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lichtblau.wagner architekten: Zwischen den Zeilen

24.01.2011

lichtblau.wagner architekten halten die Praxis des kritischen Denkens und die gesellschaftlichen Ansprüche an Architektur hoch. Diese Konsequenz fällt auf: Schon zum zweiten Mal wurden sie für den Mies-van-der-Rohe-Preis nominiert.

Elke Krasny im Gespräch mit Andreas Lichtblau und Susanne Wagner

lichtblau.wagner architekten: "Es geht uns in der Architektur um Präzision und Ökonomie, also um die harten, rationalen Aspekte, letztlich aber ebenso um die sinnlichen Qualitäten eines Gebäudes."

lichtblau.wagner architekten arbeitet als Team. Wie kann man sich den Arbeitsprozess zwischen Lichtblau und Wagner vorstellen?
Lichtblau: Wir nähern uns einem Projekt zunächst sprachlich. Wir diskutieren das Thema, den Ort, die handelnden Personen. Wir sprechen auch darüber, ob eine Themenbeschreibung oder Ausschreibung präzise ist. Es scheint uns wesentlich, Fragen zu stellen. Wenn uns sprachlich etwas klar geworden ist, dann kann man es aufzeichnen. Wichtig ist, was zwischen den Zeilen entsteht.
Wagner: Wir zeichnen zunächst nichts. Wir dirigieren eher, wie es in Skizzen und Pläne übersetzt wird.

Gibt es in Ihrer gemeinsamen Büropraxis auch arbeitsteilige Verfahren, unterschiedliche Zuständigkeitsbereiche?
Wagner:
Die sprachliche Entwicklung der Projekte kann nur gemeinsam erfolgen, in Diskussion der einzelnen Sichtachsen auf die Fragestellungen. Aber später gibt es eine dezidierte und sehr routiniert eingespielte Arbeitsteilung: Andreas Lichtblau betreut die Details, die Baustellen und die ausführenden Firmen, ich übernehme den baurechtlichen Part, die Behörden, und den baulichen Brandschutz.

Andrija Rusa von der kroatischen Architekturzeitschrift „oris“ hatte Sie beide eingeladen, sich an der Ausstellung „Ideen in Umrissen“, die rund 300 verschiedene Originalzeichnungen präsentierte, zu beteiligen. Das kroatische Wort „oris“ bedeutet ja Skizze. Wie haben Sie mit Ihrer Betonung des Gesprochenen, des Nichtzeichnens, auf diese Einladung reagiert?
Lichtblau:
Wir haben einen Text geschrieben, den wir wie ein Bild in einem goldenen Barockrahmen präsentiert haben. Der Text beschreibt, dass für uns Skizzen ein rein sprachliches Element der Kommunikation im Büro sind. Sie haben für uns keinen künstlerischen Wert, keinen kunsthistorischen, sondern einen erzählerischen.
Wagner: Unsere Skizzen sind kurze Gedankensplitter, die wir notieren, aber es sind sicher nicht die auratisierten ersten Skizzen, auf die wir uns später formal beziehen. Sie dienen nicht der Formfindung, sondern einer kontinuierlichen Analyse unserer Arbeit, und das kultivieren wir bis zum Ende eines Projektes.

