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Lärmw Ä/E nde

22.06.2018

Die Lärmbelastung steigt, vor allem in den Städten. Wir sind rund um die Uhr von Lärm umgeben. Angesichts dieser steigenden Belastung spielt das Thema der Lärmvermeidung auch im Bauwesen eine immer größere Rolle. Lärm kann durch seine Struktur störend, belastend und letztlich auch gesundheitsschädigend auf seine Umwelt wirken. Lärmverschmutzung, insbesondere durch Verkehrslärm, zählt nach der Luftverschmutzung zu den schädlichsten Umwelteinflüssen überhaupt. In Zeiten von erhöhtem Bauaufkommen ist eine intelligente Raumplanung unumgänglich. Dabei geht es um weit mehr als um Messwerte. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Lärmbekämpfung steht mittlerweile bereits in zahlreichen Disziplinen auf der Agenda. 

Die Podiumsdiskussion thematisierte, wie Lärmentwicklung reduziert bzw. vermieden werden kann und Ruhezonen gezielt geplant werden können. Außerdem fand eine Bestimmung der gravierendsten Lärm-Quellen in Verbindung mit Bau und Mobilität statt. 

Frau Ursula Schneider (pos architekten), Vorsitzende des Ausschusses für Nachhaltigkeit, brachte den Zusammenhang zwischen den Klimazielen und Lärm zur Eröffnung kurz auf den Punkt: Einfamilienhäuser mit ihren hohen Klimafolgewirkungen würden in erster Linie von Menschen gebaut, die sich nach Ruhe sehnen und deutete damit bereits die hochemotionale Thematik an.

Die Moderation übernahm die Landschaftsarchitektin Stephanie Drlik. Wie kann man sich ein lärmbefreites Österreich vorstellen, wurde zum erklärten Ziel des Abends. Zu diesem Thema diskutierten Vertreter aus den Bereichen Politik, Verkehr, Schallforschung und Lärmschutz. 

Lärmschutzwände

Zu Beginn sprach Alexander Walcher, Asfina Bau Management GmbH, aus der Perspektive des Verursachers, räumte aber auch gleich mit einigen Mythen auf. Der Vorwurf, dass unnötige Lärmschutzwände zur Förderung der Bauindustrie errichten werden, wurde von ihm sogleich entkräftet. Das Unternehmen nimmt seine gesellschaftliche Verantwortung sehr ernst und fordert gleiches aber auch von der Politik ein.
Der Anrainer möchte einerseits möglichst wenig hören, der Nutzer wiederum möglichst viel sehen. Die Länge der Lärmschutzwand hänge nicht nur von der Größe des geschützten Bereichs ab, sondern habe auch politische Gründe. 1999 wurde der gesetzlich festgelegte Dezibel-Grenzwert von Minister Johann Farnleitner (ÖVP) um ganze 5 dB verringert.

Im Vergleich: Die Verringerung des Verkehrs um die Hälfte entspricht 3 dB. Dieser Wert ist im internationalen Vergleich besonders niedrig. Das ist auch ein Grund, warum es in Deutschland weniger Lärmschutzwände gibt. Auch was den Vorwurf der willkürlichen Gestaltung angeht, verteidigte Walcher ihr Vorgehen. Man versuche bewusst auf die Umgebung einzugehen.
Zudem ist der aktive und den passive Lärmschutz angesprochen worden, in den ebenfalls investiert würde, denn schutzbedürftig sind nur Häuser, die vor dem 1.1.1996 gebaut wurden. Neubauten müssen somit bereits beim Bau den Anforderungen des Lärmschutzes gerecht werden.

Lärmbelästigung

Einblicke in die Tätigkeit eines Ziviltechnikers gab Christian Kirisits (ZT-Büro für Akustik, Lärmschutz und Medizinische Physik). Die Herausforderung bestünde darin, die Bereiche Wahrnehmung (akustische Gestaltung), Zumutbarkeit (Belästigung) und Gesundheit (Grenzwerte) zu vereinen. Einen Lärmindex zu ermitteln wäre gar nicht so einfach. Uhrzeit, Häufigkeit, Dauer und Belästigungswirkung sind nur einige der Faktoren. Alleine in Österreich sind 2018 in den Ballungsräumen 1.121.500 Personen einer Lärmbelästigung über 65 dB durch Straßenverkehr ausgesetzt gewesen. Im Vergleich: In ganz Europa waren es 2014 mehr als 37 Millionen.

Wichtig ist aber auch zu wissen, wie belästigend der Lärm ist und wieviel Hochbelästigte sich ein Staat leisten möchte; eine durchaus politische Frage. Was die WHO als gesund ansieht (körperliches, geistiges und soziales Wohlergehen) entspricht noch lange nicht der Sicht des Gesetzgebers (Fehlen von Krankheit und Gebrechen). Unklar seien unsere Grenzwerte auch im internationalen Vergleich. Der Spezialist für Akustik und Lärmschutz sprach sich für eine längerfristige Flächenwidmungsplanung, eine klare Prioritätenreihung und objektive wissenschaftliche Kriterien aus.

