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Jean Nouvel: Le Presque Rien-Das Fast Nichts

23.06.2008

Der Pritzker Preis, die internationale sicher bedeutendste Architekturauszeichnung, wurde heuer an den französischen Architekten Jean Nouvel verliehen. Nie geht es Jean Nouvel in der Vielzahl seiner Arbeiten um den simplen Aha-Effekt der Wiederholung. Auf Stil als Branding, als Marke, als Wiedererkennungszeichen durch Reproduktion setzt Nouvel nicht. Ganz im Gegenteil. Was Nouvel vorantreibt, ist das einzigartige Architekturobjekt, das seine ästhetische, materielle wie intellektuelle Kraft zelebriert. Mit 140 Mitarbeitern agiert das Atelier Jean Nouvel mit seinen Niederlassungen in Paris, London, Kopenhagen, New York, Rom, Madrid und Barcelona weltweit. Unsere heutige Welt, geprägt von dem Phänomen des Singularismus versus Globalismus, das sich als ständig expandierender Realhorizont wie dessen theoretische Diagnose erweist, findet in den Arbeiten von Jean Nouvel exemplarisch seinen zeitgenössischen wie ortspezifischen Ausdruck.

Elke Krasny und Iris Meder im Gespräch mit Jean Nouvel

Jean Nouvel: "So wie ich mit dem Licht und mit der Transparenz umgehe, ist es ein Spiel mit diversen Filtern, ein changieren zwischen mehr und weniger transparentem. Wenn man sich meinen Gebäuden nähert, dann erlebt man diese Spiele mit dem Licht."

In welchem Stil sollen wir bauen? Diese Frage lässt die Architektur nicht los. Immer wieder ist es gerade die Frage nach dem Stil, die die Architektur beschäftigt, mit der die Architekturproduktion identifiziert, beurteilt, kanonisiert wird. Was haben Sie für ein Verhältnis zu Fragen des Stils?
Als ich an der Ecole des Beaux Arts studierte, war ich über das, was ich dort zu sehen bekam, erschrocken. Der "International Style" war der Anfang der Wiederholung, der Repetition von Bauten, die auf der ganzen Welt gleich aussehen, die keine Wurzeln haben und die entwurzelt sind. Für mich hingegen ist es unumgänglich, über den Dialog zu einer bestimmten Situation zu finden, eine Situation herzustellen. Und ich gelange zu diesem Dialog über die Geschichte, über die Geografie. Was ich versuche, ist mit allerhöchster Genauigkeit ganz spezifische Gebäude zu entwerfen, so dass sich nichts wiederholt. Früher wurde mir genau das sehr oft zum Vorwurf gemacht. Und man sagte mir nach, ich hätte keinen Stil. Heute ist das anders, es gibt nicht mehr so viele Vorwürfe dieser Art.

Wie schützen Sie sich vor den Fallen der Wiederholung? Wie wird diese Einzigartigkeit, von der Sie sprechen, mit den Mitteln der Architektur erzeugt?
Es ist mir wichtig, eine starke intellektuelle Haltung zu zeigen, eine ästhetische Haltung zum Ausdruck zu bringen. Ich vermeide es, immer wieder dieselben Formen oder Materialien zu verwenden. Was mich reizt, ist die Architektur des Spezifischen. Das ist heute wichtige Herausforderung, überhaupt das wichtigste Anliegen der Architektur: der Kampf gegen generische Architektur, um sich gegen die "geklonte" Architektur durchzusetzen. Denn überall und immer wieder kann man heute die ewig gleichen Gebäude sehen - da werden nur ein paar Parameter verändert, und der Rest wird übernommen. Das ist fast wie auf einem Spielplatz.

