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Anna Heringer: Von der Schönheit der Nachhaltigkeit

15.09.2008

Ihre Diplomarbeit "Meti school handmade"* ist mehrfach ausgezeichnet worden; unter anderem mit dem Aga Khan Award for Architecture, dem höchstdotierten Architekturpreis weltweit, und dem Hunter Douglas Award, dem Preis für die weltweit beste Architektur-Diplomarbeit. In ihrer Arbeit widmet sich Anna Heringer dem Beitrag der Architektur zu lokalen ökonomischen und ökologischen Systemen, dem Aspekt von Schönheit und Ästhetik in dieser Diskussion und ganz generell der Frage: "Was ist Nachhaltigkeit?"

Veronika Müller im Gespräch mit Anna Heringer

Anna Heringer: "Was ich persönlich besonders 
gelernt habe vom Bauen in Entwicklungsländern, ist Sensibilität und 
Verantwortung im Umgang mit Materialien, die Wertschätzung des Handwerks, die Einsicht, dass Mangel durchaus Kreativität freisetzen kann und dass echte Schönheit ein Synonym für  Nachhaltigkeit ist."

In den vergangenen Jahren scheint das Bauen für und mit Entwicklungsländern ein immer größeres Thema zu werden. Du selbst hast schon an mehreren Bauten in Bangladesch und Südafrika mitgewirkt, was ist für dich das Reizvolle an solchen Projekten?
Generell haben mich an der Architektur schon immer die Zusammenhänge von Ökonomie, Sozialem und Ökologie interessiert. Und an den Projekten in Bangladesch oder Südafrika sind diese Zusammenhänge noch viel unmittelbarer spürbar, manchmal sogar bis zu einem gewissen Grad beeinflussbar.

Der Entwicklungshilfe ist das Thema des Bauens für Arme quasi immanent. Wie stehst du dazu?
Anfänglich war Hassan Fathy mit seiner Philosophie und Forderung "architecture for the poor" mein Motto. Und nach wie vor ist es mein Ziel, die Lebensbedingungen Benachteiligter zu verbessern. Aber nicht unbedingt durch das Entwickeln von Low-Cost-Architektur. Aus meiner Erfahrung vor allem in Bangladesch habe ich gelernt, dass jede Region, jede Bevölkerung Fähigkeiten und Techniken entwickelt hat, mit dem zu arbeiten, was vorhanden ist. Daraus sind Bauweisen entstanden, die noch dazu in hohem Maße ökologisch sind. Mich interessiert viel mehr, wie es möglich ist, dieses Niveau der Nachhaltigkeit auf Dauer beizubehalten, auch wenn sich der Lebensstil durch ökonomische Entwicklung verändert. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, ein möglichst billiges Gebäude zu errichten, sondern eines, das ökologisch, sozial und ökonomisch angemessen ist, in dem man sich wohl fühlt und auf das man stolz ist. Projekte wie die Schule für Rudrapur haben nicht nur Einfluss auf das Zusammenleben oder die Wirtschaft einer Region. Durch die Gestaltung und ihre Ästhetik haben sie auch Einfluss auf die Stärkung kultureller Identität. Gerade Letzteres halte ich für lebensnotwendig - da geht es um Selbstwert und Selbstvertrauen. Beides Themen, die aus meiner Erfahrung die Basis für Entwicklung sind.
Natürlich müssen wir auch ökonomisch denken, aber dabei sollte die primäre Frage sein: wer profitiert? Denn wenn der Profit vor Ort bleibt, steigert sich die ökonomische Situation der Region insgesamt. Ich sehe die vergangenen Projekte als Initialzündungen, als etwas, das zur Nachahmung und Weiterentwicklung motivieren soll. Antoine de Saint Exupéry schreibt: "Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer." Das ist mir zum Leitmotiv geworden. Entwicklung entsteht, wenn man eine Sehnsucht hat und dazu das Vertrauen, den Traum real werden zu lassen.

Warum ist es notwendig geworden, Ländern wie Bangladesch zu zeigen, wie man baut? Und ist dieser Ansatz nicht etwas überheblich?
Ich würde es lieber so formulieren, wir wollen sie bestärken, ihre Kultur, ihre Tradition zu achten, zu bewahren, aber auch sie weiterzuentwickeln. Manchmal tut es gut, Lob und Wertschätzung von außen zu erfahren, dann schätzt man das Selbstverständliche mehr. Unsere Mittel dazu sind die gemeinsam realisierten Gebäude - die Freude am Bauprozess, am gemeinsamen Entwickeln von Lösungen und ein Ergebnis, auf das wir alle miteinander stolz sind.
Abgesehen davon sind Länder wie Bangladesch ja nicht von jedem westlichen Einfluss abgeschottet. Veränderung findet statt: Durch den Einfluss unserer westlichen Kultur und einen wachsenden Bildungsgrad haben sich die Nutzungsgewohnheiten und Lebensstandards geändert, gleichzeitig aber fehlen vor allem in den ländlichen Regionen weitgehend die ökonomischen Grundlagen. Dazu kommt die wachsende Bevölkerung, auf deren immensen Wohnraumbedarf reagiert werden muss.
Waren beispielsweise die Hütten früher nur zum Schlafen und zum Aufbewahren gedacht, sind sie heute zunehmend auch Lebensraum. Natürlich funktioniert die bisher übliche ebenerdige, fensterlose Bauweise dadurch nun nicht mehr.
Die Folge ist eine Abkehr weniger von den traditionellen Bauformen, sondern vor allem von den traditionellen Baustoffen. Lehm und Bambus gelten heute als Baumaterial der armen Leute und werden zunehmend durch Ziegel und Wellblech verdrängt. Beides Baustoffe, die nicht selbst hergestellt werden können, die externe Rohstoffe und Energie zur Produktion benötigen, Emissionen verursachen, etc. Im Grunde zieht die Verwendung solcher Materialien die Wirtschaftskraft aus den Dörfern ab. Ein Prozess, von dem letztlich nur die Produzenten in den Wirtschaftsländern profitieren. Und dabei bleibt auch das kulturelle Gesicht des Landes auf der Strecke. Das heißt, einerseits entspricht die traditionelle Bauweise nicht mehr den Ambitionen der Bevölkerung nach westlichen Standards, andererseits aber gibt es keine zeitgemäßen Antworten, die den ökonomischen Rahmenbedingungen gerecht werden.

