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In großem Maßstab

25.07.2016

Am 8 Juli ist es so weit: Drei Jahre nach Bezug der ersten Wohnungen im Sonnwendviertel erhält das Stadtentwicklungsgebiet rund um den neuen Wiener Hauptbahnhof seine lang versprochene grüne Mitte oder zumindest den Großteil davon. Rings herum entsteht weiter Block um Block – wobei der bisherige Städtebau wie ein Spiegel der systemischen Defizite in Wiens Planungs- und Baukultur wirkt. 

Er gilt seit Anbeginn als Garant für die verheißene Lebensqualität im Sonnwendviertel: der bis 2018 fertiggestellte, knapp sieben Hektar große und nun zu drei Vierteln eröffnete Helmut-Zilk-Park im Herzen der Wohnbebauung am einstigen Süd- und Ostbahnhof. Er soll für jene Großzügigkeit sorgen, die die bislang errichteten Quartiere westlich und südlich davon mehrheitlich vermissen lassen – und wird zeigen, ob ein zweifellos attraktiver, öffentlicher Central Park das knappe private Wohnumfeldgrün im Inneren der angrenzenden Blöcke kompensieren und ihre höhere Bebauungsdichte rechtfertigen kann. Faktum ist, dass diese Lösung vor allem Wiens Bauträgern zupasskommt, zumal sie ihre Parzellen deutlich intensiver ausnutzen dürfen – und im Unterschied zu anderen europäischen Städten nicht etwa den städtischen Grünraum mitzahlen müssen, sondern dessen Finanzierung den Steuerzahlern überlassen können.

AUTOGERECHTIGKEIT STATT URBANITÄT

In jedem Fall wird der Park bewirken, dass es endlich zu einer Durchmischung zwischen dem Sonnwendviertel und der benachbarten gründerzeitlichen Bebauung mit ihrem Grünflächenmangel kommt. Denn bis dato gab es für die angestammte Bevölkerung des Bezirks wenig Grund, die Barriere der vierspurigen Sonnwendgasse zu überwinden, um in den neuen Stadtteil zu gelangen – der für sie abgesehen vom Bildungscampus nichts zu bieten hat: Die Straßenräume sind durch parkende Autos geprägt, obwohl jeder Bauplatz ohnehin mit zwei bis drei Garagengeschoßen unterkellert ist. Und die bis zu elf Etagen hohe Bebauung dient mit wenigen Ausnahmen allein Wohnzwecken. In der Sockelzone herrschen Tiefgaragenein- und -ausfahrten, Haustechnik- und Müllräume vor. Wenn ein Eingangsbereich, ein Fahrradraum oder eine Waschküche einmal zur Straße hin verglast sind, ist das bereits etwas Außergewöhnliches. Einen Bäcker sucht man ebenso vergeblich wie eine Trafik, auch wenn allein in den drei Baublöcken westlich des Parks mittlerweile zweieinhalbtausend Menschen leben. Ein paar kleine Büros und die Kindergruppen in fürs Wohnen ungeeigneten Erdgeschoßlagen schaffen noch keine Belebung des öffentlichen Raums. Den einzigen Lichtblick stellen bisher zwei Cafés am nördlichen Ende des Viertels dar.

Immerhin: Es gibt in den Randzonen der Bebauung ein paar Erdgeschoßlokale. Dass ein Teil davon nach wie vor leer steht, mag sich ändern, wenn im Umfeld noch mehr Wohnbauten bezogen sind – immerhin sollen bis 2025 insgesamt 5.500 Wohnungen für rund 13.000 Menschen auf den früheren Gleisflächen entstehen. Es kann aber auch daran liegen, dass die Räumlichkeiten mit der im Wohnbau üblichen Geschoßhöhe von 2,50 Metern für Handel und Gastronomie einfach nicht attraktiv genug sind. Hier offenbart sich, dass manche Wohnbauträger zwar inzwischen bereit sind, von der Banalität des jahrzehntelang Gebauten abzugehen, den Schritt zu wirklicher urbaner Qualität von sich aus aber noch selten schaffen. So zeigen einige Häuser ein durchaus ambitioniertes Angebot an Gemeinschaftseinrichtungen: ein Schwimmbad, das auch für die Bewohner umliegender Bauten nutzbar ist, eine Kletterwand oder eine große Gemeinschaftsküche. Die wohnungsbezogenen Freiräume dagegen erweisen sich auch rings um den Hauptbahnhof als hartnäckige Schwachstelle im Wiener Wohnbau. Der nördlichste der drei Baublöcke im westlichen Sonnwendviertel etwa führt vor Augen, wie ein gemeinschaftlicher Hof durch die maßstabslosen Entlüftungen der darunterliegenden Garagen zerteilt und entwertet werden kann. Zudem reicht die dünne Humusschicht über der Tiefgaragendecke nirgends für einen auch nur halbwegs ansehnlichen Baum. Ja nicht einmal ein ordentlicher Rasen kann, so scheint es, überall gedeihen. Schließlich wurde vor einem Haus ein Teil des Terrains auch noch abgegraben, um in Souterrain-Lage ein Wohngeschoß mehr herauszuschinden – mit dem Ergebnis, dass diese Wohnungen wahlwiese auf eine Böschung oder ein Entlüftungsgitter blicken. Im südlichen der drei Baublöcke wiederum bestimmt das „Modell Mietergarten“ den Innenhof: Handtuchgroße Grünflächen wurden, durch Maschendrahtzäune voneinander getrennt, den Erdgeschoßwohnungen zugeschlagen, sodass in der Mitte kaum noch für mehr als einen Kleinkinderspielplatz und ein paar Bänke Platz blieb. Weder herrscht in den Kleinstgärten auch nur ein Mindestmaß an Privatheit, noch taugt die gemeinschaftliche Restfläche trotz freiraumplanerischen Tunings als nutzbarer Grünraum für die Bewohner der oberen Geschoße.

