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Gharakhanzadeh Sandbichler: Architektur für alle

20.04.2009

Feria Gharakhanzadeh und Bruno Sandbichler entstammen ganz unterschiedlichen Kontexten: Sie kommt aus dem Iran, er aus Tirol. Was sie verbindet, ist die Architektur. Für beide bedeutet Architektur eine gesellschaftliche Verantwortung, das heißt, einen Prozess des Vertrauens mit den Auftraggebern aufzubauen, eine harmonische Gesamtheit zur Verbesserung der Qualität von Stadt­ und Lebensraum zu schaffen. Ihre Projekte sind vielseitig. Die Bandbreite ihrer Interventionen reicht vom Städtebau bis zum möbeldesign. Der respektvolle Umgang mit dem vorgegebenen Kontext, die Interaktion mit der umgebenden Natur sowie die räumliche Großzügigkeit kennzeichnen ihre Entwürfe.

Brigitte Amort im Gespräch mit Feria Gharakhanzadeh und Bruno Sandbichler

Gharakhanzadeh Sandbichler Architekten: „Man könnte auch sagen, wir machen Architektur nicht für uns, sondern für jemand anderen, also eigentlich für alle.“

Architektur ist für euch ein Prozess der Vertrauensbildung, was versteht ihr darunter?
Feria Gharakhanzadeh (F.G.):
Sehr oft können überflüssige Konflikte von vornherein vermieden werden, wenn eine Vertrauensbasis vorhanden ist. Die Beziehung zwischen Architekten und Bauherrn ist wie eine Partnerschaft auf bestimmte Zeit, mit positiven und negativen Erlebnissen. Gibt es eine Vertrauensbasis, entsteht auch keine negative Spannung, sobald Schwierigkeiten auftreten. Wenn man einander gut gesinnt ist, sind Probleme immer konstruktiv lösbar. Man ist ein Team, in dem man sich gegenseitig unterstützt, jeder in seinem Bereich.

Ist das für euch der erste Schritt einer Beziehung zu neuen Bauherrn?
Bruno Sandbichler (B.S.):
Eine solche Beziehung entsteht eigentlich daraus, dass wir allem vorweg offen gegenüberstehen, und außerdem mit verschiedensten Bauherrn, also Einzelpersonen oder Institutionen, bereits sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Meist erkennen wir auch dann im Nachhinein, dass unser Vertrauensvorschuss eigentlich unsere persönliche Qualität ausmacht. Das ist nicht etwas, das man konstruieren kann, sondern stellt für uns eine ganz natürliche Haltung dar, die sich stets wiederholt.

Was bedeutet für euch Nachhaltigkeit in der Architektur?
B. S.:
Nachhaltigkeit ist heute ein absolut abgenützter Begriff. Was wir unter Nachhaltigkeit verstehen, ist hingegen sehr umfassend. Das Energieeinsparen ist davon nur ein ganz kleiner Anteil. Letztlich heißt es, gute Architektur ist nachhaltig, wenn sie Qualität schafft.
F. G.: Ich würde sagen, dass Energie sparen ebenso bedeutend ist wie alle anderen Bereiche, die zu einer Gesamtqualität des Bauwerks führen. Roland Rainer etwa hat immer Beispiele anonymen Bauens gezeigt, bei denen die klimatischen Bedingungen und die Topografie eine genaue Beobachtung erfuhren, und woraus letztlich eine Art von selbstverständlicher Architektur entstanden ist. Materialien, Besonnung, Belichtung und Freiräume bilden eine Einheit, eine Lebens- und Stadtraumqualität, die eben in sich und mit dem Kontext zu einer Einheit verschmilzt. Auch der Mensch ist Teil dieser Einheit, die ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Forciert man nur einen Bereich davon, gerät dieses Gleichgewicht ins Schwanken.
B. S.: Nachhaltigkeit bedeutet auch Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

