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„Holz braucht Disziplin“

30.10.2017

Anlässlich des Erscheinens des „Atlas Mehrgeschossiger Holzbau“
hat FORUM den Autor Architekt Hermann Kaufmann zum Interview getroffen.

von Karin Bronett

Atlas Mehrgeschossiger Holzbau. Autoren: Hermann Kaufmann, Stefan Krötsch, Stefan Winter. Institut für internationale Architektur-Dokumentation GmbH & Co. KG Detail Verlag, München 2017. ISBN 978-3-95553-352-3

Welche Entwicklungen des Holzbaus stellen Sie in Ihrem Buch vor?

Im „Atlas Mehrgeschossiger Holzbau“ stelle ich den derzeitigen Stand der Dinge im mehrgeschoßigen Holzbau dar. Es ist ein Abbild der Jetztsituation und soll aufzeigen, welche Möglichkeiten dieser mittlerweile bietet. Das Buch soll unter anderem vor allem in der Lehre verwendet werden, die junge Generation hat ein starkes Interesse an diesem Material. In er Branche herrscht aber noch großes Wissensdefizit. Der Das Buch soll diese Wissenslücken schließen.

Wieso ist Holzbau innovativ?

Holz hat einen hohen Zukunftsvorsprung, weil es eine nachwachsende Ressource ist. Auch der ökologische Fußabdruck etwa beim Transport ist im Vergleich zu anderen Baustoffen marginal, weil das Material sehr leicht ist und ökologisch ist.

Welches Image genießt Holz als Baumaterial und wird dieses den Tatsachen gerecht?

Das Image von Holz ist nach wie vor kontrovers. Einerseits genießt es einen guten Ruf als natürliches, warmes Material. Es verkörpert eine gewisse Sinnlichkeit und steht für Umweltbewusstsein. Andererseits gibt es noch immer die Vorurteile, Holz sei nicht brandsicher, hellhörig und teuer. Diese Klischees resultieren aus Unwissenheit.

Apropos brandsicher, gibt es beim Brandschutz neue Entwicklungen?

Beim Brandschutz gibt es keine neuen technischen Entwicklungen. Aber das Damoklesschwert von Holz, die Brennbarkeit des Materials, ist heute nicht mehr ausschlaggebend. Heute bestimmen Brandschutzkonzepte darüber, ob ein Bauwerk sicher ist, nicht mehr ausschließlich das Material. Moderne Brandschutzkonzepte schaffen geradezu Hochsicherheitstrakte. Gerade im Holzbau wird Brandschutz genau unter die Lupe genommen – und das ist auch gut so.

Warum ist der mehrgeschoßige Holzbau erst seit kurzem möglich?

Holz als Baustoff wurde in der Entwicklung schlichtweg vergessen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gerieten Stahl, Glas und Beton in den Fokus von Architekten und Ingenieuren. Erst in den 1960er Jahren begann man wieder auf Holz zurück zu greifen und damit zu planen. Für den mehrgeschoßigen Holzbau war auch die Entwicklung von konstruktiv einsetzbaren plattenförmigen Elementen und neuen Materialverbunden, die in den letzten Jahren entstanden sind, von großer Bedeutung. Diese machen Mehrgeschoßer aus Holz erst möglich.

Sie haben die bisherige Systematik – Holzrahmen-, Holzskelett- und Holzmassivbau – in Ihrem Buch aufgelöst. Was ist falsch daran?

Ich würde nicht sagen, dass ich die Systematik aufgelöst habe. Sie hat nach wie vor ihre Gültigkeit. Wir haben sie weiterentwickelt. Die neue Kategorisierung besteht lediglich in horizontalen und vertikalen Konstruktionselementen. So werden wir den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten von Holz gerecht. Denn mit Holz kann man heute extrem kreativ arbeiten.

Welchen Herausforderungen wird sich der Holzbau in den kommenden Jahren stellen müssen und welche Rolle werden Digitalisierung und Standardisierung spielen?

Eine große Herausforderung wird es sein, den steigenden Bedarf in hoher Qualität zu befriedigen. Außerdem ist das Know-how noch nicht in der Breite vorhanden. Wir müssen das Wissen verstärkt in Schulen und Universitäten verbreiten. Standardisierung spielt gerade bei einem so kreativ einsetzbaren Material wie Holz, eine große Rolle. Es ist sinnvoll Standards zu schaffen, damit das Bauen mit Holz nicht zu komplex wird, und sie sind auch aus Kostengründen sinnvoll. Die Digitalisierung unterstützt diese und wird am Holzbau nicht vorbeikommen, dieser wird dadurch aber nicht einfacher oder günstiger. Die Digitalisierung bringt lediglich Tools für die Branche, die die Planung und den Bau übersichtlicher machen.

Welche Trends zeichnen sich in der Architektur ab?

Der Vorfertigungsgrad steht in der Architektur stark im Fokus. Je mehr vorgefertigt werden kann, desto besser. Hier ist Holz unschlagbar. Der Trend geht zurück zum soliden, langlebigen Bauen und zu einfachen Konzeptionen. Es gibt kaum ein Material, das so vielfältig ist, wie Holz. Gleichzeitig ist es gerade auf Grund seiner vielfältigen Einsatzmöglichkeit auch disziplinierend, weil man noch mehr Fehler machen kann. Deshalb müssen Architekten und Planer umsichtig und sehr diszipliniert mit dem Material umgehen.

Wodurch zeichnen sich die Praxisbeispiele im „Atlas“ aus?

Uns war wichtig, die große Bandbreite aufzuzeigen, die Holzkonstruktionen bieten. Dabei ging es dezidiert nicht nur um die Geäudehöhe. Wobei wir mit dem 18-geschoßigen Studentenheim in Kanada auch den höchsten derzeit fertiggestellten Holzbau der Welt zeigen. Auch internationale Beispiele waren uns wichtig, ohne regionalen Fokus.

Wie hoch wird man in Zukunft mit Holz bauen können?

Theoretisch jedenfalls höher als heute. Zwanzig Geschoße und mehr werden durchaus üblich sein. Die Leistungsfähigkeit ist vorhanden. Es wird aber auch in Zukunft nicht nur um die Höhe gehen. Entscheidend wird es sein, durchschnittliche Höhen von fünf bis sechs Geschoßen aus Holz zu forcieren und zu optimieren.

Autor/in:
Karin Bornet
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