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he und du: Mit der Magie des Natürlichen

02.03.2020

Über das Banale hinaus Die Architekten Christian Hammerl und Elias Walch – beide Jahrgang 1985 – kennen einander seit der Schulzeit. Seither haben die beiden viele Stationen ihres Lebens, privat wie beruflich, miteinander durchlaufen. Begonnen hat alles mit 14 an der HTL für Innenraumdesign und Möbelgestaltung in Imst, da kam man zufällig nebeneinander zu sitzen, weil kein anderer Platz frei war. Im Studium an der Uni Innsbruck saß man wieder nebeneinander, das war längst kein Muss mehr. Ab da konnten die beiden irgendwie nicht mehr voneinader lassen und gingen gemeinsame Wege. Den Traum der Selbstständigkeit verwirklichten die zwei 2017 mit einem eigenen – gemeinsamen – Büro.

Christine Müller im Gespräch mit Christian Hammerl und Elias Walch

Christian Hammerl (links) und Elias Walch

TIPP
Am 3. März sprechen He und du um 19:00 Uhr im Rahmen der Vortragsreihe Junge Architektur
querkraft, Börseplatz 2, 1010 Wien 
www.architektur-progress.at

Christian Hammerl
1985 geb.; 1999–2004 HTL Imst; 2005–2015 Architekturstudium, Uni Innsbruck und Wien; 2004–2017 Mitarbeit in diversen Architekturbüros, 2015–2018 Lehrtätigkeit Uni Innsbruck, /studio 3, Institut f. experimentelle Architektur

Elias Walch
1985 geb.; 1999–2004 HTL Imst; 2005–2012 Architekturstudium, Uni Innsbruck;2007–2012 Mitarbeit in diversen Architekturbüros; sei 2017 Lehrtätigkeit Uni Liechtenstein, 
2017 Gründung des gemensam Büros he und du

Projekte (Auswahl)
Doppelhaus „Duolith“, Lans (abgeschlossen); Familienwohnhaus „Es ist schon wieder was passiert“ (in Bearbeitung); Erweiterbares Wohnhaus „Shades of Grey“ (in Bearbeitung); Wettbewerb zur Platzgestaltung in Brixlegg, 1. Platz (in Bearbeitung)

www.heunddu.me

Zuerst einmal bitte ich Euch, Euer doch etwas ungewöhnliches Logo zu erklären.  
Christian Hammerl (h): „he“ leitet sich von unseren Initialen ab. „e“ steht für Elias und „h“ für meinen Nachnamen und Spitzname Hampi, meine fast übliche Anrede im Bauprozess. Das „und“ bringt als verbindendes Element die Leute zusammen, und das „du“ ist der Bauherr oder besser jeder, mit dem wir arbeiten. 
Elias Walch (e): Wir wollen Ängste in der Kommunikation abbauen. Auf Augenhöhe mit unseren Partnern kommunizieren. Unser Logo soll das verbildlichen. 

Geht Eure Idee auf? Ihr wirkt auf Anhieb sehr offen, zeigt sich da einfach nur der unkompliziertere Umgang miteinander im ländlichen Raum?
h: Ab einer bestimmten Meereshöhe mag das schon stimmen. Das sorgt aber auch für lustige Situationen, weil sich manche überrumpelt fühlen und mit ihrem Vornamen antworten. Mögliche Barrieren werden jedenfalls sofort überwunden.  

Nun im Osten Österreichs birgt es manchmal eine Gefahr, und eine gewisse Bevorzugung schwingt hier mit. 
h: Auch zu uns hat man immer wieder gemeint, das „du“ würde im beruflichen Kontext die Schwelle leicht nach unten senken, im Positiven wie im Negativen. Aber unser Weg zur Namensfindung war stets bewusst geprägt von Mehrdeutigkeit.

Ihr lebt und arbeitet in Innsbruck? Hattet Ihr nie überlegt, nach Wien oder ins Ausland zu gehen? 
e: Nach dem Studium arbeitete ich ein halbes Jahr in London. In England wollte ich bleiben, wenn mich keine außergewöhnliche Herausforderung in Österreich erwartet hätte. Das geschah dann in Form unseres ersten Kindes, und meine Frau und ich gingen nachhause zurück. 

