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Londons Twist

02.10.2012

Die Geschichte vor und nach den London Olympics und Paralympics 2012 erzählt uns von einem politischen wie wirtschaftlichen Vermarktungsversuch und der Auffassung einer neoliberalen Stadtpolitik von sozialer Nachhaltigkeit.

von Betül Bretschneider

London, die Patchwork-Stadt, die aus zusammengewachsenen Dörfern und Landgütern – Estates of Dukes – besteht, hat in der Vergangenheit zahlreiche Wahrzeichen und Architektur-Ikonen errichtet. Sie ist als Ort touristischer Spektakel reichlich gesättigt. Um sich von anderen Städten, die Olympische Spiele beherbergten, abzuheben, nahm sich London im Rahmen der Olympics und Paralympics 2012 vordergründig vielversprechende soziale und ökologische Ziele vor, die sich aber mit der Zeit zu „moving targets“ entwickelt haben. Unter dem Motto „every one’s 2012“ oder „sustainable legacy“ sollten Leistbarkeit sowie gute Erschließung geschaffen und neue Wohnungen errichtet werden.

Im Vorfeld der Olympische Spiele kam das an das Olympia-Gelände angrenzende Viertel Stratford in Borough Newham, ein Bezirk im Osten von London, durch Gentrifizierungsvorwürfe der ansässigen Bevölkerung und im Zusammenhang mit dem Abriss der sozialen Wohnbaublöcke sowie der Verdrängung der Bewohner in die Medien. Später wurde die Überraschung der Bewohner angesichts der bewaffneten Sicherheitskräfte im Viertel zum Thema der Berichterstattung.

Auffällig sind die jüngsten Änderungen im Nachbarviertel Hackney; Künstler und junge Wohlhabende ziehen zunehmend in das Viertel. Unweit von mit Waren aus Ghana oder Nigeria bestückten Geschäften und Marktständen in Hackney erstreckt sich eine Reihe gentrifizierter Restaurants und Biomärkte für die neuen Bewohner, insbesondere in der Gegend von London Fields und Broadway Market.

Öko-Design: Reversibles Bauen
Tatsächlich bekam der Olympia-Standort Stratford, ein Ost-Londoner Viertel und eines der ärmsten Stadtgebiete in England, im Zusammenhang mit dem Olympiapark nicht nur einen glänzenden Bahnhof als Knotenpunkt mehrerer Bahnlinien, sondern auch das europaweit größte Shoppingcenter, eröffnet 2011 mit 175.000 Quadratmetern und 268 Läden sowie 86 Gastronomiebetrieben. Der Einfluss des vom australischen Westfield-Konzern errichteten Shoppingcenters war auf die in unmittelbarer Umgebung bestehenden Geschäfte im Stratford Centre, wie zu erwarten, nicht positiv.

Der öffentliche Platz, der das alte Zentrum von Stratford und das neue Shoppingcenter verbindet, wurde durch „Stratford Shoal“ (Fischschwarm), eine vom ­Studio Egret West entworfene Skulptur aus Titan, die wie eine Ansammlung von überdimensionalen pastellfarbenen Bonbons aussieht, gekrönt.
Das Konzept des Olympiaparks war von Anfang an stark auf Nachnutzung ausgerichtet. Viele Sportanlagen sind so konstruiert, dass sie problemlos zurückgebaut und nach Olympia für die Öffentlichkeit und Schulen genutzt werden können. So kann auch das für 80.000 Zuschauer ausgelegte, vom Büro Populous Architekten geplante Olympiastadion auf eine Kapazität von 20.000 Besucher verkleinert werden. Auf dem elliptischen Betonring, der die in den lehmigen, entkontaminierten Boden eingelassene Leichathletikanlage umfasst, sitzt eine komplett reversible Leicht-Stahl-Beton-Konstruktion, die abbaubar und transportierbar ist.

Beim Bauprozess des Olympiaparks waren 20 österreichische Unternehmen beteiligt, die diverse Aufträge erhielten, von der Transportinfrastruktur bis zum Sicherheitszaun rund um den Olympiapark. Unter anderem hat die Firma Seele das Dach des Olympiastadions aus PVC-beschichtetem PES-Gewebe geliefert und montiert.

