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Judith Benzer: Einfachheit ist sehr komplex

25.10.2012

Die junge Feldkircher Architektin Judith Benzer hat in Zusammenarbeit mit Geiger+Walser 2012 den Holzbaupreis Burgenland gewonnen – mit einem schlichten Sommerhaus, das von größtmöglicher Eleganz zeugt. Zum Gespräch traf FORUM die junge Architektin in einem ruhigen Innenhof im siebenten Bezirk, in der Nähe ihres Wiener Architektur­büros.

Susanne Karr im Gespräch mit Judith Benzer

Judith Benzer: "Einfachheit ist teilweise sehr komplex. Das erwartet man ja gar nicht. Einfachheit ist schwierig zu denken. Weil man sich selber zurücknehmen muss."

Haben Sie einen besonderen Bezug zu Holz? Oder war die Entscheidung, das Haus aus Holz zu konstruieren, der Wunsch Ihrer Klienten?
Es war der Wunsch der Klienten, kam aber auch meinen Vorstellungen sehr entgegen. Die Bauherren wollten ursprünglich ein Weinstöckl als Sommerhaus haben. Aber die meisten Objekte waren einfach zu klein oder zu aufwändig zu renovieren, sodass bald klar wurde, dass ein Neubau auch kostenmäßig eine Alternative bieten würde. Das Gebäude ist eine Kombination aus Wirtschaftsgebäude und Wohnhaus – daher ergab sich für mich die Materialwahl. Aber nicht nur, was das Holz anbelangt, wollte ich roh und unverkleidet sichtbare Materialien verwenden. Der Werkstoff sollte gleichzeitig die Oberfläche darstellen können. Es war von vornherein klar, dass ich nichts hinter Gipskarton verstecken, nichts anmalen wollte, um so roh wie möglich zu arbeiten. Gerade die Brettsperrhölzer lassen sich toll vorfertigen und bringen eine schöne Optik mit.

Sie stellen sozusagen die verwendeten Materialien zur Schau. Diese könnten auch für sich stehen.
Ich zeige sie so, wie sie sind. Sie verwittern. Das ist vor allem mit dem Lärchenrost außen so. Das ist unbehandelte, gehobelte Lärche ohne Lackierung oder Wetterschutz. Die Fassade darf silbergrau werden, und das ist den Bauherren durchaus bewusst. Genau so das innen für die Stiegen und für die Brüstungen verwendete Schwarzblech: Das Ganze kommt natürlich optisch nicht ganz einheitlich daher, da gibt es Maserungen und teilweise Verfärbungen. Das ist klar und bewusst so eingesetzt. Dasselbe gilt für den Sichtbeton.

Das heißt also, Sie haben einen starken Bezug zur „Zeitlichkeit“ der Materialien. Das Projekt wird hingestellt, darf mitleben und sich verändern.
Das Sommerhaus ist in erster Linie als Wirtschaftsgebäude mit Wohnnutzung geplant worden. Es darf älter werden, es darf auch einmal eine Dachlatte ausgetauscht werden. Auf die Frage, wie wartungsintensiv dieses Dach ist, antworte ich: Es funktioniert wie die meisten Dächer. Auch bei einem Ziegeldach muss hie und da ein Ziegel ausgetauscht werden. So etwas kann natürlich mit dem Lärchenrost genau so passieren. Das darf aber auch sein. Die Strohdächer im Burgenland wurden auch immer wieder ausgebessert und erneuert. Ein Haus muss man immer warten und an der einen oder anderen Stelle etwas renovieren.

Weil Sie „Strohdächer im Burgenland“ sagen: Würde das Haus anders aussehen, wenn es in der Steiermark stünde oder in Wien?
Die Form war grundsätzlich schon vom burgenländischen Kellerstöckl her beeinflusst. Es war schnell klar, dass es ein Satteldach wird. Vom Grundriss her ist der Weinkeller vom Wohnbereich abgekoppelt. Es gibt keine innenliegenden Verbindungen. Die Verbindung liegt außen, typisch für das Weinstöckl. Weil es eine thermische Trennung geben soll, stellt jede Verbindung ein Problem dar. Die Trennung ist also von der Bautypologie übernommen. Es ist ein bisschen skaliert. Jeder, der Weinstöckl kennt, weiß, dass sie original kleiner und schmaler sind. Hier sind die Maße an die Wohnbedürfnisse der Klienten angepasst.

Von der Bautypologie ist das Haus also genau in die Gegend eingepasst.
Ja, auch der dreiseitig komplett vom Erdreich umschlossene Keller. Nur die Front, auf der der Eingang zum Keller ist, wo angeliefert wird und wo die Produktion stattfindet, ist offen. Auf dieser Seite, der Südseite, wurde versucht, den Keller mit Böschungen einzufassen.

