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KLK: Geburtshelfer der Möglichkeiten

13.09.2018

Zum ersten Mal hat BÜRO KLK einen Standort in einem Obergeschoß – bislang war man in Gassenlokalen beheimatet. Das Büro ist mit Jonathan Lutter (JL) und Christian Knapp (CK) nun einesteils in der Schanzstraße anzutreffen, das gemeinsam gegründete Hotel leitet Theresia Kohlmayr (TK) in der Favoriten­straße ansässig. Zum Gespräch treffen wir uns im neuen Büro und werfen anschließend von der Dachterrasse einen Panorama-Blick auf die Stadt und Schönbrunn. 

Susanne Karr im Gespräch mit Theresia Kohlmayr, Jonathan Lutter und Christian Knapp

Büro KLK: "Wir sind weniger Ikonenhafte Planer als Stadt-Gestalter. Unsere Arbeit muss ein Bild ergeben, eine Geschichte."

In einem Statement zum Büro sprechen Sie von „systemischem Design“ – was verstehen Sie darunter?
(CK): Da geht es zunächst um ein Verständnis unserer Sparte. Die Systemik ist in der Wissenschaft ja eine relativ junge Disziplin, in der Psychologie ist sie etwa schon sehr verbreitet. Es geht immer darum, Zusammenhänge zu verstehen und Lösungswege zu finden. Unsere ursprüngliche Tätigkeit als reine Planer erweitern wir, wir kümmern uns auch um einen Businessplan, das Set-up oder den Vertrieb von Hotelzimmern – das sind alles Themen, mit denen sich Architekten normalerweise nicht auseinandersetzen. Die Systemik beschäftigt sich mit dem Zusammenhang verschiedener Kontexte.

Also auch den Beziehungen zwischen den Sparten?
(CK): Ja, ganz wichtig ist bei uns die Interdisziplinarität, unter dem Schlagwort „Collaboration“ zusammengefasst. Mit verschiedenen Teams, unterschiedlichen Expertisen kann man viele Pro­bleme lösen.

Wie sind Sie zu diesem Ansatz gekommen?
(JL): Wir haben uns an der Uni kennengelernt, an der Architekturgeschichte/-theorie. Zu Beginn unserer Tätigkeit haben wir uns weniger mit Architektur beschäftigt, sondern mit Stadt und Umgebung und sind aus diesem Blickwinkel zur Architektur gekommen, mit der Frage: Wie sehen wir Architektur? Was ist Architektur? Zunächst haben wir uns mit der kleinsten Einheit beschäftigt, die war unser Grätzl. Die Wirtschaftskrisensituation 2008, die Zeit, als wir uns selbständig gemacht haben, hat uns sehr stark geprägt. Wir hatten seit der Gründung des Büros das Gefühl, wir müssten etwas reparieren. Es ging weniger um die Frage, was reparieren, sondern da war eher dieser emotionale Grundgedanke. Wir haben uns in der Stadt umgesehen und entdeckt, dass es sehr viel Leerstand gab, vor allem bei den Gassenlokalen – und wir wollten darauf gerne eine Antwort geben, ein Beispiel zeigen, wie man damit umgehen kann. Daraus ist das Grätzl-Hotel entstanden und auch die Betonküche. Es gab mehrere Interventionen. Deswegen vielleicht auch „systemisch“, weil wir uns da an die Architektur herangehantelt, nicht gleich mit einer Form begonnen haben, sondern erst einmal mit Funktionen.

Also erst einmal die Situation analysiert und Lösungen gesucht ...
... ja, es war ein weiter Weg zur Architektur. (lacht)

Wie verlief die Entwicklung des Grätzl-Hotels?
(TK):
2011 haben wir in einem ehemaligen Schneideratelier in der Theresianumgasse den Prototypen eröffnet. Bis es baurechtlich, wirtschaftlich und von der Konzession her funktioniert hat, hat es etwas gedauert, Wir haben uns zuerst einiges Wissen aneignen müssen. Ich selbst bin in einem Hotel aufgewachsen und habe das Hotelgeschäft hautnah miterlebt. Überhaupt kommen wir alle drei aus Unternehmerfamilien, was den Schritt in die Selbständigkeit erleichtert hat, weil wir von zu Hause ermutigt wurden. Der Prototyp des Grätzl-Hotels hat große Aufmerksamkeit erregt und ist sehr gut angenommen worden, weil wir einerseits die städtebauliche Situation mit dem Leerstand behandelt, andererseits die neue Form des Individualtourismus gefördert haben – Airb’n’b war gerade ein Jahr vorher gegründet worden. Da gab es die Plattform, auf der man sich mit nur einem Zimmer sehr gut vermarkten kann. Wir haben genau überlegen müssen, ob wir das weiterentwickeln wollen oder das Konzept an Hotelentwickler verkaufen. Wir haben uns entschieden, es selbst weiter zu betreiben und eine Hotelbetreibergesellschaft gegründet. Seit 2015 haben wir treibende Kräfte in der Stadt gefunden, mit Urbanauts Hospitality den Rollout gemacht und mittlerweile betreiben wir vier Standorte in Wien sowie mit der „Etagerie“ Apartments zum  Wohnen auf Zeit. Aktuell haben wir 46 Einheiten und seit 1. August elf Mitarbeiter. Ich bin 2015 als Geschäftsführerin vom Büro KLK in das Hotel gewechselt und betreibe dieses seit drei Jahren ausschließlich.

