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John Lin: One-Way-Ticket ins Glückskeksparadies

19.08.2014

Vor kurzem nahm der chinesische Architekt John Lin in Wien den Wienerberger Brick Award entgegen. Im Gegen­satz zu vielen Kollegen seines Landes ist er kein Mann der großen Gesten, sondern konzentriert sich lieber auf die Rettung alter, ruraler Bautraditionen.

Wojciech Czaja im Gespräch mit John Lin

John Lin: "Mein größtes Glück ist meine ­Familie. Und mein zweitgrößtes Glück ist die Tatsache, dass ich ­Architektur nicht als Produkt ­verstehe, sondern als Prozess."

Sie haben kürzlich den Brick Award 2014 gewonnen, und zwar als einer von insgesamt fünf Preisträgern. Happy?
Ich bin ein großer Fan dieses Preises. Es gibt wenige Auszeichnungen, die das internationale Baugeschehen so umfassend einfangen und abdecken wie der Brick Award. Als Teilnehmer, ja sogar nur als Beobachter lernt man dabei unterschiedliche Tendenzen aus allen möglichen Erdteilen und Kulturen kennen. Das ist eine Qualität, die fast einzigartig ist. Dass ich nun einer der Sieger des diesjährigen Preises bin, freut mich umso mehr. Das ist eine Ehre für mich.

Das „House for all Seasons“ ist ein einfaches Low-Budget-Projekt. Warum, denken Sie, hat Ihr Projekt gewonnen?
Unser „House for all Seasons“ ist ein cleveres, aber sehr einfaches Projekt. Das Gebäude hat nicht einmal 50.000 Dollar gekostet. Das sind an die 40.000 Euro, oder? Das kann sich fast jeder leisten! Zudem ist das „House for all Seasons“ ein Hybrid aus gutem, einfachem, innovativem Design und einer gewissen sozialen Herangehensweise an das Bauen. Es ist ein einfaches Wohnhaus für Bauern, die hier auf kleinster Fläche alle Funktionen von Wohnen über Nahrungsmittellagerung und Tierhaltung bis hin zu Heizung, Kühlung und Regenwassernutzung abgedeckt haben. Ich denke, diese Alltagstauglichkeit, diese Menschlichkeit, dieser unmittelbare Bezug zum autarken Leben in ländlichen Regionen war ausschlaggebend für den Sieg.'

Ist das die neue Stoßrichtung im weltweiten State of the Art?
Ich hoffe! Es wird höchste Zeit, dass die Architektur ihre soziale Komponente entdeckt. Und ich habe Hoffnung, denn die Aufmerksamkeit für Vernacular Architecture nimmt kontinuierlich zu. Das sieht man beim Brick Award, aber auch überall sonst.

Sie bauen oft mit Ziegel. Ist das Leidenschaft oder Pragmatismus?
Beides! Ziegel ist ein sehr einfaches Baumaterial, das man eigentlich fast überall auf der Welt herstellen kann. Natürlich gibt es auch diese Hightech-Verbundziegelsteine, die alles Mögliche können. Auch gut, aber das muss nicht sein. Mich fasziniert eher die Einfachheit, die Leistbarkeit, diese weltweite Zugänglichkeit. Noch dazu kann ein Ziegelhaus von wirklich jedem errichtet werden: Die Größe des Bausteins nimmt Bezug am menschlichen Maßstab und ermöglicht ein manuelles Handling ohne große Maschinen. In gewisser Weise könnte man sagen, dass der Ziegelstein der globalste und zugleich demokratischste Baustoff der Welt ist. Das klingt jetzt fast pathetisch, oder? Aber ich sehe das wirklich so.

In Asien pflegt man ohne Zweifel einen viel offeneren Umgang mit dem Baustoff. In asiatischen Ländern wird das Material gern unverkleidet zur Schau gestellt. In Mitteleuropa hingegen tendieren wir dazu, alles zuzukleistern und zu verstecken. Woran liegt das?
Da kann ich nur für China sprechen. Und da gibt es meines Erachtens zwei Gründe: Geld und handwerkliche Qualität. Aufgrund der Begrenztheit der Ressourcen wäre jede Form der Verkleidung reiner, unnötiger Luxus. Und daher bemühen wir uns, die Gebäude von vornherein handwerklich so auszuführen, dass sie eine gewisse Schönheit haben.
Jetzt hätte ich mir so sehr eine Antwort über die Ehrlichkeit in der asiatischen Geisteshaltung erwartet.