Zum Thema der Regionalität: Österreichische Architektur und Vorarlberg wurden ja schon fast zu zwei untrennbaren Begriffen. Wiewohl es insgesamt große Auflockerung in der Architekturszene gibt, scheint doch viel Maßgebliches aus dem Westen zu kommen, gerade die stark an der Natur orientierte Bauweise. Wie ist Ihr Bezug dazu?
Vielleicht wird man unterbewusst infiltriert, wenn man mit dem Holzbau groß geworden ist? (Lacht) Während des Studiums habe ich immer beobachtet, was sich in Vorarlberg tut, und dort Praktika absolviert. Prinzipiell glaube ich, dass das Handwerk dort von einem gewissen Niveau beherrscht wird, das in Europa schwer zu überbieten ist. Was sich in Vorarlberger Zimmereibetrieben tut, hat traditionell eine hohe Qualität. Das war mir auch wichtig beim Burgenlandprojekt. Die Zimmerei ist ein Vorarlberger Betrieb (Zimmerei Berchtel), von dem ich schnell überzeugt war, dass er die Detaillösungen, die ich im Kopf hatte, auch umsetzen konnte. Dass man Mut zum Detail hat, dass nicht gestoppt, sondern mitgearbeitet wird. Dass man ein gemeinsames Projekt herstellt. Sie haben sofort verstanden, worum es geht. Was nicht heißen soll, dass es woanders in Österreich nicht auch tolle Betriebe gibt.

Obwohl Sie bei Ihrer Arbeit nicht auf „ökologisches Bauen“ verweisen, sieht man bereits an der Materialwahl diesen Akzent.
Natürlich ist beim Holzbau die Nachhaltigkeit bereits impliziert. Das war aber nicht der einzige Aspekt, warum ich Holz gewählt haben. Ein großer Vorteil bei Holz ist auch der mögliche Vorfertigungsgrad und die daraus resultierende Geschwindigkeit, mit der gebaut werden kann. Passivhaus und Niedrigenergiehaus sind heute mehr oder weniger gang und gäbe. Mit den Richtlinien des Energieausweises werden Standardwerte vorgegeben, die zu erreichen sind.

Wobei sich diese Richtlinien sicher bei einigen Großprojekten aus Glas und Stahl nicht anlegen lassen, da gelten Energieeffizienz und Bauökologie oft wenig.
Es gibt in diesem Bereich sicher Aufholbedarf. Im Geschoßwohnbau oder Bürobau steckt der Holzbau noch in den Kinderschuhen. Da ist noch viel mehr möglich. Momentan läuft oft Repräsentation gegen Nachhaltigkeit. Im Thema Einfamilien- oder Mehrfamilienhaus ist Nachhaltigkeit bereits so verankert, dass man gar nicht anders plant. Diese Selbstverständlichkeit gibt es bei den Großprojekten nicht immer.

Apropos Großprojekte: Gibt es denn ein Traumprojekt, das Sie sich schon vorgestellt haben, als Sie beschlossen haben, Architektin zu werden?
Ja, Museums- und Kulturbauten sind wahrscheinlich immer die Kirsche auf dem Kuchen. Alles, was mit Ausstellungen zu tun hat. Kulturbau an sich ist immer so etwas wie die Krone, weil man ein „Landmark“ schaffen kann, aber auf eine zurückhaltende Art und Weise. Da gibt es tolle Beispiele wie das Kunsthaus in Bregenz von Zumthor oder das Museum Leopold von Ortner+Ortner in Wien. Oder die Bauten von Libeskind. Das können ganz eigenständige Projekte mit einer großen Präsenz sein, die nicht immer unbedingt schreiend sein muss. Sie orientieren sich nicht hauptsächlich nach außen, sondern eher nach innen: Das bringt meist das Thema mit sich, dass man kein direkt einfallendes Licht hat. Das stelle ich mir als spannende Aufgabe vor. Es kann aber auch ein kleines Projekt zum Traumprojekt werden, wenn man mit den Bauherren auf einer Welle durch das gesamte Projekt durchschwimmt, Ideen umsetzen kann und Vertrauen erhält. Das hat nicht so sehr mit der Größe zu tun. Einfamilienhäuser sind zum Lernen sehr geeignet. Es freut mich sehr, dass es da so viel Anklang gibt, es gab sehr viele Anfragen. Ich freue mich darauf, Neues auszuprobieren. Beim Kellerstöckl war einiges neu, etwa dass man die Fassade auch komplett schließen kann – mit der Begleiterscheinung, dass beim Offenstehen der Läden Vordächer entstehen, die als Sonnenschutz gegen die sommerliche Überhitzung dienen.

