Direkt zum Inhalt

HOLODECK architects: Architektur als räumliches Gesamtkontinuum

09.06.2008

Sie vernetzen Mensch, Ort, Technologie und Philosophie und generieren daraus Raumsequenzen mit programmatischen Neuinterpretationen. zahlreich, aber individuell sind die Wohnbauten des Architektenteams Marlies Breuss und Michael Ogertschnig, die mit dem Namen HOLODECK architects firmieren. Selbstbewusst und dennoch zurückhaltend kragen ihre Gebäude aus dem Kontext heraus. Kritisch sehen sie die städtebauliche Entwicklung am Beispiel Wien und fragen nach deren Vision für das 21. Jahrhundert.

Brigitte Amort im Gespräch mit Marlies Breuss und Michael Ogertschnig

HOLODECK architects: „Da wir in einer Zeit leben, in der die Kurzfristigkeit die Marktsituation beherrscht und somit an Bedeutung gewinnt, wird das langfristige Denken einfach in den Hintergrund gedrängt. Die Frage ist, ob das der richtige Weg ist, oder ob man diese sozialpolitische Aufgabe stärker von den Architekten verlangen soll, diese aber dann auch bezahlen muss.“

Was bedeutet Holodeck?
Michael Ogertschnig (MO):
Der Name Holodeck setzt sich zusammen aus den Worten Holo für Holografie und Deck für Ebene. Holografie ist eine virtuelle, räumliche, dreidimensionale Projektion. Wir setzen uns mit der Entwicklung von Räumen und der Programmierung ebendieser auseinander.
Marlies Breuss (MB): Es geht auch um subjektive Projektionen, d. h. die Bauherren haben Vorstellungen, und wir sehen uns als Medium, das diese in räumliche Formen bringt und umsetzt.

Ist das euer Leitmotiv?
MB:
Ja, es geht bei uns immer um die Auseinandersetzung mit dem Benutzer, den Bedürfnissen der Menschen und dem Ort. Wir sehen diese Dinge als gleichwertig und versuchen sie so zu überlagern, dass keiner der Faktoren verliert. Das Gesamtergebnis, die Komplexität der Bedürfnisse und die Gegebenheiten eines Ortes ergänzen einander unter Beibehaltung ihrer Komplexität. Das ist uns ganz wichtig.
MO: Wir filtern die einzelnen Themen, die Funktionsbedürfnisse, Zusammenhänge sowie kontextuellen Verbindungen, formen daraus neue Zusammenhänge und somit ein komplexes Gebilde. Das ist der erste Schritt des Konzepts.

Die „Schleife“ ist ein Element, das sich in euren Gebäuden immer wiederholt. Welche Bedeutung hat sie?
MB:
Die Schleife ist eine Begrifflichkeit, die zwar mit uns in Verbindung gebracht wird, aber uns geht es um das Kontinuum, das außen beginnt, nach innen geht und wieder nach außen. Der Raum soll nicht unterbrochen werden, sondern eine Weiterführung in diesem Gesamtkontinuum, ein Abschnitt sein.
MO: Es ist kein formales Element, sondern ein Träger, der das Ganze verbindet.

Ihr baut sehr viele Einfamilienhäuser, eine Bauaufgabe, von der viele Architekten träumen. Wie kommt man als junges Büro zu solchen Aufträgen?
MB:
Es hat sich einfach ergeben. Am Anfang durch Bekannte, die uns ihr Vertrauen erwiesen haben, dann durch zufriedene Bauherren, die uns weiter empfehlen.
MO: Das Thema Einfamilienhaus sehen wir auch als Experimentierfeld. Wir kommunizieren mit dem Bauherrn nicht über Bilder, sondern über seine Bedürfnisse.
MB: Der Bauherr hat eine gewisse Vision, die er mit uns umsetzen möchte, deshalb kommt er zu uns. Wir klären ihn auf, welche Schritte erforderlich sind und wie es dann funktionieren kann. Dann gehen wir einen gemeinsamen Prozess ein.

Ihr bezieht euch immer sehr stark auf die Umgebung. Wie sieht das im städtischen Bereich aus, welche Parameter gibt es hier?
MO:
Wir reagieren auf jedes Thema im Speziellen, sei es nun die grüne Wiese oder eine Stadtlandschaft.
MB: Ich denke, unser bestes Beispiel ist ein Dachausbau im 1. Wiener Bezirk, wo wir sehr stark auf die Umgebung und das Gebäude selbst reagiert haben. Wir haben die klaren Grundstrukturen der Fassade aufgenommen und transformiert. Die Fensterachsen und die Horizontalität waren für uns die Parameter, die letztlich eingeflossen sind. Wir haben uns damit auseinandergesetzt, wie man die Massen, diese Dichte in der Innenstadt transformieren kann. Unsere Antwort ist eine geometrische, dreidimensionale Form. Aus dieser haben wir ein Netzwerk, eine Hülle gestaltet, die genauso entwickelt wird, wie wir einen Wohnbau in der Landschaft aus den dortigen Gegebenheiten entwickeln würden. Die ausgewählten Parameter werden so zusammengefügt, dass sie das ganz Spezielle des jeweiligen Ortes, den Genius Loci wiedergeben und in eine zeitgemäße Architektur transformieren.
MO.: Natürlich werden auch Innenparameter und Innenfunktionen mit einbezogen. MB: Die Gebäudehülle dehnt sich dort aus, wo wir innen mehr Höhe brauchen, wird dort enger, wo dies nicht notwendig ist. Dies können wir über bestimmte Parameter kontrollieren.

