weitaus wichtiger. Gesellschaftlich gedacht, schlägt sich Erfahrenheit ohnehin erst nach Jahrzehnten nieder. Und ich habe gerade mal dreieinhalb davon hinter mich gebracht.

Viele österreichische Jungarchitekten treten mit Pomp, Trara und Homepage auf, noch bevor sie ein einziges Haus gebaut haben. In Ihrem Falle ist dies genau umgekehrt.
Anfangs hatte ich noch keine Vermarktungsstrategie. Ich hatte keinen Namen, keinen Ruf, keine sonstigen Vorteile. Offensichtlich bin ich da etwas altmodisch. Das spiegelt sich auch im Büronamen wider. Hertl.Architekten – ja, das könnte auch ein alter Mann der alten Schule sein. Aber ich finde es aus dem Bauch heraus einfach sympathischer, wenn nicht irgendeine nebulose Wortkreation, sondern der eigene Namen auf dem Briefpapier steht. Pomp und Trara passen einfach nicht zu mir.

Wie kommt es, dass gerade in letzter Zeit so viel publiziert wird?
Ich habe eine Zeit lang Aussendungen an Redaktionen gemacht, weil ich mich um Publikationen bemühen wollte. War alles vergeblich, kein einziger Artikel hat dabei rausgeschaut. Irgendwann einmal habe ich es dann aufgegeben. Und plötzlich geht eine Lawine los, und alle schreiben über Hertl.Architekten. Ich glaube, dass es einen Redakteur und Journalisten nicht interessiert, etwas Vorgekautes vorgelegt zu bekommen. Sie wollen die Materie wohl selbst entdecken und erobern.

War das jetzt eine versteckte Frage?
Nein, das war eine Feststellung. Sie haben mich angerufen.

Ein Blick auf Ihr Werkverzeichnis verrät, dass Sie sich im Einfamilienhausbau recht wohl fühlen. Aus welchem Grund sprechen Sie so viele Privatkunden an? Viele Laien laufen vor Architekten ja regelrecht davon.
Es gibt einen Punkt, den ich selbst nicht nachvollziehen kann, aber offensichtlich wird dies von außen so wahrgenommen: Die Bauherren schätzen mich dafür, dass ich bei jeder neuen Bauaufgabe völlig neue Lösungen finde. Und deswegen höre ich mir deren Lebensgeschichte an, will ihren Background kennen lernen und will wissen, wie die Leute heute leben und in Zukunft leben wollen. Ich verarbeite jedoch keine formalen Wünsche der Bauherren. Das wäre kontraproduktiv. Denn die Leute kommen mit dem Ziel zu uns, ihr ganz spezifisches, eigenes Haus zu bekommen. Sie wollen einen Identifikationswert – und nicht eines von diesen Hertl­Häusern.

Hertl oder Hartl?
Ach, das Fertighaus! Städtebaulich und architektonisch ist das Fertighaus eine absolute Katastrophe. Leider präsentiert sich die Fertighausbranche beim Endnutzer auch mit falschen Preisen, denn kein Fertighaus kostet so wenig, wie es in der Werbung kommuniziert wird. In der Praxis kommen Keller, Dach, Regenabfallrohre, Heizung, Böden und Oberflächen dazu. Und plötzlich kostet das Gebäude fast doppelt so viel, wie anfänglich gedacht. Mit diesem falschen Marketing und dem verfälschten Ruf muss letztlich jeder Architekt zu Rande kommen. Aber das Fertighaus hat zwei wesentliche Vorteile mit sich gebracht: Es hat die Entwicklung des Leichtbaus vorangetrieben. Wir wären heute im Holzbau nicht da, wo wir sind, wenn es das Fertighaus nicht gäbe. Und es hat die Bevölkerung bis zu einem gewissen Grad im Bereich des Bauens und Wohnens sensibilisiert.

Und warum machen Sie Einfamilienhäuser?
Ich mag den Prozess vom ersten Kennenlernen bis zur Schlüsselübergabe. Und manchmal sogar bis zur Freundschaft. Wenn die gesamte Bauphase in einer Hand bleibt, wie dies bei Einfamilienhäusern durchaus möglich ist, dann lerne ich mit jedem Handgriff Neues dazu. Beispielsweise, dass Privatbauherren ihren Wandanstrich bei Streiflicht kontrollieren und dass Bauungenauigkeiten von fünf Millimetern jemanden bereits unglücklich machen können. Aber ich kann das nachvollziehen. Die meisten Leute, die bauen, machen das nur ein Mal im Leben. Es ist eine außergewöhnliche Angelegenheit, in die sie sich mit ganzem Herzen reinhängen. Unterm Strich schätze ich dieses Lernen sehr.

Haben Sie Lieblingsprojekte? Oder ist das Lieblingsprojekt immer das, an dem man gerade arbeitet, so wie das fast jeder behauptet? 
Überhaupt nicht. Das Lieblingsprojekt ist immer dasjenige, das erfolgreich über die Bühne gebracht wurde und abgeschlossen ist. Dann wird gefeiert!

