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Günther Feuerstein: Wider den Formalismus

11.08.2016

Günther Feuerstein war für eine ganze Generation visionär arbeitender Architekten ein charismatischer Wegbereiter und Mentor. Die Technische Universität Wien, das Institut von Karl Schwanzer und mit ihm sein Prim-Assis­tent Feuerstein schufen ein offenes Klima, das Protest, Neuorientierung und Experiment für die Generation der in den 60er Jahren Studierenden ermöglichte.

Brigitte Groihofer im Gespräch mit Günther Feuerstein

Günther Feuerstein: "Da gibt’s Elemente, die konstruktiv ausschauen, es aber nicht sind. Die Irreführung ist etwas, was ich nicht akzeptiere. Das spürt auch der Laie."

Den richtigen Fokus für das Gespräch zu wählen, ist bei Ihrem langen und für die österreichische Architekturgeschichte so einflussreichen und prägenden Leben schwierig. Worüber würden Sie gerne sprechen?
Nicht zu sehr über die 60er und 70er Jahre. Ein aktuelles architekturtheoretisches, philosophisches Thema wäre Formalismus, die Diskrepanz zwischen Formenfindung und Formalismen. Die 60er und 70er Jahre waren natürlich sehr stark geprägt von der Thematik, wie man zu einer neuen Formensprache kommen könnte. Wir glaubten ja, wir hätten nichts in der Hand, woran wir anknüpfen könnten. Wir hätten auf die 20er oder 30er Jahre rückblenden können, wollten das jedoch nicht. Im Gegenteil, wir wollten uns von der Historie distanzieren. Anknüpfungspunkte orteten wir im internationalen Stil und in der damals aktuellen skandinavischen und italienischen Architektur. Eine andere Möglichkeit fanden wir in der Sub- und Alternativkultur, die in den 60er Jahren von den USA kam. Bruce Goff faszinierte uns, für viele, wie zum Beispiel für Wolf D. Prix, war er ein Schlüsselerlebnis. Ebenso Buckminster Fuller mit seinen gigantischen Konstruktionsideen. Er hatte einen großen Einfluss auf die Hippie-Bewegung. Man konnte diese Konstruktionen auch aus Holz und Pappendeckeln machen. Wir experimentierten mit der Fuller-Kuppel auf unserer Versuchsbaustelle an der TU Wien. 

Was hat Sie noch inspiriert?
Von starker Inspiration für eine skulpturale Architektur war damals auch die Wiener Schule der Bildhauerei, die Wotruba-Schule. Und sehr bescheiden präsent war auch Kiesler. Die verschiedenen Strömungen führten dazu, dass wir nun ziemlich weit ausgreifen konnten. Ein ganz neues Arbeitsgebiet war die pneumatische Architektur, die Luftarchitektur. Den Anfang machten Walter Pichler und Hans Hollein. Alle diese neuen Phänomene hatten eine ganz fundierte technische, konstruktive, philosophische oder ironische Basis. Die war uns wichtig. Die Formensprache hat im Laufe der Zeit immer mehr an Substanz verloren. Man hatte kein Wissen mehr über die ursprünglichen Quellen. Der konstruktive Anteil wurde geringer. Von einer differenzierten Formensprache sackte man in Formalismus ab. 

Wann kann man von Formalismus sprechen?
Dann, wenn Architektur sinnentleert ist, wenn sie des Hintergrundes, der Basis, der Motivation entbehrt. Formensprache war historisch immer von Bedeutung, sie hängt immer von Hintergründen, Thesen ab. In der Gegenwart wird man Mühe haben, diese herauszufinden. Im Allgemeinen meint das Anhängsel „ismus“ immer, dass es sich um eine Verfälschung, ein Missverständnis oder um Pervertierung handelt. Nicht abwertend ist „ismus“ bei Kunstrichtungen wie dem Expressionismus, dem Kubismus usw. 

Wo orten Sie Formalismus in der Architektur?
Vielfach bei den Konstruktivisten und bei den Epigonen, beim laienhaft ausgeführten Pseudo-Dekonstruktivismus. Man ortet ihn dort, wo die skulpturale, organische Architektur keine Hintergründe, keine Motive, keine Basis und keine Ideologie hat. Breiter bekannt sind ja vor allem Beispiele, die eine gute Formenfindung haben. Dagegen sind die Formalismen nicht so bekannt.

