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Christian Kronaus + Erhard An-He KinzelbachChristian Kronaus + Erhard An-He KinzelbachChristian Kronaus + Erhard An-He KinzelbachChristian Kronaus + Erhard An-He KinzelbachChristian Kronaus + Erhard An-He KinzelbachChristian Kronaus + Erhard An-He KinzelbachChristian Kronaus + Erhard An-He KinzelbachChristian Kronaus + Erhard An-He Kinzelbach

Glanz-Stück

23.11.2010

Nicht immer ist alles Gold, was glänzt. In diesem Fall schon. Die Erweiterung des Sankt Pöltener Gerichtsgebäudes von Christian Kronaus und Erhard An-He Kinzelbach wirft schon vor der Eröffnung ihren goldenen Glanz voraus. Und poliert damit ein ganzes Stadtviertel auf.

Es ist ein Projekt, das bereits im Vorfeld seiner Fertigstellung polarisiert. Einerseits von der lokalen Presse mit Argwohn beäugt, ohne eine Chance sich als vollendetes Bauwerk präsentieren zu können, andererseits Begeisterung hervorrufend bei denjenigen, die sich für junge Architektur in diesem Land starkmachen: Endlich traut sich wer was. Die jungen Wiener Architekten Christian Kronaus und Erhard An-He Kinzelbach, erst kürzlich durch ihre Teilnahme bei der Ausstellung YoVA 3 ausgezeichnet, sind die Schöpfer des „Opus Delicti“, eines Zubaus an das Sankt Pöltener Gerichtsgebäude, der, sehr zentrumsnah, schon jetzt für Aufsehen sorgt. Ein außergewöhnlicher goldfarbener Baukörper dockt an das bestehende Gerichtsgebäude an und grenzt direkt an den Gefangenentrakt. Eine per se schon nicht einfach zu lösende Aufgabe.

Der Wettbewerb

Begonnen hat alles mit einem offenen Wettbewerb für das Bauvorhaben, den das engagierte Architektenduo gemeinsam mit dem Ingenieurbüro Vasko+Partner für sich entscheiden konnte. Ein großer Erfolg für die beiden und ein mutiger Akt seitens der Stadt. Denn auch wenn der Entwurf äußerst schonend mit der bestehenden Situation umgeht, so entsteht hier ein selbstbewusster architektonischer Akzent, der für die Ewigkeit gemacht zu sein scheint. Die Aufgabenstellung war ganz klar definiert und umfasste einen neu zu entwickelnden Zubau zum Gerichtsgebäude Sankt Pölten sowie die Gestaltung eines repräsentativen Vorplatzes vor dem historischen Baubestand mit darunter liegender Tiefgarage.

Auch städtebaulich war das Projekt eine große Herausforderung, galt es doch, die Lücke zwischen Gerichtsgebäude und der Justizanstalt elegant zu schließen in Form einer kohärenten Ergänzung des historischen, denkmalgeschützten dreigeschoßigen Bestandsbaus mit einem zeitgenössischen und modernen fünfgeschoßigen Zubau, der einerseits selbstbewusst und eigenständig als Solitär nach außen wahrnehmbar ist, zugleich jedoch den historischen Kontext respektiert und zwischen moderner und historischer Formensprache zu vermitteln vermag. Ebenso galt es, neben der formalen Annäherung des neuen Baukörpers an den Bestand, die einzelnen Geschoßebenen auch logistisch intelligent und effizient miteinander zu verknüpfen. Den drei Geschoßen des Altbaus wurde ein in der Höhe angeglichener, fünfgeschoßiger neuer Baukörper gegenübergestellt, in dem in erster Linie Büroräume für das Oberlandesgericht, die Staatsanwaltschaft und das Bezirksgericht untergebracht werden. Der Platz direkt vor dem bestehenden Gebäude – bislang ein kaum genutzter, mit etwas Rasenfläche begrünter Außenraum – sollte zu einem attraktiven urbanen Platz mit Aufenthaltsqualitäten umgestaltet werden, wobei gleichzeitig eine Tiefgarage installiert werden sollte. Kurz: eine Bauaufgabe, die weit über die dritte Dimension hinausreicht.

