Direkt zum Inhalt

Stefanie Theuretzbacher: Jenseits von Afrika

27.09.2018

Eine junge österreichische Architektin wagt den Sprung in den fernen Kontinent und eröffnet in der 18-­Millionen-Metropole Lagos ein Büro. Sie ist gekommen, um zu bleiben. Eine mutige und hürdenreiche Entscheidung mit der Chance, an der ­Entwicklung im bevölkerungsreichsten Land Afrikas mitzuwirken.

Brigitte Groihofer im Gespräch mit Stefanie Theuretzbacher

„Mir persönlich ist wichtig, Ängste und Vorurteile ­vieler Europäer und ­Österreicher gegenüber Afrika durch Aufklärung zu ändern.“ - Stefanie Theuretzbacher

2015 haben Sie mit einem nigerianischen Architekten in Lagos, dem Finanz- und Wirtschaftszentrum der Subsahara, das Studio ­Elementals gegründet. Schon vorher planten Sie in Afrika. Wie kam es dazu?
Das hat eine lange Vorgeschichte, die schon in der Jugend mit Musik begann. Ich spiele seit vielen Jahre Djembé. So kam ich zum ersten Mal für einige Wochen nach Mali. Diese Zeit hat mich so stark geprägt, dass ich danach ein anderer Mensch war. Und seither hat es mich immer wieder in afrikanische Länder gezogen. Die Verbindung zur Arbeit wurde das erste Mal über das „[applied] Foreign Affairs Lab“ der Universität für angewandte Kunst, geleitet von Bärbel Müller, hergestellt, wo ich auch an der 2017 erschienenen Publikation über die Labs in Ghana und im Kongo mitgearbeitet habe. Die Labs sind Studentenprojekte in Subsahara-Afrika, Projekte in unterschiedlichen Maßstäben, städtebauliche, architektonische, aber auch künstlerische. Später ging die Reise privat weiter nach Ruanda, Äthiopien und Guinea – auch zum Trommeln. Danach bekam ich das Tische-Stipendium, das jungen Architekten das Sammeln internationaler Erfahrungen auf dem Gebiet der Baukultur ermöglicht, und meine Wahl fiel logischerweise auf Afrika.

Kann eine in Europa ausgebildete Architektin dort etwas beitragen?
Wichtig ist eine Wechselbeziehung. Für mich ist Europa beim Bauen und in der Architektur erschöpft, überreglementiert, der Markt gesättigt. Ich habe das Gefühl, in Österreich keine Chancen als junge Architektin zu haben. In Nigeria hat man viel mehr Möglichkeiten, es gibt viel zu tun, das Land ist im Aufbau, und es ist vieles flexi­bler im Vergleich zu den Einschränkungen durch Gesetze und Normen in Österreich. In Lagos kann ich selbstständig und selbst entscheidend arbeiten. Wo man hinschaut, sieht man etwas, zu dem man viele Ideen und die Chance zur Verbesserung hat.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag in Lagos aus?
Die Stadt ist ein Wahnsinn. Lagos ist mit rund 18 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt und Volkswirtschaft Afrikas, wirtschaftliches Zentrum, das alle Leute anzieht. Eine Stadt der Extreme, Reichtum und Armut, Slums, Hochhäuser und Villenviertel. Nigeria ist ein Ölstaat, hier in Lagos konzentriert sich das Geld, das bietet Möglichkeiten. Im Moment werden ganze Inseln im „Dubai-Style“ aufgeschüttet. Dort entstehen Reichenghettos und Büroviertel. Ob das für das Land allerdings gesund oder sinnvoll ist?

Gibt es eine Stadtplanung, eine Baudirektion?
Es gibt eine Stadtplanung, jedoch nur in einem sehr großen Maßstab. Die Stadt ist ja riesig. Es gibt so gut wie keine Verwaltung. Der Staat ist kaum sichtbar. Auf den Straßen nicht, was den Strom betrifft nicht, die Leute haben das Gefühl, dass sie alles für sich selber machen müssen.

Der Stärkere setzt sich durch?
Absolut. Es herrscht ein Riesentempo und großer Druck. Für jeden, der einmal krank ist, schieben schon zehn weitere nach. Das merkt man auch an der Dichtheit auf den Straßen. Und ich merke es an mir selbst. Man muss dort viel mehr leisten als hier. Beantwortet man ein E-Mail ein paar Tage nicht, war’s das. Es gibt keine Wochenenden oder geregelte Bürozeiten.