Sie sind wohl nicht immer auf den ersten Blick zu unterscheiden?
Nein, oft sind die Beispiele nicht sofort zu unterscheiden. In Korea hat Wolf D. Prix ein Kinozentrum geplant. Eine eindeutige Formenfindung mit einem absolut konkreten Hintergrund. Daneben steht ein Bauwerk eines einheimischen Architekten, eine eindeutige Epigonenarbeit mit ein paar schiefen Linien und verbogenen Fassadenteilen. Ich würde da auch andere nicht schonen, die zu Formalismen neigen, wie Calatrava oder Gehry. Da gibt’s Elemente, die konstruktiv ausschauen, es aber nicht sind. Die Irreführung ist etwas, was ich nicht akzeptiere. Das spürt auch der Laie. Die Differenzierung ist auch deshalb schwierig, weil es um die Lesbarkeit geht. Wir interessierten uns in den 60er Jahren für Semiotik und Semantik in der Architektur. Architektur als Sprache war ein wichtiges Thema, wir rezipierten etwa Ledoux und die sehr direkte Sprache der Revolutionsarchitektur. 

Ist Architektur nicht immer die persönliche Sprache der Architekten?
Es mag schon sein, dass viele Architekten auch ihre eigene Sprache entwickeln und entwickelt haben, doch die muss transferierbar sein, von einer Geheimsprache der Architekten haben wir nichts. Viele äußern sich nicht verbal, es gibt also keine Übersetzung, keinen Transfer der Ideen in eine verbale Sprache. Wir verstehen sie daher nicht. In den Sechzigern war uns das bewusst, man sieht das auch an den Aufrufen und Manifesten dieser Zeit. Wir hatten ein verständliches Vokabular und sprachen von einer neuen Raumartikulation, von einer Dramaturgie des Lichts, von einer Verwandlung der Dekonstruktion, von der Negation des rechten Winkels usw. Im historischen Kontext betrachtet, in allen Epochen, wurzelt jede Form in einer Motivation, zum Beispiel der schöne Ansatz von Gottfried Semper mit der textilen Architektur, seiner Bekleidungstheorie. Das ging leider verloren. Verschiedene legitime Einflussbereiche waren auch der Expressionismus, die Konstruktivisten und natürlich Klassiker wie Le Corbusier, die Bildhauerei, das Anthropomorphe und Zoomorphe. Und auch von Bedeutung als Einflusszonen waren der Traum, der Zufall, die Bewegung, die Psychologie und die Fantasie. Ebenso wie die bildende Kunst kann auch die Architektur mit diesen operieren, wenn es auch ohne verbale Interpretation schwieriger ist. 
Die Schwierigkeiten mit der Lesbarkeit einer Formensprache haben im Laufe der Geschichte zugenommen und führten zu einer konstant anhaltenden Krise. Ein Dilemma, das gegenwärtig zu beobachten ist. Nur eine Minderheit versteht die aktuelle Formensprache.

Die Wahrheit ist also entscheidend?
Wenn das Abweichen von der Konstruktion mit einer fundierten Ästhetik, einer weltanschaulichen Position verbunden ist, dann ist das durchaus okay. Dies ist, historisch betrachtet, beispielhaft in der Barockarchitektur in Form von Zitaten und Wiederholungen passiert, im Historismus, im Eklektizismus tu ich mir da schon schwerer. Da fehlt die Kraft und Dynamik. Es gilt zu differenzieren. Materialgerechtigkeit ist nicht erforderlich. Das wurde in den 60er und 70er Jahren schon verworfen. Schön formuliert hat es Günther Domenig, dessen Z-Fassade ja nicht materialgerecht ist. Er sagte: „Materialgerecht ist alles, was ich mit dem Material zustande bringen kann.“ Egal ob es sich um Metalle, Blech oder Holz handelt – Beton ist schon schwieriger, an dem „Gatsch“ haben sich die Architekten immer schon die Zähne ausgebissen. Mit Lehm bauen ist einfacher, der ist mit der Hand formbar. Die Lehmarchitekturen sind ein wahnsinnig schönes Beispiel für das Vorhandensein von Motivation. 

Geht durch die Entwurfsarbeit am Computer das Experiment in der Architektur verloren?
Auch mit dem Computer könnte man etwas machen, Gedanken, die in Tastaturen und mittels elektronischer Impulse über die Computersprache umgesetzt werden. Daher könnte ich auch mit dem Computer unglaublich geistvolle, interessante, motivierte, humane, romantische Architektur machen. Aber dazu brauche ich vorweg die Basis. Alles ist möglich, verschiedene Stränge sind möglich. Ein nach wie vor besonders sympathischer Strang, in dem sechs bis zehn Architekten weltweit gut arbeiten, ist die skulpturale, organische Architektur. Dazu zählen die Nachfolger der Dekonstruktivisten, wie Wolf D. Prix. Dagegen finde ich Trends wie Neoklassizismen, wie etwa bei Chipperfield, furchtbar, zu sehr eklektizistisch, wenn auch aus einer gewissen Haltung heraus akzeptabel. Die Pendelschläge zwischen organisch-skulptural und klassizistisch ziehen sich quer durch die Kunstgeschichte.

