Direkt zum Inhalt
 © Volker Dienst © Volker Dienst © Volker Dienst © Volker Dienst

Hoffnung auf Kulturfrische

27.09.2018

BAUEN FÜR DEN TOURISMUS - Welchen Beitrag können Baukultur und kulturelle Angebote auf der Suche nach neuen Identitäten für krisengeschüttelte Tourismusregionen leisten? Viele dieser Orte sind heute mit sinkenden Übernachtungszahlen und einem rapiden Wandel im Freizeitverhalten, vor allem urbaner Bürger, konfrontiert und suchen nach neuen Konzepten. 
 

Die Ausschlachtung ganzer Regionen für den Massentourismus hat vielerorts einen kulturellen Kahlschlag mit sich gebracht, der sich vermehrt durch baukulturelle Verschandelung und Zerstörung von Naturräumen bemerkbar macht. Vielfach stand die kurzfristige, touristische Gewinnmaximierung so sehr im Vordergrund, dass auf die Bedürfnisse der ansässigen Bevölkerung wenig Rücksicht genommen wurde. So kann es nicht verwundern, dass mancherorts das gesellschaftliche Gefüge ebenso wie das kulturelle Leben nachhaltig Schaden genommen haben. 

Ausverkauf von Landschaft 

Schuld an der Tourismuskrise seien die Billigflieger, das Regenwetter oder der „strukturelle Wandel“ – da könne man wenig dagegen machen, hört man immer wieder Tourismusverantwortliche und Bürgermeister unisono beklagen. Verödende Ortszentren, eine Ausdünnung der Infrastruktur und leerstehende Hotel- und Freizeitanlagen sind vielfach die Folge. Die fehlenden Einnahmen und die leerstehenden „Schandflecke“ bringen die Kommunalpolitik gehörig unter Druck. In dieser Situation treten Immobilieninvestoren als „Retter in der Not“ auf den Plan. Und so werden leerstehende Hotelanlagen und ganze Ortsteile (siehe Badgastein) zu Schleuderpreisen erstanden, um mit diesen zu spekulieren oder sie in Anlageobjekte für Zweitwohnsitze zu verwandeln. Und weil Finanzanlagen entsprechende Renditen abwerfen müssen, ist dies zumeist nur durch extreme Nachverdichtung und überproportionale Überformung der Bestandobjekte zu erreichen. Nicht selten fallen dieser wirtschaftlichen Optimierung die letzten Reste der naturräumlichen oder baukulturellen Qualitäten eines Ortes zum Opfer. Eine Zerstörung die noch spätere Generationen beschäftigen und beeinträchtigen wird. Almsiedlungen verhütteln grüne Bergwiesen, die alten Hotels werden durch vielgeschoßige Apparte­menthäuser ersetzt und sprengen zumeist jegliche Dimension des örtlichen Rahmens. „The Bigger, the Better!“, denn Angemessenheit und Standortgerechtigkeit kommen im Investmentvokabular nicht vor. Und an den Seen werden die umgebenden Hänge mit kaskadenartigen Terrassenhäusern verbaut und bis an die Wasserlinie herangeführt. Wo die Seeuferstraße nicht direkt überbaut werden kann, verbinden Brücken die Stufenpyramiden der „Zweitwohnsitzler“ mit den Aufzugstürmen, die zum Liegestreifen am See führen. Der schöne Blick auf den See wird gewinnbringend vermarktet, der Blick zurück hat wenig Relevanz.

Die „Landlust“ der Städter

Die Frage nach Patentrezepten ist müßig, gilt es doch für eine pluralistische Gesellschaft vielfältige Angebote zu schaffen. Die Begriffe „Sommerfrische“ und die „Landlust“ der Städter im Sommer auf der Suche nach Frische und Kühlung, mögen antiquiert anmuten. Dennoch waren diese schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem kulturellen Austausch einer aufgeschlossenen, städtischen Gesellschaft mit moderner Gesinnung – sei es in der Musik, in der Malerei oder in der Architektur – eng verbunden. Die Erschließung neuer, touristischer Regionen ging mit der Entwicklung technologischer Innovationen und dem Ausbau einer entsprechenden Infrastruktur einher. So waren im 19. Jahrhundert die Entwicklung der Dampfeisenbahn, der Dampfschifffahrt sowie der Ausbau der Bahnstrecken die eigentlichen Motoren einer touristischen Entwicklung. Tagelange, beschwerliche Reisen wurden drastisch verkürzt und boten bequemere und sichere Reisebedingungen. Denn die Sommerfrische bedeutete in der Regel die Übersiedlung der gesamten Familie samt Bediensteten für mehrere Monate und hatte wenig mit einem sommerlichen Kurzurlaub heutiger Tage zu tun. Während der Sommerfrische wurde selbstverständlich gearbeitet, und der kreative Austausch wurde gepflegt. Für viele Künstler waren das oft die kreativsten Schaffensperioden. Ob bei Gustav Klimt oder Gustav Mahler – sie schufen wesentliche Werke in der Sommerfrische.