Wie sind Sie in Lagos organisiert?
Es gibt eine länderübergreifende Zusammenarbeit mit einer Gruppe von Leuten, jedoch in keinem gemeinsamen Büro. Die Stadt ist so riesig und unübersichtlich, der Verkehr chaotisch, sodass arbeiten an einem Ort schwierig ist. Es braucht Stunden, um von einem Punkt zu einem anderen zu kommen. Als ich vor zwei Jahren meine Firma „Studio Elementals“ gründete, herrschte aufgrund der Wirtschaftskrise Stillstand, die Währung stürzte ab. Jetzt erholt sich die Wirtschaft, und wir bekommen laufend neue Projekte, wie das Signature Suites Hotel in Asaba, die Renovierung des Chellaram House in Lagos oder der Signature Suites in Lagos. Auch kleinere Projekte ergeben sich. Ich habe einen Prototypen für einen Concept-Store für das Start-up Joko geplant. Dahinter steht die Idee, ein afrikanisches IKEA zu gründen, wo Möbel günstig, nachhaltig und modular vorfabriziert und lokal produziert werden sollen. Bisher scheiterte es leider an der Umsetzbarkeit. Es gibt einfach keine Möbelfabriken, die in großen Mengen produzieren und auch speziellere Formen herstellen könnten.

Wer sind die Auftraggeber beim Wohnbauprojekt, der Renovierung des Chellaram House in Lagos?
Das ist eine indische Familie. Es ist eine interessante Herausforderung, mit ganz unterschiedlichen Auftraggebern zu arbeiten. Die Kultur, wie man ein Gespräch beginnt, wie man über Geld spricht, ist ganz unterschiedlich. Den Umgang mit Auftraggebern muss man erst lernen.

Sind Sie auch an traditionellen Bauformen, wie den Lehmbauten in Mali, interessiert?
In Nigeria ist es kaum möglich, noch eine Verbindung zur Tradition zu finden. Da müsste man in sehr entfernte ländliche Gebiete reisen, was im Moment aus Sicherheitsgründen nicht ratsam ist. Im Moment scheint die traditionelle Bauweise völlig vergessen worden zu sein. Die meisten Nigerianer streben nach westlich aussehenden Gebäuden, die jedoch klimatisch überhaupt nicht funktionieren: Betonblöcke mit Blechdach, eine Bauweise, die nur mit Klimaanlage funktioniert, was in Nigeria extrem problematisch ist. Es heizt sich alles auf, und die öffentliche Stromversorgung ist limitiert und unzuverlässig. Um richtig versorgt zu sein, müssen Gebäude autark sein und wie ein eigenes Kraftwerk funktionieren. Wasserversorgung, Strom, Abwasser, einfach alles. Es gibt eine kleine Szene, die versucht, Qualitäten von traditionellen Bauweisen neu umzusetzen und umzuwandeln. Doch es ist sehr schwer, dafür interessierte Bauherren zu finden. Leute, die sich das Bauen leisten können, haben einen Bezug zu Europa und Amerika, sie wollen eine Villa nach antikem Vorbild mit griechischen Säulen, wie man es in Kalifornien sieht. Eine nicht adäquate Formensprache, die sich da hineinzwängt. Dass es in diesen Ländern sehr wohl nachhaltige traditionelle Techniken gibt, weiß man. Diese jedoch wieder verfügbar zu machen und an diese anzuknüpfen, daraus für die heutige Zeit, für das Hochhauszeitalter, Techniken zu entwickeln, ist schwierig und dauert eine Lebenszeit. Der Lehmbau kleiner dörflicher Strukturen war dafür nicht gemacht und nicht geeignet. 

Gibt es eine lokale Architekturszene?
Es gibt in Nigeria Universitäten, an denen man auch Architektur studieren kann. Jedoch, wer es sich leisten kann, studiert im Ausland, weil hier die Qualität nicht so toll ist. Vor den 1980er Jahren gab es noch gut ausgebildete Architekten, die Wert auf klimatisch intelligentes und gut ausgeführtes Design legten, dann gab es einen Bruch, und das Wissen ging verloren. Man merkt, dass die Ausbildung in den letzten 30 Jahren komplett den Bach hinuntergegangen ist. Die ganze Branche ist schwierig, weil es nur wenige Bauherren gibt, die überhaupt verstehen, was Architektur bedeutet und was Architekten leisten und was deren Aufgaben sind. Es geht immer um den Preis, der so stark gedrückt wird, dass man kaum Leistung erbringen kann. Ein Ausführungsplan in ­Europa ist zirka auf dem Niveau eines Vorentwurfsplanes hier. Es fehlt eine Art Grundbildung der Menschen und Auftraggeber.

