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Fotos: Rupert SteinerFotos: Rupert SteinerFotos: Rupert SteinerFotos: Rupert SteinerFotos: Rupert SteinerFotos: Rupert SteinerFotos: Rupert SteinerPläne: Architekturbüro Reinberg

Holz-Passivhaus "Bikes and Rails": Gemeinsam stärker

18.12.2019

Das Holz-Passivhaus „Bikes and Rails“, das im 10. Bezirk im Sonnwendviertel entsteht, wird von einer Baugruppe in enger Kooperation mit dem erfahrenen Pionier der ökologischen und partizipativen Bauweise, Architekt Georg Reinberg, errichtet.

von Brigitte Groihofer 

Baugruppen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, und es werden für sie nun häufiger Grundstücke in neu zu entwickelnden Stadtquartieren reserviert, da sich ihr Engagement positiv auf die Stadtbaubelebung auswirkt. Zu lange hat man insgesamt zugewartet und auf die schon in den 1980er Jahren konstatierte ökologische Krise nicht, jedenfalls zu wenig reagiert. Hier sei an die 2. Ölkrise, den autofreien Tag ab dem Jahre 1973 und an die knapper werdenden Ressourcen erinnert. Manche Architekten, etwa Visionäre wie ­Archigram, dachten noch, dass sich die Probleme durch Technik, durch Erschließung ferner Galaxien lösen ließen. „Die Gegenrichtung“, so Architekt Georg Reinberg, „formierte sich ausgehend von der ökologisch interessierten Hippybewegung in den USA. Sie erkannte reichlich Giftstoffe in Baumaterialien, und es entstand die Baubiologie, die Idee geschlossener Kreisläufe und die Demokratisierung von Bauprojekten.“ Man wollte nicht nur Mitbestimmung, sondern Selbstbestimmung. In Österreich entstanden die ersten Baugruppenprojekte zu Beginn der 1980er Jahre in Niederösterreich, unterstützt vom damaligen Landeshauptmann ­Ludwig. In Wien wurde die Idee der Wohngruppenprojekte unter dem Motto „Neue Gründerzeit für Wien“ erst später wieder aufgenommen und unter ­Chorherr als „Baugruppen“ forciert”. Im Moment sind in Wien an die 30 laufende, sehr unterschiedliche Wohngruppenprojekte in der Pipeline.

Zum Projekt Bikes and Rails

Der Wohnbau liegt im Sonnwendviertel-Ost, hinter dem neuen Hauptbahnhof Wien zwischen dem Helmut-Zilk-Park und den Gleisanlagen der ÖBB. Im Quartier entsteht Wohnraum für rund 13.000 Menschen. Der Bebauungsplan wurde von der MA21 auf Grundlage des Konzepts aus einem kooperativen Architektenverfahren für eine kleinteilige, gemischte Nutzung erstellt. Das Quartier wird weitgehend autofrei sein. Für den Bauplatz konnten sich Baugruppen mittels eines Ideen-Wettbewerbs für den Bauträgerwettbewerb qualifizieren. Die sich für alternative Mobilität engagierende Studentengruppe „United in Cycling“ präsentierte gemeinsam mit Architekt Reinberg und Wohnbund:Consult ihr Projekt, das begeistert aufgenommen wurde.