GartenGestalterische Camouflage

Auch in anderen Höfen wurden und werden Landschaftsarchitekten herangezogen, um die Geringschätzung des Freiraums zu kaschieren. Brauchbarer werden die knappen Flächen dadurch selten. Selbiges gilt für die Architektur: Manche baukünstlerischen Auffälligkeiten – seien es statisch aufwendige Auskragungen einzelner Gebäudeteile, seien es Arkaden ohne Sinn und Zweck – scheinen um teures Geld vor allem von der Gewöhnlichkeit des Massenwohnbaus ablenken zu wollen. Den bisherigen Höhepunkt an gestalterischer Camouflage bauwirtschaftlicher Gewinnmaximierung stellt zweifellos der Ende letzten Jahres bezogene Block im südlichen Sonnwendviertel, unmittelbar neben dem Bildungscampus, dar. Die geradezu absurden Spielarten an technischen Einbauten, Treppen, Rampen und Böschungen, Oberflächenmaterialien sowie Geländern und Zäunen lassen beinah eine mutwillige Verunstaltung zur Verhinderung jeglicher ­Innenhofnutzung vermuten.

Für eine Beurteilung der städtebaulichen Entwicklung im Quartier Belvedere, dem nördlich ans Sonnwendviertel anschließenden Teilgebiet mit seinen großmaßstäblichen Büros und Hotels, gibt es ebenfalls schon Anschauungsbeispiele. Die obere Messlatte definiert eindeutig der erst kürzlich besiedelte „Erste Campus“ von Henke Schreieck Architekten. Die vierteilige Anlage bietet nicht nur Arbeitsplätze für 4.500 Bankangestellte, ihre Freiräume, eine Veranstaltungshalle, Cafés, Restaurants oder ein Kindergarten stehen auch für Außenstehende offen. Bereits 2014 fertiggestellt wurde der bis zu 88 Meter hohe Glasturm der Architekten Zechner & Zechner mit dem neuen Headquarter der ÖBB. Auf der zum südlichen Bahnhofsplatz orientierten Seite umfasst er im Erdgeschoß unter anderem einen Polizeiposten, eine Bäckerei und eine Bankfiliale. Auf den anderen beiden Seiten indes verschließt sich der dreieckige Komplex im Sockelbereich auf ganzer Länge gegenüber dem öffentlichen Raum, was unüberbietbar öde Straßen erzeugt. Zumal sich diese Charakteristik bei den meisten Wiener Hochhäusern der letzten zwanzig Jahre wiederfindet und das Rathaus kaum ernsthafte Ambitionen zeigt, auf Verbesserungen zu drängen, dürften im Bahnhofsviertel noch mehr solcher Monolithen entstehen.