Netzwerken in der Sommerfrische 

Gustav Mahler wäre wohl nie Staatsoperndirektor in Wien geworden, ohne seine sommerlichen Verbindungen am Attersee. Ein monatelanger Ausnahmezustand, der einen interkulturellen Austausch ebenso ermöglichte wie das Knüpfen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Kontakte. Bekannte Künstler und Intellektuelle zogen weitere an, und so entwickelten sich Salons und Diskussionszirkel. Es entstand ein kreatives Klima, in welchem neue Ideen ausgetauscht und neue Denkmodelle erprobt werden konnten.
Nach dem Salzkammergut wurden entlang der Bahnstrecken weitere Gebiete erschlossen. So 1864 auch die Wörtherseeregion mit dem Ausbau der Südbahn nach Italien. Mahler komponiert in seinem Komponierhäuschen in Maiernigg die Symphonien 4 bis 8, und der Mitbegründer der Sezession, der Jugendstilmaler Joseph Engelhart, scharte in seiner Villa in Sekirn weitere Künstler und Intellektuelle um sich. Nach den Verlusten der Adriagebiete nach dem ersten Weltkrieg wurde der Wörthersee neu entdeckt. Erst der Auto- und Bustourismus der 1970er Jahre brachte einen Preisverfall sowie ein Abrücken (bau)kultureller Werte mit sich.

Saisonales Denken

Heutzutage lassen digitale Medien Arbeit und Freizeit immer mehr verschwimmen, ermöglichen aber auch das Aufbrechen saisonalen Denkens. Nicht nur die Klimaerwärmung, sondern viel mehr noch die digitale Reizüberflutung und das hektische Geschiebe in den Ballungszentren lassen eine „Abkühlung“ am Land an Attraktivität gewinnen. 
Das Ursprüngliche, das Ehrliche, der Einklang mit der Natur und die Reduktion auf das unbedingt Notwendige sind vermehrt die Trigger innovativer Tourismuskonzepte. Zur Ruhe kommen und den Kopf auslüften – das erst ermöglicht Sinnfindung und Inspiration – auch abseits der Sommersaison. Was früher die Eisenbahn war, ist heute offenbar das Internet. Das Wohnen auf Zeit in Ruhe und Abgeschiedenheit, der Rückzug zum kreativen Schaffen – mit einer entsprechenden WLAN-Verbindung ist das Arbeiten nicht mehr an bestimmte Orte gebunden. Der totgesagte „Urlaub am Land“ lebt wieder auf. 
„Es gibt Destinationen, die sind gerade deshalb so attraktiv, weil es dort eben nichts gibt“, so Architekt Erich Bernard von BWM-Architekten. Er nennt dafür als gelungenes Beispiel das Gästehaus „Zum Oberjäger“ im Renaissanceschloss Lackenbach im Mittelburgenland. Historische Räume treffen auf modernes Design, hochwertig und liebevoll von Polka-Design gestaltet. Die Gäste werden mit einem grandiosen Frühstück verwöhnt. Ansonsten kann man sich mit regionalen Produkten in einer exzellent ausgestatteten Gemeinschaftsküche selbst versorgen. Es ist ein Ort der Inspiration und der Natur, der stillen Einkehr und des Zusammenkommens. Ein idealer Rückzugsort für Menschen, die sich vom hektischen Geschiebe in Ballungszentren eine Auszeit nehmen wollen.

Individuell, wertig, authentisch

Gesucht werden immer mehr Nischenangebote die auf individuelle Bedürfnisse eingehen und kreative wie gestalterisch hochwertige Lösungen anbieten. BWM Architekten aus Wien konnte in den letzten Jahren etwa das Hotel Topazz in Wien, das Genussregal Vinofaktur Vogau oder das Redesign von Shop und Café im legendären Hotel Sacher realisieren und beraten internationale Hotelbetreiber bei der Entwicklung neuer Hospitality Konzepte. 
Seit 2016 sind sie zusammen mit den Partnern der Urbanauts Hospitality Group selbst sehr erfolgreich als Mitbetreiber des Grätzlhotels in Wien tätig, das leerstehende Geschäftslokale mit sehr individuell und hochwertig gestalteten „Stadtzimmern“ neu belebt. Der Gast taucht mitten ins urbane Leben und kann auf ein Versorgungsangebot von Lokalen aus dem Umfeld zugreifen. Kein Zimmer gleicht dem anderen – jedes für sich hochwertig und originell gestaltet.