Kriegen Sie! Denn tatsächlich war und ist das vielleicht ein Hauptgrund für die nackte Darstellung, die sich in unserer Kultur durchzieht. Aber ich muss Sie enttäuschen. Es gibt einen neuen Trend in China. Und zwar?
Der letzte Schrei ist, Ziegelhäuser zu verfliesen. Das ist bitter, aber es ist so.

Autsch!
Ja wirklich! Das schmerzt. Einfamilienhäuser, Kindergärten, Schulen, ja sogar ganze Hochhäuser werden, sobald genug Geld da ist, von oben bis unten verfliest. Ich frage mich, warum das so ist.

Und? Wissen Sie’s?
Ja, ich denke, ich kenne die Antwort. Man baut ein Haus, das Budget erschöpft sich, das Haus wird niemals fertig. Ein paar Jahre später hat man wieder ein bisschen Geld zur Hand, baut ein bisschen was dazu, macht woanders ein bisschen was fertig, und wieder ist das Geld zu Ende. Und das geht so über Jahre, womöglich Jahrzehnte. Und dann, eines Tages, hat man plötzlich so viel Geld, dass man es sich leisten kann, das gesamte Gebäude zu verfliesen.

Und wissen Sie was?
Das Haus wird ausschauen wie neu! Das ist das Geheimnis der Fliese. Hinzu kommt, dass die chinesischen Behörden bei vielen Projekten Fliesen verlangen, weil das angeblich hygienisch ist.

Haben Sie schon mal ein Haus verfliest?
Nein, das könnte ich nicht. Aber ich habe vor sechs Jahren in Qinmo im Nordwesten der Guangdong-Provinz eine Schule geplant, bei der wir die Ziegelsteine vor der Verlegung bemalt haben. Und zwar in kräftigen Farben wie etwa Gelb, Grün und Pink. Die Wände wurden per Zufallsgenerator gemauert. Das Resultat nimmt gewisse Anleihen an der chinesischen Verfliesungswut, die uns bei diesem Projekt wohl auch gedroht hätte, aber es ist zu 100 Prozent authentisch. Da haben Sie die Ehrlichkeit, die Sie wollten!
Ihr Büro heißt Rural Urban Framework (RUF).
Die Differenzen zwischen Stadt und Land sind mitunter recht vage. Vor allem in einem so dicht besiedelten Land wie China.

Doch tatsächlich bauen Sie meist in ländlichen Regionen. Warum?
Die ländliche Region in China hat eine gewisse Ironie, denn die Dörfer in den Provinzen sind manchmal sogar dichter besiedelt als die Großstädte.

Das müssen Sie erklären!
Ganz einfach: In den Städten existieren Regelwerke und Vorschriften. Und daran muss man sich halten. In den Provinzen jedoch gibt es diese Bauvorschriften nicht. Jeder baut, wie er will. Und nachdem die Menschen mit Land sparsam umgehen müssen, weisen diese sogenannten „Urban Villages“ bisweilen eine so hohe Wohndichte auf, wie man sie in Peking, Schanghai oder Hongkong niemals finden wird. Sie machen das Wohnzimmerfenster auf, lehnen sich ein wenig vor und können mit der flachen Hand das gegenüberliegende Haus anfassen. Und das ist keine Seltenheit! Aus diesem Grund bin ich vor allem im ländlichen Raum tätig: Ich möchte die Lebensqualität verbessern. Es reicht schon, dass sich alle anderen auf die Großstädte stürzen. Ich stürze mich auf die vergessenen Räume dazwischen.

Würden Sie sich als Landmensch bezeichnen?
Um Himmels Willen, niemals! Ich bin ein Anhänger der Tradition und der Vernacular Architecure. Daher kommt meine Vorliebe für das Land. Doch was mein eigenes Leben betrifft, so bin ich eher ein Weltenbürger, der alle paar Jahre mit einem One-Way-Ticket von einem Erdteil zum nächsten zieht.