Kritische Stimmen fanden in Erwartung von spektakulärer „Starchitektur“ nicht viel zu berichten, außer über Zaha Hadids Aquatics Centre mit einer markanten Dachform. „Time“-Architekturkritiker Tom Dyckhoff ging so weit und deutete die Bescheidenheit des Olympiastadions 2012 im Vergleich zum Olympiastadion 2008 in Beijing, dem sogenannten Vogelnest von Herzog & de Meuron, als Indikator des Niedergangs des Westens und Aufstiegs des Ostens. Dass die medial interessanten Bauwerke der vergangenen Jahre immer wieder aus dem Osten kamen, ist ja schon länger auffällig. Trotzdem wurde Londons neues Stadion bereits für den Riba Stirling Prize 2012 nominiert.

Eine Wahrzeichenfunktion übernahm die überraschende Installation „Orbit“ des Künstlers Anish Kapoor und der Ingenieurin Cecil Balmond. Die 112 Meter hohe Metallskulptur wurde vom Stahlunternehmen Arcelor-Mittal-Gruppe gesponsert. Nach den Spielen soll sie samt Aussichtsplattform und Restaurants verpachtet werden. „Verbogene Spaghetti“ ist einer jener Namen, die ihm die Londoner ironisch verliehen haben.

Der grünste Olympiapark?
Das gesamte Basketballstadion ist in Leichtbauweise konzipiert, damit es nachträglich abgebaut und weiterverwendet bzw. vermietet werden kann. Die Olympic Delivery Authority (ODA), die Organisationseinheit für Entwicklung, Bauen und Nachnutzung des Olympiaparks, berichtet, dass mit wenigen neuen Materialien und dafür mehr mit recyceltem Granit, Beton und anderen rückgewonnenen Materialien gebaut wurde. Ziel war 90 Prozent Recycling-Baumaterialien einzusetzen.

Zehn Prozent des Energiebedarfs (nicht 20 Prozent, wie ursprünglich geplant) des Olympiaparks sollen durch anlageneigene erneuerbare Energiequellen gedeckt werden. Laut ODA erreichte der Olympiapark einen der höchsten Energiestandards für Green Buildings in England. Kleine Windtribünen, Fotovoltaik- oder Biomasseanlagen gehören dazu. Anschließend wurde jedoch Kritik von grünen NGOs laut: wegen des Verfehlens der ursprünglichen Ziele der geplanten Reduktion des Energiebedarfs des Olympiaparks („Guardian“ 31. 7. 2012).

Wohnungsnot und sozialer Wohnbau
Der Wohnungsnot insbesondere in den zentralen Gebieten der 18-Millionen-Metropole (Greater London) hält unvermindert an. Am Londoner Wohnungsmarkt werden bekanntlich die Wohnungen mit Angabe der Wochenmieten anstatt Monatsmieten inseriert. Die Mietpreise für eine Woche entsprechen fast jenen für einen Monat in Wien. Bereits seit längerem können sich öffentlich Bedienstete wie Polizisten oder Lehrer die Mietpreise in Zentral-London nicht mehr leisten.

Die Nachnutzung des Olympiaparks war anfänglich auch auf soziale Nachhaltigkeit ausgerichtet. Der ursprüngliche Plan war, leistbare Wohnungen zu bauen. Die Hälfte der 2.818 Wohnungen, die für die teilnehmenden Sportler errichtet worden sind, sollte nach den Spielen als leistbarer Wohnraum zur Vermietung gelangen. Aber nachträglich wurde die Leistbarkeit von der Regierung neu definiert („TAZ.de“ 27. 7. 2012). Die Zeitungen berichteten dann während der Spiele, dass eine leistbare Wohnung 80 Prozent des Marktpreises kosten darf. Angesichts des Mietpreisspiegels kann davon ausgegangen werden, dass der Olympiapark künftig fast dem nahegelegenen Entwicklungsgebiet der Thatcher Ära, Canary Wharf, ähneln wird, der reich, streng, steril und „sicher“ blieb.

Demolish, dig, design
Mit dem Motto „Demolish, dig, design“ wurden Meilensteine definiert („www.london2012.com“). So wurde die kontaminierte Erde eines ehemaligen Industriegeländes auf dem Olympiapark abgetragen. Daneben wurden die 1968 erbauten, wenig gepflegten, 22-geschoßigen Gemeindebauten (council housing) der angrenzenden Carpenter Estate vom Major des Bezirks Newham zum Abriss und zur Neuentwicklung freigegeben. Die Bewohner der Sozialwohnungen mussten ihre heruntergekommenen Wohnungen verlassen. Ihre neuen Mietverträge im Osten Londons waren nicht mehr so preiswert wie zuvor („Le Monde diplomatique“/„WOZ“ 12. 7. 2012 ).