Wie erleben Sie, da Sie selbst aus einer Hoteliersfamilie stammen, die Veränderungen in diesem Bereich?
(TK):
Ohne den Austausch mit Christian und Jonathan während des Studiums wäre ein solches Konzept nie entstanden. Ich glaube, Innovatives kommt oft von Quereinsteigern, nicht von klassischen Hoteliers. In Österreich ist die Hotelindustrie zu 80 Prozent sehr verschlafen und wenig innovativ. Da können Hotel-Hacker wie Jonathan und Christian viel zur Veränderung beitragen.

Wie gehen Sie da vor? Geht es, wie beim Hotel Altstadt, darum, Altes zu bewahren, aber trotzdem Neues zu schaffen?
(JL):
Definitiv. Wir haben mit unserer Hotel-Idee sehr viel Aufmerksamkeit erhalten. Wir wollten ein Produkt schaffen, und letztendlich mussten wir es dann auch selbst organisieren. Wir galten als sehr innovativ, und das ist ja eine wichtige Eigenschaft in der Architektur, auch wenn unser Motiv nicht war, unbedingt innovativ zu sein. Aber dieser Ruf hat uns einige Aufträge eingebracht. Wir wurden aufgrund unseres Wissens im Bereich der Hospitality angesprochen, etwa für das Mochi. Man wusste, dass wir diese Strukturen kennen – um noch einmal auf das Systemische zurückzukommen.

Wie kann man bei einem alteingesessenen Medium wie der Bar etwas Innovatives schaffen – wie sind Sie an die Krypt Bar herangegangen?
(CK):
Wir müssen nicht immer innovativ sein. Das ist zwar heute so ein Trend, aber wir können einfach auch gute und nachhaltige Dinge planen und abliefern. Es gibt Rahmen-Parameter: Die Krypt Bar liegt in einem geschützten Gebäude, es gilt mit den technischen Voraussetzungen und den Betreibern, die gewisse Vorstellungen und Wünsche haben, zu arbeiten. Es fließt alles zusammen. In der logischen Konsequenz der Bedingungen entstehen dann die Gestaltungsideen.
(JL): Wichtig ist, dass man die Rahmenbedingungen und das Potenzial erkennt. Vielleicht ist es gar nicht so sehr die Innovation. Wir hatten auch Glück mit dem Raum – da kommt man hinein und sagt „Wow!“ Die Kunst des Designers ist gefordert, das nicht kaputt zu machen. Es ist eigentlich eine große Aufgabe, das eigene Ego zurückzustellen und zu sagen: Da ist schon so viel, lassen wir die Qualität stehen und unterstreichen sie. Das haben wir auch bei den Gassenlokalen gemacht. Wir sehen Gassenlokale als attraktive Zone an, die wir unterstreichen. Wir sehen uns als Geburts-
helfer. Oft geht es um den Genius Loci: Wir erkennen, was der Ort braucht. Wir sind weniger ikonenhafte Planer als Stadt-Gestalter. Unsere Arbeit muss ein Bild ergeben, eine Geschichte.

Als deren Teil man sich empfindet, nicht sich selbst inszeniert.
(JL):
Ja, für mein Gefühl geht das Ikonenhafte stark zurück. In der jüngeren Generation geht es mehr um Kooperation, Vernetzung. Es geht nicht mehr allein. Und in Wirklichkeit ging es auch nie allein.

Wirkt sich dieses veränderte Gefühl auch auf die Hotels aus? Worum geht es heute? Immer noch klassisch um das Übernachten, Unterkunft, Rückzug?
(TK):
Das Wichtigste ist immer das Bett. Früher war ein Hotel Dreh- und Angelpunkt. Heute sind die Gäste schon vorab informiert, es ändert sich also, was der Tourist erwartet. Unsere Generation als Gast sucht mehr Authentizität. Viele sind schon weit gereist, vor allem Städtetourismus ist stark. Man will vom standardisierten Produkt weg und sich mit dem Genius Loci identifizieren. Wir geben also die Basis der Übernachtung mit individuellen Hotelzimmern und vernetzen den Gast mit der Nachbarschaft, mit umliegenden Geschäften, informieren über Orte zum Verweilen und Einkehren. So übernehmen wir den sozialen Part, der früher eine Ansprechperson im Hotel war. Man hat dann ein eigenes Wien-Erlebnis, ist nicht getaktet wie in üblichen Hotels mit Frühstückszeiten, Check-In etc.
(CK): Das Wegnehmen dieser überdesignten Service-Prozesse ermöglicht wieder eigene, individuelle Erlebnisse. 