Sie erwähnen auch immer wieder die sogenannte „Lebensarchitektur“, wozu Sie den Wohn- und Schulbau zählen.
Der bewegt sich jenseits der formalen und neuen Richtungen. Das sind Elemente, die aus den 20er und 30er Jahren kommen, die meisten aktuellen Systeme fußen auf den Fünfzigern und Sechzigern. Die werden jetzt erst realisiert, das ist okay. Die ganz wunderbare qualitätsvolle Campusschule am Laaer Berg (Anm.d.Red.: der Architekten Delugan Meissl) etwa ist mit den einfachen geometrischen Formen, den Fensterbändern und weißen Fassaden ganz nahe an Le Corbusier dran. Die zunehmende Transparenz ist ebenfalls eine Tendenz, die an den meisten Bürobauten zu beobachten ist.

Die Stadtplanung oder besser gesagt deren Nicht-Vorhandensein wurde ebenfalls bereits ab den Sechzigern von Ihnen und Ihren ersten „Studenten“ der TU Wien, wie Salz der Erde, Missing Link, Haus-Rucker-Co usw., thematisiert.
An der gesellschaftlichen Dimension der Stadtplanung kiefeln wir ja seit Jahrzehnten. Ist die Mariahilfer Straße eine Lösung? Nein, sie ist keine Lösung. Begegnungszone – wer soll sich dort begegnen? Wie macht man das? Das funktioniert nicht. Man muss ein Fest machen, man muss einen Markt machen. Der alte Stadttheoretiker Weber, aus dem 19. Jahrhundert, hat gesagt: Die Stadt ist der Markt, das ist das Zentrum. Na klar, da findet Austausch statt, von Gütern, von Gedanken. Voll Leidenschaft zu sagen: „Wir wollen eine kommerzfreie Zone haben!“ – das funktioniert nicht. Was soll man dort schon machen? Wir Architekten sind da hilflos. Selbst wenn es uns gelingt, dass wir da und dort ein paar Bankerl und Kübel mit Pflanzen aufstellen (selbst das ist eher eine Initiative von Politikern): Ist es das schon? Das kann’s doch nicht sein, und das ist es auch nicht. Die Stadtplanung ist natürlich primär dadurch überfordert, dass sie keine Gebäudeplanung zustande bringt. Die Developer spähen Grundstücke aus, versprechen der Gemeinde, dass sie auch einen tollen Spielplatz errichten werden, sie wollen aber auch noch ein Hochhaus dazu bauen. Wenn sie nun auch noch ein Schwimmbad dazu bauen, dürfen sie das Hochhaus errichten, wo immer sie wollen. Das ist die ganze Wiener Stadtplanung. Danach kommen die übergescheiten Architekten und Partizipationsfanatiker und schreien: „Schon wieder ein Hochhaus, wir wollen keine Hochhäuser!“ So geht das rundum in Wien. Das ist ja eine Groteske, ein Kasperltheater. Eine partizipative Stadtplanung funktioniert nicht. Stadtplanung ist viel zu komplex, als dass eine Gruppe von zwölf Pensionisten und Müttern dazu einen fundierten Beitrag leisten könnte. Das ist unmöglich! 

Wohin geht die Architektur?
Aktuell kann man sagen, dass die Postmoderne passé ist. Im Trend liegen leider Tendenzen des Neoklassizismus, verständlich jedoch im Sinne gesellschaftlicher Zusammenhänge und Motivationen, wie der Hang zu Ordnung, Beruhigung und zu klaren Gesetzen oder schönen Oberflächen. Der internationale Stil und die moderne Architektur insgesamt waren für vier Fünftel der Bevölkerung inakzeptabel und hässlich. Er ist aber noch immer ein aktuelles Vorbild. 
Eine andere sichtbare Tendenz ist die Architektur der Transparenz und des offenen Raumes. Diese wird weitgehend akzeptiert. Die skulpturale Architektur hat sich ihre Verwandtschaft mit dem Dekonstruktivismus ja gewissermaßen bewahrt und sie hat Aussicht, in Zukunft noch weiter zu bestehen: eine Architektur mit starkem expressivem Charakter, ohne dabei eklektizistisch zu sein. 

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