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Grundstein Architekten: Jenseits der Schaukämpfe

26.09.2013

Irene Prieler und Michael Wildmann sind zusammen „grundstein“. Auch wenn sie sich, wie der gemeinsame Verein, nach dem Bürositz in der Gasse im 16. Wiener Gemeindebezirk benannt haben – als Metapher für einen Teil der Basis einer jungen engagierten Architekturszene sind sie durchaus zu sehen. Ob in der IG-Architektur, Wonderland, Fightclub oder in der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten: Grundstein war präsent. Sie wollen etwas bewegen, mit ihrer Architektur, und mit ihrem Engagement für die Architektur. Mit FORUM sprachen sie über Teamarbeit als Labor, Theorie als Berufsbild(ung) und über die Profilierung der Einzelkämpfer.

Manuela Hötzl im Gespräch mit Irene Prieler und Michael Wildmann

Grundstein Architekten: "Architekt zu sein, bedeutet für uns daher, Projekte zu begleiten und umzusetzen. Wir sehen uns als diejenigen, die das Projekt im Dialog und Diskurs mit Fachleuten aus unterschiedlichen Disziplinen entwickeln – ob Fachplaner oder Künstler ist egal, das hängt vom jeweiligen Ziel ab. Das Einzel- oder Universal­genie gibt es schon seit der Industriellen Revolution nicht mehr."

Stichwort: Architektur im Wandel der Zeit. In eurem Port-folio findet sich ein breites Leistungsspektrum – wie würdet ihre euren Tätigkeitsbereich definieren?
Michael Wildmann: Es stimmt natürlich, dass sich das Arbeitsspektrum der Architekten in den letzten Jahren stark geändert hat – oder vielmehr das Leistungsbild. Ich würde eher behaupten, dass sich die Profession aufspaltet und gar nicht mehr von einzelnen Leuten abgedeckt werden kann. Architekt zu sein bedeutet für uns daher, Projekte zu begleiten und umzusetzen. Wir sehen uns als diejenigen, die das Projekt im Dia-log und Diskurs mit Fachleuten aus unterschiedlichen Disziplinen entwickeln – ob Fachplaner oder Künstler ist egal – das hängt vom jeweiligen Ziel ab. Das Einzel- oder Universalgenie gibt es schon seit der Industriellen Revolution nicht mehr.

Kommt das auch aus eurem Engagement in der Architekturszene, von IG-Architektur, über Wonderland bis zur Kammer, dass ihr fast mediatorisch agiert?
M. W.: Nein, Mediatoren sind wir definitiv nicht. Wir schaffen keinen Konsens, sondern versuchen eine Essenz aus allen Fachbereichen herauszufiltern. Mediatoren schlichten, wir suchen nach dem bestmöglichen, dem innovativsten Konzept. Man muss aus dem Team, mit dem man arbeitet, immer die Ideen herauskristallisieren, die das Projekt weiter nach vorne bringen. Das ist unsere Methode – und die einzig mögliche bei all den verschiedenen Anforderungen und Entwicklungen in der Baubranche.

Wenn man an die Wissensgesellschaft und deren Wertvorstellungen glaubt, müsste der Architekt dann nicht ein gewaltiges Wissen verwalten und dementsprechend auch Anerkennung und Verdienst bekommen ...
M. W.: Das ist genau der Punkt. In der Wissenschaft und der Forschung gibt es immer Teams. Einzelne Personen im Labor sind eher selten. Nur so kommt man zu einem guten Ergebnis. In der Architektur hat diese Entwicklung erst später stattgefunden. Überfällig war dieser Prozess schon lange, erst in den letzten 20 Jahren gab es den letzten Schub durch eine neue Materialität und Technologie. Nun sind wir dort, wo andere schon längst angekommen sind: bei inter- bzw. transdisziplinären Teams. Die Wertigkeit hinkt allerdings noch hinterher.

Vielleicht fehlt es an neuen Vermittlungsstrategien?
M. W.: Nicht, dass es verlorengeht. Vielleicht ist einfach der hohe Komplexitätsgrad in der Architekturprofession schwer zu vermitteln. Das bildet sich nirgends ab. In keiner Honorarordnung ist der Prozess eines architektonischen Konzepts beschrieben. Die ganze Energie, die Anforderungen auf unterschiedlichen Ebenen sind schwer darzustellen. Neben den räumlichen Qualitäten müssen nun auch die bautechnischen umgesetzt und dementsprechend bewertet werden. Bauphysiker oder Haustechniker waren vor ein paar Jahrzehnten zum Beispiel noch Exoten im Planungsprozess.