Weitere Hochhäuser rings um den Hauptbahnhof sind bereits in Bau. Im Anschluss an den nördlichen Bahnhofsplatz errichtet Österreichs größtes privates Immobilienunternehmen bis 2018 drei Bürotürme mit 38, 66 und 88 Metern, die im Sockelbereich durch 5.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche verbunden werden. Diese sorgen gemeinsam mit dem bestehenden, 20.000 Quadratmeter großen Einkaufszentrum im Hauptbahnhof für eine funktionale Konzentration, die Geschäfte, Dienstleistungen und Gastronomie an anderen Stellen des 60 Hektar großen Entwicklungsgebiets zunehmend unrealistisch macht

Städtebau vom Investor

Gleich daneben – wenn auch ohne erkennbaren Zusammen-hang – realisiert Österreichs zweitgrößter Baukonzern einen hoch verdichteten sechsteiligen Komplex, der ebenso Büro- und Handelsflächen bieten sollte. Aufgrund der massiven Übersättigung des Wiener Büromarkts disponierte der Entwickler nun allerdings auf zwei Hotels mit knapp 600 Zimmern sowie einen 60-Meter-Turm mit 135 freifinanzierten Wohnungen um. Dass der Städtebau, der direkt vom Investor stammt und ursprünglich nur den Ansprüchen von Angestellten und Kunden genügen musste, jetzt aber genauso den Bedürfnissen einer Wohnbevölkerung zu entsprechen hat, veranlasste bei der Stadt Wien bis dato noch niemanden, etwaige Änderungen einzufordern. Dabei ist dieses Projekt nicht das einzige, bei dem aus geplanten Bürotürmen Wohntürme werden. Die lange Zeit verkündete Zahl von einst 13.000 Arbeitsplätzen am Hauptbahnhof dürfte jedenfalls spürbar sinken.
Aus stadtplanerischer Sicht bedenklich erscheint auch die Verkehrserschließung dieser Baufelder. Das Quartier ­Belvedere wird durch ein engmaschiges Netz von vierspurigen Straßen durchzogen, wie es sie im inneren Bereich Wiens sonst nur an den Hauptverkehrsrouten gibt. Dort, wo zwei solcher Straßen aufeinandertreffen, ergeben sich Kreuzungsbereiche von einer Weitläufigkeit, die ein Entstehen jedweder Form von Urbanität nur schwer vorstellbar machen. Entsprechend groß dimensioniert sind auch die Stellplatzkapazitäten, wobei bezeichnenderweise niemand genau weiß, wie viele Tiefgaragenplätze es im gesamten Entwicklungsgebiet gibt. 630 Pkw haben allein in der Parkgarage unter dem Hauptbahnhof Platz. Im Stadtteil südlich der Bahn sollen bisher 3.400 Garagenplätze entstanden sein – im Viertel nördlich der Gleise befinden sich momentan 1.700 in Bau. Jedenfalls ist es in Anbetracht des rückläufigen Autoverkehrsanteils im dichtbebauten Stadtgebiet Wiens, insbesondere aber angesichts des Klimawandels und zunehmender Energieknappheit, verantwortungslos, die Struktur eines neuen Stadtteils für die nächsten hundert Jahre dermaßen auf den motorisierten Individualverkehr auszurichten. 

HOFFNUNG: LETZTE BAUETAPPE

Zuversicht geben zumindest die Planungen für den noch unbebauten östlichen Teil des Sonnwendviertels. Hier ist für den Autoverkehr lediglich eine zweispurige Straße vorgesehen, die entlang des Bahnviadukts verläuft. Somit würde der gesamte Bereich bis zum Helmut-Zilk-Park Fußgängern und Radfahrern vorbehalten bleiben. Die Garagenplätze sollen um 30 Prozent reduziert und zumindest im geförderten Wohnbau nicht mehr jedem Gebäude zugeordnet, sondern in zwei Sammelgaragen konzentriert werden – um den Automatismus, von der Wohnung per Aufzug in die Tiefgarage zu fahren, zu unterbinden. Zudem eröffnet das die Chance, in den Grünhöfen den gewachsenen Boden zu belassen. Die Bebauung soll hier merklich kleinteiliger werden als im westlichen und südlichen Sonnwendviertel und deutlich lebendigere Erdgeschoße aufweisen. Dazu sollen zehn Wohnbauten als sogenannte Quartiershäuser entstehen, die schon bei Planungsbeginn eine fixe, für die Öffentlichkeit attraktive Nutzung der Sockelzone nachweisen müssen. Vier weitere Grundstücke sind für Baugruppenprojekte reserviert, die bisher in jedem Stadtentwicklungsgebiet die mit Abstand besten Häuser hervorbrachten: am Nordbahnhofgelände ebenso wie in der Seestadt Aspern – und auch im westlichen Sonnwendviertel, wo Schindler & Szedenik Architekten den Mitbestimmungswohnbau so.vie.so realisierten. Fragwürdig bleibt hingegen, warum die Straßenbahnlinie D bis 2019 nicht durch dieses Quartier nach Süden verlängert wird, sondern entlang der westlichen Parkkante verlaufen soll. Dadurch wird ihre Trasse unnötigerweise zur Barriere zwischen dem attraktiven Grünraum und dem westlichen Sonnwendviertel.

Autor/in:
Reinhard Seiß
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