Wie arbeiten Sie? Wie gehen Sie ans Projekt heran?
Ganz wichtig sind prinzipiell zunächst die Gegebenheiten vor Ort. Jedes Grundstück ist ja verschieden. Komplexe Grundstücke sind oft spannender, weil man den Baukörper entsprechend platzieren muss, damit sich eigene Formen ergeben. Ausrichtung und Umgebung, Bautypologien sind wichtig. Es ist nicht meine Philosophie, irgendwo ein Alien reinzusetzen, sondern Strukturen zu übernehmen und neu zu interpretieren. Die Baukultur des jeweiligen Ortes soll ablesbar sein. Die kann man durchaus als Parameter in der Planung mit einbeziehen.

Wie agiert man dann aber in Siedlungen, die bunt zusammengewürfelt erscheinen und verschiedenen Stilen folgen?
Man kann nicht immer davon ausgehen, dass es gewachsene Strukturen gibt, in denen man planen kann. Etwa in Siedlungsgebieten, die gerade erst neu gewidmet sind, wo eine Pultdach-Kiste nach der anderen entsteht. Wenn ein Grundstück komplexer ist, kann man sich Parameter aus Ausblicken und Orientierungen schaffen. Wenn es eine brettelebene Wiese in einem Siedlungsgebiet in öder Umgebung ist, würde ich vielleicht eher eine nach innen orientierte Bauform wählen wie zum Beispiel ein Hofhaus.

Gibt es bauliche oder persönliche Vorbilder?
Mir gefallen viele Projekte, oft sind es Projekte von Newcomern. In diversen Foren und Architekturblogs werden unzählige Büros vorgestellt, die aktuell tolle Sachen machen. Ich kann gar nicht sagen, in welcher Architekturphilosophie ich da drin­stecke. Ich gehe meinen Weg nach meinem eigenen Gefühl. Ich folge keiner bestimmten Schule oder Richtung.

Wobei ich finde, dass Ihre Verwendung von Materialien schon eine bestimmte Einstellung zeigt. Eine gewisse Ehrlichkeit vielleicht, dass man nicht behübschen will.
Grundsätzlich versuche ich mit möglichst wenigen Materialien zu arbeiten und nicht zu viel zu mixen. Ich versuche klar zu bleiben, nicht zu viele Baustoffe zu verwenden, Farben am liebsten gar nicht. Ich arbeite mit den Farben, die mir von der Natur, von der Materialität her zur Verfügung stehen. Der Wohnraum soll eine Hülle sein. Es soll ein Raum geschaffen werden, der sowieso durch Möblierung und persönliche Gegenstände, durch Bücher gefüllt wird. Da kommt noch so viel an Input. Da kann sich das Haus an sich ruhig zurücknehmen.

Es geht also um das Schaffen einer Struktur, die viel offenlässt, in der man sich wohlfühlt, und die man selbst gestalten kann.
Einfachheit ist teilweise sehr komplex. Das erwartet man ja gar nicht. Einfachheit ist schwierig zu denken. Das ist das Ziel.

Warum ist das schwierig?
Weil man sich selbst zurücknehmen muss. Man plant oft einmal drüber hinaus, überlegt tausend Varianten. Man muss sich dann selber disziplinieren und den Entwurf wieder „back to the basics“ führen. Es entsteht dann am Ende etwas sehr Zurückhaltendes, das simpel, aber als angenehm und schön empfunden werden kann. Wenn man sich zum Beispiel das Haus im Burgenland ansieht: Das ist im Prinzip das einfachste Haus der Welt. Wenn Sie einem Kind ein Blatt Papier geben und sagen: „Zeichne ein Haus“, dann sieht es mit großer Wahrscheinlichkeit genau so aus. Was den Leuten daran auch gefällt, ist, dass sie es sofort verstehen. Sie sehen dieses Haus und verstehen: Das ist ein Haus, das sich zumachen oder aufmachen lässt, hier ist ein Fenster, da eine Tür. Es ist simpel. Was nicht heißt, dass es in der Planung simpel ist.

Was würden Sie als das Spezifische bei Ihren Projekten bezeichnen?
Das Reduzierte. Schon der Entwurf soll reduziert und klar sein.

Oft assoziiert man ja mit sehr klaren und reduzierten Entwürfen etwas Kühles. Es sieht aber überhaupt nicht streng aus.
Die Wärme spielt im Wohnbau natürlich eine Rolle und hängt mit dem Holz und der Materialität zusammen. In anderen Bauaufgaben könnte der Entwurf schon um einiges strenger sein. Es hängt auch von der Umgebung ab, ob sie etwas Strenges verträgt. Das kann auch etwas teilweise in sich Gekehrtes, etwas Monolithisches sein. Auch vor so einer Bauaufgabe würde ich mich nicht fürchten.

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