Stichwort Nachhaltigkeit und Niedrigenergie?
Passivhaus ist ein Zuckerl, das man sich leisten sollte. Niedrigenergie hingegen ist absoluter Standard. Das ist Stand der Technik. Bei uns ist die Mindestanforderung an ein Einfamilienhaus der Niedrigstenergiestandard. Ich hänge die Energiefrage daher nicht an die große Glocke. Alle Architekten, die sich an der Niedrigenergie vorbeischummeln, agieren grob fahrlässig. Nebenbei bemerkt: Ich finde es faszinierend, wie wenig Jahre dazu notwendig waren, um den Österreichern die Niedrigenergiebauweise zu erklären. Ich schätze, dass mittlerweile 90 Prozent der Bevölkerung mit dem Wort Passivhaus etwas anfangen können. Das ist wahnsinnig schnell gegangen!

Wie würden Sie Ihre Architektur in wenigen Sätzen umschreiben?
Es geht wesentlich um den Raum und um das Licht. Wir arbeiten viel mit Tageslicht und mit Hell­Dunkel­Kontrasten. Manchmal manipulieren wir bewusst die Größe und den Maßstab – das ist ein spielerischer Umgang. Gerade bei kleinen Projekten ist das Thema sehr oft: Wie bringe ich Großzügigkeit in einen kleinen Raum? Wie kann ich etwas Unwesentliches wichtig erscheinen lassen? Wie kann ich etwas Wesentliches vielleicht sogar zum Verschwinden bringen? Mit einem Wort: Inszenierung und Überbetonung der Gegebenheiten und Ideen. 

Kann diese Überbetonung bis zur Karikatur führen? Oder ist das nicht mehr drin?
Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Aber generell würde ich sagen, dass das noch im Bereich des Möglichen liegt. Ich persönlich würde mich wahrscheinlich dagegen sträuben, meine Projekte als Karikatur zu bezeichnen. Aber ich nehme an, dass diese Bezeichnung schon ziemlich treffend ist. Beim Wintergartenanbau im Haus meiner Eltern – das ist dieser expressiv wirkende, rostige Zubau – geht das Projekt wahrscheinlich schon sehr in Richtung der Karikatur. Nur meinen Eltern war nicht zum Lachen zumute, als sie das Ding das erste Mal gesehen haben. In diesem Augenblick waren sie über ihren Sohn völlig entsetzt. Mit der Zeit hat sich die Irritation aufgelöst, geblieben ist die Identifikation mit etwas Außergewöhnlichem.

Kann man Hertl-Architektur bereits als solche erkennen?
Laut meinen Bauherren, ja. In ganz selbstkritischen Stunden habe ich das Gefühl, dass alle Projekte gleich ausschauen.

Darf ich eine Zwischenbilanz ziehen?
Ich bitte darum.

Ich bin verwirrt. Ihre Projekte strahlen eine unglaubliche Poesie aus. Doch der Architekt dahinter klingt ganz pragmatisch, wohlüberlegt und nüchtern.
Das liegt daran, dass wir mit Begriffen wie Sinnlichkeit, Stimmung und Sensibilität teilweise ganz pragmatisch umgehen: Welche Haptik haben Oberflächen? Wie riecht ein Material? Wie riecht die Kombination verschiedener Materialien? Und wie riecht dann das Haus als Ganzes? Nachdem ich nicht alleine an einem Projekt arbeite, bedarf es ganz einfach einer ganz trockenen Pragmatik und einer handhabenden Kontrolle von oben, um diese Sinnlichkeit auch rüberbringen zu können. Ohne Ratio keine Emotion, so widersprüchlich das klingen mag.

Eines Tages wird Ihnen eine Fee erscheinen. Welchen gesellschaftskritisch-architektonischen Wunsch wird sie Ihnen erfüllen dürfen?
Da muss ich nicht lange nachdenken: Gleichheit für alle Bundesländer! Es gibt innerhalb von Österreich extreme Gefälle in der Architektur­ und Baubranche. Alle, die abseits der großen Städte und abseits von Vorarlberg sitzen, haben schwer zu kämpfen. Das Problem ist in erster Linie wirtschaftlicher Natur. In der Folge geht es aber auch ums Image. Und mit Architektur aus Oberösterreich können Sie medial keinen Vogel abschießen.

Wo sehen Sie sich in 20 Jahren?
Im Großen und Ganzen genau da, wo ich heute auch schon bin. Ich hoffe nur, dass dann Einiges wesentlich leichter über die Bühne gehen wird. Ich möchte in 20 Jahren nicht mehr strampeln. Und ich möchte in 20 Jahren nicht mehr auf jeden Auftrag angewiesen sein. Ansonsten möchte ich meine Arbeitsweise und meine Strukturen beibehalten. Und ich möchte nach wie vor in Steyr leben. Hier ist das Leben einfach bequemer. Jetzt lasse ich wieder den Pragmatiker raushängen, oder?

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