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Gustav Peichl: Architektur ist für den Menschen da

20.11.2006

Gustav Peichl hat 25 Jahre lang die Meisterklasse für Architektur an der traditionsreichen Akademie der Bildenden Künste in Wien geleitet und mit seiner stets kritischen Haltung und scharfen Zeichenfeder zweifellos nicht nur viele seiner Schüler nachhaltig beeinflusst. FORUM wollte wissen, was uns seine Erfahrung vermitteln kann und wie es sich mit seiner Einstellung zur gegenwärtigen Architekturausbildung verhält.

Brigitte Amort im Gespräch mit Gustav Peichl

"Der Architekt, der sich mit der Mode verehelicht, ist sehr bald Witwer. Architektur ist doch nicht für Fotografen, Zeitschriften oder den Film, sondern für den Menschen da."

Was sind gute Architektur und ein guter Architekt?
Darüber könnten wir zwei jetzt ein ganzes Buch schreiben, es ist sehr schwierig, diese Frage auf einen Satz zu reduzieren. Gut ist jene Architektur, die von einem guten Architekten gemacht wird. Der gute Architekt weiß und kann unterscheiden, was Qualität ist, er kann sich freimachen von modischem Firlefanz, muss Form, Funktion, Materialien, Licht berücksichtigen und was dazugehört, um ein Gebäude, ein Haus, eine Landschaft, einen Park, einen Platz so zu machen, dass es für den Menschen das Richtige ist.

Welches Ihrer Gebäude gefällt Ihnen persönlich am Besten?
Moment – gefällt mir am besten oder finde ich am besten, da ist ein Unterschied. Erstens bin ich ja so eitel, dass mir immer das letzte Gebäude am besten gefällt, und zweitens kann ich nur sagen, dass die ORF-Landesstudios, die weltweit bekannt sind, in allen Lexika und Architekturpublikationen vorkommen, die besten meiner Arbeiten sind, ebenso wie die Bundeskunsthalle Bonn. Also jene, die auch international publiziert sind und für die ich sehr viele Preise erhalten habe.

Definieren Sie diese Gebäude, unabhängig von den dafür erhaltenen Preisen, auch persönlich als die besten?
Das kann man ja nicht trennen, außerdem ist es auch so subjektiv, über sich selbst kann man nur sehr schwer urteilen. Ich bin stolz darauf, dass Gebäude, die etwa 1970 erbaut wurden, sich bis heute bewähren.

Sie waren 25 Jahre lang Leiter der Meisterschule für Architektur an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. In diesem System hatte der „Meister“ noch einen direkten Bezug zum „Schüler“, was halten Sie von diesem Prinzip?
Aus meiner Sicht ist die direkte Beziehung von „Meister“ und „Schüler“ notwendig, wobei die Studenten vom Meisterschulleiter ebenso viel lernen wie der Meisterschulleiter von seinen Studenten. Diese Verbindung ist sehr wichtig. Leider gibt es die Meisterschule nicht mehr. Jetzt sind da undefinierbare Studios oder Ateliers, wo jeder mit jedem gegen jeden kann, aber es gibt weder eine Linie noch eine Aufklärung über die Haltung, die man haben muss in der Architektur. Sie zeichnen auch nicht mehr, das ist fürchterlich, denn die Skizze ist immer noch die Sprache der Architekten. Jetzt herrscht halt die Mausklickgeneration von Studenten und Architekten – mit Erfolg, muss man dazusagen.

Was haben Sie aus der Meister-Schüler-Beziehung, die auf Gegenseitigkeit beruht, gelernt?
Sehr viel, etwa zu versuchen, Dinge objektiver anzugehen, ohne Vorurteile. Studenten oder junge Leute sehen die Dinge offener, anders, das hat mir immer zu denken gegeben, und ich habe gelernt,was ich an mir oder an einem Projekt ändern könnte. Das Schwierigste ist, zu wissen, wo man auf Änderungen eingeht und wo man diese ablehnt. Man lernt auch den Umgang mit einer jüngeren Generation, ich liebe ja jüngere Generationen, nicht nur Frauen, sondern überhaupt.

Geht die Universität zurzeit den richtigen Weg?
Ich glaube, dass der Weg ein falscher ist, weil man vom Individuellen weg geht, die Persönlichkeit wird nicht mehr gefördert. Man verzichtet auf seinen Namen, nennt sich wie Popgruppen, daran merkt man ja schon, das fehlende Interesse am Individuellen. Das Individuelle in der Architektur ist immer am wichtigsten gewesen, egal ob Mies van der Rohe, Gropius, Alvar Aalto – ich könnte Hunderte aufzählen –, alle waren der Meinung, dass die Persönlichkeit am meisten zählt. Heute geschieht alles wie in einer Kolchose, das ist aus meiner Sicht der falsche Weg.