Gleichzeitig wird die Disziplin so auch verwässert. Was ist und will die Architektur? Die Frage, wie Hermann Czech es beim „Turn on“-Eröffnungsvortrag formulierte, ist deswegen nicht mehr, „warum man etwas macht“, sondern immer öfter „warum nicht“. Zu viele Möglichkeiten, formal wie technisch. Wie geht ihr damit um, gerade im Team muss ja jemand irgendwann eine Entscheidung treffen.
M. W.: Das ist genau die Aufgabe, indem man in dem Diskurs mit dem Fassadenplaner, dem Statiker, dem Auftraggeber usw. alle Bedürfnisse und alle Anforderungen bestimmt und auf Basis dessen gestaltet. So würde ich das eher sehen.

Bleibt der Architekt die Autorität, der in diesem Prozess die Entscheidungen trifft, oder der Bauherr? Wie war das bei eurem preisgekrönten Projekt „gemini+“, wo nicht nur die Bauherren Landschaftsplaner waren, sondern auch noch Architektenkollegen wesentlich beteiligt waren?
M. W.: Autoritär ist, glaube ich, der falsche Begriff. Bei „gemini+“ war von Anfang das definierte Ziel der Bauherren: ein herausragendes, einzigartiges Ergebnis zu erreichen. Daran haben alle in diesem Team gearbeitet. Dass die Bauherren selbst Planer waren, hat dem Ganzen nur genützt. Das heißt, sie waren sehr weitblickend und haben genau gewusst, wie sie ihr Team zusammenstellen. Die Planung war somit sehr effizient und produktiv, die Kompetenzen wurden gut verteilt und gesteuert. Dazu gehört natürlich auch eine wirklich gute Entscheidungskompetenz, schließlich waren sie Planer und Auftraggeber zugleich. Außerdem wurde viel an Eigenleistung eingebracht.

Wie kann man das beschriebene Berufsbild auf die Architekturausbildung übertragen, ist das möglich?
Irene Prieler: Im Grunde ist uns das Universelle in der Architektur geblieben. Delegieren muss man aber vermehrt und in viele verschiedene Richtungen. Damit man das kann, muss man sich auch in allen Bereichen auskennen. Ein Statiker oder ein Haustechniker muss vom Architekten koordiniert werden. Das heißt nicht, dass wir universelle Spezialisten sind. Das ist ein falsches Bild, das oft vermittelt wird. Für die Ausbildung bedeutet das kurz gesagt: Theorie. Denn die Praxis kann man ohnehin nur in der Praxis lernen. Woher man kommt, in welchem Spannungsfeld, mit welcher Geschichte – all das ist Fundament. In diesem Spannungsfeld muss man sich auskennen, um wirklich Qualität produzieren zu können.

Wie kann man also das Studium strukturell verbessern?
I. P.: Ich glaube, es ist momentan obsolet, über die Struktur zu diskutieren, weil sich gerade in Österreich allgemein niemand Gedanken um ein Bildungssystem macht. Da hat sich seit Beginn meines Studiums nichts getan. Man müsste an einem gesamten Bildungs- und Ausbildungskonzept zu arbeiten beginnen, bevor man Details wie Studienpläne der Architekturausbildung diskutiert. Das darf man ruhig als Aufforderung sehen.

Für euch selbst, als Architekten, seht ihr auch Handlungsbedarf: Neben dem Architekturbüro seid ihr sehr aktiv in verschiedenen Netzwerken und Vereinen tätig. Warum? Und warum so unterschiedliche Aktivitäten?
I. P.: Weil es uns wichtig ist. Ein Netzwerk ist letztlich nur eine andere Form von Diskurs oder Dialog mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die IG-Architektur ist eine Interessenvertretung, das heißt es gibt einen Dialog untereinander und nicht wie bei der Kammer mit dem Gesetzgeber oder öffentlichen Bauherrn. Wonderland wiederum ist ein europäisches Netzwerk innovativer junger Architekten. Diese erneuern sich ständig. Ich glaube, diese Netzwerke sind für uns einerseits Inputs, eine Möglichkeit, nicht nur immer im eigenen Saft zu braten und sich auszutauschen, und natürlich wollen wir auch etwas bewegen.

Ihr seid auch Mitglied im Fightclub, unter anderem mit „franz“, „plov“ , „sue“ und „YF“ Architekten, wo ihr euch zu gegenseitiger Projektkritik trefft. Eher ungewöhnlich die Karten untereinander so auf den Tisch zu legen?
M. W.: Im Prinzip kann jeder im Fightclub seine Anliegen einbringen und sie gemeinschaftlich diskutieren und so in dem Diskurs wieder neue Ansätze für seine eigene Arbeit finden. Hier geht es ganz speziell darum, Projekte weiterzuentwickeln und eine gewisse Betriebsblindheit zu vermeiden. Und ich denke, das ist eine Grundidee dessen, was wir mit unserer Architektur bezwecken wollen: uns weiterzuentwickeln. Natürlich muss man im Fightclub auch Kritik vertragen können. Konstruktive Kritik ist besonders wichtig.

