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Hans Hollein: Ente, Würstel, Weihnachtsgans

06.06.2016
Hans Hollein ist einer der ganz Großen in Österreich. Begonnen hat sein Schaffen mit Flugzeugträgern, Manifesten und Utopien. Wohin ist all die Kraft der jungen Jahre entwichen? Die ist immer noch da, sagt Hollein. Nächstes Monat feiert der umtriebige Professor seinen 75er. Zeit für ein Gespräch.

Wojciech Czaja im Gespräch mit Hans Hollein

Von meinen Werken wurde leider sehr viel zerstört.  [...] Damit müssen Architekten leben. Nichts ist für die Ewigkeit bestimmt.

Zum 70. Geburtstag habe ich bei Ihnen um ein Interview angefragt. Und dann immer wieder. Nun feiern Sie kommendes Monat Ihren 75er. Fünf Jahre lang keine Zeit gefunden?
Ich habe viel zu tun. Manchmal ergeben sich Dinge spontan, und manchmal werden Dinge lange Zeit hinausgezögert. Das sind keine Ressentiments. Ich bin wirklich vielbeschäftigt.

Viele Leute haben Ihnen zum Siebziger gratuliert. Sind das alles Freunde?
Vielleicht war da auch der eine oder andere Präsident einer Architektenvereinigung dabei, aber der Großteil waren gute Freunde.

Unter anderem gratulierte Ihnen Arnulf Rainer mit den Worten: „Willkommen im Club der machtlosen Weisen!“ Trifft das auf die Architekturgranden in Österreich wirklich zu?
In gewisser Hinsicht schon auch.

Inwiefern?
Bildende Kunst – und insbesondere Architektur – ist in Österreich nach wie vor eine Hintergrund-Materie. Im Herbst 2008 gab es in der Raiffeisenbank eine kleine Veranstaltung, bei der der damalige Bundeskanzlerkandidat Wilhelm Molterer seine Ziele erörtert hat. Danach habe ich ihn gefragt, ob es unter seiner Ägide denn ein eigenes Kunst- und Kulturministerium geben würde. Und er meinte, das könne er auch selbst in die Hand nehmen und erledigen. Das zeigt ganz gut, welchen Stellenwert Kunst in diesem Land hat. Sie sehen: Im Club der weisen Männer ist man machtlos.

Apropos machtlose Weise: Welche Rolle spielt heute noch die Trias Hollein-Holzbauer-Peichl?
Das war für mich nie ein Thema, aber vielleicht liegt das daran, dass wir alle drei Schüler von Clemens Holzmeister sind. Ich schätze Peichl und Holzbauer. Mit beiden verkehre ich auf einer zivilisierten Basis, aber ich würde uns niemals in einen Topf werfen. Ich gehe oft in ganz andere Richtungen.

Bis vor wenigen Jahren gab es da ein interessantes Phänomen: Kaum saß einer von Ihnen in einer Wettbewerbsjury, haben die anderen beiden meist ganz gute Ergebnisse erzielt. Gibt es da einen Zusammenhang?
Das hat weder mit diesen konkreten Personen zu tun, noch gibt es da sonst einen Zusammenhang. Das hängt einzig und allein von der Qualität des jeweiligen Wettbewerbsprojekts ab. Ich will nicht ausschließen, dass es auch bessere Projekte hätte geben können, wenn mehr Personen teilgenommen hätten.

Ist Ihr Beruf heute immer noch ein Fulltime-Job?
Eher weniger. Bis vor wenigen Jahren habe ich ja noch die Architekturklasse an der Angewandten geleitet. Da bin ich meistens erst um sieben Uhr abends zu den Studenten gekommen und bis um ein Uhr nachts geblieben. Nur ein Kern ist bis zum bitteren Ende geblieben. Diese Zeiten sind vorbei. Als Architekt habe ich nach wie vor viel zu tun, reise oft nach China, Taiwan, in die Emirate oder nach Südamerika, meist nach Peru. In Lima habe ich das Hochhaus für die Interbank gebaut. Die Reise allein dauert schon 22 Stunden.

Was ändert sich im Alter am Planen und Entwerfen?
Das ist an sich schon ein ausführliches Kapitel. Daher halte ich mich kurz: Ich war Teil einer sehr großen und umfangreichen technologischen und kulturellen Umstrukturierung. Die Situation ist heute anders, vor allem haben sich die Planungs- und Kommunikationsmethoden geändert. Gleich geblieben sind lediglich die Grundlagen dieses Berufs.

Wie stehen Sie heute zu Ihren frühen Manifesten?
Zum Teil würde ich mich heute nicht mehr so ausdrücken. Aber ich sage nicht wie andere: Das waren meine Jugendstreiche. Einige dieser Manifeste sind heute aktueller denn je. Viele Gedanken von früher spielen bis heute in meine Arbeit hinein.