Die Wartelisten für Sozialwohnungen sollen unendlich lang sein. Allein im Bezirk Newham, der als Migrationstor zur Stadt eine stark wachsende Bevölkerungszahl aufweist, soll es Zeitungen zufolge rund 30.000 Anmeldungen auf der Warte­liste für Sozialwohnungen geben.

London hat zwar eine lange Tradition des sozialen Wohnungsbaus. Tatsache ist aber, dass der Anteil der Gemeindewohnungen der Stadt London zwischen 1991 und 2005 von 703.000 Wohnungen auf 468.000 um ein Drittel reduziert wurde. Dafür ist der Anteil der Wohnungen von Wohnungsgesellschaften in diesem Zeitraum mit etwa auf 300.000 Wohnungen auf das Zweifache gestiegen (Imrie, Lees, Raco; Regenerating London, Routledge 2009). Sechs Masterpläne sind seit 2006 im Tandem mit den Olympic und Paralympic Villages entwickelt worden, die insgesamt 80 Millionen Pfund (zirka 97 Mio. Euro) gekostet haben („Architectural Design“ 215/2012).

Die Masterpläne sehen bis zu 11.000 neue Wohnungen auf dem Gebiet vor. Es ist vorauszusehen, dass die neuen Wohnungen für die Bewohner von Stratford bzw. East-London kaum leistbar sein werden. Insgesamt stiegen im Sommer 2012 in der Zeit der Olympischen Spiele die Mietpreise insbesondere in benachbarten Gebieten des Olympia-Geländes stark an. Londons Mietpreisindex belegt die ohnehin wahrnehmbare Erhitzung des Wohnungsmarkts folgenderweise: Im Juli 2012 betrug der Mietendurchschnitt 1.385 Pfund und stieg im August 2012 auf 2.405 Pfund. Im September 2012 sank der Mietendurchschnitt wieder auf 1.450 Pfund.

Als Komplettinvestor reichte LandProp, eine Tochtergesellschaft von Inter-Ikea, einen selbstentwickelten Bebauungsplan für eine Fläche von rund zehn Hektar in der Nähe des Olympia-Geländes ein. Der bereits bewilligte Plan umfasst ein Hotel und 1.200 Wohnungen sowie kleine Geschäfte („Immobilien Zeitung“ 10. 8. 2012).

Was die Zukunft bringt
Zum Schluss bleibt die Frage offen, was mit den Außenanlagen des Olympiaparks wirklich geschehen wird, die voraussichtlich bis 2013 oder 2014 für die Bevölkerung aus dem angrenzenden Armenviertel Stratford geöffnet werden sollte? Inzwischen, berichtete die „TAZ“ im Juli 2012, wurde das olympische Dorf bereits an ein Konsortium unter Führung der Königsfamilie von Katar verkauft. Derzeit kriselt die Wirtschaft auch in England. Die Ausgaben aus dem Staatsbudget sollen wieder zurückfließen. Wie wird die Leistbarkeit der Wohnungen dann abgesichert?

Und es lässt sich noch fragen, warum sich Metropolen wie London oder Paris für die Olympischen Spiele bewerben, obwohl sie Pilgerstädte des Tourismus sind. Es mag sein, dass die Regeneration von Brownfields und vernachlässigten Stadtvierteln nachhaltig der Öffentlichkeit zugutekommen könnte, aber die Entwicklung in London zeigt, dass sich die anfänglichen Ziele nicht lange halten lassen. Der Bezirk Newham hat schon in den Achtzigerjahren einen Gentrifizierungsprozess durchgemacht. Der Bau des London City Airport und dessen Verbindung zur Stadt über den Bezirk sowie das ExCel-Exhibition Centre London hat im südlichen Teil des Bezirkes einiges geändert. ExCel wurde 2008 von der Abu Dhabi National Exhibitions Company gekauft.
Wer mehr über die Geschichte der Londoner Olympischen Spiele erfahren möchte, kann noch Iain Sinclairs erfolgreiches Buch „Ghost Milk – Calling time on the Grand Project“ lesen, in dem er beschreibt, was in den angrenzenden Vierteln Hackney und Stratfort verlorenging: Gemeinschaftsgärten, Theater und Wohnungen. Er behandelt ironisch nicht nur „cultural standardization and soul-sucking consumerism“ und „the top-down development and real estate speculation“, sondern auch die umweltbelastenden Konsequenzen der großen Bautätigkeit auf dem Gelände.

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