Eure Projektdarstellungen zeigen einen hohen ästhetischen Anspruch und gewissen Hang zur Perfektion. Gilt das für Eure gesamte Arbeit? 
h: Für uns ist das ganz normal. Der Grundstein dafür liegt sicher in unserer Tischlerausbildung, die uns zwang, perfekt zu arbeiten. Das bestimmt auch unseren sehr handwerklichen Zugang zur Architektur und unser Auge fürs Detail. Ich wollte damals Tischler werden, aber meine Eltern haben zur höheren Schule, der HTL geraten, so bin ich in die Architektur hineingerutscht. Wir haben eine hohe Affinität zur Tischlerei und bauen viele Möbel selbst. Wir sind immer vom Gedanken getragen, jeden Entwurf auch selbst umsetzen zu können.  
e: Für unsere gelungendsten Projekte bauen wir nicht nur die architektonische Hülle, sondern entwerfen auch die Einrichtung.

Wie geht Ihr damit um, wenn Euer Entwurf nicht gefällt? Hinter einem so gut ausgearbeiteten Entwurf steckt ja viel Arbeit.
e: Wir sind natürlich enttäuscht, aber flexibel genug, uns neu auf das Gegenüber einzustellen und eine andere für alle passende Lösung zu finden. 
h: Hier kommt dann auch das „he und du“ zum Tragen. Manchmal braucht es lange, bis man versteht, wieso etwas nicht gefällt. Das schmerzt, weil jedes Projekt ja unser Baby ist, das wir auf die Welt bringen und dann loslassen müssen. Aber wir wollen unsere Ideen auch niemandem aufzwingen. Wir müssen kurz innehalten und überlegen wie es weitergeht, das ist spannend und herausfordernd.  
e: Man versucht dann, über das „Banale“, das die sture Einhaltung strenger Richtlinien oft mit sich bringt, hinauszugehen, diese neu zu interpretieren, alle Vorgaben einzuhalten und dabei dennoch etwas mehr rauszuholen. Eine Lösung zu schaffen, die auf den ersten Blick nicht logisch erscheint, auf den zweiten Blick aber total clever ist.

Euch prägt ein Gespür für das Detail. Ist Euch auch die Umsetzung Eurer Projekte wichtig?
e: Der Materialität und Konstruktion gilt unsere große Liebe. Wir wollen verstehen, wie Baustoffe funktionieren, wie man sie einsetzen kann. Unser Anspruch an konstruktive Details und ihre möglichst perfekte Ausführung ist hoch. Alles clever zu lösen, aber eben auch ästhetisch schön. Wir sprechen hin und wieder von der „Magie des Natürlichen“; Da geht es auch darum zu vermitteln, welche Qualität Material haben kann. Wir lehnen aber Kunststoff nicht prinzipiell ab – außer bei Fenstern – meinen aber, Material soll auch immer als das erkennbar sein, was es ist. Ein Fliesenboden mit Holzoptik, der so tut als wäre er ein Holzboden, ist ein No-Go. Wir versuchen, unseren Kunden die Ehrlichkeit von Materialitäten zu vermitteln. Etwa auch, dass nicht jedes Holzstück lackiert sein muss. Dass Veränderung von Material den Gebrauch widerspiegelt und die legitime Ablesbarkeit seiner Benutzung in sich birgt. 

Zu zweit sind die Chancen grösser, ein komplettes ­Gehirn zusammenzubringen.

 

Bei Euren Projekten ist auch der Umbau von Bestand Thema. Wie seht Ihr das Weiterbauen? 
h: In Anbetracht des ökologischen Footprints eines Hauses sollte die Bewohnbarkeit so lange wie möglich erhalten bleiben. Jede Adaptierung des Bestands ist wertvoll. Es ist ja auch spannend, bestehende Raumstrukturen verändern zu können, eine Raumaufteilung „aufzufrischen“. Bei einem Projekt aus den 1960er Jahren haben wir etwa eine Zwischendecke herausgenommen und einen Raum mit etwa sechs Metern Höhe geschaffen. Wir haben dem Bestand ein zweites Gesicht gegeben. 

Ein Beispiel für Nachhaltigkeit. 
h: Nachhaltiges und ökologisches Bauen ist en vogue. In unseren Augen gehört dazu der Versuch, ein bestehendes Gebäude so lange wie möglich zu erhalten. Nicht nur einen Neubau mit nachhaltigen Materialien zu errichten. Nachhaltig auch als ästhetischer Anspruch, weil ein Haus auch nach langer Bestandszeit noch immer schön ist. 