Eine Ihrer meistzitierten Aussagen lautet: „Alles ist Architektur.“ Ist das nach wie vor Ihre Meinung?
Ja, das ist ein Satz mit großer Kraft, und er lässt viele Interpretationen zu. Das ist auch der Grund, warum er auf so breiter Basis angenommen wurde. Architektur ist eben nicht nur Bauen, sondern geht weit darüber hinaus.

Von Ihnen stammt das Bild des Flugzeugträgers in der Landschaft. Sie haben Manifeste geschrieben, Ihre Arbeit war geprägt von Utopie und Provokation. Wohin entweicht all die Kraft der jungen Jahren, wenn man eines Tages reifer und gemäßigter wird?
Die Kraft ist immer noch da.

Zu Beginn Ihrer architektonischen Tätigkeit waren Sie Teil der internationalen Avantgarde. Wie lange kann man denn Avantgardist bleiben?
Ich habe mich nie als Teil dieser sogenannten Avantgarde erachtet. Ich habe einfach nur auf meine eigene Art versucht, in die Zukunft zu blicken. Eines ist klar: Wenn man sich mit 20 Gedanken über die Zukunft macht, dann hat das ein anderes Gewicht, als wenn man sich mit 75 den Kopf darüber zermartert. Aber schön, wenn man in so einem Fall als Avantgardist betrachtet wird. Da ist ja nichts Schlimmes dabei. Aber Sie stellen hauptsächlich Fragen zur Vergangenheit, mich interessiert viel mehr die Zukunft.

Gut. Sehen Sie sich immer noch in einer Vorreiterrolle?
Ja, natürlich. In gewissen Bereichen bin ich auch heute noch Vorreiter. Das hört ja nicht plötzlich auf, nur weil man keine 20 mehr ist. Bezogen auf die Kunst und auf die Architektur gibt es auch heute noch gewisse Tendenzen in meiner Arbeit, die außergewöhnlich sind. Es ist schön und gut, dass andere nachfolgen, aber ich bin der Meinung, dass es heute nicht viele gibt, die man ernsthaft als Avantgardisten bezeichnen könnte. Das Problem ist: Die Architekten von heute sind sehr im Jetzt verankert, aber nicht in der Zukunft.

Manche Projekte stehen nicht mehr. Das österreichische Verkehrsbüro wurde 1987 zerstört. Was war der Grund dafür?
Von meinen Werken wurde leider sehr viel zerstört. Der Grund beim Österreichischen Verkehrsbüro ist ganz einfach: Der neue Geschäftsführer war mit den Plänen seines Vorgängers nicht einverstanden. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, zwischen Weihnachten und Neujahr, wurde das Objekt damals binnen weniger Tage abgerissen. Wir haben davon erst im allerletzten Moment erfahren. Sowohl der Bundeskanzler als auch der Bürgermeister haben sich gegen den Abbruch ausgesprochen, aber das hat alles nichts geholfen. Damit müssen Architekten leben. Nichts ist für die Ewigkeit bestimmt.

Wie geht es einem Architekten, so etwas mitansehen zu müssen?
Besonders schmerzhaft ist der Abbruch, wenn man am Projekt mit Herzblut dran war. Dass die Filiale des Verkehrsbüros in der Shopping City Süd in Vösendorf abgerissen wurde, hat mir nicht wirklich wehgetan. Aber die Zentrale in Wien, das war schon ziemlich bitter.

Wofür steht Hans Hollein heute?
Das ist schwer zu erklären. Die Leute kontaktieren mich, weil sie genau mich wollen. Ihnen gefällt, was ich mache. Sie schätzen meine Arbeit und meine Ideen.

Und welche Ideen sind das?
Das kann man nicht so pauschal sagen. Es gibt Ideen, die sind bedeutungsvoller als andere. Aber ich denke, dass sich durch meine ganze Arbeit ein gewisser roter Faden zieht. Ich kann einen Vergleich mit dem Essen anstellen: Manchmal sitzt man beim Letzten Abendmahl, manchmal bei einer Weihnachtsgans, und manchmal hat man eben nur ein warmes Würstl vor sich am Teller liegen. Es ist nicht immer alles nur das Beste. Aber alles ist wichtig.

Die Albertina – Würstchen oder Weihnachtsgans?
Die Albertina ist in erster Linie Architektur als Medium der Kommunikation. Und in dieser Rolle schwebt die Albertina irgendwo dazwischen. Das Gebäude in seiner Gesamtheit ist ganz bestimmt eine Weihnachtsgans. Manche Teile davon sind aber eher ein Würstl. Dieses Messer, das aus der Bastei hinausragt und auf den Eingang aufmerksam macht, ist natürlich sehr zeichenhaft, also ein Würstl. Doch auch das hat einen guten Grund: Ich kann mich an meine Kindheit erinnern. Genau an der Stelle des heutigen Flugdachs hat im Zweiten Weltkrieg eine Bombe eingeschlagen. Davon habe ich mich inspirieren lassen. Es war der einzige Ort, an dem keine historischen Funde zu erwarten waren – nur Schutt. Eine Skizze, schon war das Dach fertig. Eine weitere Skizze, schon war die Rolltreppe untergebracht.