Sie haben gemeinsam mit dem Theoretiker Jean Baudrillard das Buch"Les objets singuliers. Architecture et philosophie" über einzigartige Objekte geschrieben. Transparenz, Nivellierung, Freiheit, der Traum von einer Architektur als reines Ereignis, die kategorische Ablehnung von Junk Space und die Problematiken der Mediatisierung, das sind die Themen, um die diese "einzigartigen Objekte" kreisen. Wie ist es zu diesem Dialog und zur Zusammenarbeit mit Baudrillard gekommen?
Wir haben uns über gemeinsame Freunde im Jahr 1986 kennen gelernt. Im Anschluss an die Biennale de Paris, für die ich die Architektursektion realisiert hatte, hat Baudrillard einen Text darüber geschrieben, das war der Beginn unserer Freundschaft. Nach einer gemeinsamen Lesung beschlossen wir, ein Buch zu machen. Wir führten viele Gespräche, und ich habe ihn immer wieder gedrängt, auch etwas über die Architektur zu sagen. "Les stratégies fatales", Baudrillards Auseinandersetzung mit dem Fatalen, fand ich wirklich faszinierend. Eine seiner großen Obsessionen ist das Thema der Verführung. Wir haben damals ganz intensiv darüber diskutiert. Baudrillard kennzeichnet ein äußerst scharfer Verstand, er sieht die Dinge vielschichtig und ist stets allem gegenüber skeptisch eingestellt.

Und wie ist aus diesem Dialog heraus Ihr gemeinsames Buch über die einzigartigen Objekte, über Architektur und Philosophie entstanden? Wie kann man sich diesen Prozess, der sie beide miteinander verband, vorstellen?
Es war nicht wirklich im eigentlichen Sinn ein Dialog, den wir miteinander führten, vielmehr hatte ich das Gefühl, dass es sich um zwei Monologe handelte. Der Dialog, den wir initiierten, war mehr so etwas wie ein Vorwand, er hat in Wirklichkeit nur den Anlass dafür geliefert, Ideen aufs Papier bringen zu können. Ich liebe die Idee der Singularität, der Einzigartigkeit, und Baudrillard nimmt stets diese nietzscheanische Haltung ein: Bei ihm dominiert eigentlich immer die Skepsis. Ich bin in seinen Augen oft viel zu positiv eingestellt und nehme manchmal sogar eine eher extreme Haltung ein. Natürlich habe ich auch versucht, konkrete Projekte mit Baudrillard zu diskutieren wie etwa bei dem Vorhaben "Future of the World", der Inszenierung einer virtuellen Welt im Rahmen der Expo 2000 in Hannover. Hier die Haltung eines konstruktiven Ratgebers einzunehmen, war für ihn aber wirklich schwierig.

In den "objets singuliers" sprechen Sie ja nicht nur über die sich als globales Phänomen erweisende voranschreitende Nivellierung und über die ebenso erschütternde wie reduktive Generalisierung des Denkens, die eine Gefährdung der Einzigartigkeit an sich darstellt, sondern auch vom Ideal der Transparenz. Diese Transparenz, die Sie als "Presque Rien" bezeichnen, ist ein nahezu allgegenwärtiges Phänomen. Was hat es damit sowohl materiell im Gebauten wie auch immateriell in den Prozessen des Denkens auf sich?
Die metaphysische Hauptfrage des 20. Jahrhunderts ist die Frage nach der abstrakten Materie. Die Einsteinsche Theorie, die Quantentheorie, die Frage nach all dem, was wir nicht sehen können, sowohl auf der Mikro- wie auf der Makroebene, das hat das 20. Jahrhundert auch auf seiner philosophischen Ebene bewegt. Das sind die Symptome. Es geht um das Verhältnis zwischen dem Momentanen und der Ewigkeit. Transparenz und Reflexion sind wichtige Themen. So wie ich mit dem Licht und mit der Transparenz umgehe, ist es ein Spiel mit diversen Filtern, ein Changieren zwischen mehr und weniger Transparentem. Wenn man sich meinen Gebäuden nähert, dann erlebt man diese Spiele mit dem Licht. So wird das Gebaute zu einem Beispiel für die fraktale Kultur unserer Zeit [Anm.: fraktal, Begriff von Benoit Mandelbrot, bezeichnet den Formenreichtum geometrischer Figuren in Varianz und Wiederholung, die sich durch Ähnlichkeit auszeichnet]. So entstehen Gebäude, die wie Filmsequenzen funktionieren. Es geht darum, wie man das sich verändernde Bild des Gebauten in der Dimension Zeit erlebt. Aber die Architektur selbst ist dann nicht cinematografisch. Denn nur auf der Ebene der Konzeption spielt dieses Filmische hinein. Wenn man sich die Wege durch Gebäude vorstellt, die Rampen beispielsweise, so erzeugen diese eine Form von Synopse [Anm.: Zusammenschau]. Und man kann mit der Tiefe spielen, auch mit der filmischen Tiefe. Ich spiele gerne mit dem Vagen, mit vagen Bildern.

