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H-Sang Seung: Die Architektur als seelische Landschaft

19.02.2014

H-Sang Seung zählt zu den bekanntesten Architekten Südkoreas. Sowohl als Architekt wie als Lehrender ist er ­international tätig und wurde bereits mit zahlreichen Preisen geehrt. Er zählt zu den Vordenkern einer neuen Architektengeneration, die die alte asiatische Kultur in eine westliche, zeitgemäße Architektursprache übersetzt. So etwa prägte er das internationale Architekturprojekt „Commune By The Great Wall" ganz wesentlich. Auf Ein­ladung von architketur in progress und dem Korea Kulturverein war H-Sang Seung Gast in Wien. Im Anschluss an seinen Vortrag nützte FORUM die seltene Gelegenheit für ein Interview.

Volker Dienst im Gespräch mit H-Sang Seung

Übersetzung: Byong Hun Lee

Die Loos’sche These, dass ein Architekt nicht nur Künstler ist, sondern ein Intellektueller, der seine Zeit weiterdenkt, hat mich sehr geprägt. Seither setze ich mich intensiv mit der Frage nach dem sogenannten Zeitgeist auseinander.

2012 eröffnete der von Ihnen geplante Umbau des Korea-Kulturhauses Österreich im Wiener Donaupark. Was hat Sie nach Österreich geführt?

Ich kam im August 1980 mit einem Stipendium an die TU-Wien. Die Militärdiktatur in Südkorea hatte damals sehr hart den Volksaufstand von Gwangju – den ich mit unterstützt habe – niedergeschlagen. Ich war gezwungen, das Land zu verlassen, und fand in Österreich Asyl. 1977 hatte ich in Korea den österreichischen Priester Joseph Platzer kennengelernt. Ich war damals Projektleiter des Kirchenbaus in Masan, den er initiiert hatte. Als er hörte, dass ich Korea fluchtartig verlassen musste, hat er mir einen Platz im Missionshaus der Lazaristen in Wien-Neubau organisiert.

Sie waren damals erstmals mit der Lehre von Adolf Loos konfrontiert und davon beeindruckt. Welchen Einfluss hatte bzw. hat das auf ihr architektonisches Schaffen?

Ich hatte keinerlei Vorkenntnisse der Wiener Architektur. Als ich im Vorstudienlehrgang der TU-Wien Deutsch lernte, hat mir meine Lehrerin empfohlen, die Schriften von Loos zu lesen und gab mir eines seiner Bücher. Damals hatte ich bereits das Architekturstudium in Korea abgeschlossen und fünf Jahre Praxiserfahrungen in Büros gesammelt. Über Loos hatte uns aber niemand etwas erzählt. Es war für mich dann ein wahrer Schock, als ich zum ersten Mal über seine radikalen Ansichten las und deren Umsetzung in gebauter Architektur besuchen konnte. Damals musste ich viel über meine eigene Rolle und Aufgabe als Architekt nachdenken. Zuvor war ich davon ausgegangen, dass sich ein Architekt ausschließlich um die Ästhetik zu kümmern hätte. Loos jedoch hinterfragte die Werte seiner Zeit, er ebnete den Weg zum Modernismus. Es war eine intellektuelle Auseinandersetzung mit seiner Zeit, er reagierte auf gesellschaftliche Entwicklungen und wollte das Leben revolutionieren. Die Loos’sche These, dass ein Architekt nicht nur Künstler ist, sondern ein Intellektueller, der seine Zeit weiterdenkt, hat mich sehr geprägt. Seither setze ich mich sehr intensiv mit der Frage nach dem sogenannten Zeitgeist auseinander. Und das hat sich auch in meiner Schrift „Beauty of Poverty" manifestiert, in der ich mich mit meinem architektonischen Schaffen und den gesellschaftlichen Einflüssen auseinandersetze.
 

Sie gelten als Vordenker einer asiatischen Architektengeneration, die sich wieder der eigenen, historischen Architekturtradition widmet und daraus städtebauliche wie funktionale Konzepte in eine zeitgemäße Architektursprache übersetzt bzw. weiterentwickelt. Ihre Arbeiten stehen oft in Verbindung mit Gestaltungsprinzipien der europäischen Moderne. Wie kamen Sie dazu, beide „Welten" miteinander zu verbinden? Wie wirkt sich das auf Ihre Architektur aus?

