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Gustav Peichl (1928-2019)

21.11.2019

Architektur & Bau Forum trauert um den großen österreichischen Architekten und begnadeten Karikaturisten „Ironimus“, Gustav Peichl, der am 17. November im Kreise seiner Familie in Wien verstorben ist.

In einem Interview, das er dem Architektur & Bau Forum im November 2006 gegeben hat sagte er auf die Frage, wodurch sich gute Architektur oder ein guter Architekt auszeichnet: „Gut ist jene Architektur, die von einem guten Architekten gemacht wird. Der gute Architekt weiß und kann unterscheiden, was Qualität ist, er kann sich freimachen von modischem Firlefanz, muss Form, Funktion, Materialien, Licht berücksichtigen und was dazugehört, um ein Gebäude, ein Haus, eine Landschaft, einen Park, einen Platz so zu machen, dass es für den Menschen das Richtige ist.“

Gustav Peichl war ein guter Architekt, in all seinen Bauten, seien es die international bekannten und viel publizierten ORF-Landesstudios, die Bundeskunsthalle Bonn, der Erweiterungsbau des Städelmuseums Frankfurt, der Millennium Tower, den er mit Boris Podrecca in Wien plante, das Karikaturmuseum Krems, die Messe Wien oder das Haus der Barmherzigkeit Wien, stand stets der Mensch im Mittelpunkt.

Er war ein Mann der spitzen Feder, wenn er seine Karikaturen zeichnete, war aber ebenso direkt, wenn es darum ging, Dinge an- und auszusprechen und war, möglicherweise in seiner Kritik manchmal unbequem, sprach dies stets unmittelbar und offen aus und war ein hervorragender Lehrer. „Der Architekt, der sich mit der Mode verehelicht, ist sehr bald Witwer. Architektur ist doch nicht für Fotografen, Zeitschriften oder den Film, sondern für den Menschen da“, unterstrich er seine Überzeugung.

Sein Büro hatte er bereits 2006 an Jüngere übergeben. Nach seinem Befinden gefragt, wenn man sein Büro, das man lange aufgebaut hat, verlässt, antwortete Peichl: „Das ist wunderbar, ich schimpfe manchmal maßlos, aber das habe ich immer gemacht. In meinem Atelier ist die gute Zeit, vorbei, jetzt kommt eine bessere.“

Gustav Peichl war mit Leib und Seele Architekt und meinte, „dass nicht schick und schräg das Wichtigste ist“ und „dass Begabung allein gar nichts bedeutet. Man kann zwar viel aufholen mit Fleiß, aber nicht alles.“ Gustav Peichl war ein begabter Architekt, der in der Profession des Architekten seine persönlich Berufung sah; denn so meinte er: „Der Architektenberuf ist schwierig, aber er ist der schönste, den es gibt“:

Die Redaktion von Architektur & Bau Forum und der österreichische Wirtschaftsverlag sprechen der Familie des großen österreichischen und international bedeutenden Architekten ihr aufrichtiges Beileid aus.

Zum Nachlesen 
Brigitte Amort im Gespräch mit Gustav Peichl aus Architektur & Bau FORUM 20/2016, erschienen am 13. November 2006

 

Biografisches

Am 18. März 1928 wurde Gustav Peichl in Wien geboren. Er besuchte ab 1938 die Oberschule für Jungen in Mährisch-Trübau, von 1943-1944 die Staatsgewerbeschule in Wien Mödling und von 1946 bis 1948 die Bundesgewerbeschule in Linz. Danach studierte Peichl in der Meisterklasse Clemens Holzmeister an der Akademie der bildenden Künste, wo er später selbst als Professor und Rektor tätig werden sollte. Bevor er 1955 sein eigenes Architekturbüro in Wien gründete, arbeitete er von 1952 bis 1954 im Atelier von Roland Rainer. Peichls erster Bau ist sein eigenes 1962 fertiggestelltes Wohnhaus in der Grinzinger Himmelstraße.

1964 gründete Peichl gemeinsam mit Hans Hollein, Walter Pichler und Oswald Oberhuber die Zeitschrift „Bau – Schrift für Architektur und Städtebau“. Im selben Jahr entwarf er den Österreich-Pavillon für die Weltausstellung. Von 1973 bis 1996 war er Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien und Leiter der Meisterschule.

Bekanntheit erlangte Peichl durch den Bau von sechs ORF-Landesstudios (in Salzburg, Linz, Innsbruck und Dornbirn 1972 eröffnet, in den 1980er-Jahren folgten Graz und Eisenstadt, 1998 St. Pölten), die alle nach dem gleichen architektonischen Prinzip errichtet wurden: Alle Räume sind um einen Zentralraum in Form von Kreissegmenten angeordnet, woraus der Spitzname „Peichl-Torte“ entstand. 1986 gewann er den Wettbewerb zur Gestaltung der Bonner Bundeskunsthalle, 1987 jenen für den Erweiterungsbau des Frankfurter Städel-Museums. Mit Boris Podrecca und Rudolf F. Weber entstand 1997-1999 der Millennium Tower, das mit 202 Metern Höhe damals höchste Gebeäude Österreichs. 1998-1999 errichtete er die Kindertagesstätte des Deutschen Bundestags in Berlin, die Münchner Kammerspiele sowie das Karikaturmuseum Krems. 2002-2003 folgte der Bau der Messe Wien Neu und schließlich 2003-2006 das Pflegeheim Haus der Barmherzigkeit in Wien-Donaustadt.
Nur einige der zahlreichen ihm zuerkannten Ehrungen und Auszeichnungen seinen hier genannt: Der Preis der Stadt Wien für Architektur (1969), der Große Österreichische Staatspreis für Architektur (1971), das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien (1993), Großes Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (1996), Ehrenmitglied des österreichischen Kunstsenats (1998), der Nestroy-Ring (1999), Julius-Raab-Medaille (2012) und das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse (2013)

Autor/in:
Redaktion Architektur & Bau Forum
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