Wie findet man die passende Nutzung, etwa für ein Hotel? Wie geht man denn an das Thema Zwischennutzung heran? 
(JL):
Abhängig von wo man beginnt. Das Büro KLK ist von der Stadt Wien beauftragt, die Zwischennutzungssagentur mitzuführen. Da sieht man das Thema Leerstand aus einem größeren Kontext, man eruiert größere Flächenanteile als etwa jene, wenn wir Gassenlokale neu bespielen. Ob man im 4. Bezirk beim Hauptbahnhof beginnt oder im 21. Bezirk, mit den leeren Fabriksflächen ändern sich auch die Konzepte. An das urbane Stadtleben angebunden ist ein Hotel eine nette Sache, hier aber steht eher die Nachnutzung im Mittelpunkt. Bei anderen Projekten können Zwischennutzungen besser geeignet sein.

Warum ist ein temporäres Konzept besser als ein langfristigeres?
(CK):
Kommt darauf an. Etwa in einem Gründerzeithaus, wo etwa ein Schuster keine Nachfolge finden kann, braucht man etwas Neues, Langfristiges. Man muss auch bedenken: Zwischennutzung ist ein Trendbegriff. Eigentlich gibt es sie schon lang – bei Veranstaltungen zum Beispiel. Jedes Event, jeder Zirkus ist eine temporäre Nutzung. Büroflächen, die sich gerade in der Konversion befinden, eignen sich kurzfristig für Start-ups, Fabrikshallen, die umgewidmet werden, eignen sich für Künstler-Ateliers, weil da oft größere Flächen benötigt werden. Es geht darum, Raum im städtischen Kontext als Ressource zu begreifen, neben Luft und Wasser. Es gibt viel Nachfrage nach leistbarem Raum. Die Vorteile der Zwischennutzung sind vielfältig: Das Gebäude verfällt nicht, steht nicht unbeaufsichtigt herum, es kann so weit gehen, dass es zur Adresse wird und nicht in Vergessenheit gerät.
(TK): Bei den Geschäftslokalen hat man ja eigentlich seit 50 Jahren nicht darauf geachtet, dass da kostbarer innerstädtischer Raum brachliegt. Bei der 2011 veröffentlichten Studie „Perspektive Erdgeschoss“ und beim Stadtentwicklungsplan durften wir als Praxisbeispiel teilhaben. 

Es gibt aber auch immer wieder Lagen, an denen sich nichts lange hält.
(TK):
Leerstand ist ein Thema, bei dem wir erst am Anfang stehen, beispielsweise wenn man sich die Entwicklung mancher Einkaufszentren ansieht, die überhaupt nicht funktionieren. Es wird noch viel Nachdenken notwendig sein, um zu verstehen, was das für die Zukunft bedeutet – wohin wir gehen, ob wir anfangen wollen zurückzubauen, wie es teilweise in Ostdeutschland schon passiert. Es geht um große Fragen, wie wir leben wollen. 

Wie schätzen Sie das Verhältnis ungenutzter Flächen zur Nachfrage?
(CK):
In Wien wird das Smart-City-Konzept angewandt, man kümmert sich sehr bewusst um Lösungen, die vielleicht auch außergewöhnlich sind, Thema Start-up und Zwischennutzung. Es werden viele Versuche seitens der Stadt unternommen, diese Aufgaben anzugehen. Künstler, Kulturschaffende und soziale Initiativen sind stark auf günstigen Raum angewiesen, und da gelingt es recht gut, Räume aufzutun. Für architektonische Planung ist die Beschäftigung mit Leerstand interessant, denn man lernt, Räume zu entwerfen, die nicht nur für eine bestimmte Nutzung taugen. Anders als in den individuell maßgeschneiderten Wohnungen, die dann etwa nur für diese Nutzung adäquat sind.

Welche Projekte sind Ihre nächsten?
(JL):
Wie arbeiten gerade am Thema Strukturen gemeinsam mit dem Architekten Heinz ­Lutter und auch innerhalb des Büros. Es geht um Zusammenhänge, um Prozesse, um das Ausprobieren von Ideen. Wir wollen weiterhin Projekte mit Leidenschaft auch in größerem Maßstab umsetzen.
(CK): Wir sind nicht angetreten, um effektvoll Aufmerksamkeit zu erhaschen. Wir gehen erst dann an die Öffentlichkeit, wenn wir glauben, ­einen relevanten Beitrag parat zu haben.

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