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Juri Troy: Der Raum ist das Material

30.04.2007

Wenn Juri Troy über seine Bauten spricht, erzählt er vom „Modellieren“ der Raumvolumina und dem „Zusammenkneten“ unterschiedlicher Qualitäten. Warum? Als gelernter Steinmetz ist seine Architektur stark bestimmt vom Verständnis des Künstlers. Seine gebauten Räume sind bewohnbare Skulpturen, funktional optimiert. Mit Büros in Wien und Bregenz arbeitet er im produktiven Spannungsfeld zwischen ost und West. 

Gudrun Hausegger im Gespräch mit Juri Troy

Juri Troy: „Es gibt viele Architekten, die gute Konzepte machen, und viele, die gut bauen können. Es gibt aber wenige, die gute Konzepte auch umsetzen können.“

Wie kam es denn, dass du vom Beruf des Steinmetz zur Architektur übergewechselt bist?
Zugang zur Bildhauerei hatte ich von frühester Kindheit an über meinen Vater, der Steinmetz ist. Ich habe später auch die HTL für Hochbau mit der Idee absolviert, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Aber als ich mit 19 Jahren dann in den Betrieb eingestiegen bin, war alles nicht so, wie ich mir es vorgestellt habe.

Obwohl du den Betrieb ja gut kanntest.
Ja, trotz allem. Es war in dieser vordefinierten Struktur zu wenig Platz, um mich selbst zu verwirklichen, und der künstlerische Teil ist auch zu kurz gekommen. Diese Unzufriedenheit war dann der eigentliche Antrieb hin zur Architektur. Ich bin nach zwei Jahren Arbeit bei meinem Vater zu Helmut Kuess, einem der Vorarlberger Baukünstler, gewechselt, um die Arbeit in einem Architekturbüro auszuprobieren. Dort ist auch die Entscheidung zum Architekturstudium gefallen, denn ich war der Meinung, wenn ich bei der Architektur bleibe, dann mit einer ordentlichen Ausbildung. Ich begann an der Universität Innsbruck, wechselte danach an die Wiener Akademie.

Wieso gerade an die Akademie der Bildenden Künste?
Beim Vergleich zwischen der Angewandten und der Akademie reizte mich die Eigenverantwortung und die starke Auseinandersetzung mit den Professoren, die ein Studium auf der Akademie zu versprechen schien. Ich halte nichts von Klassen mit Großen Namen, die nur am Türschild zu finden sind.

Wie spielen der Bildhauer Juri Troy und der Architekt Juri Troy zusammen?
Mich reizt, beides in mir zu haben, ich denke aber natürlich beim Entwerfen nicht darüber nach. Mit Ratio kann man diese Teile nicht erklären. Ich suche auch generell meine Inspiration eher in anonymer Architektur oder architekturfremden Bereichen.

Hier kommen sicher deine zahlreichen Reisen ins Spiel.
Ja, die sind eine extreme Inspirationsquelle. Da habe ich genug Zeit, bestimmte Dinge zu sehen. Dinge, die oft nur ein bisschen anders sind als bei uns, aber schon eröffnet dies wieder ganz neue Möglichkeiten. Aber zurück zur Bildhauerei und zur Architektur: Ich glaube, dass die direkte Beziehung zwischen dem Arbeiten mit Stein, dem langsamen Modellieren, und der Architektur die ist, dass der Raum das Material ist. Die Hülle um den Stein herum entspricht dem Gebauten. Wenn ich einen Stein zu behauen beginne, ist er noch roh und grob, wenn ich ihn schleife, wird er glatt, und beim Polieren fängt er an zu glänzen. Dadurch bekommt die Oberfläche – die ich mit dem Gebauten in der Architektur vergleichen würde – unterschiedliche Eigenschaften und Wirkungen. Der Stein, die Skulptur, aber ist der Raum, der im Inneren eines Gebäudes steckt und der eigentlich geformt wird.