Ein Passivhaus aus Holz

Bikes and Rails wird als Holzbau-Passivhaus (Mittelwand und Decken sind aus Brettsperrholz und die Außenwände in Holzriegelbauweise) mit eigener Solarstrom-Anlage am Dach errichtet. Lediglich der Keller, das Erdgeschoß und die teils nur 1,60 Meter breite Tragkonstruktion der Galerie sind aus Beton, der auch zur solaren Wärmespeicherung dient. Nach Errichtung der Betonkon­struktion (Keller, EG und Wintergarten) wurden die Holzfertigteile auf das EG aufgesetzt bzw. an die bereits fertige Galerie angefügt, sodass alle Wohnbereiche aus Holz ausgeführt sind. Die tragenden Wände verlaufen in Längsrichtung (Nordwand, Mittelwand, südliche Galerie) und ermöglichen flexible Grundrisse im Inneren. Die Architekten stellen quasi eine Struktur zur Verfügung, die von den Bewohnern variabel befüllt werden kann. Im Norden (zum ruhigen Grünraum hin orientiert) befinden sich die privaten Individualräume, mit zentraler Sanitärzone im Kern und südlich gelegenem gemeinsamem Familien-Wohnbereich. Diesem vorgelagert liegt der südliche Wintergarten, der wohnungsbezogene Loggien enthält, davor befindet sich der Erschließungsbereich. 18 Wohneinheiten in unterschiedlichen Größen sind auf fünf Stockwerke verteilt. Darunter auch auf 135 Quadratmetern eine 5-Zimmer-WG als günstiger Wohnraum für Geflüchtete und Studierende, die in Kooperation mit dem Projektpartner „Flüchtlinge Willkommen“ zur Verfügung gestellt wird. Ein Gästeapartment mit 29 Quadratmetern steht allen Bewohnern gratis für deren Gäste zur Verfügung und kann via App gebucht werden.
Die Architektur von Bikes and Rails nutzt die spezielle Standortsituation: Die Südfassade ist leicht nach Süden verschwenkt und öffnet sich so zur Sonne und zum Stadtraum. Die Westfassade erhält große Fensterflächen, Balkone und eine transparente großzügig zum öffentlichen Raum und in Richtung Helmut-Zilk-Park geöffnete Erdgeschoßzone. An der Nordfassade sind ebenfalls Balkone vorgesehen, die den Blick in den Grünraum freigeben und als private Rückzugsorte dienen. 
Die verglaste, gemäß den Vorschriften knapp vier Meter hohe und dadurch sehr attraktive Erdgeschoßzone bietet auf 275 Quadratmetern Gemeinschaftsräume sowie Gastronomie- und Gewerbeflächen, die weit unter dem Marktpreis vergeben werden. Sie sind als Begegnungsräume konzipiert und sollen auf Wunsch der Baugruppe zu einem interaktiven Ort für die Nachbarschaft, zu einem Grätzel-Wohnzimmer werden. Ein Gemeinschaftsgarten im begrünten Innenhof, eine Gemeinschaftsterrasse mit Hochbeeten und Pergola am Dach des Hauses und die gemeinschaftlich nutzbaren Zonen ermöglichen Blick- und Rufbeziehungen zu den Nachbarn und zum umliegenden Stadtraum. Im Kellergeschoß finden sich neben individuellen Lagerräumen für die Wohnungen und Gewerberäume weitere natürlich belichtete Räume für die Gemeinschaft, welche unter anderem als Werkstatt direkt neben dem großzügigen Fahrradraum oder als Musik-Proberaum genutzt werden können.

Selbstbestimmt durch Selbstorganisation

Ermöglicht werden die großzügigen gemeinschaftlich nutzbaren Flächen dadurch, dass das gesamte Gebäude als Heim und nicht als Wohnbau eingereicht wurde und bei Heimen die Wohnbauförderung auch für die Gemeinschaftsräume gewährt wird. Bikes and Rails ist als Verein organisiert. Selbstorganisation, das Teilen von Verantwortlichkeiten, Ideen, Wissen und Fähigkeiten durch die zukünftigen Bewohner wird vorausgesetzt. So entstehen soziale und solidarische Beziehungen, die in konventionellen und isolierten Wohnverhältnissen nicht hergestellt werden können. Für die Bearbeitung der verschiedenen Aufgaben im Hausprojekt engagieren sich alle Bewohner in Arbeitsgruppen, wie Planung, Finanzen und Recht, Öffentlichkeitsarbeit, Mobilität und Quartier, IT, Direktkreditverwaltung sowie Belegung. Alle Entscheidungen über die Entwicklung, Verwaltung und das Zusammenleben werden bei regelmäßigen Treffen besprochen und beschlossen. Der Aufwand beträgt je nach Projektphase um die fünf Stunden pro Woche. Der Hausverein schließt auch die Nutzungsverträge für die individuellen Wohnungen ab. Die Bewohner sind gleichzeitig Vermieter und Mieter.

Keine Spekulation mit Wohnraum

Interessant ist die Rechtsstruktur. Das Haus soll auf alle Zeiten dem Immobilienmarkt und somit der Spekulation entzogen sein. Daher wurde man Teil von habiTAT, einem österreichischen „Mietshäuser Syndikat“ und einem Zusammenschluss von Hausprojektinitiativen in ganz Österreich, das sicherstellt, dass kein Bewohner persönliches Eigentum am Haus erwerben kann, jedoch alle ihr Lebensumfeld selbstverwaltet und autonom gestalten können. Aus Privateigentum wird im habiTAT-Modell Nutzungseigentum, das den aktuellen Nutzern unbeschränkt als Raumressource zur Verfügung steht. 
Im habiTAT-Modell liegt der Eigentumstitel bei einer Hausbesitz-GmbH, der „bikesandrails – Gesellschaft für solidarische Hausprojekte GmbH“. Gesellschafter dieser GmbH sind zu 51 Prozent bikesandrails und zu 49 Prozent der Solidarverbund des habiTAT. Die GmbH kauft das Haus und verwaltet die Direktkredite. Das Habi­TAT besitzt ein Vetorecht gegen den Verkauf des Hauses. Der Hausverein übernimmt als größerer Gesellschafter die Geschäftsführung der GmbH und als Generalmieter die Hausverwaltung und entscheidet autonom über alle Belange des täglichen Zusammenlebens. Ziel ist es, Immobilien und deren Nutzung und Pflege zu vergemeinschaften. Das habiTAT übernimmt die Rolle einer Wächterorganisation, um Spekulation mit der Immobilie zu verhindern. Ein Verkauf des Hauses würde die Zustimmung aller beteiligten Projekte benötigen und ist damit praktisch unmöglich. Gemeinsam entwickeln sich die Hausprojekte weiter und stehen sich gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite. 
HabiTAT kooperiert eng mit dem deutschen Mietshäusersyndikat – ausgezeichnet mit dem Klaus-Novy-Preis für soziale und bauliche Innovation. Die Struktur des habiTAT ist darauf ausgelegt, dass möglichst viele Hausprojekte entstehen, die sich gegenseitig unterstützen und miteinander kooperieren. Alle Bewohner zahlen mit der Miete einen Solidarbeitrag, der in neue Projekte investiert wird. Dieser Solidartransfer beträgt zu Beginn des Projektes 10 Cent/m2 und wächst im Laufe der Jahre mit sinkender Belastung durch Rückzahlung der Wohnkredite an. 

