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GRAFT: Die Harmonie verschiedener Realitäten

02.05.2018

GRAFT und Marianne Birthler kuratieren den deutschen Pavillon der diesjährigen Architekturbiennale in ­Venedig. Das international begehrte Architekten-Trio mit Büros in Berlin, Los Angeles und Peking realisiert vielfältige Projekte unterschiedlicher Größe und Lage. Zum Gespräch trafen wir einander im gar nicht so leicht auffindbaren Loft-Atelier von GRAFT in Berlin.

Susanne Karr im Gespräch mit Lars Krückeberg

GRAFT: "Was passiert, wenn eine Mauer, die so viel getrennt hat, verschwindet? Wie heilt man die Wunde - was macht man städtebaulich und gesellschafts-politisch?"

Für Ihren Biennale-Einsatz haben Sie das ­Motto „Unbuilding Walls“ gewählt, man könnte es aber auch auf Ihre Projekte in Berlin beziehen. Sie verstehen darunter generell die Auflösung politischer und ideeller Grenzen, auch in einem internationalen Kontext.
Das Konzept zur Ausstellung „Unbuilding Walls“ im deutschen Pavillon haben wir im Zuge der Auseinandersetzung mit den aktuellen Debatten zu Nationen, Protektionismus und Abgrenzung entwickelt. Einerseits wächst die Welt zusammen, aber gleichzeitig werden Mauern errichtet, die Menschen voneinander trennen. Die Berliner Mauer ist hierfür ein Beispiel. Unsere Generation – geboren in den späten 1960er Jahren – hat noch Erinnerungen an die Mauer. Sie begleitet einen. Als wir nach dem Studium in Braunschweig ein Büro in Berlin eröffneten, hatten wir selbstverständlich mit der Thematik zu tun. Jeder von uns hat auch eine persönliche Geschichte dazu.

Ist Ihr aktuelles Büro, in dem wir sitzen, im ehemaligen Osten der Stadt?
Wir sind hier im Westen. Aber direkt vor uns sieht man den Kanal am Invalidenfriedhof und die Hinterlandmauer. Die Mauer war ja keine Linie, sondern ein Todesstreifen. Mit diesem Raum beschäftigen wir uns. Irgendwann ist uns der Spiegelmoment aufgefallen: Die Mauer ist im Jahr 2018 genauso so lang verschwunden, wie sie bestanden hat. 

Man hat immer das Gefühl, es hätte sie länger gegeben.
Das war auch bei uns so, und jeder, dem man das erzählt hat, sagte „das kann nicht sein!“ Die Ausstellung untersucht, was passiert ist – mit der Mauer, den Menschen, dem Todesstreifen, mit dieser Stadt und diesem Land. Was passiert, wenn eine Mauer, die so viel getrennt hat, verschwindet? Wie heilt man die Wunde – was macht man städtebaulich und gesellschaftspolitisch? 

Ins Team für die Biennale haben Sie die Grünen-Politikerin Marianne Birthler geholt, die bis 2011 Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen war. Eine unkonventionelle Kombination, drei Architekten gemeinsam mit einer Politikerin, deren Wurzeln in die DDR-Geschichte reichen. Wie entstand diese Wahl, und wie arbeiten Sie gemeinsam?
Wir können eine solche Ausstellung nicht alleine mit einem „westlichen“ Hintergrund machen – das wäre zu einseitig. Deswegen haben wir Marianne Birthler gefragt, ob sie mit uns zusammenarbeiten will. Rückblickend wird es noch deutlicher, wie wichtig es war, sie einzubinden. Nicht nur macht die Arbeit als Team zu viert wahnsinnig viel Spaß. Sie bringt einfach eine andere Perspektive mit – und das ist genau das Prinzip, das der Ausstellung zugrunde liegt: dass Mauern auch eine Frage des Standpunktes sind. Mauern entstehen zunächst mal im Kopf. Und sie werden erst dann gebaut, wenn alles andere versagt, wenn man keine Lösung mehr weiß und der Dialog verstummt. Wir begannen zu untersuchen, was im Mauerstreifen passiert ist: welche Strategien es gab und wie sie funktionierten, ob es wesentliche Prinzipien gab? Eine weitere Frage war: Verändert sich der Umgang mit dem Raum der Trennung, der Wiedervereinigung? Das aufzuzeigen, ist der deutsche Beitrag zur Biennale in einer Zeit, in der man überall wieder Mauern baut. Wir gehen hier nicht etwa wertend vor und sagen: Das ist gut, jenes schlecht. Wir versuchen vielmehr, die verschiedenen Meinungen und Herangehensweisen nebeneinander zu stellen. Dieses Land, das so lange getrennt war, ist wieder zusammengekommen, und es gibt viele positive Entwicklungen. Aber im Grunde wirft die Mauer auch heute noch ihre Schatten.