Und wie ist es hier um diese Verantwortung des Architekten bestellt?
F. G.:
Dazu fällt mir der Begriff Dienstleistung ein, mit dem ich eigentlich nichts anfangen kann. Dienstleistung ist immer eine Art von Schneise: Einer verlangt etwas, und du lieferst es. Aber genau hierin liegt auch eine Lücke in der Verantwortungskette begründet. Gebe ich mit meiner Dienstleistung die Verantwortung an die andere Seite, also an den Bauherrn ab, dann wasche ich in gewisser Weise meine Hände in Unschuld. Ich denke, man sollte nie die Verantwortung aus der Hand geben, denn letztlich ist man stets für das eigene Handeln selbst verantwortlich.
B. S.: Man könnte auch sagen, wir machen die Architektur nicht für uns, sondern für jemand anderen, also eigentlich für alle. Das ist ein wichtiger Punkt. Gerade für manche Auftraggeber ist es anfangs irritierend, wenn wir neue Aspekte vorschlagen, die ausgangs gar nicht auf gewünscht angedacht waren. Besteht so ein Vertrauensverhältnis, hat man die Möglichkeit, sich in dieser Form einzubringen, und meist erhält man dann auch positive Rückmeldungen, und der Bauherr versteht, dass der entstehende Mehrwert auch in seinem Sinne ist.

Besonders in euren Loftbauten dominiert der Werkstoff Holz, gibt es dafür einen bestimmten Grund?
B. S.: Holz ist für kleine und mittlere Aufgaben ein idealer Baustoff, der alle Freiheiten offenlässt und natürlich eine ganz andere Qualität vermittelt als Gemauertes. Es fällt vielleicht nicht auf, aber wir bauen generell ohne Putz. Es gibt fast kein Gebäude von uns, das außen verputzt ist.

Worauf ist das zurückzuführen?
B. S.:
Der Prozess des Bauens bedeutet für uns ein Zusammenfügen einzelner Elemente, nicht ein Emporwachsen aus der Erde heraus. Wir bauen gerne schnell, ganz schnell und mit industriell vorgefertigten Teilen. Am liebsten würden wir unsere Gebäude in sauberen Fabrikshallen vorfertigen und dann Vorort möglichst rasch zusammenfügen.
F. G.: Diesbezüglich bin ich auch von Roland Rainer, bei dem ich mal gearbeitet habe, sehr beeinflusst; er hat den Vollwärmeschutz immer abgelehnt: „Da kann man ja mit dem Finger reindrücken und was zurückbleibt, sind Dellen in der Wand. Warum baut man die Mauer nicht so massiv, dass man darauf verzichten kann?“ Wenn wir für eine andere Art von Fassade plädieren, argumentieren wir auch für dessen Erhaltungskosten. Ein Material kann verwittern, altern, erhält Patina und muss doch nicht alle paar Jahre erneuert werden; auch das ist Teil der Nachhaltigkeit.
B. S.: Man muss noch hinzufügen, dass der Putz einfach dazu verleitet, es sich sehr einfach zu machen, denn zum Schluss streicht man einfach alles zu. Dadurch ist der Blick aufs Detail bereits zum Zeitpunkt des Planungsgedankens verwischt, da man weiß, irgendwie geht es sich dann eh aus. Wir hingegen bauen viel mit Sichtbeton, Holz und Glas, aber auch mit Metall.
F. G.: Es ist nicht so, dass es unbedingt ein bestimmtes Material sein muss, wir beziehen uns speziell auf die jeweilige Aufgabe und Situation.

Ihr kommt aus ganz unterschiedlichen Kontexten: Iran und Tirol. Ist auch eure Vorgangsweise bei Projekten so unterschiedlich?
B. S.:
Wir haben auf jeden Fall eine ganz unterschiedliche Herangehensweise. In der Anfangsphase fällt es uns oft sehr schwer, uns an einem gemeinsamen Punkt zu treffen, weil unser Denkvorgang schon eher unterschiedlich ist. Ich würde es so sagen: Meist treffen wir uns gleich am Anfang eines Projektes sehr stark über Ablehnung der gegenseitigen Vorschläge, dann geht es darum, sich zu öffnen und sein eigenes Konzept mal so weit aufzugeben, dass man die Ideen des anderen reinlassen kann. Danach wird es sehr spannend, und aber auch sehr schnell konkret.

