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© Cukrowicz Nachbaur© Cukrowicz Nachbaur© Cukrowicz Nachbaur© Hans-Joachim Wuthenow; www.wuthenow-photo.de

Kathedrale mit industriellem Charakter

23.11.2017

Das Bregenzer Büro Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT GmbH ist Sieger des Architektenwettbewerbs für das neue Konzerthaus in München. Zwei Tage lang entschieden 25 Preisrichter – unterstützt von zahlreichen Beratern und Sachverständigen aus verschiedensten Bereichen – über rund 31 eingereichte Entwürfe von Büros aus der ganzen Welt. Noch bis 26. November werden die Wettbewerbsarbeiten in der „White Box“ im Münchner Werksviertel ausgestellt.

„Es war eine schwierige Wahl für uns alle. Es sind starke Entwürfe dabei. Der Siegerentwurf hat die vielfältigen Ansprüche und Herausforderungen mit Überzeugung gelöst. Jetzt gehört zur weiteren Entwicklung eine überzeugende Ausarbeitung in Sachen Wirtschaftlichkeit, Akustik und die umfängliche Berücksichtigung der Ansprüche des Symphonieorchesters. Ich freue mich, dass wir damit nun die nächste Planungsphase in Angriff nehmen können“, so Innen- und Bauminister Bayerns Joachim Herrmann.

Vertraut und nahbar

Das ehemalige Werksviertel am Münchner Ostbahnhof soll mit dem neuen Konzerthaus zu einem neuen Stadtteil entwickelt werden, gleichzeitig jedoch einen Teil seines Gepräges erhalten. Inmitten einer komplizierten, inhomogenen Gemengelage aus verschiedenartigen Bestands- und Neubauten, sowie vielen Sprachen, Formen und Höhen, ist der Entwurf des Büros um Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur-Sturm als ordnendes Passstück zu verstehen. Prägnant, eigenständig und stark definiert die archaische Gebäudeform das umgebende Stadtbild und wirkt zugleich als eine vertraute Form. An ein großes Zelt, eine Werkshalle, einen Speicher, eine Markthalle oder gar eine Kathedrale kann das Münchner Konzerthaus je nach Blickwinkel und Distanz den Betrachter erinnern. Es ist eine offene Form, die als Ort der Musikproduktion und Möglichkeitsraum für Musizierende offen für verschiedene Nutzungen und Interpretationen ist. Das Haus für Musik besinnt sich auf sich selbst, wirkt eigenständig und tritt trotz seiner Höhenentwicklung nicht in eine Konkurrenzsituation zu den baulichen Hochpunkten des Quartiers. Es will seinem Inhalt und seiner Bedeutung gerecht werden und sucht gleichzeitig Ausgewogenheit im urbanen Ensemble. Aus der Ferne wirkt es durch die steilen Dachpartien wie eine Kathedrale, die sich mit ihrer Strahlkraft über die umliegende Dachlandschaft erhebt und so einen großen Wiedererkennungswert erlangt. Aus der Nähe betrachtet sorgt die geringe Höhe der Sockelpartie für eine einladende Wirkung. Bei der Materialwahl entschieden sich Cukrowicz Nachbaur für Glas, welches am besten den Bogen zwischen unterschiedlichsten Nutzungen, Inhalten und Ausdrucksweisen spannen konnte. Je nach Blickwinkel, Tageszeit und Witterung ändert das Gebäude so sein Erscheinungsbild. Um den Fußabdruck möglichst gering zu halten entstand dir Überlegung die Saalkörper übereinander zu stapeln und dadurch das Haus in die Höhe zu entwickeln. Die Funktionen im Sockelbereich leisten einen Beitrag an diese Umgebung, die zurückweichenden steilen Fassadenflächen kommunizieren mit der Stadt. Mehrere Eingänge im Erdgeschoß bieten Zugang zu unterschiedlichen Nutzungsbereichen und können als erweiterte Stadträume verstanden werden. Durch die Öffnung in alle Himmelsrichtungen wird das Entstehen einer Rückseite vermieden und eine rege Wechselwirkung mit der Umgebung unterstützt.

Klassische Klangraumtypologie

Ein horizontales Gliederungsprinzip folgend, sind die großen Volumina der Saalkörper mittig positioniert und bilden übereinander liegend das Herz des Hauses. Durch die klare Trennung in drei Zonen – Foyer, Saal, Backstage – entsteht das einfache Strukturgebilde eines Ringsystems mit Kern- und Mantelzone. Ein einfaches Ordnungsprinzip mit eindeutiger Wegeführung und klaren Sichtbeziehungen sorgt für eine gute Orientierung und Übersichtlichkeit. Wie ein menschliches Organ im schützenden Körper schwebt der große Konzertsaal im Zentrum des Konzerthauses. Auf der Grundtypologie des Rechtecksaales basierend orientiert er sich dabei an historischen Vorbildern wie dem großen Konzertsaal des Wiener Musikvereins, dem Concertgebouw in Amsterdam oder der Symphony Hall in Boston. Kompakt in Form und mit hervorragenden akustischen Eigenschaften ausgestattet bietet der große Saal Raum für bis zu 1920 Zuschauer. Der in der Erdgeschoßzone angesiedelte kleine Saal weist ebenfalls eine ideale Akustik auf und ermöglicht eine völlig flexible Bespielbarkeit des Raumvolumens, wobei er bis zu 900 Personen fassen kann.

 

Cukrowicz Nachbaur ging es in ihrem Entwurf darum, nicht nur ein ordnendes Element für den Ort zu schaffen, sondern auch einen neuen Knotenpunkt im Netz der Grünachsen und Freibereiche der Umgebung zu schaffen und dadurch einen Mehrwert im Außenraum. 2018 soll der Bau für das neue Konzerthaus beginnen.

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