Ist es vielleicht die Folge einer mangelnden Identität der jungen Menschen?
Das meine ich. Aber niemand sagt ihnen: Sei stolz auf deinen Namen, sei stolz auf das, was du wirklich willst, auf deine Individualität. Sondern: Man drängt, einen Wettbewerb mit einer Firma zusammen zu machen, kostengünstig und schnell. Das sind falsche Wege.

Hängt das damit zusammen, dass beispielsweise an der Universität für angewandte Kunst internationale Stars die Studios leiten, obwohl sie persönlich kaum anwesend sind und somit die Lehre in den Händen der Assistenten liegt?
Richtig. Jemand, der sich verantwortlich fühlt, eine Schule zu führen, muss anwesend sein. Das Resultat: Die Absolventen sind in einem Architekturbüro nicht einsetzbar. Sie fotografieren, bauen Modelle, das Handwerk des Architekten aber wird nicht mehr gelehrt.

Was wird mit der Generation dieser Absolventen geschehen?
Es wird eine Leere entstehen, denn ein Student lernt am meisten in der Praxis. Vor Ort anzusehen, wie ein Otto Wagner etwa mit Material, Proportion, Farben umgegangen ist, bringt viel mehr als drei Jahre Schule. Die Praxis kommt im Architekturstudium überhaupt nicht mehr vor. Dennoch gibt es heute, auf Wien bezogen, hervorragende junge Architekturbüros oder Architekten. Aber die Ausbildung liegt im Argen.

Wo kann man sich die Praxis aneignen?
In einem Architekturbüro. Ich selbst, wie alle meine Studienfreunde, ob Hollein, Holzbauer oder Lackner, hatten nicht viel Geld und mussten während des Studiums arbeiten. Wir haben dadurch viel gelernt. Ich habe während des Studiums an der Akademie bei Roland Rainer gearbeitet, und viel auch noch.

Was erwarten Sie sich von Studenten, die sich in Ihrem Büro bewerben?
Die müssen zuerst einmal wissen, worum es überhaupt geht in der Architektur, was die Aufgabe des Architekten ist, sie müssen Talent und eine gewisse Fähigkeit haben, gebildet sein und die Vergangenheit kennen. Manche wissen heute ja nicht einmal, wer Camillo Sitte war, geschweige denn Josef Frank.

Legt die Architektur prinzipiell heute mehr Wert auf Showeffekte und Marketingstrategien?
Früher sagte man „form follows function“, heute sagt man „form follows marketing“. Das ist das große Problem.

Was hat sich da verändert?
Unser Erfolg im Ausland hat den Weg bereitet für viele Junge, die nun auch wieder sehr erfolgreich sind. Das ist gut so, Österreich hat einen guten Ruf in Sachen Architektur. Leider stehen dennoch mehr jene Dinge im Vordergrund, die auffallen, extravagant und modisch sind. Der Architekt, der sich mit der Mode verehelicht, ist sehr bald Witwer. Architektur ist doch nicht für Fotografen, Zeitschriften oder den Film, sondern für den Menschen da.

Früher war der Architekt Generalist,heute werden seine Aufgaben immer spezifischer, was zählt mehr?
Ein Architekt muss sich auch in der Literatur halbwegs auskennen, in Geschichte, und wissen, wer die großen Meister des vorigen und vorvorigen Jahrhunderts waren, wer die ersten Hochhäuser warum und wie gebaut hat und was etwa in den Zwanziger- und Dreißigerjahren in Österreich bedeutend war. Die meisten Architekten oder Architekturstudenten von heute wissen das nicht mehr.

Kann man das auf ein Manko in der Ausbildung zurückführen?
Ja. Bei mir bekam man im ersten Semester eine Bücherliste, diese Bücher musste man lesen und darüber referieren. Jetzt gibt es halt die modischen Bücher, jeder Architekt, der irgendwo einen Laden macht oder ein Haus, das ein bisschen schief steht, macht gleich ein Buch oder eine Publikation.

Trotzdem ist es für die jungen Architekten noch sehr schwierig, Aufträge zu bekommen.
Nein, eigentlich nicht. Das Bauvolumen hat sich im Vergleich zu meiner Anfangszeit in den späten Fünfziger- und Sechzigerjahren verzehnfacht, und es gibt nicht mehr so viele Architekten wie damals – wir mussten hart um Aufträge kämpfen. Heute ist man da eher verwöhnt.

