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Know-how-Transfer ins Reich der Mitte

14.05.2012

Passiv- und Niedrigenergiehäuser sind heiß begehrt – nicht nur in Österreich, sondern auch in Fernost: Mit der Errichtung von Österreichs höchstem Passivwohnhaus stellten Klaus Duda und Erik Testor unbewusst auch die Weichen für den Sprung ins internationale Architekturbusiness. In einem ersten Schritt soll nun über ein Green-Building-Team – samt Aus- und Weiterbildungsakademie – energieeffizientes Planungs-Know-how nach China exportiert werden.

Aktuell sind es gleich mehrere heiße Eisen, die das Green-Building-Team rund um Klaus Duda und Erik Testor, Geschäftsführer von Duda, Testor. Architektur ZT GmbH, kurz DTA, in China im Feuer hat. Da wäre beispielsweise der Masterplan für die energetisch optimierte „Butterfly City“, ein Wohn-, Büro- und Gewerbebezirk mit einer Bruttogeschoßfläche von rund 230.000 Quadratmetern in Minquan. Oder das Konzept der „City for elderly people“ in Shangli, wo ebenfalls ein ganzer Stadtteil nach ökologischen und energetisch nachhaltigen Gesichtspunkten errichtet werden soll, der sich darüber hinaus vor allem an den Bedürfnissen einer durchwegs älteren Bevölkerungsschicht orientiert. Und zu guter Letzt gibt es auch noch den Entwurf für ein neues Laborgebäude der Universität in Nanchang.

Ausgestattet mit allerlei Passivhaustechnologie könnte dies ein Prototyp für energieeffizientes Bauen in China werden, der auch inhaltlich der Wissensvermittlung bzw. der Aus- und Weiterbildung in puncto energieoptimiertes Planen und Bauen dienen soll.
Schon seit dem gemeinsamen Studium und auch bei der Bürogründung von Duda Testor Architektur (DTA) im Jahr 2003 war es das erklärte Ziel der beiden Planer, mit ihrem architektonischen Schaffen auch ein Stück weit die Welt zu verbessern.

Daher rührt die offenkundige Bereitschaft, ihr Wissen und ihre Erfahrungen in der Planung und Errichtung von Niedrigenergiegebäuden, Passivhäusern oder Green Buildings mit Kollegen aus aller Welt zu teilen, und somit auch der eindeutige planerische Schwerpunkt auf ökologische, energieeffiziente Baukonzepte und Bautechniken. Ihr Fokus liegt dabei niemals nur auf dem architektonischen Einzelobjekt, sondern immer auch auf der übergeordneten städtebaulichen Komponente, die einen wesentlichen und in der Regel auch ablesbaren Einfluss auf all ihre Entwürfe und Projekte hat.

Der Schritt ins Ausland war ein langgehegter Traum. Dass es ausgerechnet China wurde, ist mehr dem Zufall als einer strategischen unternehmerischen Entscheidung zu verdanken. Mit der Fertigstellung ihres achtgeschoßigen Mehrfamilienwohnhauses in der Wiener Leopoldstadt sorgten die Architekten im Jahr 2009 für Aufmerksamkeit. Auf den ersten Blick ein Wohnhaus wie viele andere, errichteten Duda Testor in der Jungstraße damals Österreichs höchstes Passivhaus. Im Rahmen des Besuchs einer chinesischen Delegation kam das neuerrichtete Gebäude auch zu internationaler Anerkennung. Das für chinesische Vorstellungen fast unvorstellbar sparsame Bauwerk stieß bei den Besuchern auf höchstes Interesse und erzeugte große Neugierde an der innovativen Bautechnik.

Knapp zwei Monate später stand dann auch schon die nächste Delegation aus der chinesischen Provinzgroßstadt Nanchang vor den Ateliertüren von DTA. Kurz darauf wurden Duda und Testor von der Universität Nanchang und der Stadtverwaltung Hangzhou eingeladen, nach China zu fliegen. „Wir haben uns damals noch keine großen Gedanken über mögliche Aufträge gemacht. Wir wollten einfach sehen, wie in China mit dem Thema Energiesparen, ökologisches Bauen und dergleichen umgegangen wird und ob überhaupt der Bedarf bzw. ein Interesse an energieeffizienter Architektur oder Green Buidings besteht. Und wir waren überrascht, wie groß das Interesse an innovativen Bautechniken mit geringem Energieverbrauch tatsächlich ist“, erinnert sich Testor.


Schrittweise zu mehr Energieeffizienz

Mit rund 1,34 Milliarden Einwohnern ist die Volksrepublik China das bevölkerungsreichste Land der Erde. Die rasante wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre hat zu einem sprunghaften Anstieg des Energieverbrauchs sowie zu einer drastischen Erhöhung der Kohlendioxidemissionen geführt – und ein Ende ist nicht absehbar. Schon jetzt zählt der flächengrößte Staat Ostasiens zu den Klimasündern ersten Ranges. Obwohl der CO2-Ausstoß pro Kopf immer noch weit hinter den USA, Kanada oder Australien liegt, ist China in absoluten Zahlen weltweit der größte Kohlendioxid-Emittent. Laut dem im vergangenen Jahr verabschiedeten Fünfjahresplan soll jedoch die gesamte Wirtschaft auf kohlenstoffarme Produktion umgestellt werden. Zusätzlich will der Nationale Volkskongress im Rahmen der Fünfjahresplanjung aber auch zahlreiche Städte und Regionen modellhaft entwickeln. Diese sollen sich einerseits durch einen geringen Energieverbrauch und auf der anderen Seite damit auch durch einen ebenso niedrigen CO2-Ausstoß auszeichnen.

