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© Betül Bretschneider / UrbanTransForm Research Consult Quelle: ENVI-MET GmbH© Betül Bretschneider/UrbanTransFormThermalbild Wiens an einem heißen Sommerabend © Azra Korjenic/Forschungsbereich Bauphysik- und Schallschutz der TU Wien

Greening Aspang

13.12.2017

Die sommerlichen Hitzewellen treffen die Städte in Österreich immer heftiger. Jahr für Jahr gibt es Temperaturen um die 40 Grad. Sogar bei einer drastischen Reduktion der ­Emissionen wird der Anteil der Hitzebeeinträchtigungen mit Todesfällen weiterhin steigen. Aber auch extreme Wetterereignisse verlaufen in Europa immer öfter mit fatalen Folgen. 

von Betül Bretschneider

Der Klimawandel verursacht bekanntlich hohe Kosten, steigert den Kühlenergiebedarf und senkt die Lebensqualität. Allein in Österreich klettern die Kosten des Klimawandels jährlich auf Milliardenhöhe. 

Mehr Kühl- als Heizenergie?

Die Ersparnisse aus der Senkung des Heizenergiebedarfs im Zuge von baulichen Maßnahmen werden durch erhöhten Kühlenergiebedarf massiv reduziert. Inzwischen werden Büros und Dachgeschoßwohnungen auch in Wien mit Klimaanlagen und Ventilatoren ausgerüstet. Der eigentliche Auslöser des Problems, der sommerliche Wärmeinsel-Effekt, ist die nicht stattfindende Abkühlung in der Nacht. Bei einer Hitzewelle bleiben die Innenraumtemperaturen zunehmend länger um die 30 Grad. Zudem kühlen sich die Räume in der Nacht kaum mehr ab. Dichte Bebauung und ein hoher Versiegelungsgrad verursachen die großen Temperaturunterschiede von acht Grad oder mehr zwischen Stadt und Land, sowohl im Sommer als auch im Winter. Untersuchungen der Umweltschutzbehörde und von Meteorologen zeigen, dass die verkehrsbelasteten, mit fahrenden und parkenden Autos bedeckten Straßenschluchten den Wärmeinsel-Effekt beschleunigen. Die dunkel asphaltierten Hauptverkehrsachsen der Stadt, die zwischen höheren und wenig winddurchlässigen Häuserfronten liegen und wenig verschattet sind, sind von der Überhitzung wesentlich mehr belastet als der Rest des urbanen Stadtraums. Aus der Perspektive der Planung und Bautechnik stellen sich folgende Fragen: Wie sollen die Bebauungs- und Masterpläne konzipiert werden, um mikroklimatische Konditionen zu verbessern? Wie kann die Materialauswahl und Formgebung von Bauten richtig getroffen werden, um den Nutzerkomfort zu steigern? Wie kann die Gestaltung der bestehenden Gebäudehüllen und ihrer Außenräume nachträglich verbessert werden, so dass sich die Lebensqualität innen wie außen wesentlich erhöht und die Hitzeentwicklung reduziert wird? Die internationale Forschung liefert bereits Daten zur Rolle der Begrünung sowie zu Farben und Eigenschaften der Oberflächen von Bauten und Zwischenräumen. 

Was hat „Greening Aspang“ vor?

Das Projekt Greening Aspang, das aus Mitteln des Klima- und Energiefonds gefördert und im Rahmen des Programms Smart Cities Demo 7. Ausschreibung durchgeführt wurde, vereint unterschiedliche Disziplinen wie sozial-räumliche Planung, Bauphysik und Mikroklimaberechnung. Das Viertel um die Aspangstraße im dritten Wiener Bezirk samt angrenzenden Bauten wurde als Pilotgebiet gründlich untersucht. Das Ziel war nicht nur, der sommerlichen Überhitzung durch Lösungen entgegenzuwirken und die Natur in die Stadt zurückzuholen, die Straße sollte auch als grüner öffentlicher Raum für Anwohner nutzbar gemacht werden, nicht zuletzt wegen der voranschreitenden Verdichtung durch neu entstehende angrenzende Bebauung. Die bauphysikalischen Simulationen wurden durch den Forschungsbereich Bauphysik der TU Wien durchgeführt, vor allem um die Gebäudeperformance und den Lebenskomfort der Bewohner bei sommerlicher Überhitzung zu testen. Die Vor-Ort-Messungen an den Gebäudeoberflächen und in den straßenseitigen Wohnräumen lieferten zusätzliche Daten zur Darstellung von Temperaturentwicklung und Windbewegung in den Innen- und Außenräumen des Stadtteils. Zudem zeigten die zahlreichen frühmorgens und -abends aufgenommenen Infrarot-Bilder, wie Fassadenmaterialien und -farben sowie Fassadenelemente wie Balkone und Loggien auf Außentemperaturen reagieren. In der Sockelzone der Bauten mit Gehsteig- und Straßenflächen wurden intensiver gemessen, weil der Zugang leichter und die haptische bzw. körperliche Wahrnehmung der Hitze ab 27 Grad deutlicher war.
Die Mikroklima-Simulationen des Computerprogramms (ENVI-met) in Auftrag des Instituts für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau der BOKU konnten an der bestehenden Bebauung zeigen, dass verschattete Flächen langfristig kühler bleiben und die kühlende Wirkung der Grünzonen, vor allem der Bäume, durch den Wind auch in der nah liegenden Umgebung spürbar bleibt. Nicht überraschend stellten die 3D-Simulationsergebnisse dar, dass die Windstärke mit der Höhe der Nord-Süd orientierten Häuserfronten direkt zu tun hat, und dass in den Straßenzügen ohne seitliche Öffnungen wie Gassen und Durchgänge die Windstärke reduziert wird. Diese Abbremsung des Windes bewirkt wiederum eine größere Hitzeentwicklung. In luftigen 21 Metern Höhe scheint der Wind stärker und die Lufttemperatur niedriger zu sein als auf der Ebene des Erdgeschoßes, unter dem negativen Einfluss von wärmeausstrahlenden dunklen Asphaltflächen sowie parkenden Autos.