Ihr beteiligt Euch nur selten an Wettbewerben,  weshalb? 
h: Nur über Wettbewerbe zu Aufträgen kommen zu wollen, würde uns schnell arbeitslos machen. Erst kürzlich haben wir zum ersten Mal gewonnen, in einem Verfahren zur Gestaltung einer Begegnungszone in Brixlegg. Aber natürlich ist der Architekturwettbewerb ein wichtiges Gut. 

Habt Ihr eine Affinität zu Holz? 
h: Ja, weil Holz für uns  immer eine große Rolle gespielt hat. Holz spricht in der Architektur mehrere Sinne an. Über den Duft oder die Haptik seiner Oberfläche. 
e: Holz macht auch bei der Sanierung eines Altbaus oder einer Aufstockung Sinn, weil es leicht ist. 

Ist es Euch auch wichtig, dabei regionale Aspekte zu berücksichtigen?
e: Wir versuchen, dem Kunden heimische Hölzer wie die Lärche nahezubringen, zu erklären, dass der Einsatz heimischer Hölzer Sinn macht.
h: Zum Teil ist das ein romatischer Gedanke, und nicht immer gelingt es.

Ihr geht rücksichtsvoll mit Bestand und Umfeld um, nehmt Euch selbst dabei zurück.
e: Es ist sehr spannend herauszufinden, welche Qualitäten es in der unmittelbaren Umgebung gibt, etwa im historischen Umfeld, ob eine typische Bauweise vorherrscht und eben diese historischen Elemente zeitgenössisch zu interpretieren.
  
Eine Art wechselseitige Beziehung zum bereits Existierenden, als Reaktion auf den Kontext. 
h: Es fällt leichter, etwas zu begründen, wenn man die Historie dazu kennt, meist verstehen es die Menschen dann auch. Vor allem im westlichen Tirol, wo der Tourismus stark ausgeprägt ist, gibt es diese traditionelle „Lederhosenarchitetektur“. Wir wollen aber nicht die Asche, sondern das Feuer anbeten. Vieles wurde in der Vergangenheit stark verklärt, sodass man den Sinn, aus dem he­raus manches entstanden ist, gar nicht mehr kennt. Aber früher hatte alles einen tieferen Sinn. Wir wollen die Tradition reflektieren und hinterfragen, um zu erkennen, warum man etwas wie gemacht hat.

Ihr unterrichtet oder habt unterrichtet. Was gebt Ihr Euren Studenten mit auf den Weg in das Berufsleben?
h: Ich habe versucht, ihnen mitzugeben, Dinge neu zu denken, eingesessene, vorgefasste Strukturen immer zu hinterfragen, auf vielen Ebenen, und nichts als gegeben anzunehmen. Alles Vorgefasste neu zu interpretieren. Denn der Weg ist das Ziel. Man darf sich von einer Idee nicht abbringen lassen, nur, am Ende sollte jeder Zweifel ausgeräumt sein. Wenn man sich den Schwächen, die sich in einem Projekt ergeben, stellt, die offene Konfrontation sucht, gewinnt der Entwurf meist. Man muss Fehler akzeptieren, aber daraus lernen. 
e: Ich unterrichte noch in Liechtenstein und berichte von meiner beruflichen Praxis. Ich verscuhe ihnen mitzugeben, welche Qualitäten es geben kann, welche unterschiedlichen Ansätze, Dinge stets unterschiedlich zu sehen. 

In einer Eurer Projektbeschreibungen steht folgender Satz: „Zu zweit sind die Chancen größer, ein komplettes Gehirn zusammenzubringen“ – seid Ihr im Duo so zusammengeschweißt, dass Ihr nur mehr einen Kopf habt? Oder wie ist das zu verstehen? 
h: Nun, wir sind ja zu zweit, jeder betreut sein eigenes Projekt. Im Gespräch, im gegenseitigen Austausch hat man bei Problemstellungen die Möglichkeit, Dinge zu entdecken, zu verstehen, und ein Projekt kann noch besser werden. 
e: Ein gemeinsames Büro kann die Arbeit auch  verkomplizieren. Zu 99 Prozent ist es aber höchst positiv, denn beim kleisten Zweifel spricht man miteinander und bereinigt alles – das ist ein wichtiger Faktor.