Und Schaukämpfe finden nie statt, öffentlich oder intern?
M. W.: Natürlich, aber die Energie für Schaukämpfe musst du dann erst mal haben. Diese Art von Profilierung liegt uns nicht besonders. Das ist nicht unser Anliegen, sonst würden wir nicht so viel Kraft darauf verwenden, in diesen Netzwerken etwas voranzubringen. Es geht um Engagement für die Architektur und nicht darum, sich in Szene zu setzen. Und etwas zu verändern, ob es Projekte sind oder andere Dinge, das geht nicht im geschlossenen Kämmerchen. Die Zeit der Einzelkämpferstars, die teilweise mehr versuchen, sich gegenseitig zu bekämpfen, als voranzutreiben, ist vorbei.

Auch bei eurem Schulbau habt ihr mit einem Workshop begonnen, um Bedürfnisse und Anforderungen direkt in Erfahrung zu bringen. Geht nicht bei jedem Bauprozess auch wieder viel Wissen verloren?
M. W.: Es gibt so viele unterschiedliche Ebenen von Architektur. Ein Museum muss anders funktionieren als eine Schule oder ein Einfamilienhaus. Und in der Schule gibt es einen relativ hohen Nutzungsdruck der Lehrer. Gerade in einer Sonderschule, die ein großes Set an Anforderungen hat, können wir, wenn wir es gut machen, den Alltag ganz einfach erleichtern. Wenn man dann ein Feedback erhält von einer Lehrerin, die sich darin wohlfühlt und die sich jeden Tag freut, in die Schule kommen zu dürfen, dann hat man seine Aufgabe als Architekt erfüllt. Beim Museum ist es das Erlebnis. So hat jede Aufgabe spezifische Prioritäten.

Ist es deswegen gut, sich auf eine Aufgabe zu spezialisieren? Wie das bei vielen Wettbewerbsbewerbungen verlangt wird?
I.P.: Diese Tendenz ist fatal. Ich verstehe nicht, warum wir uns als Architekten in funktionale Schubladen stecken lassen. Das ist ganz gegen unser Verständnis, immer wieder zu versuchen, das innovativste Konzept zu finden. Durch eine Spezialisierung werden neue Ideen aus dem Entwicklungsprozess der Aufgabe ausgeschlossen, Innovation erschwert. Dies führt zum Stillstand in der Architekturentwicklung.

Irene war von 2006 bis 2008 unter anderem Sprecherin der IG-Architektur; Michael Wildmann ist im Vorstand. Was, würdet ihr sagen, hat die IG-Architektur seit ihrer Gründung erreicht?
M. W.: Das Wichtigste ist die entstandene Solidarität unter der Kollegenschaft. Dieses Verhalten hat nach innen und außen gewirkt und hoffentlich das Bild in der Öffentlichkeit von Architekten als „zerstrittener Haufen“ etwas abgeschwächt.
I.P.: Für mich war es klar, als ich mit dem Studium fertig war und beschlossen habe, „ich möchte als Architektin tätig sein“, dass ich mich für die Anliegen der Architekten engagieren muss. Denn von Anfang an hat mir jeder deutlich gemacht, wie schwierig es ist, sich in diesem Feld zu bewegen. Und eine kleine Änderung, auf die ich aber sehr stolz bin, habe ich während meiner Zeit als Sprecherin erreicht: Zusammen mit Martha Wolzt (IG) und Sandra Konstatzky von der Gleichbehandlungsanwaltschaft habe ich mich bemüht, einen Paragrafen aus der damaligen Vorlage des Ziviltechnikergesetzes zu verändern, in dem es um die Frage der Anrechenbarkeit von Praxiszeit ging. Im Gespräch mit Entscheidungsträgern hatte ich das Gefühl, die IG-Architektur würde als Vereinigung nicht nur wahr-, sondern auch ernstgenommen. Das heißt, man kann wirklich seine Anliegen und Themen besprechen. Das muss nicht immer direkt fruchtbringend sein. Manchmal ist es wichtig, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Im Sinne von „Nightmare of Participation“, ist manchmal nicht auch einfach genug geredet?
I. P.: Vielleicht stimmt das in gewisser Weise. Aber man muss sich zuvor eine fundierte Meinung bilden. Allerdings sind Partizipation und Netzwerken eigentlich zwei völlig andere Dinge. Wir wollen mit Architektur die Welt nicht verändern, sondern verbessern. Das muss immer das Ziel sein.

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