Bei der von „oris“ initiierten Ausstellung gab es den Text in einem goldenen Rahmen. Nun waren Sie wieder zu einer Ausstellungsbeteiligung eingeladen, im Grazer Kunstverein im Palais Trauttmansdorff. Kuratorin Charlotte Pöchhacker programmierte unter dem Titel „Longing for … ” Begegnungen zwischen Architektur, Klang, Choreografie, Tanz, Entwurf und Partitur. In diesem Zusammenhang haben Sie sich beide mit der Notation beschäftigt.
Lichtblau:
Anhand der Krankenpflegeschule des Kaiser-Franz-Josef-Spitals, die letzten September eröffnet wurde, haben wir jene Diskussion thematisiert, die während der Entstehung eines Bauwerkes stattfindet. Wir inszenierten das als szenische Lesung oder als Musikstück für fünf Stimmen: Aus der Projektkorrespondenz einiger wesentlicher Projektbeteiligten wie Statiker, Bauphysiker, Brandschutzkonsulent, Fassadenplaner, die jeder eine deutlich eigene Sprachlichkeit und eigene Sprachmelodie haben, wählten wir Textpassagen aus, die von Schauspielern im Dialog mit uns vorgetragen wurden. Manches, das im Geschriebenen verständlich war, war als Gelesenes dann unverständlich. In Analogie zum Bauen selbst haben wir für diese szenische Lesung in Graz mit den Schauspielern und einem Dramaturgen eine spezifische Choreografie entwickelt.*
Dieses Zusammenspielen der verschiedenen Instrumente, der verschiedenen Sprachlichkeiten, sehen wir als Analogie zu den Wirklichkeiten des Bauens. Man kann unsere Inszenierung auch als poetische Rache an den Widrigkeiten der Bauproduktion lesen.*

In der Beschreibung Ihrer Arbeit tauchen immer wieder Bezüge zur Musik auf, Notation, Komposition, räumliche Klangqualitäten, die Frage, wie der Raum klingt.
Lichtblau:
Jeder Raum ist durch den Klang, der ihm innewohnt, erklärbar. Es geht nicht nur um Oberflächen, um bildhaft Darstellbares. Wir spüren bei unseren Projekten diese klanglichen und akustischen Qualitäten sehr früh in den Themenstellungen auf und bauen sie Schritt für Schritt in die Projekte ein. Das funktioniert weniger mit Berechnungsmodellen als mit Annäherungen und Erfahrungen. Das ist tatsächlich ein „Auf-Spüren“, ein kontinuierliches diesen ephemeren Qualitäten Auf-der-Spur-Bleiben.
Wagner: Wir sensibilisieren die Benutzer unserer Räume und Gebäude für diese Dinge, für den Lauf des Tageslichts, für Gerüche von Materialien, für Klänge von Materialien oder Klänge eines Raumes. Der Klang der Benutzung.
Es sind weniger die direkten Bezüge zur Musik, die uns interessieren, sondern eine verfeinerte Wahrnehmbarkeit, bei der wir oder eher unsere Räume, eine didaktische Rolle spielen.
In der Krankenpflegeschule etwa kann man den Raum in seiner Benützung hören, über mehrere Geschoße hinweg. Es ist ein einziges zusammenhängendes, offenes Raumvolumen. Die Direktorin hat uns erzählt, dass ihre Schüler nun früher kommen, sie gehen auch nicht gleich nach dem Unterricht nach Hause, sie halten sich gerne dort auf. Bei mir ist es auch so, dass ich nach einem Konzert länger sitzen bleibe, ich lasse es noch nachklingen.
Lichtblau: Ich erinnere an einen Satz von Rainer Werner Fassbinder, in dem er unter dem Titel der „Anarchie der Fantasie“ feststellte: „Mit dem, was man macht, versucht man, sein Publikum zu sensibilisieren für Leben, für die Umwelt. Das ist ein Sensibilisierungsprozess, den man mit sich selbst vorgenommen hat und den man übertragen muss auf sein Publikum, … und wenn Kunst, oder wie immer man das nennen will, die Möglichkeit wahrnimmt, eine Diskussion bei den Menschen anzureißen, dann hat sie das Maximale erreicht, glaube ich.“

Sie haben in der Diehlgasse im fünften Bezirk, einer Gegend, die nicht auf den ersten Blick charmant wirkt, in einem ehemaligen Gewerbebau die neuen Räume des Klangforum Wien geschaffen.
Ja, und es war ein großes Vergnügen, in Zusammenarbeit mit dem wahrscheinlich weltbesten Solistenensemble für zeitgenössische Musik dieses Gebäude zu adaptieren. Und es werden in diesem Proberaum auch immer wieder wunderbare Konzerte gespielt.