Welche Bedeutung hat für Euch der Begriff Baukultur? 
e: Bezug zu nehmen auf historische Bauten, etwa im Hinterfragen der passenden Methode für die jeweilige Aufgabe, den richtigen Umgang mit der Substanz suchen, eben die Diversität unterschiedlicher Themenfelder. Aber wie geht man damit am besten um? Alle Parameter, die ein Projekt am Ende definieren, sind Teil dieser Baukultur. Um das eigene Arbeiten definieren zu können, braucht es den Vergleich zu anderen Projekten,  etwa das Miteinander mit unseren Berufskollegen zu suchen, um gemeinsam qualitativ hochwertig, gestalterisch, städtebaulich zu arbeiten. 

Was wäre ein Wunsch an Eure berufliche Zukunft?
e: Der Pritzkerpreis (lacht) – es braucht ja hohe Ziele. Wir wollen auf unsere Arbeit stolz sein, damit zufrieden sein. Wir wollen solange es geht, „schöne“ Projekte machen. Ein Ziel ist auch, nicht nur von wirtschaftlichen Zwängen geleitet zu sein. 
h: Beim Thema Baukultur greift das „und du“, die Verortung, sich auf das Umfeld zu beziehen. Wir wollen den Kontext mitdenken. Wir betreuen Projekte vom Entwurf bis zur Abrechnung. Diesen Facettenreichtum unserer Tätigkeit sehe ich als großen Benefit. 
Ihr begleitet Eure Projekte bis zur Ausfühurung?
h: Die Regionalität ermöglicht uns letztlich Projekte durchgehend begleiten zu können. Es ist schön, dann den den Veränderungsprozess über die Jahre bei den gebauten Objekten mitverfolgen zu können, zuzusehen wie das Projekt in Würde altert, so als würde man sich auch selbst in den Spiegel sehen. 

Und sieht, dass es unverändert schön bleibt?
h: Unverändert, schon, aber das Erscheinungsbild ist natürlich mit der Zeit ein anderes.

Weil Materialien die Spuren der Zeit zeigen. 
e: Die Ablesbarkeit des Alters gehört einfach dazu, das gebaute Objekt muss sich verändern dürfen. 
h: Wir sehen das nicht negativ, sondern als Qualität. 
e: Aber hier sind wir gefordert, unsere Kunden immer wieder von Neuem zu überzeugen.

Viele wollen lieber eine perfekt lackierte, glatte Oberfläche, die sich nicht verändert.
e: Viele lieben das Makellose, aber das Verständnis für die ablesbaren Spuren der Zeit wächst. Das Gebäude soll seine Geschichte erzählen. 

Es liegt ja auch eine gewisse Ehrlichkeit in dieser Akzeptanz der Vergänglichkeit.
h: Genau. Wichtig ist es, mit sich selbst im Reinen zu sein. Das gilt auch bei einem Gebäude, mit all seinen oberflächlichen Wunden, die die Zeit eben hinterlässt. 

Baukultur setzt Ihr in Eurer Arbeit in Form einer intensiven Kommunikation und des Miteinanders um, Dinge, die auch bei der Realsierung eins Bauwerks wichtig sind. 
h: Genau. Dabei lernt man auch sein Gegenüber persönlich besser kennen, seine Gedanken und Vorlieben, und es braucht vielleicht weniger Überzeugungsarbeit – der Umgang mit den Menschen ist dabei immer wieder spannend.

Wer ist der kreative Kopf hinter Euren manchmal fast poetischen Projektbeschreibungen? 
h: Vor allem Elias, da sich bei mir die „korrekte“ Grammatik oft mit „meiner Dialektgrammatik“ etwas vermischt. 
e: Wir versuchen, das leicht verständlich und mit einem leichten Schmäh zu vermitteln, weil es oft nichts Faderes gibt als beschreibende Texte über Architektur. Auch das „he und du“ soll frech sein, der Schalk sitzt uns da schon im Nacken.  Wir wollen ein Schmunzeln erzeugen, dabei aber nicht respektlos wirken, alles eben etwas lockerer sehen. 
h: Wir müssen ja keine Architekturtheoretiker mehr werden.

Nein, Ihr müsst gute Architektur bauen.
e+h: Ja, genau das versuchen wir.

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