Aber dieses Thema neutral darzustellen, vor allem im Hinblick darauf, wie viele Menschen umgekommen sind, wird ja nicht möglich sein?
Es geht ja auch nicht um die Mauer selbst. Dazu hat es schon viele Ausstellungen gegeben. Es geht darum zu zeigen: Was passiert mit einem Todestreifen, der zu einem freien Raum wird?

Auch mit dem ideellen Konzept, das im Kopf vieler Menschen weiterbesteht?
Auch in der Auseinandersetzung damit. Der erste Impuls bei vielen nach dem Systemzusammenbruch war: Alles muss weg und zwar ganz. Die ganze Sache müssen wir vergessen. Und erst über die Jahre wurde auch mit vielen Bürgerbewegungen eine Erinnerungskultur entwickelt: Man kann doch nicht einfach alles ausradieren. Wir sollten anerkennen, dass die Mauer zur Geschichte gehört und dass es eine Bedeutung gibt, von der wir lernen können. Wir sollten nicht alles abreißen. Es macht Sinn, etwas zu erhalten. Und vielleicht auch die Chance zu ergreifen, diesen Raum nicht wieder vollzubauen, denn das war auch eine Tendenz. Die ideologische Debatte, wie die richtige Stadt auszusehen hat, beinhaltet ja auch Fragen wie, „Müssen wir alles wiederherstellen, wie es zu einem bestimmten Zeitpunkt war?“, wobei dann die entscheidende Frage ist, auf welchen Zeitpunkt man sich bezieht. Es entstanden aber auch neue Ideen, aus dem Todesstreifen einen Lebensraum zu machen, ihn positiv zu konnotieren, frei zu lassen. 

Zum Thema Städtebau: Ihr Projekt „Charlie Living“, mit Wohngebäuden befindet sich ja auf ehemaligem Grenzgebiet, das Hotel sogar ganz nahe dem ehemaligen Checkpoint ­Charlie und dem berüchtigten Grenzübergang. Wie sind Sie planerisch mit diesen Geschichten und Erwartungen umgegangen?
Wir glauben, dass man an diesen Orten die Erinnerung an die deutsche Teilung mit in den Entwurfsprozess integrieren muss. Im Grunde genommen ist dies ja zudem ein Ort des Kalten Krieges. Man sollte also den Genius Loci in irgendeiner Weise aufgreifen. Auf dieser innerstädtischen Lage liegt natürlich ein hoher merkantiler Druck – es gilt, eine ökonomische Realität mit der Erinnerung zu verbinden. Dafür haben wir Entwürfe gemacht. 

Aber wie macht man das?
Das genau ist die Schwierigkeit. Hinter der Todeszone am Checkpoint Charlie war quasi ein riesiger leergeräumter Kontrollbereich. Es ist nicht einfach, die Mauer oder den Raum dieses Checkpoints zu erinnern, wenn man gleichzeitig gezwungen ist zu bauen. Der Checkpoint Charlie ist natürlich ein extrem aufgeladener Ort, da gibt es viele Begehrlichkeiten. Heute schon ist dort eine Art Geschichtsrummel: Touristen stellen sich vor die kleine Hütte und lassen sich fotografieren, auch wenn dieser Checkpoint nicht authentisch ist. Es geht eher um die erzählte Geschichte, nicht die wirkliche. Entscheidend ist, dass hier ein starker, globaler Projektionsfokus auf das Phänomen Berliner Mauer und Trennung der Welt zu spüren ist, dem man gerecht werden sollte.

Aber ein Gebäude des Ensembles steht schon, „Charlie Living“.
Dies ist aber nicht direkt am Checkpoint. Das Wohnprojekt „Charlie Living“ ist der erste Teil eines Gebäude-Ensembles, im Grunde schräg gegenüber der „Topographie des Terrors“ (Dokumentation und Aufarbeitung des nationalsozialistischen Terrors). Dort haben wir die Figur der Blockrandbebauung aufgebrochen, wie sie in Berlin als die vermeintlich typische Berliner Stadt­figur seit der kritischen Rekonstruktion gepredigt wird. Wir haben einen anderen Ansatz gewählt, es gibt nicht den geschlossenen Innenhof, sondern einen öffentlich zugänglichen Grünraum in der Mitte des aufgebrochenen Blocks. Eine bewusste Entscheidung, hier nicht eine neue Mauer in Berlins Mitte zwischen öffentlich und privat zu errichten, sondern Zugänglichkeit zu versuchen. Checkpoint Charlie haben wir für beide Seiten der Friedrichstraße entworfen. Für das westliche Gebäude am Checkpoint wird bald ein Wettbewerb mit sehr harten Auflagen ausgeschrieben. Auch hier haben wir einen sehr deutlichen Durchbruch in das Innere des Blocks entworfen und eine Idee zur Transformation eines Mauergedankens in der Erdgeschoßzone. Auf der östlichen Seite haben wir die Architektur und Außengestaltung für ein Hotel entworfen, die diese Ideen aufgreift. 