Ihr Atelier ist seit 2002 eine Ziviltechnikergesellschaft, was war ausschlaggebend für diese Entscheidung?
Ich bin jetzt 78 und meinte, jetzt müsse einmal Ruhe sein. So entstand Peichl und Partner. Wer weiß, wie lang ich da noch herumkrabbeln kann, meine jungen Mitarbeiter können dann das Büro weiter führen.

Sie leiten das Büro also im Hintergrund?
Ich bin Senior Partner, das heißt, man legt Wert auf meine Meinung zu den entstehenden Projekten, es ist eine wunderbare Zusammenarbeit. Aber die Verantwortung und die Stimmung des Büros trägt letztlich mein alter Partner Rudi Weber gemeinsam mit Christoph Lechner.

Wie ist das, wenn man das, was man aufgebaut hat, anderen übergibt?
Das ist wunderbar, ich schimpfe manchmal maßlos, aber das habe ich immer gemacht. In meinem Alter ist die gute Zeit vorbei, jetzt kommt eine bessere.

Was halten Sie von Wettbewerben?
Sie sind natürlich notwendig, aber heute werden keine Wettbewerbe gemacht, man geht her und sucht nach freiem Ermessen vier Leute aus, eine Seilschaft, diese vier nimmt man dann her, spannt sie mit Firmen zusammen und lässt sie Entwürfe machen, aus denen man sich einen aussucht. Das ist kein Wettbewerb.

Die IG-Architektur fordert die Abschaffung der Ziviltechnikerprüfung.
Ich bin sehr dafür. Dann sollte man aber auch eine ordentliche Architekturausbildung an den Hochschulen fordern; Abschaffen allein nützt nichts. Ich bin auch dafür, das dreijährige Praktikum abzuschaffen. Wer interessiert ist und gute Architektur machen will, der versucht sowieso, so viel wie möglich zu lernen.

Wie sieht Ihre Empfehlung aus?
Auf das Niveau der Architektur schauen, auf die Haltung, die ein Architekt haben muss. Architektur formt das ganze Leben, die Häuser, die von Architekten gebaut werden, formen die Menschen. Erst baut der Mensch ein Haus, dann formt das Haus den Menschen. Wenn etwa ein Kind in die Schule geht, verbringt es vom sechsten bis zum zehnten Lebensjahr in einer Volksschule sehr viel Zeit. Wie diese aussieht, wie sie gemacht wird und funktioniert, formt das Kind und in der Folge den Erwachsenen. Schon Freud hat vom Einfluss des Hauses auf das Unterbewusstsein gesprochen.

Was würden Sie einem jungen Architekten empfehlen?
Bemüht zu sein und fleißig, um die Aufgaben des Architekten richtig zu verstehen; Dass nicht ein Schick und Schräg das Allerwichtigste ist. Natürlich braucht es auch Begabung. Man kann zwar viel aufholen mit Fleiß, aber nicht alles. Wobei Begabung allein gar nichts bedeutet. Der Architektenberuf ist schwierig, aber er ist der schönste, den es gibt.

Über Gustav Peichl
1928 geboren in Wien
1949–1953 Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, Meisterschule Prof.Clemens Holzmeister
1955 Gründung Architekturbüro Gustav Peichl
1973–1998 Leiter der Meisterschule für Architektur an der Akademie der Bildenden Künste in Wien
1987–1988 Rektor der Akademie der Bildenden Künste in Wien
1991 Gründung des Partnerbüros Peichl & Partner
2002 Gastprofessur an der Harvard School for Design
2002 Gründung der Ziviltechnikergesellschaft Peichl & Partner

Auszeichnungen (Auswahl):
1969 Preis der Stadt Wien für Architektur;
1971 Großer Österreichischer Staatspreis;
1975 Reynolds Memorial-Award;
1986 Mies van der Rohe Preis;
1993 Goldenes Ehrenzeichen für die Verdienste um das Land Wien;
1996 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland;
1997 Großes Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich; Mitglied des österreichischen Kunstsenats

Bauten, Projekte (Auswahl):
Atriumschule in der Krim, Wien, Döbling 1961–1963
ORF-Landesstudios in Salzburg, Innsbruck, Linz, Dornbirn, Graz, Eisenstadt, St.Pölten 1970–2001
Erweiterungsbau Städelmuseum Frankfurt 1987–1990
Bundeskunsthalle Bonn 1989– 1992
Millennium Tower gemeinsam mit Boris Podrecca,Wien 1997– 1999
Karikaturmuseum Krems 2000–2001,Messe Wien Neu 2001– 2003
Toscanahof,Wien 2003–2004
Haus der Barmherzigkeit,Wien 2003–2006

Dieses Gespräch ist in Architektur & Bau FORUM 20/2006 am 13. November 2006 erschienen.

 

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