Zeitgemäße Architektur, was bedeutet das für euch?
MB:
Das ist für uns die Interpretation vorhandener Strukturen mit neuen Mitteln, also etwa mit dem Computer und neuesten Materialien, so dass vorhandene Strukturen spürbar bleiben, aber transformiert werden.

Ihr seid beide in der Lehre tätig, unter anderem am Institut für Städtebau an der TU Wien. Wie denkt ihr über den Wiener Städtebau?
MB:
Wir haben einen städtebaulichen Wettbewerb im 14. Bezirk gewonnen, der vom Maßstab her ein kleiner Bereich ist, in dem aber der Umgang mit dem Gebäudeblock und dem inneren Raum sehr wichtig ist. Das ist ein Bereich, der in Wien Zukunft hat: Eben vorhandene Strukturen – in unserem Fall der Jahrhundertwende und der Sechzigerjahre – mit neuen Gebäuden zu verbinden und daraus eine innovative, attraktive Architektur zu entwickeln. Der andere Städtebau, die so genannte Investorenarchitektur ist in Wien leider kaum in ein Gesamtkonzept eingebunden. Es gibt zwar den „Step 05“, allerdings wird er nur sehr punktuell gesehen. Die einzelnen Projekte könnte man mehr mit der unmittelbaren Umgebung vernetzen. Das funktioniert im Kleinen sehr gut, in den größeren, wirklich wichtigen Investitionen wird dies aber vernachlässigt.
MO: Hierzu fällt mir sofort das problematische Schlagwort Kuchenverteilung ein, sprich Investorenwettbewerbe mit definierten Dichten, Gebäudeumrissen auf exakt vorgegebenen Grundstücken. Dies ist eine problematische Annäherung an den Städtebau, da es für den gemeinschaftlichen Raum keine übergeordnete Instanz mehr gibt. Themen wie der öffentliche Raum, frei nutzbare Bewegungsflächen, Einbindung in vorhandene Strukturen, Verkehrsströme etc. werden verdrängt. Die entstehenden Probleme werden jedoch erst spät sichtbar und sind dann nur schwer und mit hohen finanziellen Mitteln zu lösen und hinterlassen außerdem unzufriedene Bürger.
MB: Es stellt sich auch die Frage: Wenn ich an einem bestimmten Ort eine Investition tätige, welche Impulse gibt das für die nähere Umgebung, welche Reaktionen gibt es? Hierzu werden vorab und im Nachhinein viel zu wenige Untersuchungen durchgeführt.

Wie sehen die diesbezüglichen Visionen an der TU aus?
MB:
Die Projekte an der Uni betreffen Außenzonen und kleine Bereiche in Wien wie etwa den Brunnenmarkt. Größere zusammenhängende Bereiche Wiens wirklich thematisch aufzugreifen, wird auch an der Uni vernachlässigt. Vielleicht wäre eine Kooperation zwischen der Stadt Wien und dem Institut für Städtebau der TU Wien zur Entwicklung und Umsetzung städtebaulicher Ideen eine Möglichkeit.

Warum ist die Umsetzung städtebaulicher Ideen schwierig?
MO:
Wenn man Wien nicht kennt und nicht weiß, wie man mit der Stadt zusammen arbeiten kann, dann ist es auch schwierig, Projekte umzusetzen. Einige Abteilungen haben Einfluss und sind für die Umsetzung des Ganzen wesentlich. Es gibt städtebauliche Projekte, die sehr gut funktionieren wie etwa die Entwicklung des Grünraums und öffentlichen Raums entlang des Wienflusses.
MB: Es braucht den Willen zur einer großen Geste: Was kann ich der Bevölkerung an Visionärem und Zukünftigem bieten und dies dadurch stärker mit der Stadt verflechten?

Gibt es keine nachhaltigen Projekte?
MB:
Im Energiebereich ja, für die Bürger im städtischen Sinne eher nicht. Beispiel Donaukanal: Er wird jetzt mit kleinen Einheiten bespielt, natürlich sind das Interventionen, auf die junge Leute ansprechen. Eine großzügige, nachhaltige Öffnung des Donaukanals für die Menschen der umliegenden Bezirke gibt es aber nicht wirklich. Das Problem ist, dass eher kurzfristig gedacht wird oder über die Langfristigkeit das Wesentliche verloren geht.
MO: Wenn man Städte in Spanien oder Frankreich beobachtet, fällt eine große Geste auf, die sowohl die Bevölkerung als auch Touristen positiv aufnehmen. In Wien funktioniert die Bespielung (im Sinne von Benutzung und Stadtmöblierung) innerstädtischer Orten sehr gut, manchmal durch einfache temporäre Maßnahmen, die über die Jahre einen fast institutionellen Charakter bekommen.
MB: Aber welcher Art ist die Vision des 21. Jahrhunderts für diese Stadt?