Ein hochgestecktes Ziel, das ohne den Import von westlichem bzw. europäischen Planungs- und Bau-Know-how kaum erreichbar erscheint. Der politische Wille zu einem schonenden Umgang mit endlichen Ressourcen scheint also vorhanden zu sein. „Auch aufseiten der privaten Investoren gibt es ein reges Interesse an energiesparendem Bauen, an der Passivhaustechnologie oder am Green Building, selbst wenn nicht immer ganz genau klar ist, was das eigentlich sein soll“, so Duda.

Im Vorfeld der Weltausstellung in Schanghai im Jahr 2010 erstellten DTA gemeinsam mit dem Austrian Institute of Technology (AIT) eine Studie zum Thema „Bauen im chinesischen Raum“. Auftraggeber war das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (bmvit). Die Ergebnisse der Studie wurden im Rahmen der Expo einem breiten Publikum präsentiert. Daraus entstanden zahlreiche Kontakte zu öffentlichen Behörden, Forschungseinrichtungen und Universitäten sowie privaten Bauträgern in China. Und es entwickelte sich eine rege wechselseitige Besuchstätigkeit.

Chinesische Stadtplaner, Bauträger oder Mitarbeiter der Baubehörden besichtigen österreichische Vorzeigeprojekte. Die Architekten ihrerseits reisten mittlerweile gut ein Dutzend Mal nach Chengdu, Nanchang, Schanghai, Beijing, sowie weiteren 10 Städten, um sich einen möglichst umfassenden Eindruck davon zu verschaffen, wie man in China baut. „Wir sind aber noch Jahre davon entfernt, alle Abläufe und Zusammenhänge beim Planen und Bauen in China zu verstehen“, lautet das Fazit von Duda und Testor. Deshalb übersiedelte Anfang dieses Jahres mit Yin Peng auch eine fixe Mitarbeiterin von DTA nach China die das Green-Building-Team nun vor Ort vertritt.


Gebündeltes Wissen

In Form einer losen Arbeitsgemeinschaft gehören dem Green-Building-Team aufseiten der Planung neben DTA auch das Wiener Architekturbüro Soyka/Silber/Soyka an. Für die technische Gebäudeausrüstung konnten Allplan und die iC Consulenten gewonnen werden, während Schöberl & Pöll sowie das Büro von Roland Müller für Statik und Bauphysik zur Verfügung stehen oder sich Nikolaus Thaller als Experte für Qualitätsstandards und Zertifizierungsfragen der Arbeitsgemeinschaft angeschlossen hat. Neu im Team sind seit kurzem auch Fröhlich & Locher, ein Statikbüro, sowie die Landschaftsplanerin Carla Lo, die bereits früher Erfahrungen in China sammeln konnte.

Als Experten- bzw. Konsulententeam bündeln die insgesamt neun Unternehmen ihr Wissen und ihre Erfahrungen im Bereich des energieeffizienten Planens und Bauens und bringen es zusammen auf insgesamt rund 250 Mitarbeiter – eine Anzahl an Beschäftigten, die notwendig ist, um in China überhaupt als ernstzunehmender Partner zu gelten. „Planungsbüros mit rund 1.000 Mitarbeitern sind in China eher die Regel als die Ausnahme. Wenn man in diesem Markt reüssieren will, muss man also auch über eine gewisse Größe verfügen. Zudem wird die Planung in China eher wie eine Generalunternehmerleistung verstanden, die neben der Architektur auch die gesamte Statik, Haustechnik, Bauphysik usw. aus einer Hand beinhaltet“, erklärt Klaus Duda.

Derzeit steht der Verbreitung von Green Building oder Passivhaus in China aber noch der Mangel an geeigneten Baumaterialien im Weg. „Die Industrie ist augenblicklich noch nicht in der Lage, dem Markt die entsprechenden Produkte in großem Umfang zur Verfügung zu stellen“, wissen Duda und Testor zu berichten. Und auch im Bereich der Planung herrscht in Bezug auf energiesparende Bautechnologien noch ein großes Wissensdefizit. Die von DTA initiierte Green Building Academy soll hier Aufklärungsarbeit leisten. Rund 20 chinesische Delegationen waren in den vergangenen zweieinhalb Jahren bei Duda und Testor in Wien zu Gast, um sich über das Thema energieeffizientes Planen und Bauen zu informieren. Neben Architekten zählen auch Behördenvertreter oder Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung immer wieder zu den Teilnehmern ebenso wie Privatinvestoren oder wissenschaftliche Mitarbeiter an verschiedenen chinesischen Universitäten. „Es geht uns darum, die Technologie zu verbreiten. Einerseits weil wir glauben, dass man so einen wesentlichen Beitrag zur Klima- und Umweltpolitik leisten kann.

Auf der anderen Seite aber natürlich auch aus einer rein unternehmerischen Überlegung heraus. Je mehr die Technologie Verbreitung findet, umso mehr ist auch unser Know-how gefragt. Wir sind da sehr freizügig – in der Hoffnung, dass sich damit auch für uns die Situation vereinfacht.“ Geplant sind organisierte Studienreisen sowie ein umfassendes Aus- und Weiterbildungsangebot. Dabei stehen nicht nur die planerischen Aspekte im Mittelpunkt, sondern ebenso auch Themen wie Förderungen, Qualitätsstandards oder Zertifizierungsinstrumente. Duda dazu: „Man muss versuchen den Wissenstand in allen Bereichen zu heben – von den Planern über die Verwaltung, die Baubehörden bis hin zu den Investoren und letztlich auch zu den Handwerkern, die eine gewisse bauliche Qualität garantieren müssen.“

 

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