Kannst du diese Vorstellung in Bezug zu deinem Entwurfsprozess erklären.
Prinzipiell arbeite ich immer mit unterschiedlichen Materialien, sowohl bei den Modellen, als auch dann beim Bauen. Dabei ist es nicht wichtig, dass es Stein ist, denn es wird für jede Aufgabe das am besten geeignete Material gesucht. Die Materialien werden immer so verwendet, wie sie sind. Zum Beispiel beim „Grünen Haus“ wollten die Auftraggeber, eine Familie mit zwei Kindern, „ein Haus, das uns aushält“. Das ist übrigens das erste Haus, das in Zusammenarbeit mit meinem Partner Matthias Hein entstand, der unser Bregenzer Büro führt. Wir haben mit harten und weichen Flächen gearbeitet. Die Sichtbetonwände in den Räumen, die harten Flächen, wurden so belassen, wie sie betoniert wurden. Der Auftrag an die Handwerker lautete, so zu betonieren, wie sie es sonst auch immer tun, und anschließend nichts zu beschönigen. Ich halte solche Ideen immer vorab in Skizzen fest – wie eine Art Storyboard.

Die gute alte Tradition der Architekten­Skizzenbücher …
Ja, seit der Aufnahmearbeit an der Akademie führe ich diese Skizzenbücher, ich verwende seither übrigens immer die gleiche Marke und das gleiche Format. Meine Entwurfsmethode ist stark davon geprägt, möglichst viele Dinge zu sammeln, die für die jeweilige Aufgabe prägend sind und den Ort bestimmen. Dazu gehören auch die Vorgaben der Bauherren und jene der Aufgabe selbst. Und das dann alles zu sortieren und zusammenzukneten, um daraus den Raum zu formen. Bei der Umsetzung arbeite ich zuerst oft mit Modellen, die nur die Raumzusammenhänge darstellen. Für mich sind der Raumfluss und das dreidimensionale Modellieren des Raums wichtig. Ich versuche, immer sofort den Schnitt mitzudenken, und dabei sind Modelle und Materialien hilfreich, die sich nicht an orthogonale Grundsysteme halten. Das sehe ich auch als eine Anforderung an einen guten Architekten, dass er diese Zusammenhänge mitdenkt und erkennt. Aber es gibt viele Architekten, die gute Konzepte machen, und viele, die gut bauen können. Es gibt aber wenige, die gute Konzepte auch umsetzen können.

Du hast deine Ausbildung sowohl in Vorarlberg als auch in Wien erhalten. Du führst ein Büro in Wien und in Bregenz. Wie sehr fühlst du dich der langen Vorarlberger Tradition verpflichtet?
Natürlich wurde ich sehr von der Vorarlberger Tradition geprägt. Aber obwohl ich eine zeitlang starr in diesem sehr klar definierten „Muster“ gearbeitet habe, glaube ich schon, dass ich mich dann durch meine Ausbildung an der Universität Innsbruck und an der Wiener Akademie davon befreit habe. Vorarlberg ist für mich der Pol für den direkten Output, Wien hingegen hat für mich ein extrem großes Potenzial für den Input. Ich versuche, diese beiden Pole in meiner Arbeit so gut wie möglich zu verbinden.

Kannst du diesen Unterschied, den du da postulierst, genauer erläutern.
Wenn du zum Beispiel in Vorarlberg eine Bauaufgabe hast, dann gibt es nur das Ziel der Durchsetzung, und alle Beteiligten sind daran interessiert, wie man das so gut, so schnell und so präzise wie möglich tun kann. Hat man in Wien eine Bauaufgabe, dann arbeiten alle anderen dagegen. Wir arbeiten zurzeit an einem Schulprojekt in Vorarlberg, und das Thema dabei ist – auch vonseiten der Behörden –, wie bekommen wir die Schule so gut wie möglich hin, damit sich die Kinder wohl fühlen. Jedes Mittel ist recht, um das zu erzielen.

Wie würdest du diese positive Arbeitsatmosphäre begründen?
In Vorarlberg sind Bauprozesse nie anonym, die Leute kennen sich untereinander. Aber es hat auch mit einer Tradition zu tun, die beispielsweise bei den Handwerkern noch ganz stark zu spüren ist: Wenn man in Vorarlberg zu einem Handwerker geht, dann bekommt man bestimmt kein „das gibt es nicht“ zu hören. Es wird immer versucht, eine Lösung zu finden. Da gibt es auch noch so etwas wie eine Handschlagqualität. Die Leute wissen einfach, es geht nicht nur darum, was in den Vorbemerkungen zu einer Ausschreibung steht, sondern es geht darum, den Job gut zu machen, um zu einer guten Referenz zu kommen.