Bruno ist auch in der IG Architektur als Sprecher sehr aktiv, wie kann man diesen aufwändigen einsatz mit der arbeit verbinden, was ist die Motivation?
F. G.:
Bei uns gibt es ein Sprichwort, das besagt: „Mit einer Hand kann man nicht klatschen“, das heißt, man muss sich zusammenschließen.
B. S.: Ich sehe, dass die Solidarität unter den Architekten etwas Neues ist. Allein dieses Erlebnis stellt eine große Motivation dar. Wir sind jetzt in der IG so weit, dass wir gemeinsam unser neues Veranstaltungszentrum planen, es gibt keinen einzelnen Autor mehr, sondern mehrere Architekten, die gemeinsam planen, was unglaublich gut funktioniert. Natürlich sind auch die von der IG angesprochenen Probleme Ausgangspunkt und Motivation für meinen Einsatz. Denn die bestehenden Strukturen entsprechen überhaupt nicht der Problemlage, und speziell kleinere Büros, die etwa 80 Prozent der österreichischen Architekturbüros ausmachen, können sich hier nicht finden, denn deren Probleme finden in der Berufsvertretung schlichtweg keine Beachtung. Da ist erstens die Hürde des Berufszuganges: Man studiert ewig und ist danach noch immer kein Architekt. Dann der Berufseinstieg, der gezwungener Maßen ein Dienstverhältnis nach sich zieht. Weiteres die Verteilung: Sowohl öffentliche als auch private Auftraggeber vertrauen auf größere Strukturen, die natürlich ganz andere Möglichkeiten der Akquisition und Vernetzung haben.

Was bedeutet es, Architekt zu sein in Zeiten der Krise?
F. G.:
Für kleinere Strukturen ist die Krise nichts Neues, das ist eine dauerhafte Situation: Wenn Aufträge kommen oder wir Wettbewerbe gewinnen, geht es uns gut. Wenn die Projekte auslaufen und keine neuen in Sicht sind, sind wir in der Krise. Die Struktur muss weiter erhalten und die fixen Kosten gedeckt werden. Es ist ein dauerndes Auf und Ab. Ich denke, die Krise wirkt sich eher auf große Strukturen aus.
B. S.: Man hört jetzt immer öfter, dass die Krise eine Chance für die Qualität darstellt. Insofern ist es auch für uns eine Chance. Subjektiv spüren wir jedoch, dass es die großen Büros sind, die sehr aktiv akquirieren.

Wie bringt man Familie und Beruf möglichst effizient unter einen Hut?
F. G.:
Ziel ist es, das Büro so gut wie möglich voranzubringen, für mich ist das familienbedingt natürlich sehr abwechslungsreich. Man ist dann höchst durchstrukturiert, um effizient zu sein und sich konzentriert mit den Dingen beschäftigen zu können – sowohl privat als auch im Büro.

Gibt es eine strikte Arbeitsteilung?
B. S.:
Was die Projekte anbelangt, haben wir keine festgeschriebene Rollenverteilung, das ist jedes Mal neu und ergibt sich einfach.

Ihr wechselt die Rollen ganz nach Bedarf?
B. S.:
Ja, und je nach Ansprechpartner und Situation im Büro. Manchmal ist Feria der Ansprechpartner, manchmal ich, genauso halten wir es mit der Ausarbeitung von Details, manchmal werden sie von Feria, manchmal von mir vorangetrieben. Das Ganze verändert sich permanent, das ist keine Situation, die wir irgendwann geschaffen und dann beibehalten haben. Wer was übernimmt, ergibt sich ganz spielerisch, ohne großes Konzept.
F. G.: Es hängt von der Situation ab und ist nicht unbedingt diskussionsbedürftig.
B. S.: Es ist aber auch eine gute Möglichkeit der Auseinandersetzung.

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