Sie haben sich im fünften Bezirk Ihre eigene Umgebung geschaffen, haben konkrete Veränderungen erzeugt und so nicht nur das persönliche Lebensumfeld gestaltet, sondern auch andere Wohnmöglichkeiten. Was war die Motivation dafür?
Lichtblau:
Das waren konzeptive Fragestellungen. Wir haben uns für den fünften Bezirk entschieden zu einer Zeit, als die Gegend noch schlechtgeredet worden war: Wir sind begeisterte Urbanisten, wir sind hier in einem der dichtesten Bezirke Wiens verkehrstechnisch ideal positioniert. Wir bekamen den Auftrag, ein Gründerzeithaus zu adaptieren, und konnten dort vieles realisieren, was uns seit langem wichtig war. Es geht um Themen, die wir in kleinen Schritten auch im geförderten Wohnbau durchsetzen wollen: wachsende und schrumpfende Wohnungen in Bezug zum Lebenszyklus von Familien – wir nennen das pulsierende Wohnungen –, ein temporäres Zuschalten einzelner Zimmer, je nach funktionellem Bedarf. Wir haben Sollbruchstellen in den tragenden Wänden als Türauslassungen definiert und hergestellt, so kann man die Wohnungen rasch und sehr kostengünstig verändern.
Wagner: Wir betreuen in diesem Haus, in dem auch wir wohnen und arbeiten, diese Veränderungen der Wohnungen bautechnisch und mietrechtlich und sind mit unserem Büro die Ansprechpersonen für die Mieter. Wir haben Büro und Wohnung im gleichen Haus, weil wir wollen, dass unsere Kinder auch mit unserer Arbeit aufwachsen. Das sollte ein selbstverständlicher Bestandteil sein, ohne örtliche oder thematische Entfremdung. Und es ist eine sehr zeitökonomische Situation ohne Abhängigkeit von Verkehrsmitteln.

Ein anderes Spezifikum, das neben präziser Analyse und sozialer Verantwortung die Arbeiten von lichtblau.wagner auszeichnet, ist energiebewusstes Planen. Seit wann ist das bei Ihnen Thema?
Lichtblau:
Es geht uns in der Architektur um Präzision und Ökonomie, also um die harten, rationalen Aspekte, letztlich aber ebenso um die sinnlichen Qualitäten eines Gebäudes.
In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns seit Beginn unserer gemeinsamen Arbeit. Mit unseren ersten Projekten und Studien legten wir auch unsere inhaltlichen Schwerpunkte fest und konzentrierten uns auf energieeffizientes, umweltschonendes Bauen und raumökonomische Innovationen, die wir kontinuierlich und konsequent immer weiterentwickeln. So hatten wir bereits 1996, weit vor dem gegenwärtigen Trend, den Einsatz von Lüftungssystemen mit Heiz- und Kühlwirkung und die Versorgung mit konditionierter Frischluft in einem Niedrigenergie-Bürogebäude in der Steiermark in Anwendung. Auch in der Gesundheits- und Krankenpflegeschule haben wir eine energetisch optimierte Haustechnik mit Wärmerückgewinnung für CO2-entlastete Luft in den Klassenräumen.

Das Wohlbefinden als unmittelbarer Nutzen, als unbestreitbarer Mehrwert ist in diesem Gespräch immer wieder gefallen. Kann Architektur die Welt verbessern?
Lichtblau:
Weltverbesserer, nein. Aber wir können mit dem von uns aufgespürten „kollektiven Wissen“ Architektur verbessern. Sie muss nicht brennen.
Wagner: Diese Qualitäten lassen sich monetär nicht bewerten. Uns, im Planungsaufwand, in der Strategie, kostet es mehr, aber im Baubudget dürfen keine Zusatzkosten entstehen. Tut es in Wirklichkeit auch nicht.

 

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