Immer weiter, niemals zurück?
Taiwan, New York, Los Angeles, Kopenhagen, Hongkong. Mein ganzes Leben besteht aus One-Way-Tickets. Muss ich noch mehr sagen?

Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Als Kind – das war in New York – habe ich eines Tages meinen Vater gefragt, welchen Glauben er hat, denn in den USA gab es da so viel im Angebot, dass ich mich überhaupt nicht mehr ausgekannt habe. Darauf meinte er: „Mein Sohn, ich bin Konfuzianer in meinem Familienleben, Daoist in meiner Freizeit, Buddhist in meiner Arbeit und Christ in meinem Herzen.“ Dieser Satz ist mir hängengeblieben. Es ist, als hätte er ihn gestern gesagt. Und so denke ich, dass auch ich überall ein bisschen zu Hause bin. Die unterschiedlichsten Kulturen haben mich geprägt. Vielleicht bin ich ja so etwas wie ein Glückskeks. Der wurde zwar in Kalifornien erfunden, aber jeder glaubt, er stammt aus China.

Sind Sie ein Glückskeks?
Sagen wir mal so: Ich hatte in meinem Leben schon verdammt viel Glück. Mein größtes Glück ist meine Familie. Und mein zweitgrößtes Glück ist die Tatsache, dass ich Architektur nicht als Produkt verstehe, sondern als Prozess. Meine Projekte entstehen durch Forschung, Analyse, Recherche und Gespräch mit den Menschen. Das erfüllt mich mit Reichtum. Das will ich nicht missen.
Manche Architekten überspringen diesen Schritt und bauen wild drauflos.
Ich kenne junge Architekten mit vielleicht 25, 26 Jahren, die bauen schon riesige Wolkenkratzer und Headquarters für weltweit tätige Konzerne. Können Sie sich das vorstellen? Das sind Kinder! Sie stecken mitten im Berufsleben und produzieren Bauten wie am Fließband – und das, ohne dass sie jemals Zeit hatten, sich mit der Materie zu befassen und die Welt ein bisschen besser zu verstehen.

Würden Sie auch gern mal wild drauflosbauen?
Nein. Das ist verantwortungslos.

Darf ich Ihnen eine indiskrete Frage stellen?
Klar. Wir werden dann schauen, ob sie diskret genug ist, dass ich sie beantworte.
Sie planen vor allem kleinere bis mittlere Low-Budget-Projekte für Bauern und ländliche Kommunen und investieren in diese Projekte sehr viel Zeit. Weit und breit kein Wolkenkratzer und kein Headquarter.

Wovon leben Sie?
Oh, ich lebe jedenfalls nicht von meinen Projekten. Die mache ich alle ehrenamtlich. Wenn Sie so wollen, beziehe ich meinen Lebensunterhalt von meiner Lehrtätigkeit sowie von diversen Forschungsaufträgen und Buchpublikationen.

Nach dem Brick Award 2014 wissen wir jetzt, wie die Wohnhäuser aussehen, die Sie planen. Wie wohnen Sie denn selbst?
Ich wohne in einer Mietwohnung in Hongkong. Von außen sieht das Haus chinesisch aus, und von innen dänisch. Das ist der Einfluss meiner dänischen Frau. Lustige Mischung! Ich kann mich erinnern, dass wir damals mit zwei Koffern, mit wirklich nur zwei Koffern, aus Kopenhagen nach Hongkong übersiedelt sind. Was für eine Befreiung!

Und wohin wird das nächste One-Way-Ticket gehen?
Ich habe eine vage Vermutung. Südamerika würde mich reizen. Und Afrika! Ich würde gern mal eine Forschungsarbeit darüber machen, warum so viele chinesische Unternehmen in Afrika tätig sind und wie diese Kultur des chinesischen Afrikas überhaupt entstanden ist. Das wird es sein. Ja, ich denke, das nächste One-Way-Ticket geht nach Afrika. Ich glaube, das werde ich beizeiten mal meiner Frau vorschlagen.

Autor/in:
Wojciech Czaja
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