Sie haben das konzeptuelle Nahverhältnis zwischen Ihrer Architektur und einem bestimmten Verständnis des Filmischen angesprochen. War es für Sie immer klar, dass Ihr Medium die Architektur sein wird?
Ursprünglich wollte ich eigentlich Maler werden. Doch dann habe ich schließlich auf der Ecole des Beaux Arts Architektur studiert. Die eigentliche Verlockung oder Verführung lag für mich aber im Beruf des Filmregisseurs: Wim Wenders und ich haben darüber auch viel gesprochen und sind uns einig, dass es sehr wohl Gemeinsamkeiten zwischen Filmregisseuren und Architekten gibt. Das Kino hat die architektonische Kultur nicht nur abgebildet, sondern auch um viele Facetten bereichert. In Wim Wenders Film "Jusqu'au bout du monde" ("Bis ans Ende der Welt") etwa dachten viele Menschen, dass die darin sichtbaren Türme in Paris wirklich gebaut worden wären. Er hatte seinen Film in einem virtuellen Paris angesiedelt, und es kamen dann sogar japanische Studenten nach Paris, um diese Türme zu besichtigen. Mit Wim hätte ich immer gerne gemeinsam einen Film gemacht, leider ist nie etwas daraus geworden.

Wenn Sie die Rolle des Architekten mit jener des Filmregisseurs vergleichen, worin bestehen dann für Sie die Ähnlichkeiten? Etwa in dem Umstand, dass beider Projekte nur in der Zusammenarbeit mit vielen anderen realisierbar sind?
Als wir die Philharmonie in Paris planten, arbeiteten wir mit 20 Konsulenten zusammen. Es ging natürlich um die Bedeutung der Musik in der heutigen Zeit, aber ebenso um die Möglichkeiten der diversen Verbindungen, auch um jene der Konsulenten untereinander. Es gab viele Treffen und zahlreiche Brainstormings. Wenn man mit Künstlern in einem architektonischen Kontext zusammenarbeitet, dann bedeutet das für die künstlerische Produktion etwas ganz anderes als ein Werk, das für einen Museumskontext gedacht ist. Im Architekturzusammenhang werden heute künstlerische Arbeiten realisiert, die als integraler Bestandteil des Gebauten zu sehen sind. Mit Künstlern wie Jenny Holzer oder Yann Kersale ist das für mich ganz klar ein Prozess der Zusammenarbeit. Und in diesem gemeinsamen Schaffen können wir dann auch eine Komplementarität erreichen. Wenn man sich einigt, mit Kunst in der Architektur zu arbeiten, dann darf man der Kunst nicht nur ein eigenes Feld zur Verfügung stellen, sondern muss diese beiden Bereiche zu einem sinnvollen Ganzen verbinden. Denn erst die Verflechtung beider schafft dann eine neue Bedeutungsebene.

Was kann Architektur heute bewirken, worin liegt ihre Stärke? Gibt es so etwas wie eine spezifische Macht der Architektur, besondere Bedeutungen hervorzubringen?
Ich denke, die Architektur ist durchaus intellektueller geworden. Sie ist keine strikte, autonome Disziplin mehr. In den Siebzigerjahren hat sich durch den Strukturalismus, also mit der Philosophie, etwas verändert. Das Feld ist weiter gefächert. Heute können wir diese Verbindungen sehen, und es gelingt uns, neue Verbindungen herzustellen. Wir werden regelrecht zur Analyse herausgefordert. Die Stärke der Architektur liegt darin, ein Zeugnis jeder Generation abzulegen. Wenn man eine Stadt so zu lesen versucht, dann sieht man auch das Material, das in einer Stadt zur Verfügung steht, mit anderen Augen; Dann wird einem bewusst, dass die Stadt ein belebter Ort mit einer facettenreichen Geschichte ist, in der stets alles im Wandel und in Erneuerung begriffen ist; Dann erkennt man, dass die Stadt eine Art lebendiges Museum ist, das wie eine Live-Show funktioniert.

 

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