Der Modernismus wurde trotz seines Einflusses auf gesellschaftliche und künstlerische Entwicklungen dennoch oft kritisiert, da er sich der Universalität verschrieben hatte. Architektur muss aber auf den Ort reagieren – darin liegt ihr besonderer Wert. Ansonsten verkommt sie zu einer seelenlosen, wiederkopierten Struktur. Aber wenn eine Architektur die besonderen Eigenschaften eines Ortes aufnimmt, wie das bei traditionellen Gestaltungsprinzipien immer der Fall war, erfährt sie Wertschätzung. In meinem Arbeitsprozess versuche ich sowohl auf örtliche Besonderheiten zu reagieren als auch universelle Gestaltungsprinzipien anzuwenden. Beides ist notwendig, um möglichst vielen Leute Genuss zu verschaffen. Für mich ist die Frage, ob es um östliche oder westliche Gestaltungsprinzipien geht, nicht wichtig. Vielmehr versuche ich die Einzigartigkeit und Charakteristik eines Ortes in meiner Architektur zu übersetzen, zu verdeutlichen – um diese für alle noch verständlicher zu machen.
 

Der turbokapitalistische Bauboom in China ist von enormem Geld- und Zeitdruck geprägt und orientiert sich zumeist an amerikanischen Hochhausclustern. Sie haben in den Boomjahren für die chinesische Investorengruppe Soho Projekte mit hoher Qualität in und um Beijing umsetzen können. Was war das Geheimnis Ihres Erfolges, und wie sehen Sie heute die rasante Entwicklung asiatischer Megacitys?

Frau Zhang Xin von Soho gehört zu den anerkanntesten Developerinnen Chinas. Sie ist zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten dieser Branche geworden, aber auch zu einem Teil der Architekturszene, weil sie seinerzeit für das „Great Wall-Project" den Spezialpreis der Architekturbiennale in Venedig erhielt. Sie hat in England studiert, in den USA gearbeitet und so die westliche Kultur kennengelernt. Der Preis der Biennale hat sie motiviert, noch bessere Architektur mit guten Architekten zu schaffen. Peking sowie auch andere große Städte in China sind mit enormen Veränderungen konfrontiert. Oft wird ohne nachzudenken schöne, traditionelle Kultur zerstört, nur um neue Ikonen zu schaffen. Das schadet der gesamten Stadt oft mehr, als es ihr bringt. Ich unterhalte seit dem Jahr 2000 gute Beziehungen mit chinesischen Entscheidungsträgern und versuche, sie immer wieder davon zu überzeugen, dass China nicht seine eigene, alte Schönheit verlieren darf. Es bedarf einer entsprechenden Ethik der eigenen Kultur Chinas gegenüber. Die Entwicklung einer Architekturethik ist wesentlich.
 

Als Biennale-Kommissär für Südkorea haben Sie in Venedig 2008 Ihren Masterplan von Paju Book City vorgestellt, der auf geringere Dichte, aber auf mehr Qualität des öffentlichen Raumes setzt. Wie haben die Investoren dieses Konzept aufgenommen, und wie wurde es schließlich umgesetzt?

Während des Koreakriegs 1950 wurden viele koreanische Städte zerstört. Die Entwickler des Wiederaufbaus nützten diesen zu einer Verwestlichung und Modernisierung der Städte. Oft wurde leichtsinnig und bedenkenlos westlicher Städtebau kopiert – man wollte eine „moderne Stadt". Aber die Städte Koreas waren schon von ihrer hügeligen Topografie her kaum mit dem eher flachen Gelände vieler amerikanischer bzw. westlicher Städte vergleichbar. Stereotype westliche Masterpläne wurden wie die Bibel nachgebetet, und es kam in den neuen Megacitys zu einer enormen Entfremdung innerhalb der Gesellschaft, was soziale und kulturelle Konflikte auslöste. Das moderne Korea verlor seine eigenen Wurzeln. Ich denke aber, es wurde nicht hoffnungslos zerstört. Man muss dem Land und den falsch geplanten Städten die Möglichkeit geben, mit all seinen Bergen, Tälern und Flüssen eigene Wege zu finden, seinen Ausgangspunkt in den naturräumlichen Gegebenheiten und in den lokalen Eigenheiten nehmen. Das neue Konzept für Paju Book City soll zeigen, dass man alte Fehler nicht wiederholen muss. Der städtebauliche Prototyp wurde der topografischen Lage in Paju angepasst. Wesentlich war dabei eine gemeinschaftliche Planung aller am Projekt Beteiligten; individuelle Wünsche wurden zurückgestellt. Leider konnten unsere Überlegungen und Konzepte nur zum Teil realisiert werden, da der Masterplan für die Verkehrserschließung schon vor unserer Planung fixiert und die Straßen bereits in Bau waren. Aber ich denke, die Stadt wird sich mit der Zeit selbst regulieren und eigene Wege finden. Zumindest das Prinzip einer gemeinschaftlichen Planung konnte erfolgreich umgesetzt werden. Das stimmt mich optimistisch.
 