Der Platz

Christian Kronaus und Erhard An-He Kinzelbach beschlossen, in ihrem Konzept möglichst viel aus der Fassade des bestehenden Gerichtsgebäudes abzuleiten. Das betrifft insbesondere auch die Gestaltung des Platzes, der prominent, seriös und einladend zugleich wirken soll. Zwar fiel dem Konzept die bestehende, aber bislang keineswegs auf das urbane Umfeld reagierende Begrünung „zum Opfer“, doch muss man sofort hinzufügen, dass sehr wohl ein neues Bepflanzungskonzept gewichtiger Teil des Projektes ist. Um die Bestandsarchitektur direkt in die Platzgestaltung miteinzubinden, griffen die Architekten zu einer Methode, die sich als logische Konsequenz und in ihrer Dimensionierung als hervorragend erwies: Sie übertrugen die Fassadengliederung auf den freien Platz und erzeugten damit einen unmittelbaren Dialog zwischen dem Gebäude und seinem direkt zugeordneten urbanen Freiraum. Für die Architekten löste sich damit ein offener Punkt in der Stadtbildgestaltung.

Doch der Platz ist nicht nur eine plane Fläche, die mit zufallsgeneriert gelb eingefärbten Betonelementen eine neue graue Steinwüste erzeugt. Ganz im Gegenteil. Teil des Konzeptes sind Sitzgelegenheiten und ebenfalls betonierte Pflanzentröge und Hochbeete, die im nächsten Frühjahr begrünt werden sollen. Die Tröge sind unterschiedlich hoch, da sie unter anderem auf die Entlüftungsbaukörper der darunterliegenden Parkgarage reagieren und diese maskieren. Auch schafft der Platz mit seiner Möblierung eine gewisse Distanz zur stark befahrenen Straße und kreiert zugleich eine Art Privatsphäre und Intimität für diejenigen, die beim Gericht ein- und ausgehen. Unter dem Strich entstand eine urbane, konsequent und unaufdringlich gestaltete Landschaft, die sämtliche Bedürfnisse einer öffentlichen Ruhezone optimal abdecken kann.

Die Fassade

„Der Fassade und ihrem Material kommt als Schnittstelle zwischen innen und außen, zwischen Gebäude und Stadt eine Schlüsselrolle im Umgang mit den Dichotomien zwischen Tabula rasa und kontextueller Einbindung, dem Monolithischen und dem Differenzierten, dem Singulären und dem Multiplen zu“, fassen die Architekten ihr Fassadenkonzept zusammen und bringen damit auf den Punkt, wie sie versuchen, den Brückenschlag zwischen Alt und Neu zu bewältigen. Tatsächlich vereint die Fassade die gesamte städtebauliche Situation in sich und wird so zum Angelpunkt des gesamten Projektes. Mit ihrer räumlichen Tiefenwirkung, ausgedrückt durch die Ausformulierung der Fenster und der Rillenstruktur, bündelt sie sämtliche Punkte, die an dieser Stelle zusammenfließen: Sie löst mit ihrer perforierten und linierten Struktur die Diskrepanz der Geschoßanzahl zwischen den beiden Baukörpern auf und verhindert damit den Eindruck einer gewissen Brutalität, die sich durch die auferlegte Maximierung in der Ausnutzung der Flächen ergeben könnte.

Ihre Außenhaut hingegen ist weniger zurückhaltend als viel mehr ein selbstbewusstes Signal, das sich aus der Symbiose zweier Systeme ergibt. Eingehüllt in Tecu-Gold folgt die Fassade einer horizontalen Bandstruktur, die einer Überlagerung vorgefundener Altbaufugen mit Fugen als Folge der neuen Geschoßigkeit entspringt, und einer Perforation, die unregelmäßig gestreut und auf zwei Fensterformate beschränkt ist. Gewissermaßen wird dem Neubau damit eine Art Maske aufgesetzt, die den bestmöglichen äußeren Bezug zum Bestand herstellt und gleichzeitig der Organisation des Neubaus alle Möglichkeiten bietet. Innen dient die Lochung einer Vervielfältigung der Ausblicke und Belichtungssituationen durch Auflösung der konventionellen Fensterordnung beziehungsweise des Fensterformats in drei Teiltypen: das Oberlicht, den Öffnungsflügel auf üblicher Parapethöhe, und das Unterlicht. Selbst die Entscheidung, Tecu-Gold für die Fassade zu verwenden, ist ein wesentlicher Bestandteil des architektonischen Dialogs der beiden Baukörper. Das Material ermöglicht es, den vorherrschenden Gelbton der Bestandsgebäude aufzunehmen, ohne diesen plump zu kopieren. Der Neubau integriert sich dadurch besser und verleiht dem traditionellen Gelbton gleichzeitig eine edle, zeitgenössische Interpretation.