Fehlt also auch ein öffentlicher meinungsbildender Prozess? Sind Wegbereiter in Sicht?
Ja, vor allem in der Literatur hat dies schon in den 1980er Jahren begonnen, etwa mit dem ­Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, der in Pidgin-English Theaterstücke schrieb. Die bildende Kunst hat noch viel aufzuholen im Vergleich zur Kunstszene in Ghana, die viel radikaler und fortgeschrittener ist. Man muss aber auch bedenken, dass es kaum öffentliche Förderungen und nur wenige private Geldgeber gibt, die die Arbeit vorantreiben könnten. Aber die Chancen werden von Jahr zu Jahr mehr. Es gibt jetzt zum Beispiel eine afrikaweite jährliche Kunstmesse – Art X ­Lagos – sowie seit letztem Oktober die erste Kunstbiennale (Lagos Biennal). Die Architekten hinken total hinterher.

Was sind Ihre Pläne für die nächsten Jahre?
Ich wünsche mir einen Beitrag zu leisten und etwas von dem zurück zu geben, was ich bekommen habe. Ich sehe die Privilegien, die ich hatte, unbeschadet in Österreich aufzuwachsen. Die meisten Österreicher haben ja keine Ahnung, wie gut es ihnen geht. Hier gibt es oft keinen Strom, kein Wasser oder Verkehrschaos. Man muss dreimal so viel Zeit ins Arbeiten investieren, um überhaupt arbeiten zu können. Etwas effektiv auf die Reihe zu bringen ist ungleich schwieriger. Allein schon die Hitze, Feuchtigkeit und die schlechte Luft machen Konzentration schwer. Dazu die langen Wege, Stunden im Stau zu einem Meeting. Alles erfordert eine große Anstrengung und großen Willen. Aber, wenn dann einmal etwas funktioniert, ist es umso toller. In Lagos kann man an einem Tag zehn Nervenzusammenbrüche und ebenso viele Glücksstunden erleben, hintereinander auf und ab. Ich denke, diese Intensität zieht mich auch dorthin.

Sie haben die Ausbildung bei Wolf D. Prix und Hani Rashid gemacht, sehr technikaffine und innovative Architekten. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen diesen Vorbildern und der Realität in Nigeria?
Es ist tatsächlich ein Spagat. Man muss immer abwägen zwischen dem Versuch, etwas extrava­ganter zu machen, mit dem Risiko schlechter Ausführung oder gut ausgeführter einfacher Planung. Man muss sich permanent mit den realen Ausführungstechniken, Materialien und Fertigkeiten der ausführenden Firmen und Handwerker beschäftigen und die Anforderungen herunterschrauben. Ich bewege mich weg vom überdigitalisierten Arbeiten, das macht hier keinen Sinn.

Man bricht es herunter auf einfache Medien, die lesbar sind.
Ja, das mit dem Lesen-Können ist überhaupt so eine Sache, man kann nicht einfach einen Plansatz übergeben und ist dann weg. Man muss präzise betreuen, komplizierte Rundungen selbst ausstecken. Es braucht mehr Zeit und Energie. Und man muss bei jedem Detail überlegen, will der Bauherr es überhaupt, oder zwinge ich es ihm auf, weil es mir gefällt. Es werden in Nigeria nur sehr wenige Baumaterialien hergestellt, der Rest wird teuer importiert. Will ich qualitätsvolle Fenster und keine billigen chinesischen Aluminium-Schiebeprofile, dann muss vom Bauherrn Geld, Zeit und der Wille da sein, diese zu importieren. Das muss man alles vorher wissen und in der Planung berücksichtigen.

Wurden Sie darauf vorbereitet?
Überhaupt nicht, das ist ein leidvolles learning by doing. Im Studium ging es nur darum, neue Konzepte und Formen für Räume zu entwickeln, hüpfende und fliegende Gebäude ohne Bezug zur Realität und Umsetzung. Ich bereue jedoch keine Sekunde. Ich glaube, es fällt mir im Nachhinein leichter, den leidvollen Prozess jetzt durchzumachen. Nach meiner Erfahrung ist das Wichtigste, dass es zu einem längeren Austausch mit den Menschen kommt, um auch das Umfeld und Situation, Kontext und kulturelle Unterschiede zu verstehen.