Departure schüttet eine Million Euro für Architekten aus, Konzepte sind gefragt. Gab es bis jetzt keine?
MB:
Ich finde es zwar sehr schätzenswert, dass man sagt, Architektur ist ein Hauptthema, Architektur ist für uns alle wichtig, wir stellen der Architektur eine Million Euro zur Verfügung. Nur, wie es gemacht wird, wirft doch einige Fragen auf. Sowohl ein Konzept als auch eine Jury sind doch bereits längst eine gängige Basis von Verfahren. Also frage ich mich, was diese Million jetzt Besonderes bewirken soll. Holland wurde in der Vergangenheit plötzlich als Architekturfaktor international wahrgenommen. Der Grund war unter anderem, dass der Staat jedes junge ambitionierte Architekturbüro als Kleinunternehmen mit diversen Maßnahmen gefördert hat. Diese Unterstützung erfolgt in Form von Mietunterstützung, Berücksichtigung bei Wettbewerben, Beratungshilfe bei Steuer- und Rechtsfragen etc. und kann somit effektiver sein als eine Ausschüttung für einen kleinen, auserwählten Teil, der über Juroren in einem Wettbewerbsverfahren ermittelt wird. Denn Architekt zu sein, ist ein harter Job, und übrig bleiben sowieso nur jene, die gut sind und gelernt haben, sich durchzukämpfen.

Für Architektur gibt es kaum Forschungsgelder. Wird es den Architekten abverlangt, Forschung unentgeltlich zu leisten?
MB:
Im Prinzip, ja. Das ist schade. Wir dürfen schöne Objekte entwerfen, Ecksituationen lösen, aber dass jetzt Architektur im großräumlichen Sinne wirklich eine Bedeutung hat, ist eigentlich seit Roland Rainer kein Thema mehr.

Woran, denkt ihr, liegt das?
MB:
Architektur mutiert immer mehr zu einem Marketinginstrument. Im 19. und 20. Jahrhundert hat sich Architektur auch durch einen sozialpolitischen Charakter ausgezeichnet. Das heißt, man hat vom Architekten auch erwartet, dass er eine kritische Betrachtung der Zusammenhänge darstellt und darlegt. Heutzutage will das eigentlich keiner mehr hören, weil es Probleme schafft und diese kurzfristig eher hemmend sind: Langfristig wären sie jedoch sehr wichtig. Da wir in einer Zeit leben, in der die Kurzfristigkeit die Marktsituation beherrscht und somit an Bedeutung gewinnt, wird das langfristige Denken einfach in den Hintergrund gedrängt. Die Frage ist, ob das der richtige Weg ist, oder ob man diese sozialpolitische Aufgabe stärker von den Architekten abverlangen soll, diese aber dann auch bezahlen muss.
MO: Dem gegenüber braucht es dann auch klare Kompetenzen sowie einzelne Institutionen, die ein großes Feld an Verantwortung übernehmen und dies auch mittel- bis langfristig begleiten. Denn durch die Zergliederung der einzelnen Kompetenzfaktoren und kurzen Bewertungszeiträume kann eine Entwicklung kaum nachhaltig stattfinden.

 

 

Werbung

Weiterführende Themen

Stadt:Labor: Martin Mutschlechner und Barbara Lanz
Gespräche
27.03.2020

Stadt:Labor-Architekten Barbara Lanz und Martin Mutschlechner sind Südtiroler, die schon seit Jahren in Innsbruck leben und zu beiden Seiten des Brenners arbeiten. Sie haben unterschiedliche ...

Christian Hammerl (links) und Elias Walch
Gespräche
02.03.2020

Die Architekten Christian Hammerl und Elias Walch – beide Jahrgang 1985 – kennen einander seit der Schulzeit. Seither haben die beiden viele Stationen ihres Lebens, privat wie beruflich, ...

Aktuelles
26.02.2020

Seit vier Jahren lebt Hanna Burkart bewusst ohne festen Wohn- und Arbeitsplatz. Sie wohnt an den Orten, mit welchen sie sich beschäftigt. Diese werden in Form von Analysen und Dokumentationen ...

v.l.: Ulrike Tinnacher, Leo Habsburg und Alexandra Isele
Gespräche
21.10.2019

Tiburg ist ein sehr junges Büro, es besteht erst seit sechs Monaten. ­Entsprechend ­verrät die Website nicht allzu viel – wie bei einem Teaser zeigt sie ästhetische und minimalistische Fotos und ...

Gespräche
31.05.2019

Seit 35 Jahren gewinnt Raimund Rainer Wettbewerbe und Preise. Er hat als ­einer der ersten Tiroler Architekten Energieeffizienz zum Thema gemacht und baut unaufgeregt und beharrlich gute ...

Werbung