Die neue Raiffeisenwelle am Stadtpark – Würstl oder Weihnachtsgans?
Auf diese Robert-Venturi-Diskussion mit Duck und Decorated Shed lasse ich mich jetzt sicher nicht ein. Ich weiß schon, dass Sie in meinen Projekten eher die Decorated Sheds sehen, aber es gibt genug Enten. Zur Welle am Stadtpark: Ich habe mich mit diesem konkreten Bereich schon seit 1972 beschäftigt. Die lange Auseinandersetzung hat dazu geführt, dass ein sehr solides und konsistentes Projekt entstanden ist. Die Welle ist keine oberflächliche Geste, sondern eine logische Reaktion auf die Gegebenheiten dieses Ortes.

Welches Projekt der letzten Zeit hat für Sie die höchste Bedeutung?
Sicherlich die Interbank in Lima. Peru ist ein vielfältiges und ethnisch durchmischtes Land. 50 Prozent der Bevölkerung sind Ureinwohner. Darauf bin ich in diesem Projekt eingegangen. Wir haben die Bevölkerung eines Dorfes aus den Anden gebeten, gemeinsam mit uns ein Steinfundament zu bauen – ein Rückblick auf die Vergangenheit Perus. Fünf Monate lang hat die Zusammenarbeit gedauert. Die Bauarbeiter haben es abgelehnt, unsere Werkzeuge zu verwenden und das Mauerwerk nach eigenen Vorstellungen gebaut. Das Ergebnis ist so präzise, dass Sie in die Fugen nicht einmal mehr eine Messerspitze hineinstecken können. So gesehen war der Bau der Interbank ein sehr politisches Projekt. Auf dem Fundament der Vergangenheit Perus erhebt sich die Fassade aus Titan – die Zukunft. Die Bevölkerung von Lima kann sich mit dem Projekt sehr gut identifizieren. Ich habe dafür sogar den Schlüssel der Stadt überreicht bekommen.

Haben Sie jemals etwas bereut?
Ich habe vor vielen Jahren abgelehnt, zusammen mit Frank Gehry die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles zu bauen. Aus heutiger Sicht war das sicherlich ein Fehler.

Wünsche für die Zukunft?
Ich würde gerne mal eine große Konzerthalle bauen.

Zu Ihrem 70. Geburtstag hat Oswald Mathias Ungers Ihnen mit den Worten Bernhard Shaws gratuliert: „Hüte dich vor den alten Männern, sie sind gefährlich, denn die Zukunft ist ihnen gleichgültig.“
Sie wollen jetzt wissen, ob der alte Mann vor Ihnen gefährlich ist? Ich weiß, dass ich den morgigen Tag erleben oder nicht erleben werde. Letzteres übrigens mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als früher. Aber ich kann mir genauso gut eine zehn- oder fünfzehnjährige Zukunft vorstellen. Das zu entscheiden liegt nicht an mir. Aber bin ich deshalb gefährlich? 

 
Hans Hollein

geboren 1934 in Wien
Studium bei Clemens Holzmeister an der Akademie der bildenden Künste Wien, am IIT Chicago und an der University of California, Berkeley; seit 1964 eigenes Architekturbüro, Wien; 1967–1976 Professor an der Akademie der bildenden Künste, Düsseldorf; 1979–2002 Professor an der Universität für angewandte Kunst, Wien; 1991–2000 österreichischer Kommissär für die Architekturbiennale, Venedig. Zahlreiche Gastprofessuren in den USA.

Preise (Auszug):
1985 Pritzker Architecture Prize; 1990 Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst; 1994 Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien; 1997 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland; 2004 Arnold W. Brunner Memorial Prize in Architecture, New York

Projekte (Auswahl):
2001 Hauptquartier der Interbank, Lima; 2001 Österreichische Botschaft, Berlin; 2001 Porr-Turm, Laaer Berg, Wien; 2002 NÖ Landesmuseum und Ausstellungshalle, St. Pölten; 2002 Vulcania Museum, Auvergne; 2003 Eingangsbereich Albertina, Wien; 2003 Centrum Bank, Vaduz; 2004 Saturn Tower, Donaucity, Wien; 2006 Penthouse am Stephansplatz, Wien; 2008 Raiffeisen-Bürohaus Welle, Wien
Gestaltung zahlreicher Möbelentwürfe und Ausstellungen, darunter: 1983 „Die Türken vor Wien“, 1984 „Traum und Wirklichkeit“, 1996 „Sensing the Future. The Architect as Seismograph“, 2006 „Sculptural Architecture in Austria“

Das Gespräch mit Hans Hollein ist in der Printausgabe von Architektur & Bau FORUM 03/2009, S.4-5 erschienen.

 

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