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"Office" - Kersten Geers und David van Severen: Jede Geste ist Intention

23.07.2012

Das Büro „Office“ von Kersten Geers und David van Severen befindet sich mitten in Brüssel im fünften Stock eines unauffälligen Gebäudes, nahe dem Opernhaus La Monnaie. Die energetische Atmosphäre wirkt gleichzeitig entspannt und konzentriert, es herrscht eine intensive, aber angenehme Arbeitsstimmung. Zeichnungen von Projekten und Flamingobilder hängen an den Wänden. An die zehn Mitarbeiter sind mit internationalen und nationalen Bauaufträgen beschäftigt: Wohnhäuser in Kanada, Spanien und Belgien wurden bereits realisiert, ein Gemeindezentrum in Chile, die Landwirtschaftsschule in Leuven und ein Holzwohnhaus in Brüssels Umgebung werden gerade entwickelt. Am Ende des Interviews steigen wir einen Stock höher ins Atelier, wo die zahlreichen Modelle hergestellt und gelagert werden.

Susanne Karr im Gespräch mit Kersten Geers

Kersten Geers: "Wir glauben nicht an direkte Zusammenhänge von Form und Funktion. Wir suchen nach jenem Maßstab, der für das jeweilige Gebäude funktioniert." 

Im vergangenen Sommersemester hatten Sie eine Gastprofessur am Institut für Gebäudelehre an der TU in Graz inne. Welche Projekte haben Sie mit den Studenten entwickelt?
Professor Gangoly hatte David van Severen und mich eingeladen, für ein Gastsemester eine Meisterklasse zu übernehmen. Wir haben sie in Verbindung zu unserer Forschungsreihe „architecture without content“ gebracht, die wir bereits an der Akademie für Architektur in Mendrisio und der Columbia University in New York durchgeführt haben.
Manchmal vergleichen wir unsere Projekte mit Familien, deren Mitglieder zueinander in Beziehung stehen, sich in mancher Hinsicht ähneln, aber dennoch auch sehr verschieden sind. Unser aktuelles Projekt führt „architecture without content“ nun in diesem speziellen Setting in der Stadt Graz fort. Der Titel verweist auf den Anspruch, Architektur zu schaffen, die nicht vollständig determiniert ist.

Wie kann man sich das vorstellen?
Architektur muss den möglichen Inhalten auf intelligente Weise dienlich sein können, ohne sie vorgeben zu wollen, in gewisser Weise also zurückhaltend sein. Andererseits muss sie fundamental, eigenständig und sinnvoll genug sein, um nicht übersehen zu werden. Es geht um eine Architektur, die nach dem Umriss fragt. Der Ausdruck, die Ordnung der Fassade werden hier wichtig. Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Meisterklassen.

Und wie lautet die Aufgabenstellung?
Die Studenten erhalten dabei Vorlagen, Gebäude oder Gebäudeentwürfe aus unterschiedlichen zeitlichen und urbanen Zusammenhängen. Zum Beispiel den Chicago Tribune Tower von John Mead Howells und Raymond Hood aus den Zwanzigerjahren.
Dieses „Modell“ wird dann in andere Bauzusammenhänge gestellt. Die Arbeitsaufgabe ist also, das Gebäude zu porträtieren, zu „transplantieren“ und für den anderen Standort zu adaptieren. Bei der „Transplantation“ geraten die Gebäude in einen anderen Zusammenhang. In Graz wurde etwa das aufgelassene Betriebsgelände der alten Straßenbahnremise in der Größe von 100 mal 200 Meter zur Verfügung gestellt.

Bestehende Gebäude werden also in eine andere Umgebung versetzt und dabei modifiziert?
Im Porträtieren werden die einzelnen Charakteristika eruiert und danach auf das neue Umfeld abgestimmt, teils wird adaptiert, teils eliminiert. Die Arbeitsschritte in Reihenfolge lauten: porträtieren, Schnitte erkennen und erfassen, neu zeichnen, und dann das Gebäude in das neue Umfeld versetzen, „transplantieren“. Bis das neue Gebäude schließlich gar nicht mehr so aussieht wie das alte, obwohl es viele Elemente des alten Baus aufnimmt.
 Der hohe Turm der Chicago Tribune etwa wird zu einem langgestreckten, niedrigen Gebäude, einer Art Counterpart, der in die neu vorgegebene Umgebung passt.