Finanzierung

Der gesamte Finanzierungsbedarf für dieses Projekt beträgt fünf Millionen Euro. Das Haus wird zu den Konditionen des sozialen Wohnbaus errichtet, weshalb eine Million Euro an Förderkrediten der Stadt Wien beantragt werden konnte. 2,5 Mio. werden über einen Wohnbaukredit der Bank finanziert. Und 1,5 Mio. wurden über private Direktkredite aufgebracht.  
Ein zukunftsweisendes, nachhaltiges ökologisches und soziales Projekt, abseits von jeder Spekulation, das auch finanzschwachen Menschen ohne Bargeldersparnisse Wohnen auf höchstem Niveau ermöglicht. Freilich durch den erhöhten Kommunikationsbedarf und den Passivhausstandard auch ein erheblicher Mehraufwand für die Architekten.


 

PROJEKTDATEN

Wohnen am Helmut Zilk Park

Bauherr Familienwohnbau gemeinn. Bau- u. SiedlungsgmbH.
Architekt Architekturbüro Reinberg Zt GmbH
Soz. Nachhaltigkeit  wohnbund:consult, Mag. M. Hanke
Energieberatung/Simulation  IP Ingenieurbüro P. Jung GmbH
Bauphysik/Ökologie IBO
Statik Beton GG Ingenieure ZT GmbH
Statik Holz KPZT/DI Kurt Pock
Haustechnik/Elektro S & P Climadesign GmbH & CO KG
Örtl. Bauaufsicht Familienwohnbau
Generalunternehmer Strobl Bau-Holzbau GmbH
FT-Wände Strobl Bau-Holzbau GmbH
FT-Stiegen Systembau EDER GmbH & CO KG
Planungszeit 2015-2018
Bauzeit 09/2018-04/2020
Grundstücksfläche 742,67 m2
Bebaute Fläche 430,65 m
Wohneinheiten 18
Wohnnutzfläche 144,33 m2
Gemeinschaftsflächen 345,93 m2

 

ARCHITEKTEN

Architekturbüro Reinberg ZT GmbH, Wien

Georg Wolfgang Reinberg (*1950 in Wien). Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf einer Kombination aus der Nutzung erneuerbarer Energien, der Mitbestimmung der Nutzer und der Verwendung ökologischer Baumaterialien, die unter dem Begriff der Solararchitektur bekannt geworden ist. ­Reinberg studierte an der TU Wien und an der Syracuse University in New York. Er arbeitet seit 1985 als selbstständiger Architekt. Seit 1990 leitet er das Büro gemeinsam mit seiner Frau Martha Enriquez-Reinberg. Reinberg unterrichtete an der TU Wien, der TU Graz, der Solarbauschule Vorarlberg, der ­Donau-Universität Krems, dem FH Campus Wien, der Universität Florenz, der Università ­degli Studie della Basilicata (Italien), Isthmus (Panama und Mexiko), der Politecnico di Milano, der Universidad de los Andes in Kolumbien und vielen anderen. Das Büro forscht laufend zum Thema „solaren Bauens“.

Bauten (Auswahl):
Jois, Burgenland, Feriensiedlung am Neusiedlersee, 71 Ferienwohnungen, 2000–01
Kierling, Biotop, 2002–2003
Thürnlhofstraße (gemeinsam mit Peter Thalbauer), Wohnhausanlage, 80 WE, 2003–06
Hießbergergasse, 10 WE, Purkersdorf IV, 2007–2009
Ernstbrunn, Windkraft Simonsfeld, 2013–2014

Preise und Auszeichnungen (Auswahl):
2010: Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien
2012: Kulturpreis des Landes Niederösterreich für Architektur (mit Martha Enriquez-Reinberg)
2013 und 2018: ETHOUSE Award
2015: Eurosolarpreis

www.reinberg.net

 

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