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Leben lernen

27.01.2014

Eine sonderpädagogische Anstalt ist eine knifflige Bauaufgabe. Eigentlich sollte es solche Schulen gar nicht mehr geben, denn allerorts wird deren pädagogischer Nutzen angezweifelt, aber es braucht sie offenkundig doch.

von Gretl Köfler

Die Kehrseite des medizinischen Fortschritts ist eine kontinuierliche Zunahme schwerstbehinderter Kinder. Bei etwa 70 von ihnen im Alter von sechs und 18 Jahren (davon 15 Prozent im Rollstuhl) entsprach die bisherige Unterbringung nicht mehr den pädagogischen Anforderungen, zumal das alte Schulhaus nicht barrierefrei war. Angedacht war eine zukunftsgerichtete „inklusive" Schule an einem hochqualitativen Schulstandort, wo für jedes Kind ein individueller Förderplan mit Einzelbetreuung, freiem Lernen und Spielen umsetzbar sein sollte.

 

Im Umbruch

Der zentrumsnahe Bauplatz am Innufer gegenüber der Universität mit guten Verkehrsanbindungen wäre auch für andere Nutzungen höchst attraktiv gewesen, doch die Stadtgemeinde widmete ihn den Kindern mit besonderem Förderungsbedarf. Die Nachbarschaft zur denkmalgeschützten Höttinger Hauptschule (heute Neue Mittelschule NMS) von Franz Baumann und Theodor Prachensky aus den Jahren 1930/31 bietet gemeinsame Entwicklungsmöglichkeiten. Die pädagogischen Konzepte befinden sich im Umbruch, eine flexible Raumeinteilung ist das Gebot der Stunde.

Beim 2011 EU-weit ausgeschriebenen zweistufigen Wettbewerb der Innsbrucker Immobiliengesellschaft (IIG) wurden in der ersten Runde 92 Projekte eingereicht. Sechs davon kamen in die zweite Runde, darunter vier Tiroler. Gewonnen hat Helmut Reitter, dessen Entwurf die Jury unter Vorsitz von Feria Gharakhanzadeh „Flexibilität und vielfältige Nutzung" sowie eine „große Vielfalt an Freibereichen" bescheinigte.

Den verpflichtenden gemeinsamen Unterricht von Behinderten und Nichtbehinderten wird es so schnell nicht geben, denn darüber ist in Tirol der gesellschaftspolitische Diskurs noch im Gang. Für das Projekt hat Helmut Reitter dessen Ergebnis aber bereits vorweggenommen und eine gemeinschaftliche Ganztagsschule geplant, was es ja einmal werden soll. Helmut Reitter bekennt sich zum niederländischen Nachkriegsarchitekten Hermann Herzberger als Vorbild und Held seiner Vergangenheit, dessen Räume mit flexiblen Nutzungen sich die Kinder selbst aneignen. Zur benachbarten Schule – durch einen schnörkellosen Zubau aus Sichtbeton von Schlögl & Süß mit Fluchtwegen aufgerüstet – gibt es vielfältige Verbindungen. Ein Weg aus Sichtbeton zieht eine elegante Kurve am Rande eines Biotops, und vom Wetter unbeschadet gelangt man über einen Verbindungsweg im Untergeschoß zum neuen sowie zum alten Turnsaal, die gemeinsam benützt werden können.

 

Flexible Raumnutzung, hohe ­Nutzungsdichte

Eigentlich wäre der gesamte Bau besser ebenerdig ausgelegt, weiß auch der Architekt – und einige Wettbewerbsteilnehmer haben dem entsprochen. Die verlangte Nutzungsdichte macht aber eine ebenerdige Ausbreitung für 13 Klassen schwierig, ohne zu viel vom verlangten Grünraum abzuzwacken. Der dient unterschiedlichen Zwecken: Da ist einmal das von Schülern der NMS angelegte Biotop, dazu kommt der neue Therapiegarten mit Sitzstufen vor der Hintertür und der schon länger existierende Sportplatz, der in seiner gesamten Größe um 90 Grad gedreht wurde. Der Bezug zur Innpromenade blieb gewahrt; Nutzungskonflikte mit den Anrainern sollen tunlichst vermieden werden. Mit der benachbarten Blockrandbebauung, dem Studentenheim von Hannes Wiesflecker und der Kirche von Horst Parson entsteht im Westen eine nützliche urbane Verdichtung.