Werden auf diese Weise neue architektonische Lösungen entwickelt?
Es gibt in der Architektur keine Erfindung, keine wirkliche Innovation. Das ist ein Metaargument, das wir in den letzten Jahren auch in der Lehre stark verbreitet haben, eine Art Credo bei „Office“: Jedes Mal mit einer Skizze zu beginnen und stets nach einer neuen Lösung zu suchen, so gehen wir nicht vor. Die Idee, das perfekte Gebäude schaffen zu wollen, ist absurd – es gibt immer Lücken, Übergänge, Zwischenräume. Man muss schon die Kultur der Architektur verstehen, und gleichzeitig etwas Zeitgenössisches umsetzen. Dabei haben wir auch kein Problem damit, etwas zu verwenden, das bereits da ist ...
... und das bereits funktioniert ...
Das ist eine viel bessere Methode, um die Logik eines Gebäudes zu verstehen. Eine weitere Überzeugung von uns ist die Reduktion der Werkzeuge. Wenn man ein beschränktes Set von Instrumenten zur Verfügung hat, wird die Kreativität herausgefordert. Man muss sich ganz klar darüber werden, was man will. Und man muss sich die Werkzeuge bewusstmachen, mit denen man arbeitet. Man braucht einen Plan, einen Schnitt, einen Maßstab, eine Perspektive. Darüber hinaus entscheiden in dieser Aufgabenstellung die Studenten, wie sie ihr Projekt präsentieren wollen, welche Farben, welche Perspektive sie zeigen wollen. Wir geben nur vor, dass zum Beispiel auf der Mittellinie die Ansicht wechselt: die linke Hälfte der Zeichnung zeigt eine flache Draufsicht, die rechte Hälfte eine perspektivische Ansicht. In einer Ausstellung im Herbst werden diese Projekte dann auch öffentlich präsentiert.

Warum arbeiten Sie nicht mit Renderings, sondern mit Handzeichnungen?
Wir sind überzeugt, dass es bei Architektur um Intention geht. Deswegen kann man seine Werkzeuge auch reduzieren. Beim Zeichnen einer Perspektive muss man bereits zeigen, welche Absichten man bezüglich des Gebäudes hat. Jede Geste ist Intention. Es geht nicht nur darum, irgendetwas zu erfinden.

Bedeutet das, man muss aufrichtiger sein?
Ja, man muss ehrlicher sein, aber auch klarer darin, was man möchte. Auch in unserem Büro arbeiten wir so. Die ersten Entwurfsskizzen eines Projekts, die wir anfangs immer erst mit der Hand zeichnen, sind zwar durchgeplant, aber hierbei gehen wir Schritt für Schritt voran, bei den per Computer gerenderten Ansichten ist das hingegen anders. Denn, wenn man sich zum Beispiel das Rendering einer Etage eines Gebäudes mit 20 Stockwerken ansieht, könnte man daraus bereits folgern, alle Geschoße würden gleich aussehen. Das ist bei unseren Handskizzen ganz anders. Abgesehen von der Intention ist uns ein gewisser Pragmatismus wichtig. Und die Bauherren wollen, dass das Gebäude funktioniert, sie möchten es sich vorstellen können.