Was haben Sie dort geplant?
Der Checkpoint ist ja auch ein russisch–amerikanischer Topos. Wir finden es deswegen richtig, hier einen touristischen Ort wie ein Hotel zu entwickeln. Es passt, hier Fremde zu beheimaten und in die Geschichte eintauchen zu lassen. In unserer Gestaltung der Außenfassade spielen wir mit einer abstrakten Übersetzung von Bau­blöcken, die die Mauer abbilden, allerdings in Glas. Die Erdgeschoßzone ist ein bisschen anders aufgeladen. Mal sehen, wie weit der Operator mitgeht. Die Mauer in einer erinnernden Weise an dieser Stelle sichtbar zu machen, ist uns ein Anliegen. Wahrscheinlich wird hier ein Hard Rock Hotel entstehen, das als amerikanischer Ort mit Musikfokus durchaus Relevanz entwickeln kann: Ein paar unserer Konzepte für das Hotel sehen vor, dessen Sammlung von Memorabilia der Musikbranche zu thematisieren. Darin findet sich etwa die Gitarre von David Bowie, die er bei dem legendären Konzert in Berlin, das man auch im Osten hören konnte, gespielt hat. Was gibt es Besseres, sinnbildlich gesprochen, als Musik, die als Schall Grenzen überwindet? Warum war Wolf Biermann wirklich ein Superstar, obwohl er in der DDR Auftrittsverbot hatte? Das kann nur Musik!“ 

Stimmt es, dass das Team von Graft sich beim Chorsingen zu Studienzeiten kennengelernt hat?
Wir kennen uns schon sehr lang, seit 1988. Wir waren zu Studienzeiten schon eng befreundet, ein Jahr waren wir dann alle im Ausland. Danach sind viele anregende Dinge passiert: Wir haben Ausstellungen und Vorlesungen organisiert, haben einen Zeichensaal gegründet und später einen Chor. Das chorische Singen bedeutet, dass man aufeinander hören muss. Nur so kann man Harmonie erzeugen. Wir streiten uns gerne lebhaft, aber am Ende finden wir in einer starken Komposition zusammen. 

Wie würden Sie Ihren Stil musikalisch beschreiben – wäre das etwas Harmonisches oder Zwölftonmusik, etwas Abstraktes oder Jazz? Oder haben Sie alles im Repertoire? Und singen Sie entsprechende Programme je nach Projekt? Haben Sie bei der Arbeit am barocken Stadtpalais barockes Programm gesungen?
So eins zu eins geht das nicht immer. Bei unserer Arbeit beginnen wir damit, den Genius Loci aufzuspüren, um so zur richtigen Form zu finden. Auch bei der Arbeit am Barockpalais ging es da­rum, Kraft und Charakter eines Ortes zu lesen und zu benutzen. Dagegen zu gehen, ist verlorene Liebesmüh – das ist Sisyphus-Arbeit. Architektur ist eben kein Selbstläufer, keine autonome Disziplin. Sie steht im Dienste der Gesellschaft, ist immer Ausdruck ihrer Zeit und Kultur. Man kann sie selbstreferenziell einsetzen, das kann Kraft haben – wie etwa in Bilbao. Der Museumsbau hat mit der Stadt formal wenig zu tun, dient ihr aber über einen anderen Mechanismus als Beschleuniger. Aber an wie vielen Orten kann man so etwas machen? In größerem Kontext, wie Städtebau, gehen so extreme, formalistische Annäherungsarten gerne fehl – man kann nicht vor einer eingehenden Beschäftigung mit dem Ort wissen, welche Form richtig ist. Die Kunst der Kontextualisierung und deren virtuoser Transformation und gegenseitiger Bereicherung gibt es auch in der Musik – im Barock wie auch im Jazz.

Man kann also nicht eine Form, ein Modul vorfabrizieren und irgendwo nach Bedarf hinsetzen?
Wir müssen den kulturellen Einfluss der Architektur und die Energie des Einzugsgebiets miteinbeziehen, um mit dem Genius Loci zu korres­pondieren. Signature Style ist Scheuklappenarchitektur. Jedes Projekt braucht eine spezifische Architektur, die aus ihrer einmaligen Situation heraus entwickelt wird. Das nennen wir GRAFTING, das Verbinden verschiedener Realitäten zu einer neuen.

Welches ist Ihr Lieblingsprojekt?
Vielleicht der Solarkiosk. Es ist ein äußerst sinnvolles und sinnstiftendes Projekt – damit können Menschen mithilfe von Solarenergie verschiedene Dienstleistungen anbieten und unabhängig ihren Lebensunterhalt verdienen. Der Kiosk besteht aus skalierbaren Modulen und entwickelt sich dann zu einer Art Marktzentrum. Das System ermöglicht weltweit den Zugang zu Energie in ökonomisch vollkommen abgehängten Gebieten und bietet so Zugang zu Internet, Energieprodukten und Kommunikation. Auch so wird eine unsichtbare Mauer abgebaut.

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