Wieso hast du dich trotz all dieser Vorteile entschieden, dich mit deinem Büro in Wien niederzulassen?
Der kritische Punkt ist – und das erklärt unter anderem, warum ich gerne in Wien bin: Trotz all der spannenden Entwicklungen hat die Vorarlberger Bauschule in den letzten Jahren begonnen, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Ein Großteil der Arbeiten ist nur noch Reproduktion von etwas, das schon funktioniert. Und das interessiert mich überhaupt nicht. Man darf sich nicht von dem, was man schon erreicht hat, einschränken lassen.

Wechseln wir zu einem Wiener Schauplatz, zur Wohnbebauung in der Auer­Welsbachstraße, die diesen März eröffnet wurde. Was war die besondere Herausforderung für dich bei diesem Wohnbau, der ja Teil einer größeren Gesamtanlage ist, die im Kollektiv mit Absolventen der Angewandten sowie der Bildenden entstanden ist?
Zunächst einmal war es sehr spannend, die unterschiedlichen Herangehensweisen der Vertreter der beiden Schulen zu beobachten. Die Angewandte hatte von Beginn an diese Grundidee, dass alle Häuser im ersten Stock stehen. Wir von der Bildenden sind eher von Grundtypologien und von der Ausrichtung der Wohnungen sowie von der Erschließung ausgegangen. Ich glaube aber auch, dass das Ergebnis dadurch so spannend geworden ist, weil viel Augenmerk auf die gemeinsam gestalteten Teile zwischen den Baukörpern gelegt wurde. Die einzelnen Baukörper sind nicht das Wesentliche, sondern viel eher die Art, wie sie aufeinander reagieren, und das, was wir dazwischen geschaffen haben.

Welchen Lösungsansatz hast du bei deinem Wohnblock verfolgt?
Es war meine erste Beschäftigung mit einem Mehrfamilienwohnbau. Ich wollte mit einem einfachen Grundschema arbeiten und entschied mich daher für einen Zweispänner mit eingeschobenem Stiegenhaus als Ausgangspunkt. Der wichtigste Punkt für mich war, alle Wohnungen so zu gestalten, dass sie etwas Individuelles haben und dass jede für sich eine ganz eigene Qualität hat. Das war auch nur möglich, weil es eine kleine Bauaufgabe war. Deshalb sah ich es als eine Art exemplarisches Vorexerzieren an, um zu zeigen, wie so etwas vor sich gehen könnte. Das war sozusagen mein Hauptanreiz bei dieser Bauaufgabe. Wichtig war mir auch das Verschieben des Baukörpers und der einzelnen Ebenen, so dass es möglich war, auf den Baukörper von Nicole David zu reagieren und beispielsweise überdachte Freibereiche für die unteren Wohnungen zu erzielen. Die Wohnungen selbst sind in diesem Konzept als einzelne Blöcke differenziert, die sich frei verschieben und ausdehnen lassen.

Spielt da dein „bildhauerischer“ Entwurfsansatz eine Rolle?
Ja, wenn man das so nennen will, schon. Auf alle Fälle bietet diese Lösung weitaus mehr Möglichkeiten, die einzelnen Grundrisse vielfältiger zu gestalten. Die Wohnungen konnten so ineinander verschränkt bzw. gegeneinander versetzt werden, dass sie sowohl von außen, als auch im Innenraum ablesbar und spürbar werden. So ergeben sich unterschiedliche Raumhöhen, bzw. in den Zwischenräumen kann Licht von oben einfallen. Die Wiener Bauordnung macht es zusätzlich möglich, dass man diese Volumen über die bebaubare Fläche vorzieht.

„Bewohnbare Skulptur“ fällt mir spontan dazu ein …
Aber genau in diesem „bewohnbar“ liegt wiederum der Unterschied zwischen Architektur und Bildhauerei – die Funktion. Und schlussendlich ist ja genau der Ausdruck von Funktion durch geformte Architektur wiederum eine eigene Funktion – vielleicht sogar die Wichtigste …

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