Aspangstraße zwischen Geschichte und Gegenwart

Die Aspangstraße erstreckt sich zwischen der Passivhaussiedlung auf den Aspanggründen, auf der Brachfläche des ehemaligen Aspangbahnhofs und dem Stadtentwicklungsgebiet Euro­gate I, zwischen der offenen Bauweise und der historisch gewachsenen Blockrandbebauung, die sich bis zum Rennweg erstreckt. Der Aspangbahnhof war 1880 anstelle des ehemaligen Hafengeländes errichtet worden und wurde zwischen 1939 und 1942 zum Ort der meisten Deportationen in Österreich. Im Jahr 1977 wurde das Bahnhofsgebäude nach der Fertigstellung der Schnellbahnstation Rennweg abgerissen. Die Wohnhausblöcke der Aspangstraße auf der nördlichen Seite blieben bis 2001 ohne Vis-à-Vis. Norman Foster hat zwar einen Masterplan für das neue Entwicklungsgebiet im Vorfeld entwickelt, der Plan des Büros Albert Wimmer formte aber als Siegerprojekt eines städtebaulichen Wettbewerbes im Jahr 2005 die Bebauung des Areals. Die Passivhaussiedlung Eurogate I entstand auf dem Gelände des Güterverkehrs. Derzeit befindet sich die Phase II von Eurogate mit Wohnungen, Büros und einem Bildungs-Campus im Baubeginn. 

Die Aspangstraße wurde nach der Abtragung des Bahnhofs und der Entstehung des angrenzenden Eurogate I provisorisch angelegt und wartet bis heute auf eine Umgestaltung. Die Behörde für Straßenbau und -verwaltung plante bereits vor rund zehn Jahren eine Alleestraße, die ohne erhebliche Reduktion der Verkehrsflächen und ohne sozialräumliche Nutzungen auskommen musste. Die in beiden Richtungen geplanten Fahrbahnen sowie die beidseitigen Parkplätze entsprachen dem standardisierten Straßenprofil für eine breitere Gründerzeitstraße in Wien. Die Realisierung der Umgestaltung fand aber nicht statt, obwohl die bereits informierten Bewohner schon darauf warteten.

Ein Straßenkonzept zur ­Neunutzung

Stadtverwaltung und Bezirkspolitik planen heute konkret eine Sanierung der Aspangstraße mit einer Vermehrung der offenen Grünräume. Als Kooperationspartner des Projekts Greening Aspang deklarierte der Bezirk im Rahmen der abgehaltenen Projektworkshops zur neuen Konzipierung der Straße, dass sich in diesem Stadtteil wegen der voranschreitenden baulichen Verdichtung der Bedarf an öffentlichen Grünräumen deutlich erhöht hätte. Die Aspangstraße soll dementsprechend umgestaltet werden. Die im Zuge des Projektes Greening Aspang durchgeführten Umfragen und Gespräche zeigten, dass ein Großteil der Bewohner für eine beruhigte und begrünte Straße ist. Der weitaus überwiegende Anteil hat angegeben, dass er entweder bereits einen Tiefgaragenplatz besitzt oder gar kein Auto hat. Einige Bewohner hatten das Gefühl, dass die Tiefgaragen zum Teil leer stehen. Tatsächlich ergeben die Datenerhebungen, dass vor allem bei den neuen Wohnhäusern zahlreiche Parkplätze angeboten werden. Verkehrszählungen erbrachten, dass die Straße ohne Weiteres sogar als Fußgängerzone funktionieren könnte, ohne die umliegenden Straßen zu belasten, da sich die Zahl der durchfahrenden Autos sehr in Grenzen hält.

Als Ergebnis des Projektes Greening Aspang hat das projektleitende Büro UrbanTransForm Research Consulting einen Konzeptplan für die Aspangstraße im Austausch mit Kooperierenden aus der Stadtverwaltung und Bewohnern entwickelt. Für eine sommerliche Verschattung der nach Süden orientierten Häuserfront der Aspangstraße hat sich auch in diesem Fall eine Fassadenbegrünung als einfache und umwelt- und bewohnerfreundliche Lösung ergeben. Ein von Bewohnern übernommener Grünstreifen (Vorgärten) vor den nach Süden orientierten Fassaden erweist sich auch mikroklimatisch als sinnvoll, da er eine erdgebundene und daher kosten- und wartungsreduzierte Fassadenbepflanzung ermöglichen würde, insbesondere vor den Loggien der Nachkriegszeitbauten, die eine erhebliche Hitzestau-Wirkung haben. Im Gehsteigbereich befinden sich nur Telekommunikationsleitungen, die bei einer Verlegung keine hohen Kosten verursachen würden. Die Bäume sind konzeptuell so platziert, dass eine kostenintensive Verlegung von Einbauten, um Mindestabstände einzuhalten, nicht notwendig sein wird. Für die Umsetzung der Planungsmaßnahmen sollten neue Wege geöffnet werden. Eine Zusammenarbeit mit dem Bezirk und der Stadt ist in Planung, damit die verwaltungs- und bautechnischen sowie rechtlichen Rahmen vereinfacht werden. So könnten auch andere Straßenräume klima- und bewohnerfreundlich gemacht werden. Es bedarf derzeit noch mehr guter Beispiele neben den neuen Regeln.

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