Sie sind als Präsident des Architekturbeirats der Stadt Seoul vehement gegen neue Hochhauscluster und haben sich öffentlich gegen das prestigeträchtige Projekt des Businessdistrikts von Yong San (kolportiertes Investitionsvolumen: mehr als 200 Milliarden Euro) ausgesprochen. Das Projekt wurde gekippt, wohl nicht zur Freude der Investoren. Der Druck auf Beirat und Bürgermeister muss enorm gewesen sein. Ich bin noch immer enormer Kritik jener Leute und Developer ausgesetzt, die sich von der Entwicklung mehr Gewinn erhofft hatten. Unsere Stadt sollte nicht nur Heimat für uns sein, sondern auch für künftige Generation. Der Bürgermeister steht da politisch fest hinter mir. Ich bin erst zwei Jahre im Beirat, und es ist nicht leicht, gegen jahrzehntelange Gewohnheiten und derartige Entwicklungen anzukämpfen. Aber es ist es allemal wert.

Bei Ihrem Vortrag in Wien haben Sie auch das Stadteilprojekt „104 Village" vorgestellt. Es war geplant, die gesamte Altstadt abzureißen, um einer Monostruktur neuer Apartmenthochhäuser Platz zu machen. Ihr Vorschlag einer Nachverdichtung und Revitalisierung der traditionellen Stadtstruktur konnte einen Teil dieses Viertels retten. Kann Revitalisierung und Nachverdichtung des Bestandes als taugliche städtebauliche Strategie mit dem enormen Wachstumsdruck asiatischer Metropolen mithalten?

Wir konnten unzählige Male beobachten, welche Zerstörung der Gemeinschaft und sozialen Konflikte entstehen, wenn Wohnbauten ohne Architekturethik, nur aus Gewinn des Kapitals und der Immobilienspekulationen, errichtet werden. Wie auch gesunde Architektur gesundes Leben schaffen kann, könnte eine gesunde Gesellschaft aus einer gesunden Stadtstruktur hervorgehen. Gesunde Architektur und eine gesunde Stadt müssen zwei Kriterien erfüllen: die Verortung und Erdung des Projekts und ein zeitgemäßes Erscheinungsbild. Die Geschichte zeigt, dass die Gesellschaft davon kontinuierlich profitiert hat.
 

Welchen Stellenwert hat energieeffiziente, ökologische Architektur derzeit in Korea und in Ihrem Schaffen?

Aspekte wie „zero energy", also ökologisches und nachhaltiges Bauen, sind wichtig und notwendig. Ich habe aber auch das Gefühl, dass wir uns derzeit zu sehr auf technische Aspekte konzentrieren. Sollte nicht soziale Nachhaltigkeit ebenso oder gar noch wichtiger sein? Vermutlich dürfte der Wechsel der Lebensweise auch zu einem wesentlich höheren Umweltbewusstsein führen. Mir geht es mehr um eine kulturökologische als um eine naturökologische Nachhaltigkeit.
 

Sie bearbeiten aktuell die Entwicklung des mit 2,4 Millionen Quadratmetern Fläche größten Freiraumprojekts in Seoul, den Yongsan Park, aus dessen internationalen Wettbewerb Sie als Sieger hervorgegangen sind. Können Sie ihr Projekt und den von Ihnen geprägten Begriff des „Landscript" näher erläutern?

Yongsan liegt im Zentrum Seouls. Dieser Platz wurde über mehrere Jahrhunderte als Besatzungszone ausländischer Militärs aus China, Japan oder den USA genutzt und bildete daher einen leeren „weißen Fleck" in der Geschichte der Stadt Seoul. Es ist mir daher sehr wichtig, dass dieser Ort wieder Teil der Geschichte Seouls wird – ein lebendiger Begegnungsort mit Identität in der Stadtmitte. Diese Identität möchte ich durch die Darstellung der naturwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Geschichte, aber auch der besonderen geografischen Lage generieren. Es ist mir ein Anliegen, den Bewohnern Mut und Hoffnung durch eine neue Identität und eine neue Geschichte zu geben. „Landscript" soll durch identitäts- und gemeinschaftstiftende Maßnahmen den Ort wiederbeleben.
 

In Korea hat das Projekt des Monuments für den verstorbenen Präsidenten Roh Moo Hyun große Beachtung gefunden. Sie haben ein Landschaftskonzept umgesetzt. Rund um das Grab wurden Straßen und Wege mit den eingravierten Wünschen und Gedanken der Bevölkerung zu Präsident Roh gepflastert. Können Sie Ihren Zugang dazu erläutern?

Eine Grabstätte oder ein Schrein werden nicht für die Verstorbenen, sondern für die Lebenden errichtet. Körper verschwinden, die Seele aber hat Bestand. Eine derartige Einrichtung muss daher den Lebenden Meditation und Selbstreflektion ermöglichen. Denn es ist wichtig, sich selbst zu finden, zu entdecken, wie schön die Welt ist und welchen Wert ein einfaches Leben in Demut hat. Jene Menschen, die bereits zu einer derartigen Erkenntnis gefunden haben, formen quasi eine seelische Landschaft. Ich schätze das als echte und wahre Architektur.

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