Sie betreuen als Konsulentin auch zwei Entwicklungshilfe-Projekte für die UNIDO, eines im Irak und eines im Südsudan.
Im Irak entsteht ein Agriculture-Trainings-Center, eine Zusammenarbeit zwischen der UNIDO und dem [applied] Foreign Affairs Lab der Angewandten, wo ich Projektarchitektin bin und auch die Bauaufsicht mache. Das ist ein monatelanger Prozess, um Kultur, Ort und Klima zu verstehen. Wenn man viel in anderen Ländern und Kontexten arbeitet, dann kann man sich viel leichter hineinversetzen. Man hat einen Katalog im Kopf, dem man die neuen Teile zuordnet. Die Idee hinter dem Projekt im Irak ist, dass Binnenflüchtlinge aus der Gegend von Mossul ein Gebäude, Gewächshäuser und einen Garten nützen können und vor allem Frauen aus ihrem Zeltalltag he­rauskommen in ein Umfeld, in dem sie sich austauschen können und wo sie Gemüseanbau lernen, damit sie vielleicht zusätzliche Perspektiven haben, wenn sie dann wieder ein neues Leben anfangen. Entwicklungszusammenarbeit ist immer schwierig und organisatorisch komplex.
Mir persönlich ist wichtig, Ängste und Vorurteile gegenüber Afrika durch Aufklärung zu nehmen. Je mehr Leute mich besuchen kommen, umso mehr Verständnis kann ich stiften. Afrika hat noch so viele Möglichkeiten und Ressourcen. Das sehe ich als extremes Potenzial. Mich stört, dass immer nur über Tragödien, Armut und nigerianische Flüchtlinge berichtet wird. Das hängt auch mit den Medien zusammen. Der ORF hat nicht einen einzigen Korrespondenten in ganz Afrika. Wenn nie etwas Positives berichtet wird, wird ein Anerkennungsprozess unendlich sein. Ich wünsche mir, dass jeder sich öffnet und die Chance bekommt dazuzulernen. Lagos braucht Infrastruktur, Bildung und Gesundheitsversorgung. Wenn diese drei Dinge nicht funktionieren, ist es schwierig. Meine Zukunft sehe ich im afrikanischen Raum, wo ich auch etwas zur Aufbauarbeit beitragen kann.
 


STEFANIE THEURETZBACHER, geb. 1988 in Wien,
2018 Ziviltechnikerprüfung, Studium an der Universität für angewandte Kunst: 2017 Di­plom in Architektur (Mag. Arch.), 2017 Studio Hani ­Rashid, 2012–2016 Studio Wolf D. Prix; 2011–2012 [applied] ­Foreign Affairs Lab bei Bärbel Müller.
Seit 2017 internationale Konsulentin für die UNIDO, Projekt „Agricultural training center for internally displaced persons“ in Erbil, Iraq und „Fish market structure“ in ­Pibor, South Sudan.

 

Projekte (Auswahl)
2015 Gründung mit einem Partner des „Studio Elementals“ in Lagos, Nigeria; Projektauswahl 2017: ­„Façade design for Providus Bank“, Surulere, Lagos, Nigeria; Planung des „Signature Suites Hotel“ in Asaba, Delta ­State, Nigeria; Renovierung des „Signature Suites Hotel“ in ­Lagos; Renovierung des „Chellaram House“ in Lagos; Planung „Office Building Lekki“, Lagos; 2016 „Joko Shop“: Entwicklung und Planung eines Prototypen für präfabrizierte Holzmöbel. 
Zahlreiche Studienreisen im Subsahara-Raum, künstlerische Projekte, Teilnahme an Gruppenausstellungen, u. a. an der Marrakech Biennale 2016, „Tracing the Periphery“ – Video und Installation. Mitarbeit an verschiedenen Publikationen, u. a. Co-editor Buch:„[a]FA Lagos ­Legacy“ (www.issuu.cm), 2017; Co-editor Buch:­„Applied Foreign Affairs“ (Birkhäuser), 2016.

www.instagram.com/studio_elementals

Werbung

Weiterführende Themen

Gespräche
16.08.2018

Zum ersten Mal hat BÜRO KLK einen Standort in einem Obergeschoß – bislang war man in Gassenlokalen beheimatet. Das Büro ist mit Jonathan Lutter (JL) und Christian Knapp (CK) nun einesteils in der ...

Meinung
03.07.2018

von Brigitte Groihofer

Rohbau der Landesgalerie
Bauzustand
28.05.2018

So bezeichnete die Juryvorsitzende Elke Delugan-Meissl den sich um die eigene Achse drehenden Monolith, der den Stadtraum im UNESCO-Weltkulturerbegebiet Wachau neu choreografiert. Das neue Museum ...

Gespräche
28.05.2018

Architekturkritik im Sinne eines fundierten Erklärens von Gelungenem, aber auch Misslungenem beschränkt sich im dichten Blätterwald auf einige wenige Seiten. Im Vormarsch sind zunehmend ...

Gespräche
02.05.2018

GRAFT und Marianne Birthler kuratieren den deutschen Pavillon der diesjährigen Architekturbiennale in ­Venedig. Das international begehrte Architekten-Trio mit Büros in Berlin, Los Angeles und ...

Werbung