 

Umweltbewusst und nachhaltig

Die Schule, errichtet über einem die Platzvorgaben nützenden, spitzwinkligen Grundriss, ist ein zweistöckiges Passivhaus. Das Stahlbetonskelett wird luftdicht von einer umweltfreundlichen Dämmung umhüllt und ist weiß verputzt. Die Drei-Scheiben-Verglasung mit kontrollierter Lüftung für jedes Klassenzimmer hilft bei der Wärmerückgewinnung über eine Grundwasserpumpe, wobei weniger Heizung als vielmehr Kühlung gefragt ist. Der Bauherr IIG wollte eine ÖGNI-(Österreichische Gesellschaft für nachhaltige Immobilienbewirtschaftung)-Zertifizierung für Nachhaltigkeit in der Planung, Ausführung und Nutzung des Gebäudes. Dabei gab es vieles zu beachten, wobei die Zertifizierung den Prozess begleitete und Vorschläge bezüglich umweltbewusster Materialien, Haustechnik u. v. m. gemacht wurden. Es wird die erste Schule sein, die diesen Kriterien genügt, und die IIG wünscht sich für alle weiteren Innsbrucker Schulbauten dieselbe Qualifikation.

 

Viel Luft, viel Licht, viel Raum

Der nach Westen ausgerichtete Eingangsbereich gleicht einer großzügigen Hotellobby mit freiem Blick durchs Haus auf den Schulgarten und die abgesenkte Turnhalle, die auch als Aula zur Verfügung steht. Der Eingang ist überdacht und barrierefrei, da 95 Prozent der Kinder zur Schule begleitet werden. Viel Luft, viel Licht, viel Raum sind die dominierenden Eindrücke. Zum Inn hin bietet der Lehrerbereich hochwertige Arbeitsplätze mit Panoramablick durch breite Glasfronten. Zwei Atrien bringen Tageslicht bis ins Erdgeschoß, zwei Lifte helfen bei der Erschließung. Die LED-Beleuchtung wurde eigens vom Lichtplaner Christian Ragg in Zusammenarbeit mit Zumtobel entwickelt. Der abgesenkte Keller neben der Tiefgarage wird vielfältig genutzt. Tageslicht erhellt Werkstätten, Therapieräume und das von der Bürgermeisterin erbetene Jugendzentrum als eigene Einheit mit Bar, Küche, WC-Anlage. Ein kleiner Vorplatz zum Chillen ist auch von außen über Stiegen zugänglich.

Breite Glasfronten ziehen sich über alle Geschoße bis zum begrünten Dach. Vorgelagert sind diesen holzbelegte Terrassen mit Außenstiegen, die zugleich als Fluchtwege in den Hof oder auf die Straße ausgebildet wurden. Sie ersetzen die üblichen Brandschutzeinrichtungen. Breite Treppen führen gleich einer Promenade durch das Haus. Wie es einer Ganztagsschule geziemt, gibt es Küche und Speisesaal und viel Platz für freies Lernen, auch auf den abgesenkten Sitzstufen. Um eine „leise Schule" zu schaffen, sind überall Holzböden verlegt und Akustikdecken abgehängt. Jeder Klassenraum hat Terrassenzugang und ist vom Gang her einsehbar, da die Holztüren von Glas gerahmt sind. Die Türen lassen sich um 180 Grad zum Gang hin öffnen, was den Freiraum erweitert.

Undurchsichtig sind die Zugänge für die sogenannten basalen Klassen. Übungsküche, Waschküche, WC mit Hydraulik für schwergewichtige Jugendliche und Wickeltisch, ein Beruhigungsraum. Räume für Physio- und Ergotherapie schaffen die Grundlagen, um Kindern alltägliche Fertigkeiten zu vermitteln, sie einfach leben zu lehren.

Eine zukunftstaugliche Schule braucht auch adäquate Kunst am Bau. Nikolaus Schletterer wird an der straßenseitigen sowie an der hofseitigen Außenwand überdimensionale QR-Codes aufbringen, deren verschlüsselte Botschaft „ja" bzw. „nein" – als Basisteilchen sprachlicher Verständigung – mit einfachen Smartphone-Applikationen gelesen werden kann.

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