Lärm ein unerwünschter Schall 

Für Bernhard Laback (Institut für Schallforschung, Österreichische Akademie der Wissenschaften) ist Lärm zunächst einmal unerwünschter Schall. Auch für ihn sind es nicht nur Pegelwerte. Und dieser Lärm ist zum Großteil ein menschengemachtes Problem. Natürliche Lärmquellen sind meist weniger störend.

Er unterschied lieber aurale (direkte Auswirkung auf Hörapparat) und extraurale Wirkungen von Lärm (Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem, was zu chronischen Krankheiten führen kann, Orientierung, kognitive Leistung und psychologische Wirkung). Allgemein ist ein Rückgang von berufsbedingter Lärmschwerhörigkeit bei gleichzeitiger Zunahme von Lärmemissionen (Straße, Schiene, Flug, Industrie) zu verzeichnen. Aber wir sind nicht nur in der Arbeit, sondern auch in der Freizeit und im Schlaf, wo kein Schutz außer Grenzwerte gegeben ist, mit Lärm konfrontiert.

Das Potential liege bei technischen Maßnahmen, zum Beispiel eine fahrende Dämpfungshaube bei Zügen. Im Bereich der gesetzlichen Rahmenbedingungen schlug er ein lärmbasiertes Steuersystem vor. Solange Auspuffklappen, die  die Messung bei Motorrädern beeinflussen, legal sind, würde das Problem nicht ernst genommen, so Laback. Außerdem herrsche immer noch mangelndes Bewusstsein für das Thema und das ist somit das größte Hemmnis für ein lärmbefreites Österreich, so der Schallforscher: Ruhe ist ein Grundrecht.

Verkehrs- und Nachbarschaftslärm

Dass Lärm immer schon ein Thema war, bekräftigt auch  Wolfgang Khutter (Technischer Oberamtsrat, Stv. Leiter der MA22 Umweltschutz). Selbst Juvenal (60-140 n. Chr.) beschwerte sich über den Straßenlärm, der ihn vom Schlaf abhielt. Der stellvertretende Leiter der Abteilung für Umweltschutz betonte, dass die Störung von Verkehrslärm im Verhältnis zum Gesamtlärm sogar gesunken, jedoch im Wohnbereich durch Baustellen und Nachbarschaftslärm gestiegen wäre. Er führte die wahrgenommene Steigerung des Straßenlärms eher auf eine einschlägige Berichterstattung zurück. Mögliche Maßnahmen zur Lärmvermeidung sieht Khutter in Tempo 30 Zonen, dem Zurückgewinnen von Straßenraum, lärmarmen Straßenbelägen und dem Etablieren ruhiger Bereiche.

Eine Grafik der Stadt Wien zeigt: Eine Stadt ist nicht nur laut. In vielen Bereichen befindet man sich mit weniger als 40 dB in der Nacht sogar weit unter dem Grenzwert. Den Grund dafür sieht Khutter auch in der intelligenten Bauplanung Wiens mit seiner Vielzahl geschlossener Innenhöfe. Eine Errungenschaft, die heute viel zu oft vernachlässigt werden würde. Eine Befragung zeigt außerdem, dass Menschen der Meinung sind, dass der Donaukanal besonders ruhig ist, was laut Messungen definitiv nicht der Fall ist. Das Gefühl der Ruhe hat somit etwas mit dem subjektivem Empfinden zu tun und nicht nur mit Messwerten.

Fazit 

In der wie gewohnt engagierten Diskussion mit dem Publikum wurden die größten Hemmnisse für ein lärmbefreites Österreich von allen Gästen noch einmal auf den Punkt gebracht. 

Das Podium war sich einig, dass dem Thema Lärm in Österreich allgemein zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird und, dass hierzulande die Raumplanung hinterherhinke. Lärm ist immer noch der erste Grund, warum Menschen in krankheitsbedingte Frühpension gehen, ermahnte Laback zum Schluss noch einmal.  Einig war man sich auch, dass Lärm ein subjektives Empfinden darstellt. Kirisits ergänzte aber, dass eine demokratische und faire Lärmplanung dennoch wichtig sei, schließlich soll Ruhe kein Luxusgut werden. Einen Zwischenapplaus gab es kurz vor Ende auch noch für Khutter als dieser feststellte, dass Kindergeräusche keinen Lärm darstellen würden - ein klares Credo der Stadt Wien - dass es aber wirklich blöde Planung gebe.

Zum Schluss fasste Moderatorin Drlik noch einmal zusammen: Mehr Bewusstsein und eine zukunftsorientierte Raumplanung sollten klare Ziele sein und zeigte sich optimistisch, dass auf diesem Gebiet noch viel passieren wird.

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