Was sind für dich zeitgemäße Antworten auf diese Frage?
Ich denke, es geht darum, das Bauen mit lokalen Baustoffen auf eine höhere Qualitätsstufe zu bringen, um mit den veränderten Erwartungen Schritt halten zu können. Das ist klarerweise nicht eine Frage moderner Materialien, sondern eine Frage des Know-hows, der Konstruktion und der architektonischen Sprache. Vor allem in den Bereichen Lüftung, Dämmung und Belichtung und im zweigeschoßigen Bauen gibt es einen großen Bedarf an Wissenstransfer. Indem wir gemeinsam mit der Bevölkerung Bauten wie die Schule errichten, zeigen wir nicht nur, dass moderne Standards möglich sind, sondern vermitteln auch das Wie.
Eine Auseinandersetzung lediglich mit den regionalen Materialien (Lehm, Bambus) wäre hier definitiv zu wenig. Wir müssen immer auch die sozialen Strukturen, die Denkweisen der Bevölkerung berücksichtigen. Bei allem Erfolg hat die Schule in Rudrapur zum Beispiel gezeigt, dass der Maßstab zu groß war, um für die Wohnsituationen der Bevölkerung als Vorbild zu dienen. Obwohl wir bewiesen haben, dass diese Bauweise anwendbar wäre, hat bei der Bevölkerung die thematische Vernetzung mit den eigenen Bedürfnissen nicht funktioniert. Unser Folgeprojekt sind daher die letzten Herbst realisierten Bauernhäuser, die als Eins-zu-eins-Beispiel die Bevölkerung noch viel unmittelbarer zur Nachahmung anregen sollen. Im Endeffekt sind Projekte wie dieses wechselseitige Lernprozesse.

Du legst ja besonderen Wert auf die größeren Zusammenhänge des Bauens. Wo lassen sich solche positiven Einflussmöglichkeiten am Beispiel Rudrapur festmachen?
Ich denke, Rudrapur zeigt in mehrfacher Hinsicht, wie durch die Architektur oder besser durch die Architekturproduktion Einfluss genommen werden kann.
Durch das schon erwähnte Verwenden lokaler Baumaterialien wird nicht nur das Bauen für die Bevölkerung leistbarer, sondern auch die kleinteilige Wirtschaft gefördert und lokale Erwerbsmöglichkeiten geschaffen. Diese neuen Einkommensquellen wiederum sind Maßnahmen, um den Druck der Abwanderungen in die Städte zu nehmen. Dieselbe Intention haben wir, wenn wir bewusst zweigeschoßige Bauwerke zeigen, denn angesichts einer Bevölkerungsdichte von etwa 1000 Menschen auf einem Quadratkilometer ist der sparsame Umgang mit der Ressource Land schlichtweg eine Frage des Überlebens.
Dass der Prozess in Rudrapur erfolgreich war, zeigt für mich die Anfrage eines Textilfabrikanten, der ein Produktionsgebäude aus Lehm und Bambus errichten möchte. Es ist spannend, dass hier sogenannte Entwicklungsländer, deren Fabriken ja einen sehr schlechten Ruf haben, als Erste erkennen, dass sie hinsichtlich einer nachhaltigen Standortgestaltung punkten können. Ich sehe hier einen großen Willen, sich einerseits an unseren Maßstäben wie zum Beispiel den LEED Regulations zu orientieren, aber auch eigene Wege zu finden, von denen wir nur lernen können: Das gilt ganz besonders im maßvollen Umgang mit Materialien und einer guten Balance aus Einfachheit und Hightech. Länder wie Bangladesch haben, wenn sie sich an diesem Punkt der Entwicklung dem Thema Nachhaltigkeit stellen, das Potenzial, uns Wirtschaftsländer zu überholen.

Was können und sollen wir "Industriestaatler" daraus lernen?
Im Grunde geht es beim Bauen überall um dasselbe: um einen verantwortungsvollen Umgang mit Energie, Materie und Kultur - und um einen auf Dauer guten Lebensraum.
Was ich persönlich besonders gelernt habe vom Bauen in Entwicklungsländern, ist Sensibilität und Verantwortung im Umgang mit Materialien, die Wertschätzung des Handwerks, die Einsicht, dass Mangel durchaus Kreativität freisetzen kann, und dass echte Schönheit ein Synonym für Nachhaltigkeit ist.
Wenn ein Gebäude wirklich im Einklang ist - in seiner Konstruktion, in der Verwendung der Materialien, im Verhältnis zur Nutzung, im landschaftlichen, räumlichen Kontext, mit dem Ort und seiner sozialen, kulturellen Prägung und dem ökologischen Gleichgewicht -, dann ist das eine Harmonie und Schönheit, der eine nachhaltige Gültigkeit und eine gültige Nachhaltigkeit innewohnt.

*die Meti School handmade wurde gemeinsam mit dem Architekten Eike Roswag sowie Studenten und Lehrenden der Kunstuniversität Linz realisiert.

 

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