Der Gegensatz zum Rendering ist also das Bestreben, sich in das Gebäude hineinzudenken und mental hineinzubegeben?
Man definiert einen Standpunkt und Hierarchien für das Gebäude. Man muss Schritt für Schritt vorgehen und Details erarbeiten.
Das wäre bei einem Rendering nicht der Fall, weil die Detailarbeit vom Computerprogramm erledigt wird.
Beim Rendering kann man nicht graduell vorgehen. Unsere Arbeit hingegen bezieht sich auf die Malerei – eine Referenz wäre hier sicherlich David Hockney. Wir verstehen Zeichnungen als einen Teil des Gesamtprojekts – ganz so wie bei einem Kunstwerk, bei dem jeder Strich letztlich dazugehört. Wir lassen die Zeichnungen für sich sprechen, ohne viel zu erklären. Die Entwürfe haben unterschiedliche Ebenen, müssen aber, gleichzeitig, auf einen Blick sofort verständlich sein. Wir sehen Architektur als Gegensatz zur Kozeptkunst. Sie ist die Komposition von Raum. Die Art und Weise, wie Architektur erfahren wird, ist Perspektive. Eine Eins-zu-eins-Erfahrung ist das Interessante. Es geht nicht darum, in einer Märchenwelt herumzufliegen. Viele Entwürfe scheinen keine Bodenhaftung, keine Relation zum realen Raum zu haben.

Bei den Handzeichnungen versucht man hingegen Strich für Strich ein Gebäude, das man noch nicht kennt und von dem man am Beginn noch gar nicht weiß, wie es letztendlich aussehen wird, zu konstruieren und hierfür Einzelelemente zusammenzustellen. Der Boden, auf dem ich stehe, meine Größe und Augenhöhe werden definieren, was ich sehe. Also wir sind in keiner Weise ein radikales, sondern ganz normales Büro.
In Venedig schien man anderer Ansicht zu sein: Dort fand man es ganz und gar nicht „normal“, was Office macht, sondern eher außergewöhnlich. Immerhin wurden Sie ausgewählt, bei der elften Biennale den belgischen Pavillon zu gestalten, und auch zur zwölften Biennale wurden Sie eingeladen. Sie gestalteten den „Garden Pavilion“ und erhielten dafür den Silbernen Löwen.
Architektur kann Einfluss nehmen, wenn man weiß, was sie kann. Wenn man sie „dirigieren“ kann. Momentan wird ja viel auf Architektur projiziert, als könne sie alle möglichen Probleme lösen. Gebäude sind aus verschiedenen Gründen erfolgreich, das hat auch mit Marketing zu tun und mit Modeströmungen.

Natürlich haben auch wir sehr klare Vorstellungen von einem schönen Raum. Auch die Raumhöhe ist beispielsweise ein wichtiges Element, das wir immer einzubringen versuchen. Wir sind auf der Suche nach einer Einheit von Verhältnissen, die sich in einem Gebäude wiederholen können. Wir glauben nicht an direkte Zusammenhänge von Form und Funktion. Wir suchen nach jenem Maßstab, der für das jeweilige Gebäude funktioniert. Die Art und Weise, wofür wir Räume verwenden, hat nicht zwangsläufig mit der Gestaltung zu tun.

Die Prinzipien der Architektur haben mit einem gewissen Klassizismus zu tun.
In welcher Form hat Nachhaltigkeit mit Klassizismus zu tun?
Nachhaltigkeit ist ein Teil von allem. Es gibt momentan diesen Trend, Nachhaltigkeit in fast allen Bereichen hervorzukehren und sie zum Schlüsselelement des Designs zu erklären. Das halten wir für weniger interessant, als sich damit zu beschäftigen, welche Dinge überleben werden. Wir streben einen sparsamen Umgang mit den Mitteln an, und zwar sowohl mit den finanziellen als auch mit den materiellen. Wir wollen keine Projekte anbieten, die sich niemand leisten kann, sondern realistisch und kalkulierbar bleiben. Das hat vielleicht auch mit dem flämischen Erbe zu tun – immerhin stammen wir ja beide aus Gent und haben dort auch begonnen, Architektur zu studieren. Die flämische Architekturtradition ist eine sehr pragmatische, es geht darum, passende Materialien zu wählen, sie sparsam einzusetzen. Naheliegend ist etwa, zwischen Sommer- und Winternutzung eines Hauses zu unterscheiden. Vieles funktioniert schon seit Jahren. Räume, die nicht überdefiniert sind, Materialien, die nicht „brandneu“ sind. Hier müssen wir sehr präzise sein, und hierauf sollten wir uns auch fokussieren.

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