Das architektonische Konzept

Auch wenn die beiden Baukörper einander in den jeweiligen architektonischen Interpretationen gestalterisch sehr nahe sind, wurden sie dennoch nicht „fest“ miteinander verbunden. Durch eine gläserne, architektonische Fuge in Form des Erschließungskörpers gibt es zwar einen Berührungspunkt, jedoch formuliert sich eine Art Respektsabstand, der eine gewisse Abnabelung trotz Verbundenheit artikuliert. Die Trennung der beiden Funktionsbaukörper wird auch dadurch verstärkt, dass sie in ihrem Erscheinungsbild unterschiedlich behandelt werden und sich auch in ihrer Materialität klar unterscheiden. Im Inneren des Gebäudes greifen die Architekten auf die Idee der harten Schale mit weichem Kern zurück. Dies findet vor allem Ausdruck in den differenzierten „weichen“ Gangbereichen, die sich korrespondierend zur Erschließung in bestimmten Bereichen erweitern und Aufenthaltsbereiche schaffen und gleichzeitig der geometrisch harten, kubischen Grundform gegenüberstehen. Der Gestaltung der Gangzonen fällt eine wichtige Rolle in der Organisation des Bürokörpers insofern zu, als sie einerseits die Horizontalerschließungselemente der Bürogeschoße bilden, andererseits aber auch Warte- und Sitzbereiche definieren und darüber hinaus die Eingangsbereiche zu den Büros markieren.

Die vorgeschlagene Lösung in Form einer linearen Abfolge pulsierender Bereiche erlaubt eine klare Differenzierung der einzelnen Zonen. Zusätzlich führt sie zum Brechen der Monotonie und Länge der Gänge. An den den Büros zugewandten Seiten entstehen zudem zusätzliche Stauräume für die Büronutzung. Für den Benutzer selbst birgt die „harte Schale“ durch Fassadenstrategie eine gewisse Flexibilität und damit eine Anpassung an unterschiedliche Benutzungsanforderungen. In Abhängigkeit von den Anforderungen entsteht in Hinblick auf die notwendige natürliche Belichtung die Möglichkeit einer Grundregelung für die Standardbüros. Neben den normalen Öffnungsflügel werden fest verglaste Oberlichter und Belichtungsöffnungen unterhalb der Parapethöhe vorgesehen. So erhält jedes Büro durch die unterschiedliche Kombination der verschiedenen Fensterelemente eine gewisse Individualisierung, die interessante Ausblicke für die am Schreibtisch sitzenden Nutzer ermöglicht.

In Summe betrachtet nimmt das neue Gebäude die Botschaften des historischen auf, ohne jedoch auf eine eigenständige und unverwechselbare Artikulation zu verzichten oder sich sogar selbst zu verleugnen. Durch den dem Material eigenen Glanz erhält das Gebäude einen sehr angenehmen und warmen Charakter, der sich im tagesrhythmischen und auch jahreszeitlichen Wechsel der Lichtverhältnisse kontinuierlich verändert und so das Gebäude buchstäblich zum Leben erweckt. Leben und Lebendigkeit, die der Stadt Sankt Pölten sicherlich guttun wird.

 

Projektdaten: 

Bauherr: BIG Bundesimmobiliengesellschaft m.b.H.
Nutzer: Bundesministerium für Justiz/­Langesgericht, Bezirksgericht und Staatsanwaltschaft St. Pölten
Architekten: Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzelbach
Mitarbeiter: Sigrid Müller-Welt, Lukas Staudinger, Manuela Wind, Jakub Smagacz
Generalplanung:  Agre Vasko+Partner Ingenieure + Kronaus Kinzelbach Architekten
HKLS, Statik, Elektroplanung, Bauphysik:  Vasko+Partner Ingenieure ZT GmbH Örtliche Bauaufsicht A Quadrat ZT GmbH
Bruttogeschoßfläche Zubau: 2.617 m²
Gesamtnettonutzfläche Zubau: 1.454 m²
Bebaute Fläche Zubau: 600 m²
Bruttogeschoßfläche Tiefgarage: 1.729 m²
Vorplatzgestaltung 2.740 m²
 

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