Kultur und Kreativität

Vorarlberg Tourismus setzt verstärkt auf eine Vernetzung zwischen Kunst, Baukultur und Tourismusunternehmen. Kunstfestivals werden international beworben, zeitgenössische Architektur promotet. Angehende Tourismusunternehmer werden vom Tourismusverband in Kooperation mit dem Vorarlberger Architektur Institut in Sachen Baukultur geschult. So wird ein Bewusstsein für räumliche Qualitäten erreicht, dass der Destination Vorarlberg enormen Auftrieb gibt. Die steigenden Übernachtungszahlen und die hohe Wertschöpfung pro Kopf sprechen für sich. Die Gemeinde Krumbach im Bregenzerwald hat mit ihrem Projekt BUS:STOP Krumbach anschaulich vorgeführt, wie durch die Einbeziehung von Kunst und Architektur sehr intelligent und mit eingeschränkten Mitteln die Lagegunst ebenso wie die Wahrnehmung gesteigert werden kann. Die kreativen Busstationen wandern durch ­Museen und Magazine rund um die Welt – unverwechselbare Icons, die auch in den digitalen Medienwelten der Millennium-Generation beeindrucken.
Das gibt Hoffnung auf eine neue „Kulturfrische“, die Rückzug und Besinnung, aber auch kulturelle Inspiration ermöglicht. Sie bringt eine zusätzliche Aufwertung für die ansässige Bevölkerung mit sich und setzt dadurch wichtige Impulse für die regionale Entwicklung.

 


 
Erich Bernard hat gemeinsam mit weiteren Kollegen diese beiden Bücher, erschienen im Brandstätter Verlag, herausgegeben.

„Der Attersee – Die Kultur der Sommerfrische“ ISBN 978-3-85033-022-0 und
„Der Traunsee – Der Mythos der Sommerfrische“ ISBN-13: 978-3-85033-485-3

 

Autor/in:
Volker Dienst
Werbung

Weiterführende Themen

Das Planungskonzept „Greening Aspang“ basiert auf Untersuchungen zu Mikroklima, Bauphysik, Verkehr, Begrünungs- sowie Straßenbautechnik und integriert die Bewohnerinteressen.
Planen
13.12.2017

Die sommerlichen Hitzewellen treffen die Städte in Österreich immer heftiger. Jahr für Jahr gibt es Temperaturen um die 40 Grad. Sogar bei einer drastischen Reduktion der ­Emissionen wird der ...

Das Kellerschlössel in Wielandsthal bei Herzogenburg, erbaut nach Plänen des Barockbaumeisters Joseph Munggenast. Im Bild die neuadaptierten Räume mit einer Deckenmalerei von Thomas Mathiowitz um 1730.  2016 restauriert unter  der Planung von Richard Zeitlhuber.
Planen
09.10.2017

Baudenkmäler zeugen von der langen Historie unserer Kultur und prägen die Identität eines Landes. 10.500 historische Bauten stehen in ­Niederösterreich unter Denkmalschutz, das sind 1,4 Prozent ...

Planen
18.09.2017

Unter Headlines wie „So bauen die Millennials“ oder „DIY-Architekten der Internetgeneration“ ­reflektierten österreichische Medien unlängst verstärkt ein Phänomen, das in der internationalen ...

Karmeliterhof Graz, Klimafassade mit einem umlaufenden Rahmen, der am Fußpunkt und an den Seiten Lüftungsöffnungen aufweist, die eine natürliche Durchlüftung unterstützen, Love architecture and urbanism ZT GmbH
Planen
17.08.2017

Klimagerecht Bauen Low-Tech-Gebäudekonzepte verfolgen einen optimierten Ansatz hinsichtlich der Potenziale der Umwelt und Klimafaktoren. Sonne, Wind, Luftströmungen, Tageslicht oder Vegetation ...

Mit ihrem Projekt „Connected Transitions“ konnten die Studierenden Michael Amann, Robert Zanona die Jury des von den Wiener Linien ausgeschriebenen Realisierungswettbewerbs für sich entscheiden.
Planen
02.05.2017

Wie spannend der Karlsplatz als einer der größten Knotenpunkte Wiens ist, zeigt die enorm hohe Beteiligung nationaler und internationaler Architekten am Wettbewerb „Wien Museum neu“. Ein von den ...

Werbung